Ein Dienstag in Paris – Teil III/III

Alberts Taxi befindet sich nun am Rand einer mehrspurigen Straße, die kreisförmig den Mittelpunkt des Platzes einrahmt. Die Architektur ähnelt der des bekannteren Place Charle-de-Gaulle, nur das dort die Straße wesentlich breiter ist. Alberts Blick wandert in schneller Abfolge von rechts nach links. Erstaunt bemerkt er, dass die ihm zugewandte Seite des Platzes fast vollständig von Taxis umgeben ist, wenn auch mit recht großem Abstand zwischen den einzelnen Wagen. „Da hat mir Louise ja was eingebrockt“, ärgert sich Albert bei dem Gedanken daran, hier einen Parkplatz finden zu müssen. Ohne diese lästige Aufgabe hätte ihn das Wissen um die Anwesenheit so vieler Kollegen vielleicht sogar gefreut. Nachdem ihm ein Blick über die Schulter die vermeintliche Aussichtslosigkeit seiner Lage verdeutlicht hat, zeichnet sich beim Umdrehen plötzlich ein überraschter Ausdruck auf seinem Gesicht ab. Schnellen Schrittes läuft eine kräftig aussehende Frau in gelber Warnjacke, auf der rechten Brust das vertraute CGT-Logo, vor sein Auto. Konzentriert erteilt sie ihm Anweisungen. Soweit Albert die Zeichen richtig gedeutet hat, soll er zunächst nach rechts fahren und sich später in die erste Reihe von links einordnen. Mit einer flüchtigen Bewegung reicht sie dem vorbeifahrenden Albert schließlich noch einen Aufkleber der Gewerkschaft durch das geöffnete Fahrerfenster, den dieser schnell in seiner Hemdtasche verstaut. Wenig später steht sein Taxi auf dem für ihn vorgesehen Platz, dem letzten, bevor eine Reihe von Infoständen das Parken unmöglich macht.
Nachdem Albert die Fahrertür geöffnet und bereits das erste Bein auf die Straße gestellt hat, hält er abrupt inne. Sein Blick verharrt auf einem kleinen, an der Sonnenblende angehefteten Foto. Es zeigt vier lächelnde Menschen, zwei große und zwei kleine, vor einer himmelblauen Leinwand. Albert sinkt in den Fahrersitz zurück, die Augen inzwischen woanders hingewandt, doch genauso starr wie vorher. Tiefe Falten bilden sich auf seiner schwach glänzenden Stirn. Minuten verstreichen, in denen nur die unregelmäßige Bewegung seiner Lider die mechanische Stille durchbricht. Dann, wie aus weiter Ferne kommend, kehren plötzlich die Klänge der Demonstration langsam in Alberts Bewusstsein zurück. Ruckartig hebt er seinen Kopf. Die Falten auf seiner Stirn lösen sich auf und die Augen werden wieder klar. Als Albert sie erneut auf das kleine Foto richtet, ist der Schleier der Nachdenklichkeit von ihnen verschwunden. Entschlossen klappt er nun die Sonnenblende zu und steigt mit einer schnellen Bewegung aus dem Taxi.
Kaum im Freien, verspürt Albert eine unerwartet drückende Hitze auf seiner Haut. Es waren inzwischen nur noch wenige Wolken am Himmel und er hatte das Gefühl, als würde das wilde Treiben um ihn herum die Wärme der Sonnenstrahlen noch verstärken. Erste Schweißperlen rinnen ihm die Stirn hinunter. Mit ruhiger Hand öffnet Albert die Knöpfe seines weißen Hemdes, auf dessen Rückseite der Name seiner Firma prangt. Bevor er es auf den Rücksitz des Autos schmeißt, nimmt er noch schnell den Inhalt der Brusttasche heraus, eine Zigarettenpackung und den Gewerkschaftsaufkleber. Einige Sekunden lang betrachtet Albert das rote Stück Papier, auf dem oben in Gelb „CGT“ und darunter etwas kleiner „Taxi Parisien“ steht, in seiner Hand. Mit einer ruckartigen Bewegung, so als ärgere es ihn fast, gezögert zu haben, trennt Albert schließlich den klebenden Teil vom Papier und drückt ihn beherzt auf den Oberarmärmel seines weißen T-Shirts.
