Literatur: Subbotniks im Schäbigen

Schreiben, Wertschätzung und das Element Arbeit

„Sie hat den Menschen selbst geschaffen“, sagt einer, der in diesem November 200 wird, über das Ding Arbeit. Nach Friedrich Engels hat das Arbeitenkönnen den Menschen erst zum Menschen gemacht, indem er bewusst und zweckmäßig in seine Umwelt eingreift. Wie der Eingriff ausschaut, ist bei dieser Feststellung erst Mal zweitrangig, nur Wert für die Gesellschaft sollte rauskommen dabei.
Jetzt ist ziemlich klar, dass eine gebackene Semmel Wert hat. Eine schöne Literatur hat es da schwerer, auf ihr Wertvollsein aufmerksam zu machen.

Von Buchverkäufen kann hierzulande kaum eine Autorin oder ein Autor leben. Die Konkurrenz auf dem Buchmarkt ist groß, die Arbeit in Verlagen, Lektoraten und Agenturen prekarisiert. Hochdotierte Preise gewinnt eben immer nur der Gewinner. Und in Pandemiezeiten krankt das deutsche Phänomen, dass Menschen bereit sind, für Lesungen zu bezahlen und dementsprechend der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller bei ver.di realistisch ein Mindesthonorar von 300 Euro pro Lesung empfehlen kann. Eigentlich.

„Das Geld, das die Gesellschaft an den Künstler verausgabt, ist für sie das einzige Mittel zu erfahren, welchen Rang er in ihr einnimmt“, schreibt Peter Hacks in seinen „Ästhetisch-ökonomischen Fragmenten“, 1988 in der DDR als „Schöne Wirtschaft“ erschienen. „Der Künstler weiß seinen Platz; die Gesellschaft muss ihn lernen; genau so viel aber, wie sie dem Künstler gibt, so viel gibt sie auf ihn.“
Anders als die Gesellschaft, in der Hacks‘ Buch erschien, gibt diese hier nach jener Formel so wenig auf die Kunst, insbesondere die Literatur, dass selbst der Autor nicht mehr seinen Platz in ihr weiß. Neulich unterschrieb ich einen Vertrag, der einen mehrseitigen Beitrag in einer Anthologie, mit nicht gerade namenlosen Leuten wie dem Buchpreisträger Saša Stanišić, mit einem Geldwert vergütet, der äquivalent ist mit einem Niedersachsenticket und zwei belegten Brötchen bei Back Factory.
„Der Künstler […] behält die unerfreuliche Freiheit, sich die Arbeit leicht zu machen. Er kann der Schäbigkeit des Angebots mit der Schäbigkeit des Werks begegnen“, so Hacks. Jetzt ist aber Schäbigkeit Standard und nicht etwa Betrug. Dem Kapitalismus steckt in der DNA, Schmutziges als systemisches Grundrecht zu pflegen – das die einen den Mehrwert aus der Arbeit von anderen abschöpfen, ist nicht Betrug, sondern Gesetz, wenn gesellschaftlich produziert, aber privat angeeignet wird.

Für die meiste Kulturarbeit wird wenig bis nichts gezahlt und auf den Ehrenämtler im Kulturschaffenden appelliert. Das Mantra des „Wir sitzen alle im selben Boot“ kennt der schon lange, und er hört die leere Floskel, dass er systemrelevant ist, letztendlich gern. Unbezahlte Kunst erzeugt schließlich noch Produkte zum Genießen. Ein Schulterklopfen der Nachbarin und ein Kinderlachen auf dem selbst organisierten Straßenfest sind der immaterielle Lohn, den die Kulturschaffenden dem Nichtstun vorziehen. Das ist von ihnen nicht unbedingt selbstverräterisch gemeint, sondern kommt, weil man den kommunistischen Nerv im Menschen schon jetzt kitzeln kann. Kultur als Vorschein auf das Reich der Freiheit scheint manchmal wie ein wirklicher, handfester Vorgriff. Das Schieben von Subbotniks in der Ausbeutergesellschaft kann man den Kunstproduzierenden nicht ankreiden.
So sehr das Wenig-, Weniger- und Nichtbezahlen objektiv die Kunststandards einer Gesellschaft senkt, subjektiv wird sich die Mehrheit der Schreibenden, mich eingeschlossen, nicht dem wilden Streik anschließen und bewusst das eigene Werk dem Lohndruck nach unten von sich aus angleichen.

Einfach macht man sich diesen Selbstbetrug, indem man geradeheraus leugnet, dass das Arbeit ist, was man da tut. Hat Hacks noch festgestellt, Künstler „prahlen in Notwehr“ damit, dass ihre Arbeit eine schwere und komplexe, von außen aber als reiner Müßiggang wahrgenommene, ist, hat sich jetzt eine neue Strategie dazugesellt. Auf die Frage: „Arbeitest du grade?“, ist nunmehr die Antwort gängig: „Nein, ich schreibe an meinen Sachen.“

Dass Menschen mit ihrem Tun ständig arbeiten, legt gerne durch diese Selbstverständlichkeit das Vergessen des so Eineindeutigen nahe: dass wir im Kapitalismus leben, ist schließlich auch so allumfänglich und offensichtlich, dass es fast nicht mehr lohnt, erwähnt zu werden. Doch genau dadurch läuft man Gefahr, etwas bereits Verstandenes, Fundamentales, für nichtig zu befinden. Wenn man im Home Office Distributionsarbeit zum Mindestlohn in absoluter Gleitzeit leistet, abends Textbeiträge verfasst und morgens den Wecker eher stellt, damit von alldem auch etwas auf Twitter und Instagram landet, ohne einen Cent dafür zu sehen, dann mag das schon vorkommen, dass in all dem Arbeiten keine Arbeit mehr erkannt werden kann.
David Foster Wallace wies 2005 in seiner Rede „Das hier ist Wasser“ vor College-Absolventen darauf hin, dass sich selbst die Fische ab und an zurückerinnern müssen, in welchem Element sie sich rumtummeln. Unseres ist Arbeit.

