Das Weltbild patriotischer Europäer und das Menschenbild einer impotenten Intelligenz

– Der deutsche Intellekt schafft sich ab –

 Vorbemerkung: Man wird fragen, wieso so eingehend das Buch eines Autors auseinandersetzen, das doch drei Jahre alt ist, und wieso soll eben dieses Buch mit der Flüchtlingsfrage verbunden sein? Nun, eine berechtigte Frage, auf die eine ebenso berechtigte Antwort folgt: Nach dem Aufkommen des Nationalkonservatismus innerhalb der letzten drei Jahre und dessen mehr oder minder erfolgreicher Versuch sich eine publikumswirksame Öffentlichkeit zu schaffen und dabei salonfähig zu werden, habe ich schnell an jenes Buch denken müssen, das ebenso wie der Nationalkonservatismus es mit zwei Themen zu einer großen Aufmerksamkeit geschafft hat: Europa und der Flüchtling. Diese beiden Fragen – oder Herausforderungen –  und deren evidente Relevanz für die Zukunft des Miteinanders scheinen eine optimale Gelegenheit zu sein, um politische Kampagnen zu fördern, die den Rassismus unter den Völkern befördert. Nicht irgendwoher haben die Völker Europas, über Deutschland hinaus, dergleichen Exponenten gefunden, die zu beachtlichen politischen Mitspielern werden; man denke an die Front National, die Ukip, die FPÖ, die Fidesz und natürlich an die AfD, und schaue sich die letzten EU-Parlamentswahlen 2014 an. Dieses europaweit zu beobachtende Phänomen ist jedoch nicht die Laune des Zufalls, sondern die Folge politischen Versagens. Jenes Buch, das Gegenstand der folgenden Schrift ist, hat bereits die theoretischen und ideologischen Pfosten in den Boden gerammt, ehe der ängstliche Geist, dem die Zukunft verhasst und die Völker verekelt sind, zum politischen Akteur avancierte. Dieses Buch steckt nunmehr wie ein Pfahl im Fleisch. Die Nationalkonservativen schlürfen das aus dem Fleisch zerrinnende Blut – es ist ihr Elixier. Um die erste Teilfrage zu beantworten: Das Buch liest sich wie ein ausführliches Grundsatzprogramm des Nationalkonservatismus bzw. wie die ideologische Basis der AfD. Die Idee beginnt Materie zu werden. Das Buch beginnt sich in der politischen Praxis zu ‚realisieren‘. Um damit auf die zweite Teilfrage zu antworten: eben jener Nationalkonservatismus, dessen Themen Europa und der Flüchtling sind, greifen die Flüchtlingsfrage negativ, d.h. verneinend, auf. Das ist kein Kunststück. Davon lebt politische Opposition. Eine Negation des Bestehenden ist nicht zwingend falsch. Im Gegenteil: die Negation des Bestehenden ist unerlässliche Voraussetzung des Neuen, insofern die Negation progressiven Charakter hat. Der Nationalkonservatismus macht jedoch eben an dieser Stelle sein Verständnis von Zukunft, Fortschritt und Geschichte offenbar. Hier liegt sein Kunststück: die Negation durch den Nationalkonservatismus ist regressiv. Ihre Verneinung hat ausschließlich regressiven Charakter, aus dem sich protektionistische Forderungen artikulieren. Sie sagen „Nein!“ zu Europa, und ziehen irrationale Schranken hoch, um die „Nation“ zu schützen; sie sagen „Nein!“ zum Ausländer, und ziehen irrationale Schranken hoch, um die „Nation“ zu schützen; sie sagen „Nein!“ zu Flüchtlingen, und ziehen irrationale Schranken hoch, um die „Nation“ zu schützen. Ihr regressives „Nein!“ ist eine rückläufige Mystifikation und diese Mystifikation, die ihnen in der Kürze ihrer Existenz politischen Erfolg bescherte und die den freien Gedanken der Vernunft mit Rassismus zu ersetzen versucht, will die folgende Schrift in ihrem Keim, nämlich bei ihrem geistigen Vater, entlarven. Der geistige Vater des deutschen Nationalkonservatismus gegenwärtiger Abart ist Thilo Sarrazin.
Ich möchte schließlich darauf hinweisen, dass die Schrift in sechs Teilen publiziert wird, da wir und ich uns damit erhoffen, dass sie auch gelesen wird. Denn das geschriebene Wort will gelesen werden. Wer die umfassende Gesamtschrift sofort lesen möchte, die oder der kann uns unter nous@freenet.de kontaktieren.

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Von Priska Engelhardt

Es gibt solche Bücher, die den Geist der Zeit wiedergeben und wiederum solche Bücher, die der Zeit einen Geist aufzugeben versuchen.
Unser Autor hat es geschafft ein Buch zu verfassen, das eine Mischung aus beidem ist. Er hat also ein politisch motiviertes Buch verfasst.

Wir wollen mit der folgenden Schrift nicht die Gewissenhaftigkeit des Autors in Frage stellen, mit der er seine Zahlen ermittelt hat. Dies überlassen wir jenen, die aus demselben hochmütigen Fach wie unser Autor stammen und mit Zahlen zu jonglieren, aber heutzutage durch Zahlen nicht mehr zu denken wissen. Diese Schrift fragt nach der Gewissenhaftigkeit intellektueller Arbeit und des intellektuellen Standes hierzulande. Schließlich handelt es sich um ein Buch, dass nach Media Control zu den meistverkauften Sachbüchern in gebundener Form (Hardcover) seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland gehört (Stand Januar 2012: 1,5 Millionen verkaufte Exemplare innerhalb von 2 Jahren). Unser Autor hat ein erfolgreiches Buch geschrieben!
Dies ist nicht nur bemerkenswert hinsichtlich dessen, dass unser Autor bei einem Stückpreis von 22,99 Euro (jetziger Preis) ein Vermögen gemacht haben dürfte, das ihm im Alter ein bequemes und wohlständiges Leben beschert, es ist vor allem hinsichtlich dessen bemerkenswert, dass das Buch ein Ausschnitt des intellektuelle Niveaus beachtlicher, wohlsituierter Kreise und des Selbstverständnisses bürgerlicher Eliten aufzeigt, der niederträchtiger und ärmlicher nicht sein dürfte.
Es ist ungeheuerlich, dass in knapp 60 Jahren der bundesrepublikanischen Geschichte Deutschlands, kaum ein erfolgreicheres Sachbuch vertrieben wurde. Dass das Buch dahingehend nicht nur in den von eingestellten, ausländischen Putzfrauen gereinigten Glasvitrinen von bürgerlichen Kreisen einen besonderen Platz erhalten hat, sondern, dass das Buch eine Kontinuität seit dessen Erscheinen im Jahre 2010 bis heute aufweist, macht es zu einem relevanten Buch, dessen wir uns anzunehmen genötigt sehen.
Im politischen Kampf hat das Buch bereits Exponenten gefunden. 2012 wurde die Alternative für Deutschland (AfD) unter Führung des von der CDU entarteten Wirtschaftsprofessors Bernd Lucke aus der Alternativlosigkeit à la Merkel gegründet. Seit einigen Monaten skandieren bundesweit in deutschen Städten nostalgische, patriotische Europäer, die dem Grunde nach ein deutsches Abbild dessen sind, dass in Europa der Nationalkonservatismus wieder in Mode gekommen zu sein scheint. Die Wirtschaftskrise 2008 hat auch seine ängstlichen Kinder geboren! Über sie wird im politischen Mainstream oft bemerkt, man müsse sie verstehen, die „Ängste der Bürger ernst nehmen“. Nun, wir wollen sie verstehen, indem wir ihren geistigen Führer und theoretischen Apologeten verstehen, der sie rechtfertigt und legitimiert, in dem was sie glauben und fordern.
Um ein Missverständnis beiseite zu räumen: Nein, unser Autor ist aber kein Nazi! Unser Autor ist allenfalls ein ängstlicher Kleingeist, der sich traumatisch in die Arme des deutschen Nationalkonservatismus wirft, um seine Angst vor der Zukunft zu verbergen. Insofern ist unser Autor Chefideologe des gegenwärtigen, rechtspopulistischen Nationalkonservatismus in Deutschland!
Wir wollen das Welt- und Menschenbild eines polarisierenden Pseudointellektuellen durchleuchten, der in bildungspriviligierter Gesellschaft als Intellektueller zelebriert wird, weil er ein ca. 400 seitiges Buch verfasst hat, in dem er empirische Forschung, zahlreiche Statistiken, wirtschaftliche Indikatoren, Intelligenzforschung, Eugenik und Dysgenik, Geschichtsphilosophie, die darwinsche Evolutionstheorie, Bevölkerungspolitik, persönliche Ängste, Entrüstungen wie Hoffnungen und endlich eine Zahlenkaskade vor dem Hintergrund ökonomischer Kategorien zusammensetzt, der oberflächlicher und widersprüchlicher nicht sein kann – die Folgen einer neurotischen Hybris!
Unser Autor war nämlich

lange genug Fachökonom, Spitzenbeamter und Politiker (S. 12)

um uns Deutschland zu erklären.
Vor allem ist aber der Hintergrund zu beachten, vor dem unser Autor seine Arbeit betrieben hat: die Wirtschaft. Konkret heißt das: das Prinzip von Rendite und Konkurrenz. Der Mensch wird rücksichtslos zur ökonomischen Kategorie degradiert und anhand seines Nutzwertes bemessen. Unser Autor spricht von der

Qualität des Humankapitals (S. 69)