Um sich einen besseren Überblick zu verschaffen, bahnt er sich anschließend einen Weg durch die Autos Richtung Zentrum, das, von einem etwa ein Meter hohen Metallzaun umgeben, aus einer grünen Fläche sowie einem kleinen Springbrunnen in der Mitte besteht. Heute befanden sich noch eine Vielzahl kleiner Stände sowie eine größere Bühne auf der Fläche. Aufgrund der Sonnenstrahlen ist Albert gezwungen seine Augen zusammenzukneifen, doch die von ihnen wahrgenommenen Bilder beeindrucken ihn deshalb kaum weniger. An den verschiedensten Stellen um den Platz herum stehen kleine Last- und Lieferwagen, aus denen Fahnen, Plakate oder Tröten verteilt werden. Vor anderen wurden Tische aufgestellt, an denen Menschen in roten Jacken eifrig Brötchen beschmierten. Und wieder andere glichen einer mobilen Bar, aus der großzügig Pernot, Calvados und andere Spirituosen in Plastikbechern gereicht werden. Alberts Augen finden in all dem Trubel stets etwas Neues, dass seine Aufmerksamkeit erregt. So steht auf den meisten Fahnen nicht nur der Name der Gewerkschaft, sondern auch der Betrieb oder die Region, woher der Träger stammt. Marseille, Bordeaux, Clermont-Ferrand – scheinbar aus allen Teilen Frankreichs sind die Arbeiter heute nach Paris gekommen, auf den kleinen Place d’Italie im 13. Arrondissement. Albert wirft einen kurzen Blick auf seinen Oberarm und lächelt zufrieden beim Anblick des roten Aufklebers.
Bisher konnte er aus der Unmenge akustischer Eindrücke keinen speziellen heraushören, es klang für ihn vielmehr wie ungleichmäßiges, lautes Gewimmel. Nun aber meint Albert deutlich die markanten Klänge von Reggae-Musik zu vernehmen und einer kurzer Blick nach links bestätigt seine Vermutung auch. In einer Lücke zwischen zwei Autos ist leicht erhöht ein DJ-Pult zu sehen, hinter dem zwei Männer unter heftigen Tanzbewegungen an Reglern drehen. Unwillkürlich fangen auch Alberts Beine an, sich zu dem Rhythmus zu bewegen. In seinen Zwanzigern hatte er Reggae geliebt und während sein Körper sich immer mehr den bekannten Klängen hingibt, ist sein Geist etwas getrübt bei dem Gedanken daran, wie lange er sie schon nicht mehr gehört hat. Dann ebben die Bewegungen langsam wieder ab. Etwas fehlt, wenn die Musik nicht auch den Geist zu erreichen vermag. Gerade als Albert seinen Weg fortsetzen will, hört er schräg hinter sich jemanden seinen Namen rufen. Kaum, dass sein Kopf sich gedreht hat, war Louise auch schon da, um ihn mit breitem Lächeln zu umarmen. Mit ihrem roten Stirnband sah sie noch kämpferischer aus als sonst, fand Albert. Louise fiel sofort sein Aufkleber auf dem Oberarm auf.
 „Du bist schneller einer von uns geworden, als ich dachte.“
„Naja, wenn ich schon mal hier bin.“ Albert lacht schelmisch.
„Aber wolltest du nicht die rote Fahne schwingen, wenn du doch kommst?“
Er spürt ihren prüfenden, aber nicht sehr ernsten Blick auf sich gerichtet. „Es ist wohl alles etwas anders gekommen, als erwartet.“
Daraufhin erzählt er ihr seine Erlebnisse. Bei dem Punkt angekommen, wo die beiden Unternehmer ihn verdutzt fragten, ob sie denn schon am Ziel seien und er innerhalb von Sekunden eine Erklärung finden musste, kann Albert ein Gefühl des Stolzes nur schwer verbergen. Louise hört gebannt zu, kann sie doch kaum glauben, was ihr sonst so besonnener Kollege da gerade erzählt. Am Ende fragt Albert sie, wo denn all die anderen Taxifahrer sind und ob sie nicht hingehen könnten.
