Literaturkritik: „Transit“ oder Zwischen den Welten

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Der Roman „Transit“ von Anna Seghers erschien erstmals 1944, zu einer Zeit, in der die Welt von Faschismus und Krieg beherrscht war. Obwohl die Veröffentlichung schon fast 80 Jahre zurückliegt und unter ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen und Erfahrungen verfasst wurde, wird in dem Roman ein Thema verhandelt, das für viele Menschen noch heute zur Lebensrealität gehört: Das Leben auf der Durchreise, in einem Zwischenstadium, weil die ‚Heimat‘ kein Zuhause mehr ist und der Aufenthalt in einem anderen Land seine Berechtigung darin hat, bald weiterzureisen oder wieder ‚nach Hause‘ zu gehen, sobald die Möglichkeit dazu besteht.

Das Thema in „Transit“ ist noch heute aktuell. 2020 wurde der Roman vom Aufbau-Verlag als Hardcover und als Taschenbuch neu herausgegeben. 2018 ist zudem die sehenswerte Verfilmung mit Franz Rogowski in der Hauptrolle erschienen.

Der Roman handelt von einem jungen Mann, der nach der Flucht aus einem Arbeitslager der Nazis zunächst in Paris Unterschlupf findet, aber schon bald wieder weg muss, weil die nationalsozialistischen Truppen in Paris einmarschieren. Dort kommt er durch einige Zufälle in den Besitz der persönlichen Gegenstände des Schriftstellers Weidel, den man tot in seinem Hotelzimmer gefunden hat. Obwohl er eigentlich nichts mit Literatur anfangen kann, liest er aus Langeweile die Briefe und Manuskripte, die er in Weidels Tasche findet. „Und wie ich Zeile um Zeile las, da spürte ich auch, dass das meine Sprache war, meine Muttersprache, und sie ging mir ein wie die Milch dem Säugling.“ Der tote Schriftsteller wird ihn im Verlauf der Handlung weiterhin begleiten.

Leben in Unbestimmtheit

Der Erzähler landet in der Hafenstadt Marseille, die vom Reisefieber ergriffen ist, da dort, wie man fürchtet, die letzten Schiffe aus Frankreich in die anderen Kontinente abfahren. Dort möchte er Arbeit finden, er will irgendwas Handwerkliches machen. Doch die Behörden erteilen einem Menschen, der bleiben will, kein Recht dazu. Er erhält lediglich einen Aufenthaltstitel, als er versichert, dass er bald mit einem der Schiffe abreisen will. Doch anders als der Kapellmeister oder der Arzt, die in einem anderen Land eine Stelle antreten wollen, hat der Ich-Erzähler keine Aufgabe, die ihn ruft. Also verharrt er.

Der Ich-Erzähler ist nicht namenlos, er hat viele Namen. Der Name, der in seinem Pass steht, ist ein Provisorium, wieder nur Übergang, um zumindest für die nächsten vier Wochen legal bleiben zu können und keine Angst vor einer Razzia durch die Polizei haben zu müssen. Trotz seiner Geschicklichkeit, mit den Menschen und der neuen Umgebung zurechtzukommen, bleibt er in vieler Hinsicht charakterlich vage. Er könnte jeder sein. Er ist kein Einzelfall, obwohl auch er seine besondere Geschichte durchläuft, die mit dem der anderen „Transitäre“ eng verwoben ist. Das wird beim Lesen schmerzlich bewusst: Es kann uns alle treffen.

Anna Seghers hat den Roman im Exil in Mexico geschrieben, daher sind autobiografische Züge unverkennbar. Vor allem die detailreichen Schilderungen der Wartenden im Konsulat oder auf der Straße, das „Hafengeplauder“ in den Cafés von Marseille erzeugen eine beklemmende und zugleich lebendige Atmosphäre. Dabei werden auch die Klassenunterschiede zwischen den Abfahrtswilligen deutlich. Finanzielles, politisches oder kulturelles Kapital erweist sich beim Ringen mit den Behörden als vorteilhaft. Jemand legt beim Konsul ein gutes Wort für dich ein, du kannst die Gebühr für die Schifffahrt problemlos aufbringen oder bist vielleicht ein erfolgreicher Schriftsteller, dem man in Amerika gern Exil gewährt. Der behördliche Apparat ist für den Großteil der Flüchtlinge jedoch keine ordnungsstiftende und Gerechtigkeit verwirklichende Institution, sondern eine gefürchtete Hürde.

Die Hoffnung stirbt nicht

Der Roman verharrt in einer ständigen Erwartungshaltung und schürt auch beim Leser die Hoffnung, dass schon bald eine Abfahrt stattfindet, dass die Handlung sich an einem anderen Ort fortsetzt. Und genau diese Spannung ist es, die die Stimmung des Transit-Zustands transportiert, einem Zustand der Unbestimmtheit, in dem noch so vieles möglich scheint, weil noch nichts endgültig entschieden ist. Es gibt lediglich einen abstrakten Ausblick auf Rettung durch das Visum in einem anderen Land. Die Konsuln sind die Richter, das Visum Gott. Manchmal ist Gott auch bestechlich.

Der Ich-Erzähler fährt nicht, obwohl er die Möglichkeit dazu hätte. Er hat keine Hoffnung auf Erlösung, da er ahnt, dass er ein Rastloser bleiben wird. Schließlich findet er im Widerstand gegen den Faschismus einen Sinn: „Ich werde, sobald es zum Widerstand kommt, mit Marcel eine Knarre nehmen. Selbst wenn man mich dann zusammenknallt, kommt es mir vor, man könne mich nicht restlos zum Sterben bringen.“ Ein menschliches Leben wird einem nicht geschenkt; es muss erkämpft werden.

Von Svenja Hauerstein, 26. April 2023


Anna Seghers „Transit“
Aufbau-Verlag, Berlin 2020
Hardcover, 416 Seiten, 12 €

 

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