Doch diese Eigentümlichkeit – dem Menschen seine Qualität als Mensch abzusprechen, um dem Menschen eine Qualität als Menschen-Kapital zuzusprechen und ihn damit zum bloßen Ding seiner Schöpfung zu diskreditieren – ist nicht zwingend dem Stumpfsinn unseres Autors zuzurechnen. Es ist vielmehr die Eigentümlichkeit der verstumpften modernen Technologie- und Industriegesellschaft, die nach der Gesetzlosigkeit des Geldes als nach der Gesetzmäßigkeit des Menschen organisiert und bestimmt wird. (Denn was erforscht die heutige Wirtschaftswissenschaft sonst, wenn nicht die Nutzenmaximierung des Marktes, also die Profitmaximierung des Geldes!) Insofern ist unser Autor ein Stück weit entlastet, wenn er auch als Agent einer irrationalen Wirtschaftslehre zu fungieren versucht, die den Menschen zu einer Ware entwürdigt.
Doch der Hochmut der bestehenden Wirtschaftslehre ist nichts Neues! Sie tut interdisziplinär und universalwissenschaftlich, worin sich unser Autor übrigens sehr eifrig bemüht, und bestimmt das Denken der heutigen Intelligenz, den Alltag der Menschen und das Treiben der Völker. Nachdem der jenseitige Gott als die Illusion einer geistlosen Phantasie entlarvt wurde, hat sich die moderne Technologie- und Industriegesellschaft einen diesseitigen Gott im Geld geschaffen, dessen Paradigma „Wachstum“ um der Armut des entleerten Menschen Willen lautet. Das Leben ist der Grenznutzen, die Humanität die Grenzkosten. Der Ökonomismus ist die neue Eschatologie! Die Finanzspezialisten sind die neue Priesterschaft!
Unser Autor analysiert demnach die Leistungsfähigkeit des deutschen Humankapitals, um die Zukunftsfähigkeit Deutschlands im weltweiten Krieg im Frieden zu prognostizieren:

Gelingt es uns, in Deutschland dauerhaft genügend Intelligenz, Fleiß und Einsatzfreude (auf Neudeutsch Human Ressource (vom Autor)) zu mobilisieren, um das erreichte Niveau zu halten, im weltweiten Wettbewerb zu verteidigen und fortzuentwickeln? (S. 23)

Da haben wir die Perversion unserer ganzen Ökonomie; der Mensch als Human Ressource. Das auszusprechen ist die bequeme Wahrheit einer menschenverachtenden Ideologie, aber sie ist zugleich eine unbequeme Wahrheit für den menschenliebenden Kampf. Für unseren Autor sind jene Wahrheitssätze Psalmen, mit denen er sich erbaut. Für den, der das Leben liebt, sind es Lügensätze, die einer Kritik unterworfen gehören, um sie zu vernichten.
Doch kommen wir langsam zum Werk unseres Autors. Unser Autor hatte uns viel zu sagen gehabt. Wir als seine frommen Schutzbefohlenen sind jedem Wort und jedem Zeichen eifrig nachgegangen, um entwirren zu können, womit uns die wirren Gedanken unseres Patrons zu verwirren versuchten. Schwer war es nicht, nur müßig! Doch niemand hat behauptet – auch unser aufrechter, volksnaher Autor nicht, dessen deutsches Blut durch seine deutschen Adern in sein deutsches Herz im 21. Jahrhundert zusammenströmt –, dass es ein Interessantes wird. Schließlich, so auch das Versprechen unseres Autors, haben wir die Realität erhascht. Wir wurden erleuchtet. Wir haben das Funktionieren der Welt im Allgemeinen und das Treiben in Deutschland im Konkreten gelernt. Doch damit nicht genug, wir haben auch die Dysfunktionen und die aus ihnen entstehenden nachteiligen Konsequenzen für die Gegenwart und für die nächsten 100 Jahre des Produktionsstandorts Deutschland kennengelernt, die das deutsche Schicksal, namentlich die bürgerliche Elite, endgültig besiegeln soll. Doch auch damit nicht genug – unser begrenzter Autor schafft es nämlich seine Begrenztheit bis zur Partikularität zu begrenzen – wir haben die Verantwortlichen der bestehenden und wachsenden Dysfunktionen kennengelernt und wissen, was zu tun ist. Unser Autor ist ein stolzer Ritter der Anomalie und posaunt stolz heraus: Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewusst.

***

Nun denn! Lassen wir unseren Autor zu Wort kommen und seine Absicht aussprechen.

Über die schiere Abnahme der Bevölkerung hinaus gefährdet vor allem die kontinuierliche Zunahme der weniger Stabilen, weniger Intelligenten und weniger Tüchtigen die Zukunft Deutschlands. Dass das so ist, weshalb das so ist, und was man dagegen tun kann – davon handelt dieses Buch. (S. 11)

Unser Autor spricht vom demografischen Wandel und stellt gleichzeitig fest, dass die Instabilen, die Dummen und die Faulen die Zukunft Deutschlands gefährden (es sind immer dieselben!), wobei fragwürdig ist, wen genau unser Autor mit Instabilen meint. Handelt es sich um Geistesgestörte? Oder um Unnormale, gar Verrückte? Um Psychopathen?
Wenn man vorsichtig darunter jene versteht, die nicht rigide den gesellschaftlichen Konventionen und Normen gemäß ihr Leben gestalten, dann hätten es wohl alle großen Romanfiguren der Literatur, samt Künstler jedweder Couleur und alle Geister des Fortschritts schwer in Deutschland zu leben. Denn sie sind alle in gewisser Weise ‚instabil‘ und gerade jene Figuren und Künstler üben auf den Zeitgeist einen besonders progressiven Reiz aus, die instabil sind, da sie den Zeitgeist, in dem sie leben, in Frage stellen, um einer neuen Zeit zuzuwinken. Aus dem ist eigentlich nur zu schließen, dass unser Autor im Umkehrschluss den Gefügigen und Gehorsamen, also den Konformismus will. Dahingehend gibt unser Autor sogar ein idealtypisches Beispiel, um uns zu illustrieren, wie jeder sein sollte.
Da unser Autor sich nämlich vorgenommen hat, zu erklären, „dass das so ist, weshalb das so ist und was man dagegen tun kann“, spricht er sich implizit ein Lob aus. Ein Narzisst! Wenn er vorgibt, die Misere Deutschlands erklären zu können und diese Misere, neben dem demografischen Wandel, auf die Zunahme von Instabilen, Dummen und Faulen zurückzuführen sei, dann heißt das, dass unser Autor von sich behauptet, stabil, intelligent und tüchtig zu sein. Unser Autor ist sich ein Idealtypus. Er schreibt ein Buch nach seinem Beispiel. Ein Lob des Elitarismus, ein Affront gegen den minderwertigen Teil der Bevölkerung!
Seinen Narzissmus untermalt unser Autor mit seinen idyllischen Kindheitstraumata, von denen er uns offenherzig berichtet und aus denen er eine Lebensweisheit zu ziehen weiß.

Oft frage ich mich, wo ich jetzt wäre, wenn ich statt mit Grimms Märchen, „Tausendundeine Nacht“ und der „Illustrierten Weltgeschichte“, die prägenden Kindheitsjahre mit dem Computerspiel „World of Warcraft“ verbracht hätte. Niemand kann das wissen. (S. 194)

Allerdings! Das kann niemand wissen, aber nach den Worten unseres Autors zufolge, wäre uns dann gewiss sein erfolgreiches Buch erspart geblieben.
Wie will der Herr Finanzökonom denn in seiner Arbeit vorgehen?

Ich stütze mich in meinen Ausführungen auf empirische Erhebungen, argumentiere aber direkt und schnörkellos … die Ergebnisse sind anstößig genug. (S. 11)

