„Nightcrawler“ – Filmkritik

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„Wenn man im Lotto gewinnen will, braucht man zuerst das Geld für einen Lottoschein.“

Louis Bloom kann einem fast Leid tun, als er dem grimmig guckenden Baustellenleiter in der Hoffnung auf einen Job sein Lebensmotto anvertraut. Zuvor hatte der wortgewandte junge Mann praktisch alles aufgezählt, was den gewöhnlichen Arbeitgeber hellhörig werden lässt. Er sei ein hartnäckiges Arbeitstier, setze sich hohe Ziele, akzeptiere dass man unten anfangen muss, könne sofort beginnen – kurzum: Bloom machte deutlich, dass hier einer steht, der die Regeln des Arbeitsmarktes anerkennt und weiß, worauf es dem potentiellen Käufer seiner Arbeitskraft ankommt. Nachdem der scheinbar völlig desinteressierte Unternehmer ihn trotzdem mit einem Wort abfertigt, bietet Bloom sogar an, zunächst als unbezahlter Praktikant zu arbeiten. Doch auch hierauf antwortet der kühl wirkende Mann hinter dem Schreibtisch nur, dass er keinen Dieb einstelle.

Dieb? – In der Tat hat der nie um ein freundliches Lächeln verlegene Bloom nur ein paar Stunden zuvor eine stattliche Menge Metalldraht geklaut und in der Nähe des Tatorts auch noch ohne mit der Wimper zu zucken einen Polizisten niedergeschlagen. Schließlich fuhr er, die Armbanduhr des Ordnungshüters am Handgelenk anprobierend, seelenruhig vom Geschehen weg und verkaufte die Beute schließlich an eben jenen Bauunternehmer, der später ablehnt, ihn einzustellen.

Mit diesen beiden Szenen, in umgekehrter Reihenfolge gezeigt, macht Regisseur und Drehbuchautor Dan Gilroy die Zuschauer mit seinem Hauptcharakter bekannt. Und er hätte es nicht besser machen können. Nach dem ersten Auftritt halten wir den von Jake Gyllenhaal fabelhaft unheimlich gespielten Bloom für einen gewöhnlichen, wenn auch überraschend selbstsicheren Kleinkriminellen, den scheinbar nicht einmal die Staatsgewalt einzuschüchtern vermag. Wenige Minuten später steht genau derselbe Mann in einem schäbig aussehenden Büro und bittet kleinlaut um einen Job, für den er am Anfang nicht einmal Geld nehmen würde. Wie passt das zusammen, haben wir es vielleicht mit einem Psychopaten zu tun?

Nicht wenige Kinobesucher werden den kühl und scheinbar gefühllos wirkenden Protagonisten dieses Films tatsächlich als verrückt abstempeln. Doch so ganz befriedigend ist diese Lösung hier nicht, zu bekannt wirkte das „Einstellungsgespräch“, zu realistisch seine verzweifelten Versuche diesen Job zu bekommen. Welcher junge Mensch hat sie denn nicht hassen gelernt, diese unbezahlten Praktika, bei denen man letztlich in der Hoffnung auf eine feste Stelle sogar noch mehr arbeitet als die Kollegen? Wer kennt nicht das Gefühl, in solch einem Büro zu stehen und sich irgendeinem betont überlegenen Personalmanager gut verkaufen zu müssen, nur weil hinter der Tür schon der nächste wartet und exakt das gleiche will wie man selbst? Um ihn schlicht für einen Verrückten zu halten, erinnert uns Blooms Auftritt zu deutlich an die eigenen Erfahrungen.

Oberflächlich betrachtet könnte auch die Ablehnung des Bauunternehmers zunächst als gerechtfertigt angesehen werden. Er möchte eben keinen Kriminellen einstellen, auf den ersten Blick macht das Sinn. In Wirklichkeit aber zeigt die Szene dem aufmerksamen Zuschauer mit glänzendem Zynismus die wahren Ursachen von Kriminalität. Mit Sicherheit stand der arbeitswillige Bloom schon in hunderten anderen Büros um nach einer Anstellung zu fragen. Schließlich würde er ja gerne das Geld für einen Lottoschein verdienen, aber keiner gibt ihm die Möglichkeit dazu. Der in unserer heutigen Gesellschaft stets geforderte Wille, es allein zu schaffen, gepaart mit den konsequenten Ablehnungen, zwang ihn letztlich dazu, illegal zu arbeiten. Er klaute Wertgegenstände und verkaufte sie weiter. Sich in dieser Zwangslage nicht von einem Polizisten verhaften und für Jahre einsperren lassen zu wollen, ist nur konsequent. Zu jenen, die sein Diebesgut für einen lächerlich niedrigen Preis aufkauften, gehörte auch unser abgebrühter Bauunternehmer. Im Grunde arbeitete Bloom also bereits für ihn und die moralisch auf den ersten Blick vertretbare Ablehnung entpuppt sich als gewöhnliches Streben nach Profitmaximierung – erst zwingt man einen jungen Mann in die Kriminalität und weigert sich dann, ihn einzustellen, da die Früchte der illegalen Arbeit profitabler sind, als es die legale Ausbeutung seiner Arbeitskraft wäre. Nichtsdestotrotz verlässt Louis Bloom das Büro mit seinem charakteristischen Lächeln auf den Lippen – er hat verstanden.

