Skepsis

Ein Skeptiker – oder Relativist, das ist einerlei – stand da und zweifelte. Eine Frage hatte ihn erreicht. Wer der Meinung des Fragenden sei, so hieß es, der möge sich in Richtung A bewegen. Doch der Skeptiker stand noch immer da und zweifelte. Konnte er die Antwort kennen? Nach einer Weile bewegten sich alle in Richtung A und der Skeptiker, inmitten der Menge, konnte zu seiner Enttäuschung nicht über den Dingen fliegen und ging notgedrungen mit. Anschließend erreichte ihn eine Aussage. Sie baute auf der Frage zuvor auf. Und wieder sollten diejenigen, die der Aussage zustimmten, in Richtung A gehen, was alle taten, außer einem.

Der Skeptiker stieß gegen einen anderen, der vor ihm stand, denn diesem Anderen gefiel die Richtung A nicht und so blieb er einfach stehen. Er stand da, ganz in Schwarz gekleidet und stand dabei im Weg, während in der dichten Menge an den Seiten links und rechts alle weitergingen. Hinter dem Skeptiker stieß ebenfalls jemand an und auch dahinter, sodass allmählich Verwunderung und Unruhe in ihrer Reihe entstanden. Doch der in Schwarz Gekleidete wich nicht von der Stelle und widerstand dem Druck. Der Skeptiker aber wurde nervös, denn er stand, während noch fast alle gingen. War er zu diesem Standpunkt bereit? Allmählich vernahm er undeutliches Bellen in seine Richtung.

Da sagte der ganz in Schwarz Gekleidete „Nein!“. Der Skeptiker sah ihn mit weit geöffneten Augen an und fragte: „Aber was, wenn doch? Was, wenn es stimmt? Vielleicht ist es doch das Beste, wenn wir in Richtung A gehen?“ „Es stimmt nicht“, antwortete der in Schwarz Gekleidete, „sieh dich doch um!“ „Aber was, wenn es mehr gibt“, fragte erneut der Skeptiker, „alles kann ich doch nicht sehen. Alles kann ich doch nicht wissen.“ Der in Schwarz gekleidete antwortete zwar bedauernd, doch entschlossen: „Man muss zweifeln. Doch du wirst von Zweifeln zerfressen. Dein Blick sieht das Offensichtliche nicht mehr, denn du spekulierst. Du kennst keine Wahrheit.“

Er schaute auf die nun angewachsene Menge vor ihm und sprach weiter: „Seht euch doch an! Ihr spürt die Enge und sagtet gestern noch, Ihr fühlt euch gefangen. Euch mangle es an Freiheit. Doch Ihr bewegt euch! Habt Ihr euch zu dieser Bewegung denn nicht entschieden? Tatet Ihr es etwa nicht bewusst, kanntet Ihr dazu etwa keine Wahrheit? Und wenn nicht, dann fragt euch selbst: wer ist es, der weiß und antreibt?“ Die Menge wurde unruhig. Der Skeptiker wurde bleich. Da fuhr der in Schwarz Gekleidete fort: „Ich will kein Schaf sein. Doch solange ihr Schafe bleibt, bleibe auch ich ein Schaf. Also, wir sind Schafe!“ Alle erstarrten und blickten zum Skeptiker, der ihr Wortführer zu sein schien.

„Ich glaube dir nicht“, sagte der Skeptiker.

„Weil du immer nur glaubst“, antwortete der in Schwarz Gekleidete. „Du glaubst mir und glaubst mir nicht. Dabei gibt es nur eine Glaubensfrage: Was existierte zuerst, Du in der Welt, oder die Welt in Dir? Deine Antwort beweist, ob du bloß ein Gläubiger bist, oder ein…“

Da bekam er einen Kopfschuss und fiel tot um. Der Relativist und die Menge um ihn herum erschraken, denn es floss Blut vor ihren Augen und jemand starb. Doch waren sie auch dankbar, dass nicht auch sie erschossen wurden. Sie waren froh, dass die Herrschaften unterscheiden konnten, wer in Schwarz gekleidet war und wer nicht. Sie ging etwas zögerlich weiter in Richtung A, bis sich die Aufregung bald gänzlich legte. Doch in Einigen, die zuhörten, bebten die Worte des in Schwarz Gekleideten weiter. Diese Wenigen waren nicht mehr blütenweiß.

Der Skeptiker war ein großes Schaf. Um ihn herum eine Schafherde. Die Schäferhunde bekamen Schaffleisch zu fressen. Und der Hirte, dem alles gehörte, sprach: . . .

Bild Skepsis Nadja

Von Andrej Bill / Illustration von Nadja Bamberger, 10. März ’18

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