Unser Autor ist ein kühner Analytiker, mit der Tollkühnheit der Börse ausgestattet. Er stützt sich auf empirische Erhebungen, also auf Evaluation und Statistik, d.h. auf quantitative Messungen und quantitative Informationen, kurz, auf Zahlen.
Der Empirismus ist ein respektables Instrument, um die Wirklichkeit zu verstehen. Deswegen ist heute jeder glaubwürdig, der sich auf empirische Erhebungen beruft. Deswegen sind in fast allen gegenwärtig erfolgreichen Sachbüchern (sog. Bestsellern, also Meistverkauften) zahlreiche Diagramme, Tabellen und Skalen zu finden. Das macht integre. Dadurch gewinnt man Menschen für sich. Aber Statistik ist nicht gleich Empirismus und Empirismus nicht gleich Statistik. Letztlich ist der Empirismus, vereinfacht formuliert, der erkenntnistheoretische Standpunkt, der durch die Gesamtheit der sinnlichen Wahrnehmung der Welt Sinneserfahrungen schöpft und diese als Erkenntnisquelle nutzt. Die Perzeption ist die erste Quelle menschlichen Wissens.
Das Problem des heutigen Empirismus ist aber (das verdeutlicht das Wort „Erhebungen“), dass er, im Hinblick auf den Menschen und seine Welt, den Mensch quantifiziert und zu einer handhabbaren Zahl nivelliert, ohne die Komplexität des Menschen zu berücksichtigen, die hinter einer Zahl steckt, also ohne den sinnlichen, wahren Menschen, so wie er leibt und lebt, zu berücksichtigen. Der lebende Mensch wird zu Gunsten eines numerischen Menschen quantifiziert und mithin ausgeblendet. Der Empirismus wird ausschließlich mathematisch definiert, um sich das Etikett des ‚Intellektuellen‘ aufsetzen zu können. Dabei ist der Empirismus weit mehr als eine wertfreie Zahl. Sie ist vor allem Sinnlichkeit. Doch das interessiert angesichts der positiv-wissenschaftlichen Mathematik nicht, deren numerische Struktur wir in der Natur als die ‚geistige Struktur der Natur‘ begreifen, um geistige Thesen pseudomaterialistisch rechtfertigen zu können. Am Ende spricht man von gewissenhafter Arbeit auf der Basis materialistischer Komparation, obwohl die Arbeit auf idealistischen Axiomen, also auf der Bodenlosigkeit bzw. auf einem imaginierten Boden, gegründet ist. Das entwertet, neben dem Empirismus, auch die Mathematik selbst. Sie wird, jenseits seines Faches, zu einem willkürlichen Legitimationsmittel sonstiger Geisteswissenschaften, um jenen Geisteswissenschaften Naturgesetze, notwendige Gesetze zu implementieren. (Vorzügliches Beispiel: die heutige Wirtschaftslehre, die sich wie die Naturwissenschaft des Menschen verhält, obwohl sie die Wissenschaft des Profits und damit die Wissenschaft des reinen Egoismus ist.) Der Pseudointellektuelle ist ein Spezialist, der wahre Intellektuelle ist aber ein Universalist. Doch in modernen Universitäten wird die isolierte Spezifikation gelehrt, nicht die kohärente Universalität der Wissenschaften. Dabei ist die Welt – und die Absicht einer jeden Wissenschaft ist es die reale Welt besser verstehen zu können, ihrer Realität näher rücken zu können – eine einzige Kohärenz, eine totale Universalität; nicht eine steril in Modellen segmentierte Collage. Das beste Modell für eine Katze ist eine Katze. (Norbert Wiener)
Wir leben jedoch in einer Zeit, in der man mit Zahlen alles auszudrücken vorgibt, damit einem geglaubt wird, ohne aber die qualitativen Zusammenhänge erklären zu müssen. Demnach findet man immer Zahlen für das, was man erklären will, aber kaum Erklärungen für das, was die Zahlen ausdrücken – also für die eigentliche intellektuelle Arbeit, die Zusammenhänge. Nicht wir denken durch die Zahlen, sondern die Zahlen denken durch uns. Der Irrtum liegt aber darin, dass empirische, d.h. numerische „Erhebungen“ uns nicht ersparen, zu denken, sodass sie uns als positive Auswertung erscheinen, aber keineswegs ihre eigenen wesentlichen Ursachen anzeigen.
Zudem erschöpft sich der Empirismus in der Sinneswahrnehmung der Welt durch das Subjekt; wie oben erwähnt. Dies bedeutet jedoch, dass er rein positivistisch ausgerichtet ist. Das Objekt des Empirismus, sein Gegenstück, ist der Positivismus; er nimmt wahr, was ihm positiv erscheint und fasst das ihm durch seine Sinne Erscheinende zusammen zu Sinnesdaten. In der Folge nimmt der reine Empiriker eine fragmentarische Welt wahr, in der er die Welt abschnittsweise begreift, sodass ihm die Welt als die Summe der empirisch wahrgenommenen Einzelnheiten erscheint, wo doch die Wahrheiten der Welt in seiner Ganzheit schlummern. Denn alles in einer Welt sich durch Sinnesdaten beim Subjekt Manifestierende ist die konkrete Erscheinung eines konkreten Gesamtkausalzusammenhangs, also die konkrete Manifestation einer organischen Totalität. Beispielsweise gilt dem reinen Empiriker die Zimmertür als eine Tür mit entsprechender, sinnlich wahrnehmbarer, empirischer Beschaffenheit (Sie besteht aus x, y, z … ), ohne dass er jedoch jene Frage artikuliert, warum die Zimmertür seinen Platz in jenem bestimmten Zimmer gefunden hat. Ihn interessiert nicht die Grund-, sondern die Endfrage. Die Grundhaltung des reinen Empirikers ist nämlich der Skeptizismus. Der reine Empiriker hat Angst vor Wahrheiten und schafft sich nach Belieben seine eigenen Wahrheiten. Er ist ein Destruent. Demnach irrt der reine, oberflächliche Empiriker im Dickicht der Trugbilder. Er sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Seine Wahrheit ist die partikulare Erscheinung, ohne nach dessen Ursache zu fragen, und nicht der totale Zusammenhang, der auf die Ursache einer Erscheinung verweist. Er studiert den Baum und weiß nicht, dass er sich im Wald befindet.
Insofern ist generell festzuhalten: der reine Empirismus hat sein Urteil bereits im Vorfeld gefällt, obzwar er vorgibt induktiv zu sein. Denn man erfährt nur das, was man erfährt bzw. erfahren will. Man riecht, was man riechen will. Man schmeckt, was man schmecken will. Man nimmt in die Hand, was man in die Hand nehmen will. Der reine Empiriker ist ein Bündel voller Vorurteile. Er denkt nicht. Er nimmt wahr. Er ist für sich ein unorganisches Denken.
Wie dem auch sei, der Autor baut sich auf. Er schafft sich ein normatives Gesellschaftsbild durch empirische Fluktuation. Unser Autor wird mithin mit aller Vorsicht geschichtsphilosophisch.

Wer bestehende historische Tatsachen beklagt und verändern will, sollte sich geschichtsphilosophisch ein wenig selbst vergewissern. (S. 20)

Nachdem unser Autor bekundet hat, dass er „schnörkellos“ argumentiert, also frei von unnötigen Sentimentalitäten, verwundert es, dass er jedem Kapitel Verse oder Psalmen voranstellt. Wir sehen darüber hinweg. Bezeichnend ist aber, dass es sich – wie soll es auch anders im hochgelobten deutschen Geist sein – um Verse von Goethe und Schiller und darüber hinaus um biblische Psalmen handelt. Wer Goethe, Schiller und biblische Psalmen in einem Buch zusammenfasst, der lässt das deutsche Herz höher schlagen!
Nach der zusammen gewürfelten Einleitung zahlreicher Thesen beginnt unser Autor sein Debüt, indem er die Spuren der Geschichte in knappen 7 Seiten(!) aufsucht, um neue Thesen, diesmal historische Thesen in den übrigen vier Seiten(!) zu errichten. Er laboriert also mit Hypothesen. Dabei geht es ihm ausschließlich um den Wohlstand und den Wettbewerb der Nationen. Uns wird deutlich, dass die Welt unseres Autors eine auf Wettbewerbsvorteile getrimmte, hierarchisch strukturierte Welt ist. Die Welthierarchie und die Gewaltverhältnisse finden demnach seine besonderen Spezifikationen in den

speziellen Mentalitäten und Fähigkeiten, die (übrigens) den Entwicklungssprung Europas (ideell Nordamerika eingeschlossen) verursacht haben, (und) ihrerseits jetzt beeinflusst werden durch die besonderen Rahmenbedingungen, die durch Wohlstand und Sozialstaat entstanden sind. (S. 32)

Unser Autor stellt sich also auf den Standpunkt, dass die „Mentalitäten und Fähigkeiten“ Dauer und Wohlstand eines Volkes schaffen. Wenn er dann davon ausgeht, dass der Westen dadurch seinen „Entwicklungssprung“ habe, dann geht er von der rassischen Überlegenheit der eigenen Gruppe bzw. des eigenen Volkes aus. Wiederum räumt er aber ein, dass die „Rahmenbedingungen“ in wechselwirkender Weise konstitutiv auf die Variabilität der „Mentalitäten und Fähigkeiten“ einwirken. Im Falle Europas und Nordamerikas gesteht er damit entweder ein, dass die „Mentalitäten und Fähigkeiten“ Europas und Nordamerikas biologisch höherwertiger sind, oder, dass die „Rahmenbedingungen“, die die „Mentalitäten und Fähigkeiten“ hervorrufen, höherwertig sind, oder, dass beides zugleich zusammenfällt. Beim letzten Fall handelt es sich um die auserkorenen Götter des Olymps! Es handelt sich um Chauvinismus! Angesichts dessen, das die verheerenden Kriege von Europa ausgingen und auf Europa stattfanden, muss es sich zwingend um kriegerische Mentalitäten und Fähigkeiten handeln, deren sich unser Autor rühmt, da durch ihnen der „Entwicklungssprung“ stetig die wirtschaftliche Speerspitze der Moderne zeigt.
Aber im Grunde genommen will unser Autor darauf hinweisen, dass, trotzdem die Menschheitsgeschichte „kaum“ beeinflussbar sei, man dennoch durch die Allokation der Rahmenbedingungen konstitutiv auf die Gesellschaft einwirken und demnach „Mentalitäten und Fähigkeiten“ steuern kann.

Die Gesellschaft ist sich selbst Objekt und kann durch die Rahmenbedingungen, die sie sich selbst setzt, ihre Gestalt verändern (S. 34)

Wie scharfsinnig!
Aber, war dieser Hinweis wirklich nötig? Allerdings! Denn dadurch untermauert er mit einer negativen Hypothese, die Richtigkeit seiner These. Starke Argumentation! Wie begründet nun unser Autor seinen rudimentären, geschichtsphilosophischen Standpunkt, auf dem er sein rat race postuliert?

Wäre dies nicht so, dann wären alle menschlichen Gesellschaften wie die verschiedenen Schimpansenstämme im Urwald noch auf demselben Entwicklungsniveau, nämlich auf dem des afrikanischen Buschs. (S. 34)

Wie schwachsinnig!
Unser schnörkelloser Autor ergießt sich in seinen Entrüstungen über die Primitivität des „afrikanischen Busches“. Seine Leidenschaft macht ihn fahrlässig, denn er lässt sich für einen Augenblick gehen. Ist er wirklich „direkt und schnörkellos“, so hätte er vom „Neger“ sprechen müssen. Denn vom „afrikanischen Busch“ haben die Weißen gesprochen, wenn sie den „Neger“ meinten. Das ist die geschichtsphilosophische Kategorie unseres Autors, mit der er die unterentwickelten Völker bezeichnet: der „afrikanische Busch“! Was ist mit den germanischen Neandertalern oder barbarischen Wikingern, oder anderen mitteleuropäischen Heiden? Aber:

Alle Untersuchungen (welche Untersuchungen?) zeigen, dass Volkswirtschaften, Gesellschaften und Staaten umso erfolgreicher sind, je fleißiger, gebildeter, unternehmerischer und intelligenter eine Bevölkerung ist. Deutschland stand auf der Erfolgsleiter immer ziemlich weit oben. (S. 34)

Unser Autor ist aufrichtig mit seiner rassistischen Rhetorik. Der „Neger“ hat die Nutzanwendung und den Nutzwert des Geldes, aber zuvorderst das Schwert zu spät für sich entdeckt. Doch schließlich kann er nichts dafür. Die „Mentalitäten und Fähigkeiten“ der Europäer waren ihm voraus. Die kriegerische Ausbeutungspraxis des Europäers hat den friedvollen afrikanischen Buschbewohner zermalmt. Über die mit der Neuzeit einbrechende Möglichkeit des Kolonialismus (Christopher Kolumbus, 15 Jhd.), welche nach 3 Jahrhunderten zum System wurde. und die dadurch geschaffene Überkapazität an Ressourcen und sklavischer, unentgeltlicher Arbeitskraft wird nichts erwähnt – die historische Überlegenheit des Europäers. Doch unser Autor hat ein Problem mit sich: Unser Autor schweigt, das bedeutet, er verschweigt es sich. Das ist leicht, das ist rassistische Geschichtsphilosophie. An dieser Stelle muss der Buchtitel umgeschrieben werden in: Der Europäer hat den Afrikaner abgeschafft.
Unser Autor war bestrebt uns „anstößige Ergebnisse“ zu präsentieren. Er präsentiert uns aber sein anstößiges Denken.
Dem „historischen Ausflug“ folgt ein futuristischer Ausflug. Auch hier wird Deutschland und die Welt unter ökonomischen Kategorien im Hinblick auf Krieg im Frieden subsumiert.
Dann folgt endlich kein „Ausflug“ mehr. Unser Autor begibt sich in die Gegenwart und zieht ihr abermals die ökonomische Schablone auf („Ökonomisch“ bedeutet bis zum hiesigen und im folgenden Kontext natürlich Konkurrenz und Profitmaximierung, kurz, Krieg im Frieden).

