Wieso Mord? – Gedanken zu den Taten des Rodion Raskolnikows

Der Mensch mordet aus Verlangen. Aus Verlangen nach Gerechtigkeit, aber häufiger aus Verlangen nach Geld, nach Macht, nach Besitz eines materiellen oder auch substanzlosen Gutes, welches ihm verwehrt wird. Kann eines dieser substanzlosen Güter das Morden selbst sein? Kann der Antrieb auch gleichzeitig die Tat sein? Gibt es le meurtre pour le meurtre?

Tötet der Mensch von sich aus, oder wird er zum Mord getrieben? Folgt Raskolnikows Krankheit dem Verbrechen, oder ist sie dessen Auslöser? Ist die Krankheit bedingt durch die Natur des Menschen oder die Struktur der Gesellschaft? Fest steht, dass wir Angst vor dem Tod haben und Ehrfurcht vor dem Leben. Ansonsten müsste es, wie der verabscheuungswürdige Swidrigailow feststellt, viel mehr Selbstmorde geben.

Natürlich sind Mörder anders gestrickt. Gehirne sind grundverschieden. Dass es genetische Dispositionen gibt, die einem Menschen das Töten erleichtern, ist neurowissenschaftlich bewiesen. Dass sich das Gehirn wandeln kann, auch. Aber das „Mörder-Gen“ steckt nicht nur in dem Großteil der inhaftierten Schwerverbrecher, sondern vielleicht auch in dir und mir. Es bricht ans Tageslicht, wenn es dazu herausgefordert wird. Der genetische Mangel an Empathie muss das Licht der Welt also nicht erblicken. Die Krankheit mag vielleicht die Natur des Menschen sein, aber ihr Ausbruch ist der Struktur der Gesellschaft anzulasten.

Den Hebel legt die Gesellschaft um. Sie ist es, die zuerst abdrückt, das kranke Individuum leitet den Herzschuss lediglich weiter. Bei Raskolnikow sind, nüchtern betrachtet, vielleicht Geldmangel und schlechte Ernährung Schuld. Nicht einmal unbedingt sein eigener Geldmangel ist es, der ihn bedrückt, sondern die Idee der ökonomischen Ungerechtigkeit, die in sozialer Ungerechtigkeit resultiert und durch die Pfandleiherin Aljona Iwanowna repräsentiert wird. Diese Ungerechtigkeit wird in allererster Instanz durch die Privatisierung der Produktionsmittel ausgelöst, wenn man in marxschen Termen sprechen will. Diese hat es ermöglicht, dass sich eine bestimmte Gruppe in der für sie glücklichen Lage befindet, über die von ihrem Lohn abhängigen Arbeiter zu herrschen. Die Ausbeutung und das Leid der Unterdrückten durch monopolisierende Produktionsmittel wird somit Antrieb und Freude der Unterdrücker.

„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ (Marx, Vorwort zur Kritik der Politischen Ökonomie)

Doch das Verbrechen begeht stets der Mensch, dessen Wesen jedoch von der Gesellschaft geformt wurde und somit gleichzeitig Auslöser des Verbrechens ist. Er begeht das Verbrechen auf ein Drängen hin, aber in seiner Existenz muss er die nötige Vernunft aufbringen können, dagegen anzukämpfen. Er ist Entscheidungsträger, die letzte Instanz, aber auch individueller Träger des gesellschaftlichen Bewusstseins und steht ständig in einer dialektischen Beziehung zu dieser, durch die ihm Freiräume gestattet und genommen werden. In dieser Rolle muss er reflektierend handeln. Sprich: es gibt auch durch objektive und konkrete Verbrechen gegen die menschlichen Grundrechte legitimierte Morde. Nur ist es meist die herrschende Klasse, die bestimmt, wann ein Mord legitim ist.

Bei Raskolnikow gibt es diese Logik nicht. Er sieht den Mord als eine Notwendigkeit an, um Prinzipien zu bekämpfen, die ihn überhaupt erst in diese Lage gebracht haben. So gesehen ist sein Mord eine Befreiung. Er hat den typischen Reflex nicht zu töten, ausgeschaltet. Es ist also ein Kampf des individuellen Idealismus gegen die Widrigkeiten der Gesellschaft. Dieser Idealismus ist aus gesellschaftlicher Sicht völlig amoralisch. Doch entsteht die Moral nicht erst aus der Gesellschaft, die das Individuum im Falle Raskolnikows bekämpfen will? Falls der Geist des Menschen nicht aus sich selbst die Moralvorstellung des um jeden Preis zu vermeidenden Mordes gebildet hätte, musste Raskolnikow diese Moral überschreiten, da sie ja ihren Ursprung im Feindbild hat, denn er lehnt sich schließlich gegen die Gesellschaft auf, die den Mord strikt verbietet und dabei so ungerecht zu ihm ist.

Das Verbrechen folgt also der Krankheit, die ihren Ursprung möglicherweise im Menschen selbst hat, aber wiederum von dem Verbrechen der Gesellschaft ausgelöst wird. So betrachtet ist es Vergeltung. Doch das Individuum darf sich nicht über andere erheben, sonst stürzt es die Welt ins Chaos. Hier liegt Rodions persönliche Schwäche, wenn man es so nennen darf. Hier liegt sein Grund zum Mord, seine moralische Verkrüpplung, die gleichzeitig eine neue Moral schafft. Diese individuelle Amoral ist eigentlich eine gesellschaftlich ausgelöste. Wenn alle Menschen gleichberechtigt wären, müsste sich niemand über das Leben der anderen erheben. Das ist im Kapitalismus unmöglich.

Raskolnikow will ein Napoleon sein. Ein Mensch, der sich erhebt. Er vollzieht, wie all die großen Herrscher vor ihm, eine selbst inszenierte Apotheose. Mit dem Unterschied, dass er sich keine Brüder für seinen Kampf sucht und somit unpolitisch bleibt. Er ist der einzige Fels in der Brandung und somit kaum in der Lage, die Wellen zu stoppen. Obwohl sein Kampf gegen das Prinzip der Ungerechtigkeit nachvollziehbar ist, berechtigt ihn das nicht zu einem in seiner Individualität belanglosen Mord. Er sollte die Wut und seine bemerkenswerte Geisteskraft eher einem politischen Zusammenschluss widmen, in der Hoffnung, eine gesellschaftliche Umwälzung loszutreten, anstelle halb-wahnsinnig mit einer toten Pfandleiherin dazustehen, die nur ein winziges Zahnrad im Getriebe der Maschinerie ist, gegen die er mit diesem Mord protestiert.

Von Lukas Schepers, 2.Nov’16 / Illustriert vom Duo Edmada

mord

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