„Das können wir nachher machen, erstmal stell ich dir ein paar Freunde vor.“ Louise deutet mit ihrem Finger auf einen Punkt, wo Albert nichts Bestimmtes zu erkennen vermag. Er folgt einfach ihren flinken, selbstbewussten Schritten.
Nach kurzer Zeit erreichen sie eine mahagonifarbene Parkbank, welche ein Halbkreis von Menschen umgibt. Sie tragen die Albert schon gut bekannten roten Westen, deren Aufschrift zufolge sie bei Air France arbeiten. Da sie sich gerade angeregt unterhalten, bemerken sie kaum, dass er und Louise sich in den Halbkreis gestellt haben.
„Und was ist dann passiert?“, fragt soeben eine dicht neben Albert stehende Frau.
„Tja, die Polizisten haben uns allerhand Sachen gefragt, ob wir dabei waren, ob wir wüssten, wer die Rädelsführer fahren und all sowas. Haben wir natürlich alles bestritten, harmlose Arbeiter sind wir, hab‘ ich denen gesagt.“, ist die Antwort eines schlacksigen Mannes mit intelligentem Gesicht. Einige der Zuhörer fangen an zu schmunzeln.
„Die Sache war bloß“, fährt der Erzähler fort, „dass da immer noch die ganzen Bilder auf dem Tisch lagen, wie der Plissonnier in seinen völlig zerfetzten Klamotten über den Zaun klettern will. Nur sein Schlips war heilgeblieben. Da konnt‘ ich nicht mehr und hab laut losgelacht.“ Seine Zuhörer fallen ebenfalls in ein herzhaftes Lachen, selbst Albert, der gar nicht weiß, worum es geht, wird davon angesteckt.
„Ihr hättet die Gesichter der Bullen sehen sollen. Ich dachte der eine fängt gleich selbst an zu lachen!“, fügt der lange Arbeiter noch hinzu, nachdem er sich wieder etwas gefangen hat.
Albert stößt Louise leicht in die Seite und fragt, mit dem Gesicht von der Gruppe abgewandt, was es mit der Geschichte auf sich hatte.
„Hast du nicht davon gehört? Letztes Jahr haben sich die hohen Tiere von Air France getroffen, um die Vernichtung von fast 3000 Arbeitsplätzen zu beschließen. Da haben André hier und ein paar Hundert weitere kurzerhand die Konzernzentrale gestürmt und zwei von den feinen Herren mal deutlich gemacht, was sie davon halten.“
„In dem sie ihnen die Sachen zerreißen?“, lag es Albert auf der Zunge, doch er sprach es nicht laut aus. Er wusste nicht, was er von dem Gehörten halten sollte. Irgendwie wirkte es roh, befremdlich, falsch. Aber etwas in ihm sagte auch, dass die Arbeiter ein Recht hatten, sich zu wehren und freute sich bei dem Gedanken an einen Manager in zerfetzten Klamotten. Sollen sie doch spüren, was sie da anrichten, sagte diese Stimme. Er musste an die beiden Männer von seiner Taxifahrt am Morgen denken. Wie sie über die Existenz von Arbeitern geredet haben, als wäre das Ganze ein Spiel. Wenn diese beiden…sein Gedankengang wird unterbrochen, als jemand in der Runde Louise fragt, wen sie denn mitgebracht habe. Sie stellt Albert jedem einzelnen der Reihe nach vor, acht kräftige Händedrücke.
„Louise hat uns erzählt, dass du heut‘ morgen noch gearbeitet hast?“, fragt kurz darauf der auf der Bank sitzende André. Ein anderer, dessen Name Albert schon wieder vergessen hat, reicht ihm, noch ehe dieser etwas sagen kann, einen weißen Plastikbecher mit Rotwein und ein kleines Baguette. Albert nimmt beides dankend entgegen und erzählt seine Geschichte, zu Anfang noch etwas nervös, aber mit der Zeit immer selbstbewusster werdend. Am Ende angekommen, nimmt er einen großen Schluck des dunkelroten Weines. Seinen Zuhörern hat die Geschichte augenscheinlich gefallen. Jemand klopft ihm auf die Schulter, ein anderer hebt leicht theatralisch seinen Plastikbecher auf Alberts mutige Aktion sowie darauf, dass die beiden vorzeitig Entlassenen noch einen langen und beschwerlichen Weg gehabt haben mögen, wie er mit lauten Lachen hinzufügt. Alle anderen schließen sich schnell an und unter beträchtlichem Weinverlust stoßen die Becher knisternd zusammen.
