Literaturkritik: Sibylle Bergs „Glück“, oder zynisch in Zürich

Sibylle Berg hat ihrem 1997 im Reclam-Verlag erschienenen Debütroman „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ eine Danksagung vorangestellt, in der sie schreibt: „Danke. Mit jedem gekauften Buch finanzieren Sie einen weiteren Stein meines künftigen Tessiner Hauses. Empfehlen Sie dieses Buch gerne Ihrem großen Bekanntenkreis oder Ihren Eltern.“ Es war eine Zeit, in der Berg ihr Geld als Gärtnerin, Putzfrau, Sekretärin, Versicherungsvertreterin und Tierpräparatorin verdiente und nur nebenbei für Magazine schrieb. Zuvor hatten 50 andere Verlage das Buch abgelehnt. Mit diesen Zeilen spielt sie auf die unwahrscheinliche Chance des sozialen Aufstiegs durch die Literatur an. Umso erstaunlicher ist, dass der hier ironisch kommentierte Aufstieg ihr gelang. 100.000 Mal wurde das Buch verkauft. Mittlerweile lebt sie in Zürich, der Stadt mit den weltweit höchsten Lebenserhaltungskosten. Ihr Zweitwohnsitz ist Tel Aviv, auf dem Ranking der teuersten Städte auf Platz 19, noch vor Los Angeles.

Im „Glück“ schildert sie die Gedankenwelt einer Handvoll Menschen, die trotz ihrer gesicherten Existenz zutiefst unglücklich sind und deshalb mit teils katastrophalen Folgen versuchen, etwas an ihrem Leben zu ändern. In kurzen tagebuchartigen Einträgen werden ihre Gedankengänge und Gefühlszustände in erster – und ohne erkennbares Muster auch in dritter – Person wiedergegeben. Dafür wählt Berg kurze Kapitel, die der Einsamkeit der Protagonisten entsprechend meistens einer einzigen, in seltenen Fällen zwei der Protagonistinnen und Protagonisten gewidmet sind, die durch eine überschriftartige Nennung des Namens markiert sind. Beispielsweise: „HELGE ist allein“ oder „RUTH redet mit KARL“. Selbst wenn sie zu zweit sind, sind sie doch allein. Handwerklich ist dieses puzzleteilartige Vorgehen hervorragend gelungen. Person A wird zu Beginn der Erzählung als einsames Wesen eingeführt und die ebenfalls vereinsamt wirkende Geschichte der Person B läuft zunächst unabhängig nebenher, bis sich die beiden tatsächlich begegnen und klar wird, dass eine lange Freundschaft sie verbindet. Der Lesende erschließt sich durch die geschickte Verwebung der zunächst vereinzelt erscheinenden Erzählstränge aktiv die Beziehungsstrukturen.

Eine Reihe von Phänomenen der Arbeits- und Lebenswelt von Menschen mit durchschnittlich bis gut bezahlten Jobs werden in der dem Roman eigenen, meist sehr direkten Sprache treffend geschildert: die Zwanghaftigkeit von Anstellungsverhältnissen, entfremdete Arbeit, gestörte Körperideale, unterdrückte Sexualität, absolut lächerliche 90er-Jahre-Ästhetik, überteuerte Mode, Warenfetischismus, Beschaffungskriminalität, mit 10.000 DM im Dispo trotzdem den schönen Schein aufrechterhalten, unbegründeter Hass auf die Mitmenschen im Allgemeinen, Frauenhass im Besonderen, von Werbung induzierte Traum- und Wahnvorstellungen, Mord, Suizid, Alkoholismus, Scham, kaputte Beziehungen, aber auch kurzweilige Liebe, die allen Widrigkeiten zu trotzen scheint.

