Leben und Schreiben: „Der Planet Trillaphon“ von David Foster Wallace

The American economic and cultural system, that works very well in terms of selling people products and keeping the economy thriving, does not work as well when it comes to educating children or helping us help each other to live and be happy.”

(David Foster Wallace in einem ZDF-Interview, 2003)

1972 setzten bei dem zehnjährigen David Foster Wallace erste Depressionsschübe ein. Sie sollten ihn aufgrund einer genetischen Veranlagung den Rest seines Lebens begleiten, was nicht bedeutet, dass sie sein Leben zwangsweise so zerstören mussten, wie es unter den gegebenen Umständen der Fall war. Dass Hoffnung bestand, zeigt nichts besser als seine Literatur. Und dennoch war sie zum Scheitern verurteilt.

David Foster Wallace wuchs in einer typisch-amerikanischen Kleinstadt des Mittleren Westens auf. Beide Elternteile lehrten an unterschiedlichen Universitäten in Illinois. Zwei Jahre nach seiner Geburt kam seine Schwester zur Welt. Ihm stand ein unbeschwertes und von Bildung geprägtes Leben bevor. Eigentlich standen die Zeichen gut für den talentierten Jungen, der sich schon früh für Mathematik, Sprachen und mit besonderer Vorliebe für Tennis interessierte. Aber seine unerklärlichen Gemütszustände lösten Panikattacken in ihm aus und führten zu übermäßig starkem Schwitzen. Er trug T-Shirts und Hosen mit abgeschnittenen Ärmeln und Beinen, dazu bunte Schnürsenkel und ein markiges Bandana, das später zu seinem öffentlichkeitswirksamen Wiedererkennungsmerkmal avancieren sollte. Um die Panikattacken zu verdecken, trug er häufig seinen Tennisschläger bei sich, da er einfach sagen konnte, dass er gerade vom Training kam, wenn der Schweiß anfing, seinen Nacken herunterzulaufen. Der sich von Marihuana exzessiv fortentwickelnde Drogenkonsum vertiefte nur noch den Graben, der sich zwischen ihm und der zur Konformität drängenden Gesellschaft auftat.

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Quelle: Hachette Book Group

1980, nach dem ersten Jahr am renommierten Amherst College, wurde er als Student mit dem besten Notendurchschnitt ausgezeichnet. Er studierte Logik, Philosophie und Mathematik. 1983 krochen die sporadisch auftretenden Panikattacken seiner im Hinterkopf lungernde Krankheit wieder an die Oberfläche. Er bekam das sedierende Antidepressiva Tofranil verschrieben.

1984 veröffentlichte David Foster Wallace eine seiner ersten Kurzgeschichten: The Planet Trillaphon as It Stands in Relation to the Bad Thing. Darin schreibt er: „That’s when the Bad Thing just absolutely eats you up, or rather when you just eat yourself up. When you kill yourself. All this business about people committing suicide when they’re ’severely depressed‘; we say, ‚Holy cow, we must do something to stop them from killing themselves!‘ That’s wrong. Because all these people have, you see, by this time already killed themselves, where it really counts. By the time these people swallow entire medicine cabinets or take naps in the garage or whatever, they’ve already been killing themselves for ever so long.“

2005 stellte der wissenschaftliche Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittelbehörde fest, dass der in Tofranil enthaltene Wirkstoff Paroxetin „unerwünschte Nebenwirkungen wie Selbstmordversuche, suizidale Gedanken und Feindseligkeit bei Kindern und Jugendlichen“ hervorrufen kann.

2008 nahm er sich das Leben.

Die kurzweilige Erzählung, die erst 2015 in deutscher Übersetzung erschien und innerhalb einer knappen Stunde gelesen ist, behandelt in unprätentiösen Sätzen und anhand der im Titel angelegten Metapher eines fremden Planeten den Hergang und die Konsequenzen einer Tofranilbehandlung. Die Reise zum Planeten der Selbstentfremdung beginnt auf der „guten alten Erde“, auf der der Erzähler lieber weilen würde, wäre da nicht diese „Üble Sache“. Doch nach einem „absolut lächerlichen Vorfall, bei dem Elektrogeräte in der Badewanne eine Rolle spielten“, wurde die Abreise via Tofranil von einem gewissen Dr. Kablumbus angeordnet.

