Bald wird es keine Menschen mehr geben

Sondern nur noch Menschen, Menschinnen, oder noch schlimmer: Mensch*innen.
Sollte sich der Trend, der unsinnigerweise als „Gendern“ bezeichnet wird, im Sprachgebrauch wirklich durchsetzen und sich in den Paradigmen der Nominalflexion etablieren, sind Frauen schon bald keine Menschen mehr. Dann werden die Allgemeinbegriffe freiwillig den Männern überlassen. Plötzlich ist „Mensch“, „Arzt“ oder „Koch“ kein Gattungsbegriff mehr, sondern spezifisch männlich. Gendern bewirkt also das genaue Gegenteil von der Absicht, die sich dahinter verbirgt: Eine strikte Trennung zwischen Mann und Frau, statt der Aufhebung in einer Einheit.

Wenn ich „Ärztin“ sage, dann schließe ich alle männlichen Ärzte aus. Sage ich „Arzt“, das wird vorgeworfen, schließe ich alle weiblichen Ärzte aus. Was ist aber mit „Ärzte“? Oder „Ärztekammer“? Denken wir, wenn wir „Arzt“ hören, automatisch an einen Mann? Ist der Prototyp unseres Begriffs von „Arzt“ ein männlicher Arzt? Dann beweist das, dass wir in einer Gesellschaft leben, die der Mann dominiert. Wollen wir das verändern, müssen wir unsere konkrete Lebenswirklichkeit, also unsere Gesellschaft umgestalten. Es reicht nicht aus, an unsren sprachlichen Ausdrucksmitteln zu feilen. Es gilt, Ursache nicht mit Wirkung, das Wesen nicht mit der Erscheinung zu verwechseln.

Statt sich also nur um die Formen der Sprache zu kümmern, müssen wir konkret und praktisch unser Verhalten und unsere Verhältnisse ändern und die Formen der Sprache an die Formen dieser gesellschaftlichen Verhältnisse anpassen. Solange wir das nicht tun, solange Frauen nicht in der Tat gleichbehandelt werden, bringt das über-politisch-korrekte Gendern rein gar nichts. Es vereinseitigt das Problem und ist insofern Ablenkung von den konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen. Denn Sein bestimmt Bewusstsein, Wirklichkeit die Vorstellung.
Wird Gendern zur Gewohnheit, ändert man die Sprache aus reiner Höflichkeit und Anstand, nicht weil man die Frau tatsächlich gleichbehandelt. Denn die Neuartigkeit, die zunächst unsere Aufmerksamkeit auf sich lenkt, ist schon bald gar nicht mehr neu. Man hat gegendert und damit seine Pflicht erfüllt und das Gewissen beruhigt. Es geht nur um den schönen Schein. Schon heute ist es in einigen Kreisen zu einer Etikette geworden, sodass man das Nicht-Gendern zum Vorwurf gemacht bekommt.

Am liebsten stürzt sich das Gender-Sternchen auf die verhassten -er Bildungen und ordnet sie durch das Anhängen des -in Suffix dem Genus „Femininum“ zu. Grundsätzlich besteht die Funktion des -er Suffix allerdings darin, etwas zu agentivieren und nicht, etwas zu einem Mann zu machen. Zum Beispiel wird der, welcher lehrt, zum Lehrer und der, welcher schaukelt, zum Schaukler. Aus einer Tätigkeit wird der Tätige. Auch liegt es an dem -er Suffix, dass diese Agentivierungen, die gern und häufig für Berufsbezeichnungen verwendet werden, eine Einordnung in das Genus „Maskulinum“ hervorrufen, die die Verwendung des „der“-Artikels obligatorisch macht. Zwar wird aus dem, der kocht, kein Kocher, sondern ein Koch, doch gibt es die -er Form zum Beispiel beim Wasserkocher. Nun hat es keinen Sinn, den Wasserkocher zu einer Wasserkocherin zu machen, weil es aus semantischen Gründen keinen Sinn macht, ein Sexus-Merkmal auf einen Gegenstand anzuwenden, bei dem uns sein Geschlecht egal ist, weil er keines besitzt.
Genus und Sexus sind also zwei verschiedene grammatische Kategorien, die in der aktuellen Gender-Debatte in einen Topf geworfen werden. Würde man korrekt sein wollen, müsste man streng genommen von „Sextern“ statt von „Gendern“ sprechen.

Da das Problem vor allem bei Gattungs- und Pluralbegriffen besteht, die auf Menschen referieren, wäre eine Lösung, in Zukunft keine Sexus-Unterscheidung mehr vorzunehmen. Natürlich ist es nicht sinnvoll, dies in Kontexten zu tun, in denen auf genau eine Frau Bezug genommen wird. Zum Beispiel würde es ungrammatisch erscheinen, eine ganz bestimmte Richterin als Richter zu bezeichnen, es sei denn man spricht über den Allgemeinbegriff, wie in (3). Um dies zu verdeutlichen, folgen vier Beispielsätze, wobei der zweite grenzwertig und der vierte ungrammatisch ist (dies soll das Sternchen zeigen):

(1) Die Richterin hat die Angeklagte für schuldig befunden.