Letztlich beruhen unsere Wettbewerbsstärken vor allem auf dem Ausbildungsgrad, den Ideen, den Fertigkeiten, dem Fleiß und der Motivation der Menschen in unserem Land. Denn wir müssen ständig neue Produkte und Dienstleistungen (er meint also, Arbeitsprodukte!) auf den Markt bringen  (S. 52)

Und zum Werk unserer Heiligkeit:

Eine funktionierende arbeitsteilige Volkswirtschaft ist eine komplexe Maschinerie. (S. 52)

Dann folgt, dass insbesondere Deutschland keinen anderen auszubeutenden Rohstoff hat, aus dem sich eine Wettbewerbsstärke generieren lassen würde, als endlich den Rohstoff Intelligenz, also den Rohstoff Mensch. Schließlich war und ist Deutschland nicht mehr das Land der Dichter und Denker. Dahingehend differenziert unser Autor jedoch, dass es die einen, anderen Fächer und die sog. MINT-Fächer gäbe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik).
Zurück zur Wettbewerbsstärke und dem Rohstoff „Intelligenz“, lassen sich Wettbewerbsvorteile nur durch Innovationen erreichen, denn mit einer Innovation geht ein technischer Fortschritt einher, mit dessen „nationaler“ Monopolisierung Deutschland sich im Wettbewerb behaupten könne. Hier schließt unser Autor den Kreis und macht die sog. MINT-Fächer verantwortlich für den technischen Fortschritt eines Landes.
So weit, so gut!
In Deutschland prognostiziert unser Autor aber die erschütternde Spekulation, dass, sowohl nach OECD-Studien als auch der PISA-Studien, die Hochschulabsolventen der MINT-Fächer in Deutschland nicht einmal den Durchschnitt erreichen und dieser Wert – jetzt vermischt sich die Angst vor dem Internationalismus unseres Autors mit seinen Zahlen – zukünftig fallen wird. In concreto bedeute dies: der Abgang Deutschlands auf dem Weltmaßstab der Exzellenz. Der Elitarismus benebelt jeden Gedanken unseres Autors. Kein Wunder, er zählt sich schließlich selbst zur Elite, auch wenn er das nicht zugeben mag!
Hauptschuldig sei dafür vor allem die „heterogene Gesellschaft“. Das rassische Gespenst nähert sich uns wieder an. „Entscheidend“ für den Abgang Deutschlands sei die Einwanderungspolitik.

Die Einwanderungspolitik der letzten Jahrzehnte hat nicht hat nicht die Leistungsträger fremder Völker angelockt, sondern vornehmlich Landbewohner aus eher archaischen Gesellschaften, die in ihren Heimatländern am unteren Ende der sozialen Rangskala wie auch der Bildungsskala angesiedelt sind. (S. 58)

Ha! Da sind die „weniger Stabilen, weniger Tüchtigen und weniger Intelligenten“: die ins Land importierten, ausgeladenen, billigen Waren mit Beinen – die Ausländer! Dieses ethnische Element, welches ein rassisches wird, sobald unser Autor von der Minderwertigkeit bestimmter kultureller „Mentalitäten und Fähigkeiten“ spricht, deren mindere Intelligenz messbar und Dummheit erblich sei, begleitet uns fortwährend im kleingeistigen Denken unseres Autors. Nach Deutschland siedeln vornehmlich „afrikanische Buschbewohner“.

***

Unser Autor unternimmt in den folgenden Seiten vor allem Folgendes, was das Fundament seines ganzen Buches und charakteristisch für den Charakter unseres Autors ist. Er ethnologisiert den Arbeitsmarkt, d.h. er bemisst die Produktivität des Einzelnen durch die ethnischen Merkmale des Einzelnen. Das ethnische Merkmal wird der Koeffizient des deutschen Humankapitals. Dabei subsumiert er die Intelligenz des Einzelnen unter das ethnische Merkmal. Im Umkehrschluss schließt er, dass bestimmte Ethnien bestimmte Intelligenz aufweisen und, da nach Deutschland überwiegend „afrikanische Buschbewohner“ siedeln, „die Qualität des Humankapitals“ an Qualität verlieren würde. Deutschland wird leistungsunfähiger. Die Attraktivität Deutschlands als Produktionsstandort leidet. Der deutsche Wohlstand ist gefährdet. Spezifische Ausländer (auf die wir unten zu sprechen kommen) und die „Unterschichten“ sind verantwortlich. Sie sind schuld. Bevölkerungspolitik!
Um diese Kausalität wahrhaftig und folgerichtig erscheinen zu lassen, lässt unser Autor nichts unversucht. Dafür greift er sogar, unser Herr Finanzökonom (Schade, nicht einmal Ökonom, sondern Finanzspezialist!) die Eugenik und Dysgenik auf. Da unser elitärer Autor uns dahingehend keine Aufschlüsse gibt, vom Wissen desselben beim Leser ausgeht, müssen wir uns anderen Quellen bedienen, bevor wir zu der Intelligenzthese unseres Autors übergehen. Wir greifen, wenn auch oberflächlich, auf Wikipedia zurück, was angesichts der Oberflächlichkeit unseres Autors nicht schädlich sein dürfte. Dort heißt es:

Eugenik (von altgriechisch eu ‚gut‘ und genos ‚Geschlecht‘) oder Eugenetik bezeichnet seit 1883 die Anwendung theoretischer Konzepte auf die Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik mit dem Ziel, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern (positive Eugenik) und den negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern (negative Eugenik). (Quelle Wikipedia)

Verstanden! Was heißt Dysgenik?

Dysgenik (engl. dysgenics) ist die Lehre von der Akkumulierung und Verbreitung von mangelhaften Genen und Eigenschaften in einer PopulationRasse oder Art. … Dabei wird unter passiver Dysgenik die Unterlassung eugenischer Maßnahmen verstanden, unter aktiver Dysgenik die bewusste Vermehrung von Menschen mit normabweichenden Genvarianten. (Quelle Wikipedia)

Verstanden! Klingt nach dem letzten Jahrhundert – Nach sozialdarwinistischer Auslegung der Volksgesundheit.
Eugenik und Dysgenik ist folglich die Lehre von Rassenhygiene, Blutreinheit und Holocaust! Doch unser Autor ist nicht nur ein wirtschaftsliberaler, rassistischer Nationalkonservativer und der Chefideologe derselben Kaste, nein, er ist sogar ein Evolutionsbiologe!
Unser Autor sagt, und das sagt er betonend so mindestens einmal in jedem Kapitel und Abschnitt (Es scheint das Schmuckstück seines erfolgreichen Buches zu sein):

Intelligenz ist aber zu 50 bis 80 Prozent erblich. (u.a. S. 91)

Er ergänzt süffisant:

Deshalb bedeutet ein schichtabhängig unterschiedliches generatives Verhalten leider auch, dass sich das vererbte intellektuelle Potential der Bevölkerung kontinuierlich verdünnt. Dieser qualitative Effekt wirkt sich langfristig entscheidend auf die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft aus. (S. 92)

Nach ökonomischen wild-west Kategorien bedeutet das:

Damit verschärft sich das Problem, dass am unteren Ende der Begabungs- und Qualifikationspyramide die Nachfrage und am oberen Ende das Angebot zu gering ist. (S. 92)

Nun fügt unser kleinsichtiger Autor dem historisch-institutionelle Entwicklungen hinzu, um sein Horrorszenario dysgenisch abzurunden:

Drängend wurde das Problem (Oh, ein Problem sogar!) mit dem Aufkommen der Industriegesellschaft und der Herausbildung des modernen Sozialstaates, weil dadurch jahrtausendealte Selektionsmuster außer Kraft gesetzt wurden. (S. 92)

Das ist gewaltig! Der Sozialstaat unterbricht den natürlichen Gang der Natur und kehrt ihn gar um, von der berühmten Formel „Survival of the fittest!“ in Survival of the lowest! Ein Glanzakt unseres Autors! Es scheint, unser Autor trachtet insgeheim nach einem Nobelpreis.
Doch, wird man fragen, wie kommt unserer Autor auf die Eugenik und Dysgenik.

Seit Charles Darwin 1859 sein Werk „Die Entstehung der Arten“ veröffentlicht hat und Johann Gregor Mendel 1865 seinen Aufsatz „Versuche über Pflanzenhybriden“, ist klar (sonnenklar!), dass sich die belebte Natur – und damit auch der Mensch – grundsätzlich über Selektionsmechanismen und die Vererbung von Eigenschaften weiterentwickelt. Zu den vererblichen Eigenschaften gehören auch die Fähigkeiten des Gehirns. (S. 92)

Das heißt, „afrikanischer Buschbewohner“ bleibt immer so klug wie der „afrikanische Buschbewohner“.  Ein weiterer Glanzakt!
Unser Finanzspezialist hat sich derweil zum brillanten Evolutionstheoretiker emporgeschwungen, indem er ohne weiteres, ohne das Verhältnis Mensch-Natur zu durchleuchten, Charles Darwin und Johann Mendel ergänzt.

… ist klar, dass sich die belebte Natur – und damit auch(!) der Mensch – grundsätzlich über Selektionsmechanismen und die Vererbung von Eigenschaften weiterentwickelt. Zu den vererblichen Eigenschaften gehören auch(!) die Fähigkeiten des Gehirns. (S. 92)

Dies rundet unser Autor mit seinen kategorischen Imperativen ab.