Ohne die widersprüchliche Gesellschaft, in der wir leben, trocknen wir als Menschheit nicht aus – Hacks hat 35 Jahre in einer Gesellschaft gelebt, die ohne die Bezos‘ und Tönnies‘ auskommt. Ohne Arbeit an sich wird es jedoch ganz schnell wieder Wüste um uns.
Vor allem ohne Arbeit anderer. Kunstproduktion verlässt sich auf Arbeitsteilung. Ohne den Bäcker, der um vier aufsteht und den Semmelteig knetet, hat die langschläfrige Autorin nichts zum Essen. „Ein müder Arbeiter arbeitet vielleicht schlechter als ein ausgeschlafener. Ein müder Künstler arbeitet gar nicht“, schreibt Hacks. Müdigkeit – so sehr vorhanden, wenn Schreiben nicht zum Leben reicht und zusätzlich feierabends geschieht – muss man sich aber nicht anmerken lassen.

In der jüngst erschienenen Poetikvorlesungssammlung „Arbeit am Text“ merkt Kathrin Passig zur Nichtvergütung an: „Vielleicht ist das Schwere das Bezahlte und das Leichte das Unbezahlte? Das Leichte ist jedenfalls oft un- oder so gut wie nicht bezahlt“. Die Buchautorin Passig teilt sich die Arbeit selbst, also mit der Bloggerin Passig. Kann ja passieren, auch heute noch, dass Bücherschreiben genug abwirft. Kann auch sein, dass Bloggen lohnt, weil gelesen wird, was man schreibt. Beides sind ja auch zwei schöne Freiheiten: die Freiheit von dringender Not und die Freiheit, zu tun, also zu schreiben, was und woran man mag.

Nur sind nicht alle, die schreiben, eine Kathrin Passig. Es schreiben viele und davon leben kann so gut wie keiner und keine. Auch wenn Hacks‘ Paradigma der Wertschätzung aus Offlinezeiten stammt, und zwischen „Schöne Wirtschaft“ und uns etwas gerade dreißig Gewordenes liegt, von dem Ronald M. Schernikau mal sagte, dass ohne dieses Ereignis zu berücksichtigen nichts mehr geschrieben werden kann – die Rede ist vom Sieg der Konterrevolution in der DDR – so sollte doch mindestens gefragt werden: wenn die jetzige Gesellschaft der Literatur nicht durch Geld eine Wertschätzung ausdrückt, womit denn dann?
Mit der Förderung einer kundigen, ganzheitlich-gebildeten Leserschaft? Wir sollten zum Ende dieses Textes nicht anfangen, albern zu werden. Nicht jede Kunst zielt auf eine ideelle Entlohnung in Form von Schulterklopfen und Kindergrinsen ab, auch wenn das Autorinnen und Autoren wie Ronja von Rönne und Heinz Strunk ihres Erfolgs wegen nicht in Erwägung zu ziehen brauchen. Kunst geht dann völlig unter, wenn ihr das Publikum samt und sonders wegbricht, weil es strukturell ausgeblödet wird. Monopolkapitalismus ist die Zeit, in der Shakespeare wegen Marktuntauglichkeit aus dem Lehrplan gestrichen wird.

Es gibt zwei Wege, sich als Autorin und Autor dem Zynismus zu entziehen: wie die Hauptfigur in David Marksons surrealem Roman „Wittgensteins Mätresse“ kann man noch als letzter verbliebener Mensch in die Tasten hacken und sich selbst das Schreiben des Schreibens wegen inszenieren. Dann brauchts nur eine Wertschätzung: die des eigenen Selbst.

Oder man erinnert Rainald Goetz‘ Roman „Irre“ und dessen Credo „Don‘t Cry – work.“ Dort entscheidet sich die Hauptfigur gegen einen lästigen, aber einträglichen Job als Arzt in einer Psychiatrie und für das Hauptamt des „heftig denken Menschen“ Schriftsteller. Der ist dann aber wenigstens ordentlich lästig, wenn das Honorar für den Text noch nicht überwiesen ist, und stochert hinterher.


Von Ken Merten, 14.Okt`20
Foto von Marie-Kristin Boden

Der vorliegende Text erschien erstmals in »Unsere Zeit« (UZ) vom 18.September 2020 unter dem Titel „Dont`t cry – work“ als Buchbesprechung von „Arbeit am Text“ (Iuditha Balint (Hg.), Verbrecher Verlag, Berlin 2020, 144 S., 18 Euro). Mit freundlichem Einverständnis der Redaktion ist der Text in vom Autor leicht überarbeiteter Form nun auch bei nous zu lesen.

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