B. versteht die Welt nicht mehr – Vom Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln

B., geboren und aufgewachsen mit allerlei Fragen,
die man ihm beantwortete mit allgemeinen Phrasen.
So sieht er die Dinge heute wie die meisten Anderen auch.
Und vergnügt sich in dem allgemeinen Schall und dem Rauch.
Doch gelegentlich, da bahnt sich ein Windstoß den Weg,
und B.s Welt steht plötzlich krumm und schräg.
In diesen Momenten versteht B. die Welt nicht mehr
und die Wirklichkeit erscheint ihm verblasst und leer.


Wie jede Woche, saß B. auch an jenem besagten Donnerstag wieder an der Haltestelle nahe seiner Wohnung. Es dämmerte bereits als der nervös dreinschauende Student, der in seiner Umgebung unterging wie ein sich versteckendes Chamäleon, hektisch seine Taschen auf der Suche nach seinen Kopfhörern durchforstete. Nach mehrfachen Überprüfen, der mit allerlei Krempel gefüllten Hosen- und Jackentaschen, gestand er sich jedoch schließlich ein, dass er sie wohl Zuhause liegen lassen hatte. Ein müder Ärger kroch ihm die Kehle empor, den er aber schleunigst wieder runterschluckte, als er den mit Werbung zugekleisterten 600er Bus einfahren sah.

Seufzend betrat er das dröhnende Gefährt und setzte sich sein Smartphone zückend auf einen freien Platz im mittleren Bereich des Buses. Kaum hatte er das Gerät in der Hand, gab es auch sogleich zwei schrille Pieptöne von sich, die B. auf diese charmante Art und Weise darauf hinweisen sollten, dass sein intelligenter Gefährte sich gleich verabschieden würde. Naja, zu mindest musste er sich jetzt nicht mehr über seine vergessenen Kopfhörer ärgern.

Es dauerte nicht lange und B. gelang es in einem dösenden Zustand, sich aus dem Fenster starrend seinen Gedanken und Sorgen hinzugeben. Es war Klausurphase, mal wieder und wie immer hing er mit dem Lernen hinter her, obwohl er sich wie jedes Semester fest vorgenommen hatte, zeitig mit dem Bücher wälzen anzufangen. Während er also so da saß und über die Belange seines Lebens sinnierte, betraten von B. unbemerkt zwei Männer mit ernstem Blick den Bus. Einer stieg vorne und einer hinten ein. „Fahrkarten bitte!“, hieß im Chor, im selben Augenblick als die Autoreifen sich wieder in Bewegung setzten. Der Blick aller wanderte auf die dazu gestiegenen Fahrkartenkontrolleure, auch B. kam nicht umher sich von seinen Gedanken zu lösen und den Mann anzuschauen.

Mit gelangweilter Routine holte er sein Portemonnaie hervor. Wenigstens hatte er sein Ticket dabei, aber wie es der Zufall wollte, sollte B. gar nicht mehr dazu kommen die Gültigkeit seiner Mitfahrt bezeugen, denn wie es schien war ein Mann, der B. vorher gar nicht aufgefallen war, ohne jegliche Befugnis in den Bus eingedrungen. Der Mann trug eine Tragetasche, vermutlich mit Einkäufen bei sich und blickte sichtlich erschrocken auf den Kontrolleur. Es dauert nicht lange und auch der Kollege, der hinten eingestiegen war, bahnte sich seinen Weg zu dem Übeltäter. Sie löcherten ihn mit den altbekannten Fragen, Adresse, Name usw..  Jeder Versuch des Mannes sich zu rechtfertigen scheiterte, jedes „aber“ stoß bei den pflichtbewussten Angestellten auf tief taube Ohren.

hielt noch immer sein Ticket in der Hand, sein Studententicket. Ein Foto von ihm war darauf auf dem er eine lustige Grimasse schnitt. Aber jetzt kam er sich irgendwie dumm damit vor und versteckte es gleich wieder in seiner Geldbörse. Für einem Moment, er wusste nicht wieso, immerhin war das nicht der erste Schwarzfahrer, der vor ihm erwischt wurde, nun, für einen Moment überkam ihn ein ganz übles Mitleid mit dem Fremden, der ihm zu seiner eigenen Verwunderung bedrohlich nah schien. Als ob es ein Freund oder Bekannter wäre, der da gerade der sozialen Schmach ausgesetzt war, als ob er es selbst wäre. B. entgingen die Blicke der Anderen nicht, sie alle starrten den Mann ohne Gültigkeit an. Weniger aus Vorwurf, sondern mehr aus einer perfiden Schadenfreude, aus einer Sensationsgeilheit heraus, die bei solch einem sensatioslosen Ereignis eindeutig überflüssig war.

Unwillkürlich fragte sich B. wer der Mann wohl war? Familienvater der gerade vom Einkauf kam? Verzweifelt Geschiedener, der seine Tiefkühlkost nach Hause hievte? Vielleicht aber auch nur ein Dieb und Nichtsnutz, der irgendwelchen geklauten Kram an Leute verkaufen wollte? Oder doch ein Crackjunkie, der seine Spitzen in einer Tüte mit sich rumschleppte? Wer konnte das schon sagen, er sah aus wie die meisten auch; nun ja vielleicht ein wenig müder. B. entschied, dass es ihm egal war. Am Liebsten wäre er aufgestanden und hätte gerne die Kontrolleure zum Teufel gejagt. Verdammt, er wollte irgendwas tun, irgendwas um diese Spannung in sich zu lösen. Doch es war vergeblich, er würde sitzen bleiben, was sollte er auch aufstehen? Der Mann hatte nun mal kein Ticket und jeder kannte die Regeln, die Regeln in die wir hineingeboren wurden: Wenn du mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren willst, wenn du ein Teil der Öffentlichkeit sein willst, dann brauchst du ein Ticket. Ohne Ticket bist du unerwünscht, ohne Ticket bist du schlicht ungültig.

Der Ausdruck  B.s veränderte sich, er saß noch immer still da, schaute auch wieder aus dem Fenster nachdem der Mann ohne Gültigkeit höflich, aber bestimmt aus dem Bus geleitet wurde, doch sein Züge zeugten nun von einer hilflosen Strenge, die nichts mehr mit seinem schlaffen Gedankenausdurck von vorher gemein hatte. Seltsam, so oft waren Gedanken nichts weiter als kleine Steine, die man versehentlich beim Gehen mit dem Fuß traf und schon beim nächsten Schritt wieder vergessen hatte. Dieser Gedanke hingegen, heraufbeschworen vom Wind, war vielmehr ein Fels, vielleicht sogar ein Berg, den er nicht hatte kommen sehen und den er nicht ohne weiteres wegtreten können würde.

Noch bis zum Ende seiner Busfahrt, ja sogar bis auf den Fußballplatz zum abendlichen Kicken in der Halle, ließ ihn der Mann ohne Gültigkeit nicht los. Erst als er sein erstes Tor schoss, entspannten sich seine Gehirnzellen und befreiten sein Gefühl von unangenehmer Melancholie und einer Frage, deren Antwort er nicht zu finden vermochte.

Von Kamil Tybel 

 

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s