Blut und Akkordeon

Ich sah sie sitzen auf einem Klappstuhl. Unter Bergen, die kopfüber im Himmel standen. Am Rande der Königstraße, wo der Widerspruch Tausendfüßler ist und wo Tauben Kippen und Abfall picken und ihre Botschaft von Frieden vergessen haben. Inmitten der erbarmungslos spottenden Türme und Häuser aus Rost, Beton und Glanzlack, inmitten der leuchtenden Werbetafeln und Schaufenster und Schaufensterpuppen, die schmeicheln und Bomben und Giftgas werfen, inmitten der Menschen, die es nicht besser wissen, als dabei zu lachen und zu weinen und in all dem täglich umherzuirren, hörte ich sie singen in einer unbekannten, aber nicht fremden Sprache.
Sie sang von den Städten und dass es nicht leicht ist.
Und es stimmt, es ist nicht leicht, nicht in den Städten und auch nicht anderswo, wo Köpfe keine Dächer sehen und Hände keine Arbeit haben. Vor ihr lag ein dunkles Tuch mit ein paar Münzen darauf, die von den zahlreichen Falten des Stoffs verschluckt wurden.
So viel ist es wert, dachte ich.
Nicht einmal eine Handvoll und ich weiß, morgen wird sie wieder singen. Sie wird ihr kleines, klägliches Angebot wieder zur großen, gottgefälligen, geilen Warenwelt tragen, zur Königsstraße und anderswo und verkaufen neben den Geschäften und Verkäufern, so viel sie kann und so lange sie kann. Und sie wippte und sie lächelte dabei und ich fragte mich, wie kann sie lächeln und wie kann sie wippen dabei.
Ihre Haut war alte Baumrinde, braun, wie frische und zerfurchte Erde. In den Händen, die sie gekonnt und schwer zusammendrückte und wieder auseinanderzog, hielt sie ein schwarzweißes Akkordeon, das Luft nahm und gab wie eine Lunge und schrie, so schön und rau wie der wütende Wind über dem ölverschmierten Meer. Es war nicht nur Musik, oder Text, es war ihr Fleisch und ihr Blut, das da so weit durch die belebte Straße ragte.
Sie wippte und sie lächelte dabei und sie tappte sogar mit der Fußspitze, die zu sehen war nur knapp unter dem langen Rock, unerhört und fortwährend auf den grauen Boden. Sie war ihr Instrument und ihr Instrument war sie.
Alles zog vorbei.
Und sie wippte.
Und alles zog vorbei.
Und sie lächelte.
Und alles zog vorbei.
Und sie sang und ächzte schön.
Und alles zog vorbei.
Aber das machte nichts. Solange sie sich nur selber hören konnte und solange ein paar Münzen gelegentlich in ihren schwarzen Falten verloren gingen, solange etwas Brot seinen Weg in ihren Magen fand und solange die Kälte bald enden mochte, machte das nichts.
All das machte nichts, solange es nur weiterging.
Und dann mischte sich doch noch die Angst in ihre Augen. Die Angst vor dem Ende, das jeder in den Knochen trägt. Von Geburt an. Sie spielte dennoch den letzten Ton, weil sie musste und weil der menschliche Atem nicht reichte für die Unendlichkeit. Und da hörte sie auf zu wippen und da hörte sie auf zu lächeln. Nichts hatte sich verändert, auch wenn für ein paar Minuten alles anders gewesen war.

Prosa und Foto von Kamil Tybel, 15.März’18

 


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