Musik und Widerstand: Musikalische Gegengewalt

Vielen ist Rage against the Machine (RATM) ein Begriff. Wer einmal in die Musiklandschaft der 1990er Jahre abgetaucht ist, wird früher oder später auf diese Crossover-Band aus Kalifornien gestoßen sein.. Ihr gleichnamiges erstes Studioalbum aus dem Jahr 1992 ist ein musikalischer Meilenstein. Ob die mit Wut bis zum Anschlag rappende Stimme des Frontmanns Zach de la Rocha oder der mit allen möglichen Effekten gezeichnete Klang von Tom Morellos Gitarre. Dieses Crossover-Album als Zusammenfassung von genialen und detailreichen Tracks war ein Sprung in eine neue Musik. Crossover bezeichnet eine Mischung aus Musikgenres, die man kaum für kompatibel halten würde oder deren Mixtur man zuvor noch nicht erprobt hat. RATM treibt dieses Konzept bis auf die Spitze der Musikchemie. Funk, Blues Rock, Metal und Rap mit einer gehörigen Portion dissonanter Klänge.

Doch war das ganze nicht völlig neu. Ein großes Vorbild RATMs hat das schon in den 1980ern vorgemacht. Public Enemy als Conscious Rap-Gruppe waren Revolutionäre der damaligen Musiklandschaft. Alles wurde von ihnen gesampelt. Schräge, piepsende Signale oder rockige Gitarrenriffs. Auf den Instrumentals hat dann die Baritonstimme von Chuck D den Kampf gegen das rassistische und ausbeuterische US-System angesagt. RATM führte dieses Erbe weiter und hob es auf eine neue Stufe.

Mit der Wut gegen die Maschine ist metaphorisch die Wut gegen die bestehende Gesellschaftsordnung gemeint. Diese drückt RATM auch unverhohlen in Form einer musikalischen und inhaltlichen Kritik aus. Wenn de la Rocha in Bullet in the Head von Verdummung und Abstumpfung der Menschen zu Konsumsklaven rappt, ahmt Morello akustisch einen Roboter nach, der sich in einem dauerhaften Brainfuck befindet. Am Ende wütet die Band orchesterartig mit der Zeile “You gotta a bullet in your head”, die der indirekten Aufforderung gleicht, sich aus dem elendigen Zustand der bürgerlichen Gehirnwäsche zu befreien und die Verhältnisse nicht schweigend zu akzeptieren.

Der berühmteste Track auf dem Debütalbum ist nicht zuletzt Killing in the Name. Eine Kampfansage gegen rassistische Polizeigewalt als strukturelles Problem. Der Track gipfelt in dem Ausspruch des la Rocha’s “Fuck you I won’t do what you tell me”. Klingt vielleicht nach dem ersten Hören etwas trotzig. Aber Tom Morello weist daraufhin, dass diese Zeile eine verbale Verweigerungshaltung eines Schwarzen während einer rassistischen Polizeikontrolle darstellt, die als sein erster alltäglicher Befreiungsakt angesehen werden kann. Musikalisch wirkt die Line mit dem funkigen Hendrix-Akkord im Hintergrund zusätzlich elektrisierend.

RATM schafft es eine Gegenkultur zu artikulieren. Inhaltlich nehmen sie unser Gesellschaftssystem in so gut wie jeder Textzeile auseinander, verweisen auf die Doppelmoral der US-amerikanischen Außenpolitik und auf die der bürgerlichen Gesellschaft. Sie rufen nicht nur zur Verweigerung, sondern auch zur Aktion auf. Ihre Musik ist dabei kein Kanal, den sie als Untermalung oder Vereinfachung ihrer Gedanken und Sichtweisen verwenden. Darin liegt die hohe Kunst dieser alternden, vier Kampfgefährten. Die Musik — Gitarre, Bass, Schlagzeug, Effektgeräte, Zusammenspiel, Stimmfarbe, Rhythmus, Harmonie — steht mit dem Text auf Augenhöhe. Text und Musik diskutieren, verstärken gegenseitig ihre Aussagen und sprechen jeweils jenen Teil der Wahrheit aus, den ihr Gegenpart alleine nie artikulieren könnte. Diese Wechselwirkung zwischen Text und Musik und die hohe Bedeutung, die ein Artist jedem Ton und jedem Wort in seinen Songs zuspricht, ist im Mainstream kaum anzutreffen.

Die Bedeutung der Musik von RATM kommt noch in einem weiteren Sinn zur Geltung. Hört man sich ein paar RATM-Songs nacheinander an, spürt man die Wut hochkochen. Es ist eine Wut, die wir alltäglich mit uns tragen, deren Herkunft uns aber oft verborgen bleibt. Die Wut scheint etwas bleibendes. Während Kunst — allen voran Musik — als Befriedigung und Ablenkung, als Illusion einer schöneren Welt betrachtet wird, tut RATM genau das Gegenteil. Die Band schafft es immer wieder, dieses illusionäre Ideal zu zerbrechen und ein unstimmiges Gefühl bei den Zuhörenden zu hinterlassen. Wut als erstes Resultat der Gefühlswallungen. Wut, die plötzlich etwas konstruktives wird, weil sie ihren Grund und ihr Ziel erhält.

RATM ist ein Paradebeispiel einer Musik der Gegenkultur, die noch dazu in viele Ohren Zugang fand und immer noch findet. Sie beantwortet die tägliche gesellschaftliche Gewalt mit musikalischer Gegengewalt und ruft dazu auf, die Wut als kreatives Instrument einzusetzen. Da RATM seit letztem Jahr wiedervereint ist, wird Gegenkultur auch weiterhin diese bedeutende Unterstützerin als Band haben. Möge der musikalische Kampf fortgesetzt werden!


Von Taylan Özgür Çiftçi, 11.März’21
Illustration von Theo Bergmann (Ausschnitt des Magazincovers von
»Lautschrift« Ausgabe 7 Januar 2021)

Der vorliegende Text erschien erstmals in dem Magazin »Lautschrift« (Ausgabe 7 Januar 2021) des Internationalen Jugendvereins Hamburg. Das Titelthema der Ausgabe ist „Gewalt“. Mit freundlichem Einverständnis der Redaktion und des Autors ist der Text auch auf nous-konfrontative Literatur zu lesen. Der Internationale Jugendverein (IJV) ist ein in Hamburg und Hanau aktiver Verein von jungen Menschen, die eine Stimme und Kraft von unten gegen die alltägliche Unterdrückung und Ausbeutung von oben artikuliert. Von der Problematik der Auszubildenden am Arbeitsplatz bis hin zu Bildungsabenden und Stadtteilarbeit sind Methode und Inhalt der Arbeit vielfältig. Die Lautschrift ist die im Zweimonatsrhythmus erscheinende Zeitschrift des IJV.
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Illustration von Theo Bergmann (Ausschnitt des Magazincovers von »Lautschrift« Ausgabe 7 Januar 2021)

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