Es vergeht einige Zeit, während der sich Albert angeregt mit einer Pilotin unterhält und sein Weinbecher sich wie von Zauberhand stets von Neuem füllt. Als das Gespräch gerade pausiert, zieht ihn Louise am Ellbogen beiseite und deutet mit dem Kopf auf eine etwa zehn Meter entfernte Treppe. Dort angekommen, setzen sie sich auf den weißen Stein.
„Was sagt Emanuelle dazu, dass du hier bist?“
Albert ist überrascht den Namen seiner Frau zu hören, hatte er ihn ihr gegenüber doch nur selten erwähnt. Er überlegt, etwas zu sagen. Sein Blick fällt auf den Inhalt seines Bechers. Einige Sekunden verstreichen, dann führt er das Gefäß an seine Lippen.
„Du hast es ihr noch nicht gesagt?“
„Ich wollte ja, das Handy war schon in meiner Hand“, antwortet Albert diesmal ohne merkliche Pause, „aber ich…ich wusste nicht, ob sie es verstehen würde.“
„Denkst du nicht, dass sie das tun würde?“
Gerade als der Geschmack des Weines sich auf Alberts Lippen verflüchtigt, nimmt er einen weiteren Schluck. „Weißt du, bevor ich diese beiden Idioten auf die Straße gesetzt habe, gingen mir immer wieder Bilder von Emanuelle und den Kindern durch den Kopf. Später habe ich darüber nachgedacht, aber mir wurde einfach nicht klar, was das zu bedeuten hatte. Was war es, dass mich zu der Entscheidung bewog? Als ich dann vorhin hier ankam und das Bild von ihnen in meinem Auto betrachtete, ist es mir klargeworden.“ Er macht eine Pause, in der sein Blick wieder etwas Starres bekommt.
Louise bemerkt seine Aufgewühltheit und lässt ein bisschen Zeit verstreichen. „Und?“, fragt sie schließlich mit fester Stimme.
„Ich habe mich gegen sie entschieden.“ Wieder ein Schluck Wein. „Eine Weile habe ich es verdrängt, wahrscheinlich wegen der Aufregung, aber nun kann ich mich deutlich erinnern. Ich weiß, wie ich mir sagte, dass dies meine Sache ist, dass…dass sie nicht alles in meinem Leben sind.“ Ruhig und klar verlassen die Worte seinen Mund. „Versteh mich nicht falsch, ich liebe sie und bin mir meiner Verantwortung absolut bewusst. Aber so häufig war ich in genau einer solchen Situation. Ich stand vor einer Entscheidung und habe an meine Familie gedacht. Und immer habe ich mich für sie entschieden; all die Jahre.“ Die letzten Worte haben einen anderen, fast traurigen Ton. Nach kurzer Pause fährt er mit gefasster Stimme fort. „Vielleicht mach ich die Sache größer als sie ist, aber…aber es hat sich irgendwie befreiend angefühlt, diese Stimme in mir, diesen Drang nicht zu unterdrücken. Seit so vielen Jahren mal nicht als Vater oder als Ehemann gehandelt zu haben, sondern…“. Alberts Lippen öffnen und schließen sich einige Male, ohne das ein Wort sie verlässt. Dann atmet er deutlich hörbar aus. „…sondern als ich selbst. Und dabei weiß ich nicht einmal genau, wer das überhaupt ist.“ Er leert seinen Becher. „Vielleicht denke ich da schon morgen wieder anders drüber, aber in diesem Augenblick bin ich absolut überzeugt davon, dass sich etwas ändern muss, dass es nicht einfach weitergehen kann wie bisher.“ Nach einer kurzen Pause fügt Albert, die Stirn in tiefen Falten, hinzu: „Bisher war Emanuelle nie ein Fan von Veränderungen.“
Louise hatte ruhig zugehört. Ab und zu nickte sie mit dem Kopf, ansonsten lagen ihre Augen auf denen Alberts. Sie glaubte zu wissen, was in ihm vorging. Auch sie hatte einmal gedacht Beziehung, Familie, Kinder – das wäre, worum es am Ende geht, was dem Ganzen einen Sinn gibt. Es hatte lange gedauert und tiefer Krisen bedurft, bis ihr die simple Erkenntnis bewusst wurde, dass sie ein eigenes Ziel, eine echte Aufgabe im Leben brauchte. Wie schwer es ist, die Umsetzung dieser Erkenntnis mit dem alten Leben zu verbinden, das weiß sie inzwischen auch. Aber was soll sie Albert sagen? Im Moment fallen ihr die richtigen Worte nicht ein.