Die Schichtabhängigkeit des generativen Verhaltens in Deutschland ist als stabiler Trend empirisch belegt (Fußnote nicht enthalten!), belegt ist auch, dass zwischen Schichtzugehörigkeit und Intelligenzleistung ein recht enger Zusammenhang besteht (Fußnote nicht enthalten, aber nachvollziehbar!). Unter seriösen Wissenschaftlern besteht heute zudem kein Zweifel mehr, dass die menschliche Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent erblich ist (Fußnote enthalten!). Der Umstand, dass bei unterschiedlicher Fruchtbarkeit von Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher Intelligenz eugenische oder dysgenische Effekte auftreten können, wird daher nicht mehr grundsätzlich bestritten. (Fußnote enthalten!) (S. 93)

Behauptungen auf Behauptungen, die nicht unerschütterlicher scheinen können, wie ein Fels in der Brandung, der jedem Wellenschlag zäh trotzt.
In den enthaltenen Fußnoten beruft sich unser Autor auf jeweils einen Professor, die selbst den Eindruck machen, sich für elitäre Intelligenzbestien zu halten. Wie dem auch sei, der Verweis auf jeweils einen Professor: das sind die des unseren Autors „seriösen“ Wissenschaftler, die über „jeden Zweifel“ der Erblichkeit des IQs von anteilig 50 bis 80 Prozent erhaben sind. Alles Unbestreitbar – Natürlich!
Unser Autor beginnt die Befunde „seriöser“ Intelligenzforscher mit seiner Finanzökonomie zu verbinden.

Bei höherer relativer Fruchtbarkeit der weniger Intelligenten sinkt die durchschnittliche Intelligenz der Grundgesamtheit. Das ist in Deutschland gegenwärtig und in der alten Bundesrepublik schon seit längerem der Fall. (S. 99)

Das heißt, Deutschland wird dümmer oder der deutsche Elitarismus schafft sich ab.
Weiter, es wird geradezu spannend:

Die damit einhergehenden Wirkungen beschleunigen sich, wenn die Bestimmungsgründe der Partnerwahl nicht zufallsverteilt(!) sind, sondern sich intelligente Frauen vorzugsweise mit intelligenten Männern verbinden, dümmere Frauen eher mit dümmeren Männern. (S. 99)

Dies sagt unser Autor im Hinblick auf die DDR, wo die Studentinnen relativ früh Kinder bekamen. Doch an sich bedeutet es, dass die Freiheit der Partnerwahl zu Lasten der Intelligenz ist. Unser Autor lässt seine geheime, lüsterne Bevölkerungspolitik durchblicken, die er im letzten Kapitel des Buches mit

Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu spät ist (S. 331)

betitelt.
Die Gedankenspielereien exemplifiziert unser Autor mit den Opfern der nationalsozialistischen Eugenik; der geschichtlich sozialen Isolation europäischer(!) Juden.

Erklärt wird die durchschnittliche höhere Intelligenz der Juden mit dem außerordentlichen Selektionsdruck, dem sie sich im christlichen Abendland ausgesetzt sahen … Die Juden wurden in Handel, Banken und intellektuelle Berufe abgedrängt … Der hohe Rabbi hatte hohe Fortpflanzungschancen, weil er die reiche jüdische Kaufmannstochter heiraten konnte. Eine über Jahrhunderte betriebene Familien- und Heiratspolitik, die dem intellektuellen Element überdurchschnittliche Fortpflanzungschancen gab, führte allmählich zur Ausbildung der überdurchschnittlichen Intelligenz. (S. 95 – 96)

Unser Autor treibt es wahrlich auf die Spitze. Das ist die Perfidie des Assoziationsunvermögens unseres Autors.
Anschließend kommt ein Abschnitt über den Begriff der Armut, wo er auf das Ergebnis kommt –offensichtlich, um den Einwand zu entkräften, dass mindere Intelligenz zuvorderst Folge der sozialen Lage eines Menschen sei –, dass Armut individuellen Ursprungs ist. Trotzdem, dass er in der Einleitung zugesteht, dass „Gesellschaft sich zum Objekt“ machen und sich demnach durch die Änderung der sozialen Rahmenbedingungen verändern kann, zieht sich unser Autor zum Individualismus und der Autonomie des Einzelnen zurück, und negiert (als Ökonom!), dass Armut ein strukturelles Phänomen kapitalorientierter Wirtschaftsfunktionalität ist, worin Reichtum Armut schafft und umgekehrt Armut Reichtum schafft. Armut sei damit die Folge des Selbstverschuldens des Einzelnen. Und Reichtum die Folge des Selbstbewusstsein des Einzelnen. Armut und Reichtum haben demnach kein Verhältnis zueinander. Unser Finanzspezialist impliziert, dass Armut und Reichtum Kategorien unterschiedlicher Gegenstände seien. Jawohl – was soll man auch anderes erwarten von einem Spezialisten, der eins und eins nicht zusammenzählt, um auf zwei zu kommen, sondern eins und eins auseinanderhält, um bei eins zu bleiben!
Denn

Nicht die materielle, sondern die geistige und moralische Armut ist das Problem. (S. 123)

Das Verständnis unseres Autors über den Begriff des >Glücks< ist auch stark ökonomisch geprägt und demnach eine rein ökonomische Größe, gleichzusetzen mit dem bürgerlichen Glück.

Sich durch persönliche und materielle Erfolge von anderen abzusetzen und dies auch nach außen zu zeigen, trägt aber wesentlich dazu bei, dass die Menschen sich glücklich fühlen. (S. 126)

Angesichts dessen, dass unser Autor mit seinem Buch eines der absatzstärksten, erfolgreichsten Sachbücher seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 geschrieben hat, muss unser Autor mächtig glücklich sein.
Dann untermalt er seine Ansichten über Glück und Unglück, Armut und Ungleichheit etc. etc. mit einem ihm widerfahrenen Beispiel, worin er zum Ausdruck bringt, worum es ihm wirklich geht, warum Menschen wirklich „arm“ und „unglücklich“ sind.
Unter „Freiheit und Selbstbestimmung“ auf Seite 126 führt er dann seine bezeichnende Erfahrung an. Im Zusammenhang mit seinem Hartz IV-Menü (Damit wollte unser Autor als Finanzsenator Berlins beweisen, dass man sich mit dem Hartz IV-Beitragssatz gesund und vitaminreich ernähren könne, solange man wolle) wurde er von einer Berliner Boulevardzeitung zu einer Diskussion mit einer Hartz IV-Empfängerin eingeladen. Er

bat um eine seriöse Gesprächspartnerin und sagte zu. (S. 127)

Die junge Frau war 20 Jahre alt, ihr Freund 22, der ebenfalls von Hartz IV lebte. Sie hatte ihr Realschulabschluss gemacht und wollte Maskenbildnerin werden, blieb aber arbeitslos. Dann schlug ihr unser Autor vor, der zuvor die Nachfrage nach Maskenbildnerinnen ökonomisch korrekt ausgerechnet hatte, ob sie nicht lieber eine Ausbildung bei Lidl machen wolle. Dies wollte sie aber nicht. Ihr sei ansonsten langweilig und mit wenig Geld schlichen ihre Tage dahin. Nun, jetzt sind wir an dem Punkt der Reaktion unseres Autors:

Ich war schockiert: Diese gar nicht unintelligente und eigentlich grundvernünftige Frau lebte in der Blüte ihrer Jugend von staatlicher Unterstützung mit ihrem Freund im eigenen Hausstand und schlug die Chance aus, die sich ihr boten … (S. 128)

Und nun der Grund seines Entsetzens:

… weil niemand ein bisschen Druck(!) ausübte und Schwung in ihr Leben brachte. Das geschieht millionenfach in Deutschland, und das ist der Skandal. (S. 128)

So wie unser Autor die europäischen(!) Juden exemplarisch in seiner Intelligenzthese heranzog und daraus ableitete, dass die Bedrängnis den Juden zu höherer Intelligenz verhalf, so ist unser Autor schockiert darüber, dass man unserer Hartz IV- Empfängerin nicht „ein bisschen Druck“ mache. Unser Autor will den Menschen bedrängen, damit der bedrängte Mensch bedrängten Stolz und bedrängtes Selbstbewusstsein habe.

Doch unsere Art, die materielle Armut zu lindern, … rauben den Menschen Stolz und Selbstbewusstsein. (S. 128)

Unser Autor empfiehlt das Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche oder biblisch formuliert: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden. Oder anders formuliert: Gehorche mir und ich werde dir Gutes tun; widersetzt du dich mir, dann wird dir Böses widerfahren. (/Urheber unbekannt/)
Der Schock unseres Autors ist ein Schock für uns.
Nachdem unser Autor den Unterschichten (Gibt es mehrere Unterschichten oder doch nicht nur eine Unterschicht?), den Dummen, den Faulen, den Instabilen, dem Sozialstaat, namentlich der durch ihr garantierten Grundsicherung die Schuld an der aus der Verdummung („dysgenische Wirkungen“) resultierenden Gefährdung des deutschen Wohlstandes  zugeschoben hat, widmet sich unser Autor ausschließlich zu den brisanten Hauptschuldigen der deutschen Wettbewerbsfähigkeit.

Ohne Grundsicherung wäre auch der Familiennachzug geringer gewesen und Deutschland als Asyl halb so attraktiv … Die Grundsicherung hat aber auch eine adverse Wirkung auf die Integrationsbereitschaft der Migranten aus islamischen Ländern: Sie haben mit der Grundsicherung einen aus ihrer Sicht – im Verhältnis zu den Herkunftsländern – beispiellos hohen Lebensstandard. Das befreit sie von der Notwendigkeit, ihren traditionellen Lebensstil zu ändern, sich um Spracherwerb und Arbeit zu bemühen und ihren Frauen mehr abendländische Freiheiten zuzugestehen. So führt ein gerader Weg von der Grundsicherung zu den Parallelgesellschaften der islamischen Migranten. (S.150)

Der Absatz liest sich wie eine „klügere“ Forderung der nationalkonservativen Rechtsbewegung europäischer Patrioten und dergleichen, die sich gegen die „Islamisierung Europas“ wehren.
Seine darauf anschließenden Ausführungen über die Arbeit erinnern an den angelsächsischen Kapitalismus (so wenig Sozialstaat wie nötig, so viel Konkurrenz wie möglich!). Nicht ohne Grund verweist unser Autor notorisch auf die USA, wenn er in Erklärungsnot gerät.

