Ein Dienstag in Paris – Teil II/III

„Habe ich das wirklich gerade gemacht?“, ist Alberts erster Gedanke, nachdem er sein Taxi in einer Querstraße des 5. Arrondissements abgestellt und sich soeben eine Zigarette angezündet hat. Eigentlich war sein Plan, direkt zur Demonstration zu fahren, doch der dichte Verkehr und die vor Aufregung am Lenkrad zitternden Hände, bewogen ihn zum Umdenken. Nun steht Albert etwa zehn Meter von seinem Auto entfernt und die verschiedensten Szenarien, was seine tollkühne Aktion alles für Folgen haben könnte, durchströmen in wirrer Reihenfolge seinen Kopf. Zwischen den ersten fünf, sechs Zügen an der rasch kleiner werdenden Zigarette liegen nur marginale Pausen. Langsam verschwindet die Aufregung aus seiner Brust; dieses Gefühl, als würde ein viel zu hastig schlagendes Herz die Lunge völlig durcheinanderbringen und eine geordnete Atmung unmöglich machen. Alberts Blick verlässt den schwarzen Asphalt und richtet sich auf die vielen, für Paris so typischen kleinen Balkone, welche die detailliert ausgearbeitete Fassade der kleinen Gasse schmückten. Eine Frau gießt gerade ihre Pflanzen, ohne selber auch nur annähernd auf dem kleinen Wohnungsvorbau stehen zu können. „Eigentlich ist es halb so schlimm“, denkt sich Albert. Zwar werden die vornehmen Anzugträger sich aller Wahrscheinlichkeit nach bei seinem Chef beschweren, aber dann wird er einfach sagen, dass es sich um ein Missverständnis gehandelt habe. Für eine Kündigung reicht es in keinem Fall, da ist sich Albert jedenfalls sicher. Zumal ihm das Recht zu streiken sowieso zustehe, ob nun von Anfang an oder erst nach kurzer Arbeitszeit. Das hatte ihm Louise mal gesagt.
Ruhigen Schrittes geht er zum Wagen und holt aus dem Handschuhfach in Alufolie eingewickelte Brote und eine kleine Flasche Wasser. Der Hunger war nach all der Aufregung überraschend plötzlich gekommen und Albert ist die ehrliche Befriedigung beim ersten Biss ins Käsebrot deutlich anzusehen. Lediglich der Gedanke an das ausbleibende Gehalt betrübt ihn noch etwas, auch wenn er sich sagt, dass es am Ende schon irgendwie gehen wird. Im Kopf spielt Albert bereits durch, was er am Abend seiner Frau erzählen wird. Die Fragen meint er dabei schon ziemlich genau zu kennen: Warum mit so einer ungestümen Aktion seinen Job riskieren? Woher dieser spontane Ausbruch nach all den Jahren des fast überbordenden Pflichtbewusstseins? Und habe er denn nicht an seine Familie gedacht?
Bei dieser Frage stockt Albert. Auch wenn es nicht wirklich danach aussieht, hatte er tatsächlich immer wieder an seine Familie gedacht, bevor er die Herren Unternehmer an die frische Luft setzte. Doch wie passt das zusammen? Waren ihm Frau und Kinder nicht so wichtig, der Gedanke an sie nicht stark genug? Oder tat er es am Ende gar für sie? Im Moment kann sich Albert keinen Reim darauf machen, nimmt sich aber vor, später noch einmal darüber nachzudenken.
Gerade als er sich wieder in Richtung seines Taxis wenden möchte, fährt auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein kleiner Lieferwagen weg und offenbart ihm die Sicht auf das örtliche Büro der PS, den gerade regierenden „Sozialisten“. Neugierig geht Albert rüber und betrachtet die bemitleidenswerte Frontseite, gezeichnet von mehr als einem Dutzend Steinschlägen sowie unzähligen Schriftzügen. Die Innenseite des Büros ist durch dicke, weiße Vorhänge vor den Blicken der Außenwelt geschützt. Albert bückt sich leicht, um eine etwas undeutliche Botschaft, welche direkt unter ein großes Loch im Glas geschrieben ist, genauer zu betrachten. „Sozialverräter“, liest er leise vor sich hin. Seine tiefen, dunklen Augen ruhen eine Weile auf dem Loch, von dem aus kleine Risse gleich Wurzeln in alle Richtungen ausströmen. „Arbeitsverweigerung ist eine Sache, aber das hier, sinnlose Zerstörung, Vandalismus, eine andere“, denkt sich der zweifache Familienvater beim Anblick des eigenartig filigranen Gebildes.