Nachdem die beiden noch eine Weile schweigend auf der Treppe saßen, kommt plötzlich die Pilotin, mit der sich Albert kurz zuvor unterhalten hatte, auf sie zu: „Wir wollen langsam losgehen, kommt ihr mit?“
Louise wendet sich an ihren aufstehenden Kollegen: „Geh du ruhig schon mit, ich habe noch ein paar Gewerksschaftssachen zu erledigen. Ich stoße dann später zu euch.“ Nach kurzer Überlegung ist Albert einverstanden. Bevor er weggeht, zieht ihn Louise nochmal leicht beiseite: „Wir reden heut Abend weiter. Genieß erstmal deine erste Demo.“
Auf dem Weg zurück zur Gruppe fragt Albert die Pilotin, ob die Demonstration nicht schon vor zwei Stunden begonnen habe. „Das hat sie, aber es können ja nicht alle gleichzeitig loslaufen. Der Demonstrationszug zieht sich bestimmt schon über Kilometer“, lautet ihre Antwort.
„Du willst damit sagen, mehrere Kilometer lang ist die Straße voll mit Menschen?“, fragt daraufhin der sichtlich überraschte Albert.
„Ja sicher, es sind doch Hunderttausende heute hier. Auf die Arbeiter Frankreichs ist Verlass.“ Sie lacht verschmitzt.
Rund um die braune Parkbank herrscht bereits Aufbruchstimmung, als die beiden ankommen. Calvados, der berühmt-berüchtigte Apfelschnaps aus der Normandie, hat inzwischen Rotwein als Getränk der Wahl abgelöst. Schnell hat auch Albert wieder einen großzügig eingegossenen Becher in der Hand. Die Stimmung in der Runde ist ausgelassen und es dauert nicht lange, bis die sorgenvollen Gedanken vom Gespräch auf der Steintreppe verflogen sind.
Der kleine Trupp setzt sich langsam in Bewegung. Bereits nach kurzer Zeit ist eine Abgrenzung der Gruppe kaum mehr möglich, da sich die Air France – Arbeiter ununterbrochen mit den um sie Herumlaufenden unterhalten. Albert kommt es so vor, als würden sie sozusagen in der Menge aufgehen, Teil einer größeren Gruppe werden. Auch er hat keinerlei Hemmungen ihm völlig fremde Menschen anzusprechen, sie zu fragen, was eine bestimmte Fahne bedeutet, wo sie herkommen oder warum sie heute hier sind. Fast jedes Mal wollen seine Gesprächspartner auch wissen, was Alberts Hintergrund ist. Normalerweise ist er nicht sehr erpicht darauf, seinen Beruf zu nennen und wenn jemand fragt, versucht er es immer so zu sagen, als wäre es eben ein Job, etwas, dass alle machen müssten. Doch hier war das anders. Zu seiner eigenen Überraschung verspürt Albert in den Unterhaltungen mit den anderen Demonstranten fast ein wenig Stolz, wenn er über seine Arbeit spricht. Unter seinen Gesprächspartnern war eine Busfahrerin, ein Krankenpfleger, eine Lehrerin oder der Wachmann eines Lagerhauses und fast alle mochten sie ihren Beruf, nur die Bedingungen, unter den sie ihn ausüben, nicht. Genauer betrachtet fand Albert, dass es ihm eigentlich ähnlich ging. Und um nichts in der Welt hätte er in den Gesprächen sagen wollen, er sei Unternehmer, Manager oder Wirtschaftsberater. Nein, er war Taxifahrer.