(2) ?Der Richter hat die Angeklagte für schuldig befunden.
[Kontext: Der Richter dieser Verhandlung ist eine Frau.]

(3) Frau Musterfrau hat den Richter-Beruf gelernt.

(4) *Frau Musterfrau hat den Richterin-Beruf gelernt.

Es gibt also zwei Möglichkeiten für eine „gendergerechte“ Sprache, die weder Frau noch Mann benachteiligt oder ungleich behandelt. Entweder man erlangt durch den Einblick in den Unterschied von Genus und Sexus ein Bewusstsein darüber, dass „die Richter“ nicht automatisch Männer sind oder man schafft die weibliche Form generell, auch im Bezug auf konkrete Individuen ab. Dies wäre intuitiv problematisch, wie (2) veranschaulicht, jedoch homogener und effizienter. Es kann hier nicht argumentiert werden, dies sei ein zu großer Eingriff in die Sprache, denn das Gendern, wie es heute betrieben wird, könnte unter diesem Gesichtspunkt genauso kritisiert werden.

Es ist ein Fakt, dass Frauen in dieser Gesellschaft nicht gleichgestellt sind, sie werden beispielsweise im Durchschnitt für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt. Das ist natürlich eine Unverschämtheit. Doch es ist kein sprachliches Problem. Es ist ein gesellschaftliches Problem der Klassengesellschaft, in der die Frau Reproduktion zu leisten hat. Greift man hingegen aktiv in das Flexionsparadigma eines Substantivs ein, handelt es sich um ein sprachliches Problem, bei dem wir die sprachwissenschaftliche Perspektive betrachten müssen.

Die Artikelverteilung des Deutschen hat vom wissenschaftlichen Standpunkt nichts mit Bedeutung zu tun. Dies ist auch der Grund, warum das Deutsche Artikelsystem schwer zu lernen ist. Woher weiß ich, ob ich ein bestimmtes Substantiv mit „der“, „die“ oder „das“ bezeichne? Substantive wie „die Heiterkeit“, „die Aufmüpfigkeit“ oder „die Freiheit“ fordern zum Beispiel den Femininum-Artikel, weil das Suffix -heit eine Klassifikation in dieses Genus verursacht. Hierbei handelt es sich um ein grammatisches Kriterium, welches nichts mit der Semantik der bezeichneten Gegenstände zu tun hat. Wären die Artikel aufgrund der Bedeutung der Wörter so, wie sie sind, würde man „das Wasserkocher“ sagen, oder „das Tisch“. Genus dient also der grammatischen, funktionalen Klassifikation der Begriffe, während Sexus ein semantisches, das heißt bedeutungsorientiertes Merkmal realisiert.

In der Sprache spiegeln sich unsere gesellschaftlichen Verhältnisse. Vor diesem Hintergrund zeigt der Gender-Trend, dass es im Hinblick auf die Geschlechterfrage tatsächlich Handlungsbedarf gibt. Statt einer Spaltung der Menschen in Mann und Frau, sollte man auf die Einheit beider Geschlechter in der Gattung „Mensch“ größeren Wert legen. Eine Lösung wie im Englischen, das bei Substantiven nicht zwischen Sexus unterscheidet, wäre deutlich einfacher, einheitlicher und für literarische Zwecke ästhetischer. So kann sich „the teacher“ auf eine Frau oder einen Mann beziehen, denn es gibt keine spezielle weibliche oder männliche Form. Durch das Gendern werden Mann und Frau genau auseinandergehalten. Das Sexus-Merkmal wird in den Vordergrund gerückt, statt es irrelevant zu machen.
Wäre nicht eine Gleichstellung wünschenswert, in der der Unterschied keine Rolle mehr spielt, weil da kein Unterschied mehr ist? Das ist natürlich eine rhetorische Frage. Lasst uns die weibliche Form abschaffen und damit auch die männliche!

Sprache ist der Spiegel der Welt und die Form unseres Denkens von Welt. Diese Formen verändern sich ständig und zeigen uns, was wir verändert haben und wie sich die Welt verändert hat, die wiederum unsere Sprache ändert. So sind wir immer einen Schritt hinterher, aber auch immer einen voraus.
Begriffe sind unsere Werkzeuge, mit denen wir die Welt begreifen und ergreifen. Ist da nichts zu begreifen, sind die vermeintlichen Begriffe hohle Hirngespinste, die nur im Kopf schweben, aber nichts haben, wo sie Wurzeln schlagen könnten.

 

 

von Svenja Hauerstein 20. September ’20
Illustration „Schlüsselbild“ von Sabine Hauerstein

 

Kommentar verfassen