Der tiefste Punkt

Sie probiert zu sein, was sie nicht ist. Wie ihr Leben verläuft, passt ihr nicht. Was sie daraus in der Zukunft machen wird; ebenso wenig. Sie wäre am liebsten eine vollkommen andere Person. Es drängen sich ihr unzählige Widersprüche ihres Daseins auf, die sie nicht akzeptieren kann. Ihr Bewusstsein ist den Emotionen zu weit voraus – es kommt zu einem Kurzschluss zwischen Gedanken und Gefühlen, zwischen dem, was die Gesellschaft von ihr fordert und ihrer inneren Sehnsucht nach Einklang, welche immerzu gestört wird von der unerbittlichen Sinnwidrigkeit des gesellschaftlichen Alltags. Sie besucht die Universität, obwohl dort augenscheinlich dumpfes Wissen anstatt wahre Erkenntnisse vermittelt werden. Sie hegt Freundschaften, obwohl diese inhaltslos erscheinen. Im Spagat zwischen Sinnhaftig- und Sinnlosigkeit des Lebens negiert sie die ihr innewohnenden, ursprünglichen Gefühle zum Wohle angepasster Gedanken und versucht das zu sein, was sie an anderen bewundert. Und obwohl diese Eigenschaften der Anderen meist von größter Angepasstheit sind, ist ihr jederzeit klar, dass all dies nur den äußeren Schein bildet und ihr Selbst, sich vor Schmerzen an die Brust fassend, auf dem Grunde ihres Inneren liegt und sich windet, gleich einem in den Dorfbrunnen gestürzten Kinde.
Während sich ihre Augen schließen, fangen ihre Gedanken an umherzuirren. Sich nicht zähmen lassend, rasen sie von links nach rechts und unten nach oben vor ihrem inneren Auge. Ihr wird schwindelig und sie kann sich nicht mehr auf den Beinen halten. Als sie sich fallen lässt, setzt sich dort, wo vorher düstere Verwirrung herrschte, ein Bild voller Eigenarten und Fragwürdigkeiten zusammen. Blüten springen ihr rosa in die Augen, bedecken wohlriechend ihre Nasenlöcher. Blätter legen sich sanft über ihren roten Mund. Dornen stechen ihr sachte in die Arme, während sie von ihnen nach einem stundenlangen Fall in die Tiefe aufgefangen wurde. Sie erhebt sich aus einem Dornenmeer, und obwohl sie nicht recht versteht, verspürt sie aufrichtige Liebe für den Wald, für seine ursprüngliche Atmosphäre, in der sie sich plötzlich befindet. Ihr Kopf fühlt sich leer und unbeschwert an, als hätte der Sturz ihr alle Zweifel genommen. Was bleibt, ist die Freude über das wohlige Gefühl, das der schattige Ort, an dem sie sich nun befindet, in ihr auslöst. Sie reflektiert mit Behagen die Geschehnisse, bemerkt diese innere Ruhe und wunderte sich über die Ausgelassenheit, welche sie in dieser Form seit ihrer Kindheit nicht mehr vernommen hat. Sich nun endlich umblickend, erfasst sie den Wald in seiner ganzen Höhe, Breite und Tiefe. Die Geäste hoch in den Wipfeln wabern über ihr wie winkende Bekannte, das Unterholz erstreckt sich in seiner braun-schwarzen Unendlichkeit, in der sie in einiger Distanz einen schreitenden Mann erblickt, dessen unebener Körper kaum mit den dunklen Farben des Waldes kontrastiert. Sie kann seine Silhouette nur erahnen, erkennt aber deutlich seine ungewöhnlich großen Füße am Ende der dünnen Beine, die strichartigen Arme, die ebenso gegensätzlich in plumpe Hände münden. Und sie erkennt einen schmalen Kopf, der symmetrisch die Mitte des Körpers markiert. Seine überlangen Gliedmaßen schleppend, schreitet der ungewöhnlich große Herr außerhalb jeglicher Gesellschaft und in völliger Ruhe zwischen den Fichten und Kiefern umher.
Ihm neugierig folgend, wagt sie die ersten Schritte, durchläuft die jungfräulichen Schneisen zwischen den sich auftürmenden Nadelbäumen und gelangt zu einem Zelt, dessen mit Reliefs verziertes Holzgestell sich derart hoch erstreckt, dass die vielen Enden des lehmfarbigen Stoffes sich erst über den Wipfeln vereinen können. Sie wickelt das um einen Knopf gebundene Lederband ab und tut den runden Eingang auf, durch den sie kurz darauf in das Innere des Hortes schlüpft.