Wenn er sich nicht gerade unterhält, blickt Albert fasziniert auf all die Menschen um ihn herum. „Hunderttausende“ hallt es immer noch in seinem Kopf. Er hatte zwar schon vorher gesehen, dass sehr viele Menschen da waren, aber es war so, als hätten die Worte der Pilotin ihn erst das wirkliche Ausmaß bewusst werden lassen. Zu gerne wäre er jetzt auf einem der Balkone oder Dachterrassen der umliegenden Häuser, um den Menschenstrom von oben zu sehen. Hunderttausende – vereint auf der Straße, um für ein gemeinsames Ziel zu kämpfen. Der Gedanke ließ Albert nicht los. Trotz Louises Anstrengungen hatten sie bei ihm auf Arbeit kaum was zu sagen. Und dann wollen die meisten Kollegen auch nur ihr eigenes Ding durchziehen. Aber hier, all die Menschen, das ist doch eine Kraft – denkt sich Albert – eine Kraft, mit der man was erreichen kann. Ihm fallen all die Momente ein, in denen sein Chef ihn völlig grundlos zusammengestaucht hat. „Guckt dir das an. Wir sind Hunderttausende!“, hätte er ihm am liebsten zugerufen. Albert trinkt den Rest seines Calvados und wirft den Becher in die nächste Mülltonne. Die Air France – Arbeiter kann er inzwischen nicht mehr sehen; sie laufen wahrscheinlich etwas weiter vorne, denkt sich Albert.
Plötzlich klingelt sein Handy. Ein Blick auf das Display zeigt ihm, dass es sein Chef ist. Er hält kurz inne. Sein erster Gedanke war, einfach nicht ranzugehen, aber nun findet Albert Gefallen an der Vorstellung, seinem Chef mal Paroli zu bieten, einer Konfrontation nicht auszuweichen. Er drückt auf den grünen Hörer und führt das Handy zum Ohr.
Es ist kein langes Gespräch. Einige Male versucht Albert, etwas zu sagen, doch nie kommt er über das zweite Wort hinaus. Wie das Trommelfeuer eines Maschinengewehrs rattert die Stimme seines Chefs in seinem Ohr. Wort auf Wort, Satz auf Satz. Wenn er kurze Pausen einlegt, dann nur, um in den Genuss zu kommen, Alberts bemitleidenswerte Versuche, an dem Gespräch teilzunehmen, lautstark zu zerstören. Was den Inhalt angeht, reichen Albert einige Fetzen, um die Lage zu verstehen: „Wichtige Geschäftspartner…Deal geplatzt…viel Geld verloren…Wahnsinn, Idiotie…nie wieder fahren…gefeuert, gefeuert, gefeuert“. Albert sucht nach einer Rechtfertigung, will auf den Kündigungsschutz verweisen: „Ja, aber ich habe doch…“. Es sind mehr als zwei Worte – sein Chef hatte aufgelegt. „Gefeuert“ war sein letztes Wort. „Gefeuert, gefeuert“ hallt es nun wie eine steckengebliebene Tonspur in Alberts Kopf. Geschrien, aber trotzdem eher mit höhnischer als wütender Stimme. Alberts Lippen bewegen sich, so als wolle er antworten. Doch sie bleiben stumm. Langsam senkt sich sein Arm.
Regungslos steht er auf der Straße. Seine Umgebung nimmt er nur verschwommen wahr. Es sind Schatten, die um ihm herumhuschen. „Gefeuert“, ist sein einziger Gedanke. Minuten verstreichen. Dann wird sein Verstand plötzlich klar, als wäre sein Kopf in einen eiskalten Fluss getaucht worden. Er atmet schnell und heftig. Wut durchströmt seinen Körper. Er möchte schreien, doch seine Lippen bleiben stumm. Immer fester umklammert seine Hand das Handy. Er sieht die Menschen um ihn herum, aber schaut sie nicht direkt an. Es ist eine stille Masse. „Hunderttausende“, schießt es durch sein Gehirn. Dann erscheint verzerrt immer wieder ein Bild vor seinem inneren Auge; ein Loch in der Mitte einer Glasscheibe und tausend kleine Risse, die es in alle Richtungen verlassen. „Gefeuert“, hört er erneut die Stimme seines Chefs. Das Wort hat inzwischen fast einen sadistischen Klang. Dann wieder das „Hunderttausende“. Mit unverminderter Geschwindigkeit pumpt er Luft in seine Lungen. Immer noch steht er bewegungslos da. Dann geht alles ganz schnell.