In dem Spannungsfeld zwischen Erde und Trillaphon legt der Ich-Erzähler nun die Einzelheiten seiner Reise da, von denen hier aufgrund der Kürze der Erzählung nicht zu viel vorweggenommen werden sollte. Nur so viel: In umgangssprachlich vermittelten Anekdoten und lapidar vorgetragenen Randnotizen zeichnet er ein literarisches Bild seiner frühen Depressions- und Therapieerfahrung. Bezeichnend dabei ist seine häufig wiederkehrende Selbstbezeichnung als „troubled little soldier“, was von Ulrich Blumenbach nachlässigerweise als „Steppke“ übersetzt wird. Nachlässig, weil die Übersetzung unterschlägt, dass der Begriff des Soldaten impliziert, dass der Erzähler in einem Krieg aufgerieben wird, den zu führen er gezwungen ist, wogegen sein Körper rebelliert. Die mit großem Sarkasmus geschilderten Symptome belegen dies eindrücklich. Er ist ein krank in die Welt Geworfener, der sich nun mit den Verhältnissen auseinandersetzen muss, die ihm offensichtlich feindlich gegenüberstehen, weil er überall auf Widerstand stößt.

Was auf den ersten Blick bloß wie autobiografische Prosa eines psychisch kranken Jugendlichen erscheinen mag, ist für David Foster Wallace der erste Schritt in die Welt der Literatur. Das Schreiben war für ihn so etwas wie ein Rettungsring in dem wogenden Meer eines zerbrechlichen Lebens. Durch das Schreiben erlangte er Gewissheiten, an die er sich klammern konnte. Sie machten seine Probleme verständlich. Er schöpfte aus dem Schreiben Hoffnung, was dadurch deutlich wird, dass er nach seiner episodenhaften Genesung und dem Verfassen von Planet Trillaphon seinen Studienschwerpunkt zum Kreativen Schreiben verschob und später als Autor von Infinite Jest weltweite Berühmtheit erlang. Doch ein Rettungsring im wogenden Meer ist trotzdem ein Todesurteil, wenn nicht bald am Horizont die Küste auftaucht oder ein Schiff dem Ertrinkenden zur Hilfe eilt.

„Kunst, Literatur ist Sinn, sollte zumindest Sinn sein. Und Sinn ist Macht, die Macht, das Chaos zu ordnen und in der Leere Boden unter den Füßen zu gewinnen“, schrieb Foster Wallace. So hoffnungsvoll, wie dieses Zitat auch klingen mag, bewies sein Suizid tragischerweise, dass es nur bedingt wahr ist. Denn er schrieb, produzierte Kunst, war damit sogar erfolgreich, doch sein Leben erschien ihm weiterhin sinnlos. Insofern zeigen sein Leben und Werk die Grenzen und Möglichkeiten der Literatur auf. Nur Boden unter den Füßen zu gewinnen reicht nicht aus, wenn der abgesteckte Raum, in dem er sich bewegt, nach wie vor in der Leere schwebt.

Die Literatur kann nicht das Loch füllen, welches das Leben in die Menschen hineinreißt. Sie kann nicht Sinn stiften, wo kein Sinn vorhanden ist. Adornos Satz darüber, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, trifft hier im Besonderen zu. Die falschen Verhältnisse holten den kranken Schriftsteller immer wieder ein. Daran scheiterte er. Aber die Literatur kann den Unsinn der Welt zur Sprache bringen, ihn dokumentieren und in der Konfrontation als veränderbar überführen. Sie ist lediglich Werkzeug, um Nüsse zu knacken. Der so freigelegte und für den Menschen nahrhafte Kern ist wirklich das, was zählt. Er will gegessen, weiterverarbeitet oder verschenkt, aber in jedem Fall gebraucht werden. Die gesundheitlichen wie gesellschaftlichen Umstände machten diesen Kern für David Foster Wallace ungenießbar wie eine Allergie. Mit Blick auf seinen Suizid ist der Appell, den seine Erzählung implizit an die Leserschaft richtet, umso deutlicher. Planet Trillaphon verschafft Erkenntnis über die Zustände depressiver Menschen in einer Welt, die keinen Platz für ihre Belange zu haben scheint und sie von daher auf einen anderen Planeten abschiebt wie Aussätzige. David Foster Wallace hätte sich nicht dafür schämen brauchen, dass er schwitzt, vorausgesetzt, er hätte seine Panikattacken nicht hinter seinem Tennisschläger verstecken müssen. Seine Symptome sind für sich genommen banal. Drastisch werden sie erst im Netz der Gesellschaft, in dem wir uns alle bewegen.

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