Ob schlankheitsfanatische Büroangestellte, sich prostituierender Barpianist in einem Marriott Hotel, hippe Journalistin oder Jungunternehmer in verfrühter Midlife-Crisis, der mit seinen jungen Arbeitskollegen in Anzügen über „wordings, locations und motivationale Schubkraft“ spricht; sie alle sind völlig ausgehöhlt, einsam, frustriert, der Vergangenheit hinterherhängend, selbstsüchtig, verblendet, verbittert und verträumt, aber immer nur für ganz kurze Momente glücklich, beispielsweise wenn sie vor sich selbst nach Venedig, Barcelona, Marrakesch, Amerika oder in die Schweiz flüchten. Gleichzeitig erfahren wir anhand einer magersüchtigen und selbstzerstörerisch herumwandernden Jugendlichen, welche fatale Auswirkung die Sinnentleertheit der elterlichen Lebensweise auf die Nachgeborenen hat.

Das Glück rennt hinterher

In Anbetracht dieses Panoramas nach Erhellung verlangender Themen läge die Vermutung nahe, dass es sich beim „Glück“ um einen sozialkritischen Roman handelt. Das ist jedoch nur bedingt der Fall. Denn der Kritik wird durch ein häufig von Sibylle Berg bemühtes Stilmittel die Spitze abgebrochen. Die Rede ist vom Zynismus, der eher verklärt als aufklärt.

Um nur ein exemplarisch für den generellen Ansatz des Romans stehendes Beispiel zu nennen: Tom ist Angestellter in einem – wie man heute sagen würde – jungen Start-Up und hat von der ganzen Aufgesetztheit die Schnauze voll: „Toms Chef war ungefähr in Toms Alter, so um die Dreißig, und in der Firma sagten alle du zu ihm. Das war lässig, täuschte Gleichberechtigung vor. Aber alles in allem war Toms Chef einfach nur ein Arschloch.“ Doch anstatt die Ursächlichkeit dieses Sachverhalts zu konfrontieren und durch das Brennglas der Literatur anschaulich zu machen, zeigt Tom seinem Chef den blanken Arsch, um sich dann in einer Art Selbstsuche-Roadtrip nach Südeuropa abzusetzen. Es wird zwar mit überkommenen gesellschaftlichen Konventionen gebrochen, aber in einer Art und Weise, die nur lächerlich macht. Die Chance zur Kritik ist vertan und löst sich in einem Schmunzeln auf.

Dieses Beispiel könnte noch als schlechter Humor durchgehen. Im weiteren Verlauf des Romans tritt der Zynismus deutlicher zutage. Die Krux des Buches ist, dass Tom sowie alle anderen vor diesen letztlich gesellschaftlichen Konflikten und der durch sie induzierten Einsamkeit zu flüchten versuchen und dabei mehr oder weniger elegant scheitern. Lediglich eine Person bleibt verschont. Nämlich die, welche die Sinnentleertheit der Arbeit, des Lebens und der durch diesen Komplex gestörten Beziehungen vollkommen akzeptiert: „Ich habe auf einmal nicht mehr das Gefühl, ich müßte mein Leben jetzt groß gestalten.“ Sie gibt sich damit zufrieden, bloß zu rauchen, zu essen, zu trinken, nackt herumzulaufen und Fernseher zu schauen. Sie ist die Einzige, die akzeptiert hat, dass sie etwas und nicht jemanden liebt und wird von der Autorin für diese Einsicht heroisch hervorgehoben. Sinngemäß bedeutet das: All die Trottel, die ihr Glück suchen, laufen etwas hinterher, dass sie eh nicht erreichen können. Wenn ihr aber einfach stehenbleibt, wird alles gut. Eine solche Aussage zu treffen ist in Anbetracht der Veränderung benötigenden Welt, in der wir Leben, die zynische Zuspitzung des ohnehin mit fragwürdigen Pointen durchsetzten Romans.