Im nächsten Moment schreckt das laute Hupen einer Art Tröte Albert auf. Sein Blick wandert nach rechts, wo auf der Hauptstraße gerade eine Gruppe von etwa einem Dutzend Arbeiter, alle mit Fahnen ihrer Gewerkschaft CGT in der Hand, vorbeizieht. Blitzartig wird ihm wieder bewusst, dass gleich die große Arbeiterdemonstration am Place d’Italie beginnt. Während er zum Auto zurückgeht, wählt Albert bereits die Nummer seiner Frau, um ihr zu sagen, in welch unerwarteter Weise sich sein Tagesplan geändert hat. Bereits im Wagen sitzend, fehlt nur noch ein kurzer Druck auf den grünen Hörer, um die so vertraute Stimme zu hören und ihr stolz von dem Erlebten zu erzählen. Er zögert. Reglos verharrt sein Daumen einige Millimeter über dem Display. Dann drückt Albert in einer hastigen Bewegung den länglichen Knopf an der Seite und wirft das Smartphone auf den Beifahrersitz. „Später“, sagt er sich und dreht den Zündschlüssel um.
Schon etwa 300 Meter vor seinem Ziel ist die Straße nur noch eine schwer zu durchdringende Masse aus Gewerkschaftsbussen, Infoständen und Menschen, die mit ihrer Kleidung, ihren Fahnen oder anderen Accessoires scheinbar keinen Zweifel darüber aufkommen lassen wollen, auf wessen Seite sie stehen. Albert ist mulmig zumute dort durchzufahren, auch wenn der Anblick weiterer Taxis im Rückspiegel und die Versicherung Louises, die ihm schrieb, dass er bis zum Platz vorfahren könne, ihn etwas beruhigen. Nur noch im Schritttempo vorankommend, beobachtet Albert erstaunten Blickes die schier unzähligen Fahnen. Zwar dominieren das Rot-Gelb der CGT-Gewerkschaft sowie das Rot-Weiß der Kommunistischen Partei, trotzdem würde ihm auf Anhieb keine Regenbogenfarbe einfallen, die es nicht mindestens auf ein Banner geschafft hätte. Dabei stehen die Variationen an Buchstabenkombinationen jenen an Farben in nichts nach, wobei Albert hinter vielen von ihnen neben Gewerkschaften vor allem politische Organisationen vermutet. Selbst hatte er schon lange das Interesse an Parteien verloren. Es gab Zeiten, in denen sein Stimmzettel am Wahltag in der Urne landete und Albert in den darauffolgenden Jahren darauf achtete, ob sich etwas veränderte. Doch egal, welche Partei auch als Sieger hervorging, er konnte nie einen Unterschied ausmachen. Manchmal gab es minimale Verbesserungen, manchmal Verschlechterungen, aber meistens lief für ihn alles so weiter wie bisher. Es schien für Alberts Leben und das seiner Familie keinen Unterschied zu machen, wer gerade regiert. Irgendwann kam er sich schließlich dumm vor, bei diesem Zirkus weiter mitzumachen. Nun ärgert es ihn fast etwas, all die Fahnen hier zu sehen. „Nouveau Parti anticaptaliste“ prangt auf einer, die ihm gerade ins Auge fällt. „Neu und antikapitalistisch – welch originelle Idee“ spottet Albert, bevor er kopfschüttelnd seinen Blick von der auffällig großen Fahne abwendet. „Mal schauen, was Louise davon hält“.
Die schleichende Fahrt gibt Albert zumindest die Möglichkeit, in die vielen Gesichter der Menschen um ihn herum zu schauen. Ihm fällt auf, wie unterschiedlich sie zwar in Bezug auf Hautfarbe oder Alter sind, wie aber allen eine gewisse Ausgelassenheit, ja fast Fröhlichkeit gemein ist. Die Menschen unterhalten sich, trinken zusammen Wein, lachen und einige tanzen sogar. Albert hatte sich die Demonstration eigentlich viel ernster vorgestellt. Die alle paar Meter aufgestellten Straßengrills, in deren Pfannen Würste und Anderes in Litern von Öl geradezu ertränkt werden, erinnern ihn vielmehr an eine Art Volksfest. Albert muss plötzlich schmunzeln beim Anblick zweier älterer Damen, die in ihren Gewerkschaftswesten auf dem Bordstein sitzen und gerade derart herzhaft in ihre vor Fett triefenden Schaschlikspieße beißen, als wollten sie irgendwem beweisen, wie leicht sie es mit dieser Mahlzeit aufnehmen können.
Immer mehr Streikende, die vor oder neben dem Taxi laufen, gucken nun auch Albert direkt an, wobei einige einen eher prüfenden Gesichtsausruck haben, andere mit dem Kopf nicken und wieder andere einfach nur kurz lächeln. Albert freut sich über die ungewohnte Aufmerksamkeit, ist er als Taxifahrer sonst doch eher ein unsichtbarer Arbeiter, eine Art Selbstverständlichkeit, die es wahrscheinlich gar nicht mehr geben würde, wenn Maschinen seinen Job übernehmen könnten. Hatte Albert sich am Anfang noch darüber geärgert, im Schneckentempo vorwärts rollen zu müssen, so genoss er es inzwischen fast ein wenig. Nur wenn Demonstranten ihn mit halbhoch gehaltener Faust grüßten, wurde der nun sichtbare Arbeiter Albert immer etwas verlegen und erwiderte die Geste lediglich mit einem leicht gezwungen aussehenden Lächeln. Dabei kam immer ein merkwürdiges Gefühl in ihm hoch. Einerseits freute er sich, dass ihn die Menschen als Mitstreiter sahen, andererseits war ihm noch gar nicht klar, ob er das überhaupt wollte. Es war doch eher ein spontaner Ausbruch als wirkliche Überzeugung, die ihn hierherbrachten, denkt sich Albert. Und dann waren da auch noch die zerbrochenen Fensterscheiben ein paar Straßen weiter. Und all die merkwürdigen Fahnen. „Erstmal beobachten“, ist schließlich sein Fazit.
