Drehtürkomplex

Wir waren gerade dabei das Kaufhaus nach unserem Einkaufsbummel zu verlassen, als meine Freundin M. noch fragte, ob wir uns nicht doch noch die Möbel in der Lagerhalle ansehen wollten. Sie trat spielerisch aus der Drehtür, die es ihr anscheinend angetan hatte. Ich war noch etwas widerwillig, da wir bereits im breiten Vorraum nicht fündig geworden waren und ich am liebsten zum Ausgang gehastet wäre, um dem stickig, etwas müffelnden Geruch älterer, gebrauchter Kleidungsstücke wieder zu entkommen. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass mich noch ein weiteres Gefühl, eine viel intensivere, subtilere, unterschwellige Gemütsregung aus dem Gebäude drängen wollte.
Während ich intuitiv einen Augenblick in mich hineinhorchte, konnte ich eine gewisse Unruhe ausmachen, einen Hauch der Ängstlichkeit, welcher sich so fadenscheinig in mir ausbreitete, dass sein Eindruck präsent war, ich ihn dennoch nicht greifen konnte. „Du weißt doch nicht schon vorher, ob wir nicht doch etwas finden werden“, drängte meine Freundin weiter. „Ich weiß nicht. Ich habe heute eigentlich noch was vor, wollte ein paar Dingen erledigen. Ich schiebe sie schon viel zu lange vor mir hin“, gab ich zögernd zurück. „Jaja, aber das hat doch alles Zeit! Ist sicher nichts Dringliches…“, beharrte M. Hätte ich etwas von meiner Erregung erwähnt, sie hätte es als verrückt abgetan, mich nicht ernst genommen und wohl nur etwas irritiert den Kopf geschüttelt und trotzdem auf ihr Drängen bestanden. Das Unwohlsein und der Widerwillen waren mir ins Gesicht geschrieben, sie ignorierte es und ich willigte schließlich zögernd ein. Wir gingen wieder zurück in das Kaufhaus, das von einem Moment auf den anderen ein wenig verändert wirkte. Unmerklich hatte sich eine kleine Einheit darin verschoben, ein Staubkorn, eine kaum merkliche Autorität, die das Getümmel der Menschen und das Gewirr aus Bergen von Kleidung in eine Unordnung versetzte. Die Menschen, die sich eigentlich wie gewöhnlich weiterbewegten und munter auf der Suche nach einem günstigen Schnäppchen auf den vollbepackten Tischen wühlten, wirkten auf mich wie versteinert. Nichts und niemand schien sich mehr wirklich zu rühren, alles war in eine verlangsamende Zeitlupe versetzt worden. Obwohl ich nach außen hin das Chaos, das Gewirr von Stimmen und die bunten Farben bemerkte, war etwas in meinem System zerbrochen. Alles war aus den Fugen geraten, sogar meine Eingeweide, meine fleischlichen Organe, sämtliche Bestandteile meines Körpers begannen sich zu verschieben und als ich mich umblickte, wurde mir bewusst, dass nur ich es bemerkte. Ich nahm die angeregten Unterhaltungen durch einen dumpfen, vernebelten Schleier wahr, der sich immer dichter über mein gesamtes Wesen legte. Wohin ich auch schaute, alles wirkte wie zuvor und doch wurde aus der anfangs kaum merklichen Veränderung der Szenerie im Kaufhaus eine immer größer werdende. Laut schallend drangen die Laute trotzdem weiterhin an meine Ohren heran, und reichten ungeachtet dessen nur dumpf zu mir selbst. Es kam mir lächerlich vor, ich überprüfte meinen Körper, indem ich an mir herunterblickte. Arme, Hände, Füße, Beine…alles war selbstverständlich noch an den ihnen zugedachtem natürlichen Platz.
„Komm jetzt endlich! Da hinten gibt’s noch mehr.“, warf M., die sich schon einige Meter entfernt hatte, dazwischen und riss mich aus meiner verwirrten Starre. Wir verließen die Halle, in der die Kunden immer weiter, inzwischen eher stumpfsinnig und mechanisch wühlten, und schritten durch das hohe Tor in das Möbelhaus, wo allerdings ein viel größerer Schreck auf mich wartete, dort wohl bereits schon lungernd seine Arme ausgebreitet hatte. Der komplette Saal war transformiert worden und nicht mehr wieder zu erkennen. Er glich einem riesigen Fabrikgebäude, in dem durch Schmutz und Abgase verdreckte Rohre bis unter die Erde verlegt worden waren. Immer tiefer reichten die festen Eisenstangen und Pumpen in den Schlund des Verderbens, immer weiter tat sich ein riesiger Abgrund unter meinen Füßen auf. Ein dunstiger Rauch, der von den Untiefen bis nach ganz oben