Zynisches Sicherheitspolster

Ihre Schilderungen der Verhältnisse haben zwar realistischen Gehalt, aber der Zynismus zersetzt das kritische Potenzial zu Situationskomik. Ein bitteres Lachen befreit das bürgerliche Publikum von den Sorgen, die sie selbst aus ihrem Alltag kennen. Der Roman bietet ihnen Identifikationspotenzial, der Zynismus jedoch negiert jede gelungene Konfrontation. Kurz bevor es zu einem literarischen Aufprall kommt, nimmt die Erzählung eine humoristische Wendung und ermöglicht so ein unterhaltsames Durchgleiten der in Wahrheit herzzerreißenden Qualen. Über das Leiden wird mit einem Augenzwinkern hinweggetäuscht. Das Publikum entwickelt einen zynischen statt kritischen Blick auf die Welt. So wird ein angepasstes Leben ermöglicht, in dem Kritik immer gleich Witz ist.

Damit sei hier nicht die Kommödie als solche entwertet. Ein Lachen kann Durchschlagskraft haben. Der Zynismus jedoch ist kein Stilmittel wie der Humor oder die ihm nahestehende Ironie. Er ist viel eher eine Einstellung dem Leben gegenüber, eine Haltung, der zufolge alles verachtenswert wird: sogar der Fortschritt, wenn der denn mal in Bergs Roman zur Sprache käme. Selbst in einer besseren Welt würde die Autorin vermutlich weiterhin Romane schreiben, die von einer Haltung durchzogen sind, welche sich um das Leben nicht schert, sondern nur darum, es zu negieren. Es ist eine Anti-Haltung, die auf pure Selbstgenügsamkeit hinausläuft. Mit einem zynischen Blick wird selbst ein vom Nihilismus durchzogenes Leben zur Freude. So liest sich jedenfalls das Buch.

Dieser Mechanismus scheint auch außerhalb der Literatur zu funktionieren, nämlich im Journalismus. Sibylle Bergs journalistischer Stil ist deckungsgleich mit ihrem literarischen. Er ist zu ihrem Markenzeichen geworden, also zu einem Instrument, mit dem sie sich vermarkten kann. Die bürgerliche Welt, die sie zu kritisieren scheint, nimmt sie deshalb mit offenen Armen auf und lächelt über die Schmerzen hinweg, was eben auch für den Erstlingsroman gilt. Teilweise wirken Sätze ihrer Kolumnen wie Sätze der Protagonisten des „Glücks“.

Ein Beispiel ist in ihrer SPIEGEL-Kolumne zu finden, in der sie jüngst über die Zusammenhänge von Kapitalismus und Corona schrieb. Durchaus wird die systemische Dimension der Krise deutlich, die über das Gesundheitliche hinausgeht, durchaus kommt die menschenverachtende Praxis der freien Märkte zur Sprache: „Das nicht überdachte Zahnradsystem der freidrehenden Märkte (abenteuerliche Metapher) funktioniert, wie alle Systeme, am besten ohne Störfaktoren. Also zum Beispiel ohne die Natur. Oder ohne Menschen. Oder nur mit putzmunteren Menschen, die sich wie geschmeidige Luchse perfektionieren, trainieren, anpassen, konsumieren, unauffällig sind und keine abweichenden Lebensentwürfe vorzuweisen haben.“

Schon in diesem Zitat ist die humoristische Tendenz erkennbar, die der Kritik allerdings noch keinen Abbruch tut. Deutlicher wird dies am exemplarischen Ende der Kolumne: „Die schlechte Nachricht ist: Es werden unruhige und anstrengend Zeiten werden. Die Gute: Wir sind zusammen. Das war ein Witz, um die Stimmung ein wenig aufzulockern. Haben Sie ein gutes Wochenende.“ Die Lesenden lächeln und denken sich: Wird schon, irgendwie. Der Zynismus funktioniert wie ein Sicherheitspolster, damit die Verunsicherten weich fallen. Entweder ist er subversives Werkzeug oder unbrauchbar.

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