Es ist in erster Linie gar nicht so wichtig, was(!) man arbeitet und was(!) man dafür bekommt. (S. 154)

Prostitution? Menschenhandel? Drogenhandel? Kinderarbeit? Egal!

Zudem ist es immer noch besser, zu einem niedrigen Lohn zu arbeiten als gar nicht zu arbeiten – und zwar für die Volkswirtschaft wie für die Betroffenen. (S. 159)

Lohndumping? Lohndiskriminierung? 1-Euro-Jobber? Die exorbitanten Gewinne der Abschöpfer, des Unternehmertums, und deren Steuerhinterziehungen? Die Zockerei der Banken? Egal!
Billiglöhne sind gut für die Volkswirtschaft!

Entscheidend für das Selbstgefühl und die persönliche Zufriedenheit ist das Bewusstsein, den eigenen Unterhalt und den der Familie bestreiten zu können, und der Zwang(!) zur disziplinierten Lebensführung, der sich aus der regelmäßigen Pflichten und einem durch sie strukturierten Tageslauf ergibt. (S. 154)

Endlich spricht unser Autor „direkt und schnörkellos“. Endlich erklärt er, was er unter „ein bisschen Druck“ versteht. Unser Autor propagiert schlichtweg Zwang zur Arbeit, Zwangsarbeit! Aufgezwungene Arbeit! Entwürdigende Arbeit! Ausbeutung!

Entscheidend für das Selbstgefühl und die persönliche Zufriedenheit ist … der Zwang … (S. 154)

Das Zwangsbewusstsein!
Und diejenige, so unser Autor weiter, die frei von Zwangsarbeit von der Grundsicherung leben, die Überflüssigen, die denken sich:

„Wenn mich sonst niemand braucht, so brauchen mich wenigstens meine Kinder!“ (S. 155)

Unser Autor neigt zu fanatischen Angstzuständen: Denn das bedeutet – wir erinnern uns: „dysgenische Wirkungen“ – die Dummen vermehren sich.
Unser Autor erklärt den Sozialstaat für die Sozialstaat-AG der Unterschicht und der Migranten.

***

Einige Seiten darauf gibt unser Autor Vorschläge, wie man Anreize schaffen könne, die die „Zwangsarbeit“ noch konkreter und intensiver herausfordern würden. Dabei stößt er auf und lobt er das US-amerikanische Prinzip des sog. Workfare-Konzepts.
Dabei ist entscheidend,

dass sie (die geforderter Gegenleistung beim Empfänger im Gegenzug zur Sozialleistung durch den Staat) ausnahmslos eingefordert wird und die Anforderungen in Bezug auf Pünktlichkeit, Disziplin und Arbeitsbereitschaft dem regulären Arbeitsleben möglichst nahe kommen. Wer seinen Pflichten gar nicht nachkommt oder nur unpünktlich und unzuverlässig, dem würde die Grundsicherung gekürzt oder gestrichen. Dies müsste allerdings konsequent und schnell und nach sehr strengen Maßstäben erfolgen. … Ferner würde die Schwarzarbeit durch die Arbeitspflicht erschwert beziehungsweise schon rein zeitlich unmöglich gemacht. Wer Schwarzarbeit dem Transferbezug vorzieht, würde als Leistungsempfänger gestrichen, und das hieße auch, dass er den Anspruch auf die Transferempfänger zustehende gesetzliche Krankenversicherung(!) verwirkt. … Der Arbeitszwang würde allmählich große Teile des informellen Arbeitsmarktes austrocknen und so die kaufkräftige Nachfrage am regulären Markt erhöhen … All diese wohltätigen(!) Wirkungen werden jedoch nur eintreten, wenn der Arbeitszwang(!) konsequent durchgesetzt wird, wobei die wirksamste Sanktion stets der sofortige Transferentzug ist. … Dagegen sollten Fortbildung und Umschulung nicht mehr im Mittelpunkt(!) der Ertüchtigungsbemühungen für Empfänger von Grundsicherung stehen. (S. 183)

Die Zwangsarbeit ist „wohltätig“! Doch was bedeutet dieses von unserem Autor hochgelobte Workfare-Prinzip, das die Unterschicht wohlfeil macht, da

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ (S. 185)

,im praktischen, wirklichen Leben?
Das in USA geltende Workfare-Prinzip soll für die Unterschicht gelten, für jene, die Sozialleistungen beziehen und im Gegenzug aufgefordert werden eine Gegenleistung, Zwangsarbeit zu erbringen. Wenn jedoch für die unproduktive Unterschicht diese Regelung gilt und die Unterschicht in der hierarchisch strukturierten Gesellschaft unten steht, dann gilt alles, was für die Unterschicht gilt, potenziell auch für die Oberschicht, die auf der Unterschicht fußt. Denn Teile der Oberschicht können in die Unterschicht fallen, wie Teile der Unterschicht auf die Oberschicht wandern können. Folglich gilt das Workfare-Prinzip, Unterschicht und Oberschicht zusammengeschlossen, für sämtliche Mitglieder der Gesellschaft, für alle Schichten, mithin für die Gesellschaft als solche. Der zwingende Schluss ist dann der, dass dann die gesamte Gesellschaft unter der Ägide des Workfare-Prinzip offenkundig Zwangsarbeit verrichten soll und verrichten muss. Natürlich könnte man einwenden, dass durch die Missachtung des Workfare-Prinzips „nur“ die Grundsicherung bzw. Sozialtransfers dem Bedürftigen entzogen werden würden. Jedoch ist dahingehend die relevante Frage, was denn überhaupt Grundsicherung bzw. das Minimum von Sozialleistungen und deren Zwecksetzung ist. Da können wir auf die höchsten, deutschen Richter, die Bundesverfassungsrichter Deutschlands verweisen. Was verstehen sie unter Grundsicherung? In ihrem Grundsatzurteil vom am 9. Februar 2010 heißt es:

Das Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums(!) aus Art. 1 Abs. 1 GG in Verbindung mit dem Sozialstaatsprinzip des Art. 20 Abs. 1 GG sichert jedem Hilfebedürftigen diejenigen materiellen Voraussetzungen zu, die für seine physische Existenz(!) und für ein Mindestmaß an Teilhabe(!) am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben unerlässlich sind.

Dieses Grundrecht aus Art. 1 Abs. 1 GG hat als Gewährleistungsrecht in seiner Verbindung mit Art. 20 Abs. 1 GG neben dem absolut(!) wirkenden Anspruch aus Art. 1 Abs. 1 GG auf Achtung der Würde(!) jedes Einzelnen eigenständige Bedeutung. Es ist dem Grunde nach unverfügbar und muss eingelöst werden, bedarf aber der Konkretisierung und stetigen Aktualisierung durch den Gesetzgeber(!), der die zu erbringenden Leistungen an dem jeweiligen Entwicklungsstand des Gemeinwesens und den bestehenden Lebensbedingungen auszurichten hat. Dabei steht ihm ein Gestaltungsspielraum zu.

Zur Ermittlung des Anspruchsumfangs hat der Gesetzgeber alle existenznotwendigen Aufwendungen in einem transparenten und sachgerechten Verfahren realitätsgerecht sowie nachvollziehbar auf der Grundlage verlässlicher Zahlen und schlüssiger Berechnungsverfahren zu bemessen. (Urteil vom 09. Februar 2010 – 1 BvL 1/09)

Die Grundsicherung umfasst das menschenwürdige Existenzminimum, unter dem das Bundesverfassungsgericht die physische Existenz und das Mindestmaß an sozialer Teilhabe versteht. Vor dem Hintergrund des Workfare-Prinzips und des Vorschlags unseres Autors bedeutet die Sanktion, also der Entzug der Grundsicherung, Entzug der physischen Existenz, Entzug gesellschaftlicher Teilhabe, Entzug der Würde, Entzug des Lebens, kurz, Tod!
Das Workfare-Prinzip ist ein das menschliche Leben verachtendes, negierendes, drangsalierendes, repressives Prinzip, das destruktive Prinzip zur Auslöschung der Unproduktiven und zur Erpressung der Produktiven. Es ist der Brennofen, dessen Qualm jeder riecht und vor dessen Flammen jeder zu fliehen gezwungen wird – um jeden Preis! Das ist die wirkliche Praxis jenes Workdead-Prinzips.
Unser Autor ergänzt und betont, dass

Fortbildung und Umschulung nicht mehr im Mittelpunkt(!) … stehen (sollte) für Empfänger von Grundsicherung. (S. 185)

Also nicht mehr Bildung, sondern Zwangsarbeit solle im „Mittelpunkt“ der Empfänger stehen. Das offenbart den Zynismus unseres elitären Autors.
Doch damit nicht genug. Unser arbeitsmarkt-reformwillige Autor widerspricht sich sogar. Er erklärt, dass es unbestreitbar sei,

dass der rational handelnde homo oeconomicus eine Kunstfigur ist – schon deshalb, weil Rationalität bei oft widersprüchlichen und wechselhaften eigenen Präferenzen schwer zu definieren und bei ungewissen Rahmenbedingungen noch schwerer durchzuhalten ist. (S. 173)

Beachtlich! Unser Autor wird mutig! Ob die Verneinung des homo oeconomicus seinen Säulenheiligen aus der Wall Street gefallen wird? Aber schauen wir weiter, ob unser Autor es ernst meint. Angesichts der Arbeitsmarkt-Defizite fragt unser Autor

Was könnte man ändern? (S. 177)

Und an dieser Stelle empfiehlt er u.a. das oben entlarvte Workfare-Prinzip und spricht bei allen Vorschlägen von

Arbeitsanreize (ab S. 177)