Inzwischen ist das Taxi nur noch einige Dutzend Meter vom Platz entfernt. Riesige rote Ballons schweben wie Orientierungsbojen über dem Gelände; im hinteren Bereich meint Albert dunkle Rauchschwaden emporsteigen zu sehen. Sein Herzschlag beschleunigt sich. Plötzlich bemerkt er einen leichten Widerstand an der Stoßstange und tritt unverzüglich auf die Bremse. Ganz auf das Geschehen in der Ferne fokussiert, vergaß der sonst so gewissenhafte Taxifahrer für einen Moment, was sich direkt vor ihm abspielte. Der Mann, den Albert soeben leicht rammte, schaut ihn mit tiefen Falten auf der Stirn und einem Funkeln in den braunen Augen an. Er ist vielleicht 65 Jahre alt, wobei die sonnengebräunte, fast ledrig wirkende Haut und das dichte weiße Haar auch auf ein weit höheres Alter schließen könnten. Albert öffnet die Fahrertür, geht einen Schritt raus und entschuldigt sich mehrmals bei dem Mann, sofort gefolgt von der Frage, ob ihm etwas passiert sei. Doch anstatt eine Antwort zu erhalten, guckt ihn der Fremde weiter grimmigen Blickes an. Dann beugt er seinen Oberkörper vor, scheinbar um die Stelle zu untersuchen, wo ihn das Taxi wenige Augenblicke zuvor leicht rammte, wobei seine Augen erst im letzten Moment von denen Alberts abweichen. Anschließend erhebt er sich wieder, nun noch ernster schauend. Seine rauen Lippen pressen sich aneinander, wodurch die scharfen Konturen seiner Nase deutlich zum Vorschein kommen und dem Gesicht etwas unabweislich Bedrohliches geben. Albert ist verunsichert, weiß weder, ob er aussteigen noch die Tür schließen soll. Den alten Mann weiterhin beobachtend, fällt ihm plötzlich eine Bewegung seiner Lippen auf. „Schreit er mich jetzt an?“ schießt es ihm unverzüglich durch den Kopf. Bereits über eine Rechtfertigung nachdenkend, bemerkt Albert gar nicht, wie sich die Mundwinkel des Fremden heben und so schreckt er kurz auf, als unvermittelt ein raues, zweifellos aus einer Raucherkehle kommendes Lachen ertönt. Es hält einige Sekunden an, mehrmals begleitet von abwinkenden Handbewegungen des alten Mannes. Albert ist sich nicht sicher, ob diese darauf hinweisen sollen, dass nichts passiert sei oder dass er nicht glauben könne, Albert habe ihm seine Wut tatsächlich abgekauft. In jedem Fall entspannt sich sein Körper wieder und nach einer Weile fällt er ins Lachen seines Gegenübers ein. Schließlich klopft der Fremde mit seiner linken Hand leicht auf die Motorhaube und hebt sie anschließend, den Arm nur wenig angewinkelt, zur Faust. Wie jedes Mal, nickt Albert, freundlich guckend, mit dem Kopf und setzt sich dann schnell wieder ins Auto. Bereit loszufahren, bemerkt er, dass der alte Mann seine Pose kein bisschen geändert hat, ihn nun lediglich etwas schärfer ansieht als zuvor. Albert hält inne, in seinem Kopf mit den gleichen Gedanken wie zuvor konfrontiert. Er meint etwas Fragendes in den von Neuem funkelnden Augen des Mannes zu sehen. Die Sekunden verstreichen. „Warum ist ihm so wichtig, dass ich meine Faust hebe? Warum ist mir so wichtig, dass ich es nicht tue?“. Albert sitzt reglos da, beide Hände am Lenkrad. Soviel sich um ihn herum auch abspielt, seine Augen sind fest auf die des Fremden gerichtet, fast so, als ginge etwas Magnetisches von ihnen aus. Langsam hebt er schließlich die rechte Hand und ballt sie zur Faust. Das Funkeln in den Augen des alten Mannes verändert sich. Nach einigen Augenblicken nickt er, lächelt und verschwindet dann ruhigen Schrittes in der Menge. Albert bleibt noch kurze Zeit reglos sitzen, blickt sich anschließend noch einmal um und fährt wieder los.
„Nun gehöre ich wohl doch dazu“, ist sein letzter Gedanke, bevor er schließlich den Platz erreicht.

der dritte und letzte Teil folgt demnächst.

 Teil I/III der Prosa unter KLICK

Von Daniel Polzin, 22.Juli’16


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