Es herrscht buntes Licht in dem schier unendlich scheinenden Kegel, welcher mit schillernden Spiegelsplittern übersät ist, die den leuchtenden Schein in hunderten von Blitzen und Spektren reflektieren. Sie hört jauchzende Freudenschreie, aber ihr Blick ist von der Farbpracht derart gefesselt, dass sie ihn trotz aller Neugierde nicht abwenden kann, bis er schließlich, die minutenlange Trance durchbrechend, die Innenseite des Zeltes hinunterschweift bis er auf dem Boden angekommen, eine Gruppe von Menschen erfasst. Die Gruppe ist maskiert und tanzt mit exzentrischen Federn, Ketten und Armreifen geschmückt, laut lachend im Kreis. Die Geräusche durchschweben den Äther des gesamten Zeltes bis über die Bäume hinweg in herrlichen Klängen. Sie kann ein Lachen ihrerseits nicht zurückhalten und es zu stoppen; daran kann sie gar nicht denken. Sie wirft den Kopf zurück, klopft sich auf die Schenkel, klatscht in die Hände und schüttelt sich. Ihre Gedanken sind nun wie aufgelöst, so sehr, dass sie nicht merkt, dass sie nichts mehr bemerkt. Ihr Selbst, ihre Zweifel sind verschwunden. Ihr Inneres wird in diesem Moment von einer Leere beherrscht, dessen Leichtigkeit den inhaltslosen Rest ihres Daseins mit Glück erfüllt. Sie vergisst ihre Sorgen.
Ein Blick. Tief in die schlitzartigen Augen einer Person, die sich sofort demaskiert. Sie selbst steht inmitten der feierwütigen Menge, bedeckt mit dem Morast, der sich über die Jahrzehnte am Grunde des Brunnens gesammelt hat. Kalte Tropfen rinnen ihre Arme herunter und tropfen von den Fingerspitzen herunter auf die Erde.
Ihre Schultern krümmen sich. Die Erinnerung an den Zweifel über die Sinnhaftigkeit ihrer Existenz kehrt zurück, an die Widersprüche des gesellschaftlichen Lebens, an den Mangel an Selbst. Eine bleierne Schwere verbreitet sich in ihr, dort, wo gerade noch vor Leichtigkeit alles schwebte. Sie erkennt sich selbst, erkennt die Farce und wird wieder heruntergedrückt- noch tiefer als vorher – auf den Grund des Brunnens, an dem sich bereits ihre Seele vor unerträglichen Schmerzen wand.
Sie öffnet ihre Augen. Aus dem unendlichen Spaß herauskatapultiert, erblickt sie keinen Wald mehr. Auch keine Stadt, kein Boden, kein Besitz. Zeit und Raum fliegen formlos an ihr vorbei. Erst in der Leere lernt sie, die Gebrechlichkeit all dieser abwesenden Dinge zu erkennen, die in ihrer wilden Erfahrung im Zelt lediglich durch Tollheit verdrängt wurden. Die Kränklichkeit alles Materiellen sorgt sie nun wahrlich nicht mehr. Sie erkennt, dass es fernab dieses zittrigen und fragilen Gerüsts möglich ist, zufrieden zu sein, anstatt die Begleiterscheinungen des Seins nur temporär zu vergessen. Lediglich einige aufmerksame Minuten waren dafür notwendig. Eine Konfrontation mit ihrem leidenden Selbst, ein Treffen mit blutendem Herzen, lässt sie nun akzeptieren. Einige Momente der vollkommenen Einsamkeit, in welchen sich das Wesen eines Menschen vollkommen abgeschieden von seiner Umwelt zu sich selbst kehrt, ist, was es in diesem Fall bedarf. Mit dem äußeren Leid verblasst auch ihr innerer Schmerz. Es ist nun ihre Realität, in der sie lebt, nicht mehr die der Anderen. Die Entscheidungen liegen bei ihr, ebenso wie die Konsequenzen.
Ein Blick. Tief in die Augen einer Person, die sie so vermisst hat. In dem Augenblick, in dem sie sich selbst so nahe ist, wie nie zuvor, nimmt sie die seit Ewigkeiten unterdrückte Sehnsucht nach sich selbst stärker wahr als jemals zuvor. Und sie wird erfüllt. Was für ein Gefühl. Wenn ein Spiegelbild ihrer selbst in tausend Teile brechen würde, wäre es ihr gleichgültig. Es wären dann die Scherben, die in sich selbst eine vollkommene Welt wären. Ihnen ist es gleich, ob sie getrennt werden und wie oft sie noch zerbrechen. Sie wären jedes Mal ein Ideal. Ein absolutes Sein. Doch was sich dort in diesem tadellosen Gegenstand spiegelt, das ist menschlich, meist lückenhaft, zerfressen von Zweifeln – bis zu dem Punkt, an dem sie sich gerade befindet, dem Bewusstsein, das sich ihr gerade eröffnet. Dort, wo erst Chaos oder Leichtigkeit herrschten, verbreitet sich nun eine Balance und Stimmigkeit. Die ursprüngliche Schwere des Konflikts ist bei ihrer Rückkehr noch da, sie ist noch spürbar, sie sieht sie klar vor ihren Augen; aber sie ist zu ertragen. Auf dass der Spiegel zerbersten mag.

Prosa und Foto von Lukas Schepers, 26.August’16



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