Unser Autor bedient sich dem listigen, zur Verführung bestimmten und zur Prostitution herausforderndem Anreizmodell, wonach durch die Anregung des Bedürfnisses eines Menschen, hier des unwilligen Unterschichtlers, extrinsische Motivation zu einem bestimmten, kühl kalkuliertem Verhalten führen soll. Auch wenn unser Autor sich später abermals widerspricht (Zudem ein Widerspruch mit seinem beispielhaften Schock-Erlebnis):

Insoweit ist jeder Mensch ein freies Subjekt, dessen einziger Zweck er selber ist. (S. 190)

Im Grunde genommen soll nach behavioristischer Art das Verhalten eines Menschen konditioniert werden. Der Mensch wird zu einem vermeintlich selbstbestimmten, fremdbestimmten Objekt (Behaviorismus). Seine Freiheit wird durch das In-Aussicht-stellen einer Belohnung prostituiert. Man versucht den Menschen zu korrumpieren, indem man ihn dressiert, wie man einen Hund mit einem Leckerchen zu domestizieren versucht. Die Freiheit wird zur verfälschten Freiheit! (Das wahre Gesicht des heutigen Liberalismus!)
Was ist jedoch im arbeitsmarktpolitischen Sinne die Zielsetzung eines Anreizes? Aus Sicht des Adressaten die Erfüllung seines ökonomischen Interesses, also, dass es sich lohnt unter entwürdigenden Verhältnissen zu arbeiten. Demzufolge ist der Anreiz im Anreizmodell der Anreiz zum Eigennutz und zum Privatinteresse. Wir fragen: was macht die Lehre des homo oeconomicus aus? Die Annahme, dass der „rational“ denkende Mensch sich kategorisch eigennützig verhält und eigennützig disponiert.
Ist es dann nicht der Versuch unseres Autors, seine Tautologie vertuschen zu wollen, indem er zuvor den homo oeconomicus ablehnt, wo er doch nachträglich das auf der Lehre des homo oeconomicus  basierende Anreizmodell aufgreift? Oder handelt es sich schlicht um das Unvermögen unseres Autors seinen eigenen Widerspruch zu erkennen? Wie dem auch sei, fest steht: Unser Autor ist nicht ganz schlüssig!
Doch ist es eigentlich angemessen, dass wir harsch so urteilen, dass unser Autor den Menschen einer hündischen Kreatur, gar einem Hund selbst gleichsetzt?
Schauen wir auf seinen pädagogischen Standpunkt im Hinblick auf das Kind.

Jeder Jäger weiß von seinem Hund und jeder Reiter von seinem Pferd, dass er seinem tierischen Freund, der seine Führung erwartet, nichts abfordern kann, wenn er ihm keine Zuwendung zuteil werden lässt. Er weiß aber auch, dass sich das Pferd nicht von selber dressiert und der Hund nicht von alleine apportiert. Viel anders sind die Regeln nicht, die in der menschlichen Erziehung gelten. (S. 201)

Wir können beruhigt sein! Unser Autor setzt die Erziehung eines Kindes der Erziehung von Pferd und Hund gleich, er setzt ein Kind einem Pferd und Hund gleich. Ist unser Autor nun, pädagogisch betrachtet, fort- oder rückschrittlich? Das lassen wir offen. Zumindest ist unser Autor tierisch!
Endlich kommt unser Autor auf das zu sprechen, wonach sein bedrängtes deutsches Herz förmlich geschrien hat. Die nach seiner eigenen(!) Schätzungen

6 bis 7 Millionen muslimischen Migranten in Deutschland (S. 262)

, die die eigentlichen Parasiten der Unterschicht sind, die im Kern

das deutsche Bildungsproblem (S. 235)

sind, die Integration verweigern, überwiegend Sozialtransferleistungen beanspruchen, sich überdurchschnittlich vermehren, eine Tendenz zu Parallelgesellschaften haben, überdurchschnittlich religiös sind, überdurchschnittlich kriminell sind, die also rundum den deutschen Staat und den deutschen Sozialstaat und die deutsche Gesellschaft und die deutsche Kultur und die deutsche Intelligenz und den deutschen Geist, ja das Deutschtum parasitär durchdringen und zersetzen. Auf alle Punkte können wir nicht eingehen, das macht unser Autor mit brillanter Oberflächlichkeit und ökonomischer Raffinesse. Doch einige Punkte müssen genannt werden, denn schließlich ist das 7. Kapitel

Zuwanderung und Integration
Mehr erwarten, weniger bieten (S. 255)

das längste Kapitel und – man wird nicht überrascht sein – das vergleichsweise mit den meisten Fußnoten unterfütterte Kapitel (144! Danach Kapitel 6 mit 98 Fußnoten). Schließlich muss die Primitivität und Unproduktivität muslimischer Migranten und des Islams „wissenschaftlich“ dargestellt werden.
Unser Autor beginnt chefideologisch im Sinne der europäischen Patrioten (es liest sich wie die Satzung der Pegida und dergleichen):

Das westliche Abendland sieht sich durch die muslimische Immigration und den wachsenden Einfluss islamistischer Glaubensrichtungen mit autoritären, vormodernen, auch antidemokratischen Tendenzen konfrontiert, die nicht nur das eigene Selbstverständnis herausfordern, sondern auch eine direkte Bedrohung unseres Lebensstils darstellen. … Das alles haben wir eigentlich gar nicht nötig. Wirtschaftlich brauchen wir die muslimische Migration in Europa nicht. In jedem Land kosten die muslimische Migranten aufgrund ihrer niedrigen Erwerbsbeteiligung und hohen Inanspruchnahme von Sozialleistungen die Staatskasse mehr, als sie an wirtschaftlichem Mehrwert einbringen. Kulturell und zivilisatorisch bedeuten die Gesellschaftsbilder und Wertvorstellungen, die sie vertreten, einen Rückschritt. Demografisch stellt die enorme Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten eine Bedrohung für das kulturelle und zivilisatorische Gleichgewicht im alternden Europa. (S. 266-267)

Die Prophezeiung der Islamisierung des Abendlandes und die ideologische Geburtsurkunde der europäischen Patrioten (samt nationalkonservativen AfD-Politikern)!
Unser pathetischer Autor hätte sich auch kurz fassen können: Das Abendland ist bedroht vom wollüstigen und minderwertigen muslimischen Migranten!
Unser Autor prangert den Islam an, indem er alle ihm missfallenden Züge dem Islam zuordnet. Dabei bleibt er indifferent. Politischer und Religiöser Islam ist für ihn so gut wie ein und dasselbe. Was er jedoch eigentlich meint, ist das fundamentalistische Element des politischen Islams. Er schiebt jedoch selbst dieses Element dem Islam als solchen zu. Dabei ist es nicht einmal der politische Islam selbst, der seinem Wesen nach das fundamentalistische Element in sich trägt. Jede politische Religion hat eine fundamentalistische Ausrichtung impliziert – insbesondere monotheistische Religionen: politisches Judentum, politisches Christentum, politischer Islam! Politische Religion und politische Religiosität gehört grundsätzlich kritisiert und bekämpft.
Wer den heutigen politischen Islam verstehen will, den unser Autor gänzlich nicht versteht, muss wissen, dass der heutige politische Islam die historische Eigenheit hat, dass er für seine Sympathisanten und Akteure eine Emanzipationsreligion darstellt, die Folge eines jahrhundertlangen, europäischen, abendländischen(!) Kolonialismus und Rassismus ist. Es kommt nicht von irgendwoher, dass der politische Islam gerade im Nahen und Mittleren Osten sowie in Afrika Resonanz hat. Dort hat der Kolonialismus und Rassismus historisch am krassesten gewütet. Man muss sich die Akteure des politischen Islams als islamische Patrioten vorstellen, die sich gegen die Entfremdung und Verwüstung des Morgenlandes wehren.
Unser Autor hingegen folgert, seinen Zahlen und seiner ökonomischen Fertigkeit gutgläubig, vielmehr

dass sich der Islam in der großen Mehrheit seiner Strömungen der Aufklärung verweigert und dem Pluralismus ablehnend gegenübersteht. (Er kann) nicht gedacht werden, ohne Islamismus und Terrorismus, auch wenn 95 Prozent der Muslime friedliebend(?) sind. Die Übergänge sind zu verschwommen, die Ideologen zu stark und die Dichte gewalttätiger und terroristischer Ereignisse zu groß. (S. 277)

Also jeder Muslim ist potenzieller Terrorist! Wir haben es mit einem ignoranten Autor zu tun.
Dann ein empathischer Wink an das patriotische Herz patriotischer Europäer:

Die unscharfe Trennlinie zwischen Islam und Radikalität, Fundamentalismus und Gewalt, die hohe Fertilität der muslimischen Migranten und die Einschränkung der Frauen, die viel abstößt, das alles bereitet der nicht-muslimischen Bevölkerung Sorgen und lässt ihre Ablehnung wachsen, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. … Im Grunde hat der Islam bis heute ein belastetes Verhältnis zur abendländischen Moderne. Das wirtschaftliche und zivilisatorische Zurückfallen(!) der islamischen Welt seit Beginn der Neuzeit hat bei den islamischen Führungsschichten zu einer narzisstischen Kränkung geführt. (S. 278 / 279)

Mit Zurückfallen meint unser Autor Unterjochung und Versklavung. Anders ist es nicht zu verstehen!
Nachdem er anschließend der muslimischen Frau eine ökonomische Kategorie unter dem Produktnamen „Importbräute“ verpasst hat, die im Übrigen eine weit hohe Geburtenrate aufweisen, also ökonomisch formuliert „Nettoreproduktionsrate“ haben, als die deutsche intelligente Frau, ergießt unser Autor sich in seinem rassischen Zorn über den Islam. Als er nunmehr  zum Schluss kommt, bekennt unser Autor sich als der Chefideologe der wirtschaftsliberalen-nationalkonservativen Rechtsbewegung und solidarisiert sich mit den jeweiligen europäischen Exponenten – beeindruckende, widerwärtige und infantile Volkstümelei!