stieg, vernebelte meine Sinne. Als ich mir einen kurzen Überblick über das Ausmaß der Lage verschaffen konnte, ergriff mich beim Anblick der unergründlichen Kluft eine so profunde Angst, dass ich erstarrte und zu zittern begann. Am ganzen Körper bebend, schleppte ich mich dennoch widerwillig an den Rand der Plattform und zwang mich zu einem Blick über ihn. Die Tiefe des Kraters, der sich vor meinen Augen auftat, war oder erschien zumindest mir unermesslich. Wenn eine Hölle existierte, dann hätte ich sie jetzt wohl gefunden, schoss es mir durch den Kopf. Es war der größte und furchtbarste durch Verderben und Missgunst geprägte Kessel, den ich je hinabgeblickt hatte und ich fand mich liegend, unmittelbar davor ein, ungesichert ohne eine Möglichkeit mich festzuhalten, auf einer winzigen Scholle von der ich nicht mal mehr wusste, von was sie getragen wurde oder aus welchem Material sie überhaupt konstruiert war. Meine Angst lähmte mich, drückte mich immer fester auf den kalten Steinboden. Es schüttelte mich noch schlimmer denn jemals zuvor am ganzen Körper, und ich wusste schon nicht mehr, wie ich in diese aussichtslose Lage geraten war oder was ich tun sollte, um dem Tod zu entgehen. Unter mir schien es zu arbeiten, als würde dort eine Fabrik betrieben werden, die sich das Verderben von Menschen zum Geschäft gemacht hatte. Das Hämmern an den Rohren, das geschäftige Treiben in diesen Untiefen. Obwohl es so weit entfernt klang, schallte es bis hoch zu mir. Auf einmal kam mir M. wieder in den Sinn. Wo war sie? Suchend blickte ich umher. Sie turnte leichtsinnig, nur einen halben Meter von mir entfernt auf einem weiteren winzigen, bereits brüchig wirkenden Felsvorsprung. Zwischen dem Spalt, der sich zwischen den beiden Felsplatten befand, tat sich der verhängnisvolle mörderische Kessel auf. Doch davon ließ sich meine Freundin nicht beirren. Ihre Leichtfertigkeit trat in direkte Konkurrenz mit meiner Schockstarre.
Nachdem M. eine Weile am Rand balanciert hatte, stolperte sie tollpatschig am Rand der Platte, schwankte stärker, Steine bröckelten herunter, und sie blickte weiterhin nonchalant mit gewohnt lockerem Gesichtsausdruck die Gruft herab. Die furchtbare Angst um meine Freundin fror mich noch zusätzlich ein, die Handlungsunfähigkeit, die aus dem ängstlichen Fieber resultierte, biss wie Rasierklingen auf mir. Sah sie die schlimme Gefahr nicht, in der sie sich befand? Wie konnte sie so ruhig bleiben? Sie torkelte, fing sich mit einer Leichtigkeit wieder und schnitt eine ironisch sorgenvolle Grimasse. Verhöhnte sie mich etwa? Die Verwirrung, die ihr irrationales Verhalten in mir stiftete, war immens. Sekunden vergingen wie Stunden, ich hätte bereits Jahre auf diesen unerbittlichen, harten Steinen ausharren können, ich hätte es nicht bemerkt. Wer konnte schon einschätzen wie viel Zeit wahrhaftig vergangen war, als mich M.s dünne Hand ergriff und mich leichtfertig vom harten Steinboden wegzog. Meine Lähmung hielt weiter an, während M. achtlos über die dünnen Felsvorsprünge mit sicherem Gang schritt. Ich blieb gefangen, bis sich die groteske Szenerie langsam wieder normalisierte. Der Boden wurde mir wieder sicherer unter den Füßen, der Rauch verdampfte an den hohen Wänden. Die emporragenden Regale der langen Lagerhalle wirkten weiterhin dunkel, bedrohlich, unbezwingbar auf mich, doch von der vorherigen Todesangst waren nur noch winzige Partikel unter meiner Haut kribbelnd hängen geblieben. Mein Magen verkrampfte sich nach wie vor, auch weil sich M.s scheinbar rettender Händedruck nicht lockern wollte. Plötzlich ließ sie los, verkündete lautstark, dass sich der Besuch doch nicht gelohnt habe und dass sie lieber noch in das 30km entfernte, viel modernere Möbelhaus schauen wollte. „Ja, aber…meine Erledigungen, du weißt schon…die ich schon so lange aufschiebe“, erwiderte ich leise. „Achwas! Die kannst du heute Abend auch noch machen!“, rief sie vergnügt. Sie zog mich am Ärmel meines Pullovers, hin zur Drehtür und ich ließ sie gewähren.

Von Maria Harms 28. Feb`18 / Illustration von Lukas Schepers

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