Sein Blick fällt auf einen frei liegenden Pflasterstein direkt vor ihm. Anschließend auf eine etwa fünf Meter entfernte Bankfiliale. Es ist nicht seine Bank. Innen ist sie vollkommen leer. In der einen Hand hält Albert weiterhin sein Handy, mit der anderen greift er ruckartig nach dem Pflasterstein. Wenige Sekunden später ist ein lautes Krachen zu hören. Einige Menschen haben erschreckt aufgeschrien, doch das nimmt Albert nicht wahr. Seine Hand greift nach einem zweiten Stein und er holt erneut weit aus. Diesmal spürt er das Gewicht an seinem Arm ziehen; die kantigen Ecken in seine Handfläche drücken; die kleinen Kieselsteine, die noch an dem Pflasterstein dranheften. Seine Augen sind auf das Loch im Glas der Bankfiliale gerichtet. Er spürt die Blicke unzähliger Menschen auf sich gerichtet. Er hört wieder das Wort „Hunderttausende“ in seinem Kopf. Doch es löst eine andere Emotion bei ihm aus, so als hätte es nun eine völlig andere Bedeutung. Sein Blick senkt sich zu Boden. Der Griff um den Pflasterstein lockert sich, der Druck der Kanten verschwindet mehr und mehr. Aber kurz bevor der schwere Stein zu Boden fällt, packt ihn jemand am Unterarm. Seine Hand öffnet sich. Innerhalb weniger Sekunden liegt Alberts Kopf neben dem Pflasterstein auf dem Asphalt. Sein Körper dreht und windet sich, doch immer mehr Hände fixieren ihn am Boden. Er will etwas sagen, doch die Worte bleiben ihm im Hals stecken. Eine Hand auf seinem Hinterkopf drückt seine rechte Wange auf den Asphalt, wodurch sich unzählige kleine Steinchen in die durch nur wenige Bartstoppeln geschützte Haut bohren. Es brennt so stark, dass es Albert nicht möglich ist, einen klaren Gedanken zu fassen. Sein Körper leistet Widerstand, doch Albert nimmt das kaum wahr; es geschieht einfach. Dann spürt er den spitzen Druck eines Knies zwischen den Schulterblättern, seine Lunge wird zusammengepresst und macht das Atmen noch schwerer. Das schnelle Einsaugen der Luft erzeugt ein pfeifendes Geräusch. Qualvolle Sekunden vergehen. Erst als das Adrenalin langsam seinen Körper verlässt und seine Muskeln erschlaffen, bekommt er wieder genug Luft. Wie aus unbeschreiblicher Ferne kommend, hört Albert das Klicken der Handschellen. Der Druck auf Hinterkopf und Rücken verringert sich. Durch glasige Augen sieht Albert den Stein, der gerade noch in seiner Hand lag, dicht vor sich liegen. Sein bis eben grässlich verzerrtes Gesicht wird plötzlich starr, fast apathisch. Kaum hörbar verlassen Worte seinen Mund: „Aber man kann doch Hunderttausende nicht feuern.“
Während Albert unter unzähligen Blicken von den Zivilpolizisten abgeführt wird, vibriert dicht neben dem Bordstein ein im Kies liegendes Handy. Auf dem Display, hinter einem großen, weißen Hörer, der regelmäßig Wellen in alle Richtungen aussendet, sieht man das Bild einer lachenden Frau. Sie sieht glücklich aus. Nach kurzer Zeit verschwindet das Bild und wieder einige Sekunden später wird das Display schwarz.

Teil I/III der Prosa unter KLICK
Teil II/III der Prosa unter KLICK
Gesamte Prosa unter  KLICK

Von Daniel Polzin, 14.August’16


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