Für mich ist es wichtig, dass Europa seine kulturelle Identität als europäisches Abendland und Deutschland seine als Land mit deutscher Sprache wahrt, als Land in Europa, vereint mit den umgebenden Franzosen, Niederländern, Dänen, Polen und anderen, aber doch mit deutscher Tradition. … Ich möchte nicht, dass wir zu Fremden im eigenen Land werden, auch regional nicht. … Weshalb ist die Frage so bedeutend? Weil es darum geht, ob wir die Grundzüge unserer Kultur, unserer Identität und unseres Way of life bewahren und an unsere Urenkel weitergeben wollen oder ob wir den Abschied davon organisieren und verwalten. (S. 308 / 329)

Um unseren Autor nicht zweideutig zu verstehen. Er bezeugt hier seine Angst gegen seine selbsteingeschätzten „6 bis 7 Millionen muslimischen Migranten in Deutschland“, die, und das ist mit eines seiner größten Ängste, eine derart hohe Fertilität, also Nettoreproduktionsrate einer Frau, also hohe Geburtenrate aufweisen, dass sie den Deutschen auf natürlichem Wege ausmerzen.

Bleibt die Nettoreproduktionsrate der deutschen autochthonen Bevölkerung dort, wo sie seit 40 Jahren liegt, dann wird im Verlauf der nächsten drei Generationen die Zahl der Deutschen auf 20 Millionen sinken. Im Übrigen ist es absolut realistisch, dass die muslimische Bevölkerung durch eine Kombination von hoher Geburtenrate und fortgesetzter Einwanderung bis 2100(!!) auf 35 Millionen wachsen wird. (S. 317)

Bis 2100! Beeindruckend, wie statisch und konstant die historische Entwicklung im Denken unseres Autors vonstattengeht – vergleichbar mit der Esoterik eines Wahrheitssagers!
Doch damit nicht genug:

Viele Türken denken in solchen Kategorien. (S. 317)

Unser Autor neigt zur Verschwörungstheorie! Das werden wohl die in Deutschland ca. 2,8 Millionen Türken Tag ein Tag aus denken. Freilich, unser Autor macht sich lächerlich.
Aber gut, nachdem geklärt ist, wie unser Autor  das

perverse System (S. 323)

überwinden will und sich die zahlenmäßige Abnahme von

Araberfamilien (S. 323)

und

ethnischen Kolonien (S. 322)

vorstellt, wenden wir uns getrost dem zweiten Teil seiner Lösung des „Problems“, nämlich der von unserem Autor gepriesenen Bevölkerungspolitik, die im Grunde Eugenik ist, worin die Akkumulation und Reproduktion genetisch intelligenter Menschen zu verstehen ist, zu und kommen allmählich zum Schluss. In den Worten unseres Autors:

Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu spät ist (S.331)

***

Der demografische Wandel, so unser kluger Autor, betrifft lediglich den klügeren Teil der Gesellschaft. Das bedeutet für unseren Autor, dass dieser für das völkische Blut essentielle Teil ihre „Nettoreproduktionsrate“ zwingend erhöhen muss, da

eine solche Umkehrung des demografischen Trends auf allen Gebieten erhebliche Wachstumsimpulse setzen (würde). (S. 344)

Unser Autor glaubt weniger an den Internationalismus als an den Nationalismus.

Es wird niemals eine transnationale Weltgesellschaft geben. (S. 346)

Und:

Ich finde das – mit Verlaub – wichtiger als die Frage, ob der Wasserspiegel der Nordsee in den nächsten 100 Jahren um 10 oder um 20 Zentimeter steigt. (S. 392)

Was wichtiger?

Dass meine Nachfahren in 50 Jahren und auch in 100 Jahren noch in einem Deutschland leben, in dem die Verkehrssprache Deutsch ist und die Menschen sich als Deutscher fühlen, … in einem Land, das eingebettet ist in einem Europa der Vaterländer (S. 392)

, trotzdem die Welt wegen anhaltender, weltweiter, ökologischer Unvernunft aus den Fugen gerät. Sehr weitsichtig, der nationalkonservative Blick auf das Weltgeschehen – Deutschtümelei!
Es wird immer, will unser Autor sagen, immer Konkurrenz und Kampf unter den Völkern geben.

Die einzige Währung, mit der wir dafür an den Weltmärkten zahlen könnten, sind die Produkte unsere Intelligenz. (S. 354)

Denn,

generell ist für Deutschland empirisch belegt, dass die Fruchtbarkeit der Menschen umso höher ist, je niedriger der Bildungsgrad, der sozioökonomische Status, das Einkommen (dieses Problem hat jede moderne Technologie- und Industriegesellschaft!) und – kausal mit den drei Punkten zusammenhängend – die Intelligenz ist. (S. 357)

Die Methode unseres Autors ist leicht zu durchschauen. Unser Autor folgt einer induktiven Methode, in der er Ausschnitte empirischer Erhebungen hervorhebt und diese mit einem Modell schablonisiert, welches er wiederum, das modellhafte Denken, aus seinem meisterhaften Fach entlehnt. Durch dieses Verfahren schafft er generalisierende „Ergebnisse“ oder vielmehr Thesen, die er wiederum in Korrelationsverhältnisse setzt (wenn A steigt, dann muss B fallen, oder umgekehrt, denn sie „korrelieren“ miteinander!).  So, das ist die ganze, beschränkte Intelligenz unseres Autors.
Auch der demografische Wandel, der, wohlgemerkt, nur den klügeren Teil der Gesellschaft betrifft, ist aus Sicht unseres Finanzspezialisten leicht zu erklären.

Aus ökonomischer Sicht könnte man sagen, dass der einigermaßen erfolgreiche moderne Mensch, der unter vielen Lebensentwürfen wählen kann, sein Leben optimiert, indem er den Grenznutzen(!) unterschiedlicher Aktivitäten zum Ausgleich bringt, und das bedeutet eben weniger stabile Partnerschaften und in diesen Partnerschaften weniger Kinder. (S. 377)

Unser Autor erklärt uns die Logik des bürgerlichen Lebens, in dem der Individualismus zunehmend pervertiert, mit der von ihm zuvor seifig in Frage gestellten Imagination des homo oeconomicus statt umgekehrt die Frage aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive anzugehen. Denn die Selbstbezogenheit des „modernen“ Individuums rührt offenbar vor allem daraus, dass ein immenser ökonomischer Druck auf das ganze Leben des Einzelnen lastet. Nach der Logik unseres Finanzspezialisten ist das willkürliche Kalkulationsmodell, dem sich das Individuum unter dem Begriff des „Grenznutzens“ unfreiwillig unterwirft und der für das Individuum kalkuliert, als das das Individuum für sich kalkuliert, eine zwingende, gute Notwendigkeit. Der Mensch gehört bedrängt – so unser bedrängter Autor!
Nun wirft unser Autor auch das Prinzip der Eigenverantwortung, das er bis dahin so hoch gehalten hat, über Bord und erklärt:

Menschen glauben zwar immer, sie agierten vorrangig aus individuellen Antrieben und eigener Entscheidung, in Wahrheit reagieren sie aber zu großen Teilen vorrangig auf die Erwartungen der Gesellschaft. (S.380)

Das dies so ist, missfällt uns nicht, aber, dass das so bleiben wird und bleiben muss, missfällt uns! Unser Autor ist nicht an der Überwindung des bedrängten Menschen hin zum wahren, wirklichen, selbstbestimmten Individuum interessiert, sondern an der Rückwendung bzw. Pervertierung des bedrängten Menschen bis hin zur völligen Aufgabe seiner selbst und zur selbstlosen Hingabe der Zwangsarbeit – die Mensch-Maschine.
Kommen wir auf die bevölkerungspolitische Kernforderung unseres bevölkerungsbewussten Autors, auf den

fühlbaren Anreiz (S. 389)

Lassen wir unseren Autor selbst sprechen, schließlich ist es diesmal, neben dem Vorschlag der Nachahmung des hirnverbrannten Workfare-Prinzips, die hirnentbrannte Idee unseres Autors. Öffnen wir die Büchse der Pandora vollends, um auf ihren Grund zu sehen:

Es könnte beispielsweise bei abgeschlossenem Studium für jedes Kind, das vor Vollendung des 30. Lebensjahres der Mutter geboren wird, eine staatliche Prämie von 50.000 Euro ausgesetzt werden. (S. 389)

Gut, also ein rat race auf die Prämie – typisch finanzspezialistisch. Weiter!

Eine Prämie könnte helfen und einen Vorzieh- und Anstoßeffekt auslösen. … Die Prämie – das wird die politische Klippe sein – dürfte allerdings nur selektiv(!) eingesetzt werden, nämlich für jene Gruppen, bei denen eine höhere Fruchtbarkeit zu Verbesserung der sozioökonomischen Qualität(!) der Geburtenstruktur besonders erwünscht ist. (S. 390)

Damit erklärt unser Autor Menschen endgültig zum genetischen Code, deren Qualität, also rassische Wertigkeit, mittels Scan-Code ermittelt werden soll, um die Wertigkeit des Volksblutes zu erhöhen. Die Selektion, so die „anstößigen“ Phantasien unseres Autors, vor denen er uns in der Einleitung gewarnt hat, soll dann, das denken wir uns nach alle dem hinzu, die erlauchte Eminenz unseres Autors vollziehen. Unser Autor wünscht sich eine „Geburtenstruktur“ nach seinem Idealtypus.

Wie sagt Hegel (Hegel?! Jetzt wird unser Autor tollkühn!) so poetisch und dunkel: „Die Eule der Minverva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“ (S. 361)

Unser Autor irrt! Nicht er ist die Eule der Minerva, die er gerne begehrt zu sein, er ist vielmehr der letzte Aasgeier des in Mode gekommenen, kleinmütigen Nationalkonservatismus, der der Welt und dem Menschen eine Fußfessel geben will. Damit schließt der Autor seine Quadratur des Kreises.
Auch unsererseits: Der Worte sind genug gewechselt! Wir haben uns ein Bild gemacht! Der Leser wird sein Resümee machen!

Mit den Worten einer untergegangenen Sprache rufe ich (Unser Autor!) der Politik zu:
Hic Rhodus, hic salta! (S. 408)

Mit den Worten einer lebenden Sprache rufen wir dem Volk zu:

Der Mensch ist etwas Vortreffliches, wenn er wahrhaft ein Mensch ist. (Aischylos)

Von Mesut Bayraktar, Frühling 2015

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