Woraus der 2014 veröffentlichte, in herrlich düsterem „film noir“ -Stil inszenierte Thriller seine Kraft gewinnt, ist die Fähigkeit, dem Zuschauer zu keinem Zeitpunkt die tatsächlichen Ursachen für die Handlungen seiner Figuren zu verschleiern. Was zunächst als nicht nachvollziehbare Doppelmoral wirken könnte, wird durch die perfekte Aneinanderreihung verschiedener Szenen schnell als ein und dieselbe Moral offengelegt. Der Film ist nichts weniger als ein Spiegel. Ein blitzsauberer, ungefärbter Spiegel unserer heutigen Gesellschaft, wie sie wirklich ist, worauf sie zwangsläufig aufbaut und wo sie letztendlich hinführt.

Wenn Louis Bloom anfängt, mit seiner Kamera durch die Nacht zu streifen um die blutigen Szenen nach einem Unfall zu filmen und an einen Fernsehsender zu verkaufen, wissen wir, dass es in der Realität nicht anders abläuft. Dass in unserer jetzigen Gesellschaft selbst das gefilmte Leid anderer Menschen zur Ware wird – das einfach alles in dieser Welt zur Ware werden kann. Doch bleibt es nicht bei der Veranschaulichung des Warenfetischismus – die Bandbreite reicht von dem erbarmungslosen Konkurrenzkampf, sowohl unter den lohnabhängigen Arbeitern als auch unter den zum Verkauf ihrer Waren gezwungenen Unternehmern, bis hin zum Prinzip der Kapitalakkumulation. Der Film stellt den Kapitalismus und die darauf basierenden Werte derart realistisch dar, dass auch die durchaus vorhandenen, hollywoodtypischen Thrillerelemente davon nicht ablenken können, sondern im Gegenteil aus dem lehrreichen Inhalt sogar noch ein packendes Leinwanderlebnis machen.

Nachdem Bloom in den Handel mit Unfall- und Verbrechensaufnahmen eingestiegen ist, bewährt sich eindrucksvoll sein Wissen um die Funktionsweise des Kapitalismus. Die Erkenntnis verinnerlichend, dass Skrupel oder Gefühle auf dem Weg nach oben nur hinderlich sind, blüht sein junges Geschäft trotz harter Konkurrenz schnell auf. Schließlich hat er die Mittel, um selbst jemanden einzustellen; die Arbeitskraft eines anderen auszubeuten. Louis Bloom ist da, wo er hinwollte – er ist zum Kapitalisten geworden. Sein folgender Werdegang lässt sich am treffendsten mit einem zeitlosen Zitat P.J. Dunnings beschreiben:

„Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv und waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.“

In jedem, der in unserer heutigen Gesellschaft groß geworden ist, steckt ein Teil von Louis Bloom. Abstrahiert von Individualität aufgrund eigener Erlebnisse, repräsentiert dieser Mensch den Ursprung all unser Einflüsse, die Basis, der sich keiner von uns entziehen kann – die Gesetze des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Gerade diese Tatsache macht den Film so beängstigend, so brillant. Er zwingt den halb faszinierten, halb schockierten Zuschauer sich die Frage zu stellen, wie weit man selbst gehen würde. Ab welchem Punkt verurteilt man das, was Bloom tut?

Es ist dieser Zwiespalt zwischen der Bewunderung dafür, wie perfekt er genau das umsetzt, was die Gesellschaft ihm, genauso wie uns, beigebracht hat und dem gleichzeitigem Verlangen danach, uns von diesem Wahnsinnigen abzugrenzen, den wir nicht einzuordnen vermögen. Die stets lückenlose Kausalkette von Blooms Handlungen zu den Werten und Prinzipien unserer Gesellschaft, nimmt uns die Möglichkeit zu sagen, wann wir anders gehandelt hätten. Doch mit Sicherheit hätten wir anders gehandelt. Bestimmt. Irgendwann.

Louis Bloom ist das natürliche Kind einer Gesellschaft, dessen Eltern Wettbewerbsdenken und die Freiheit, andere auszubeuten, sind. Sein blutiger Weg nach oben steht symbolisch für eine Produktionsweise, die aus massenhaftem Elend entstanden ist. Wer vergisst, dass der Kapitalismus seinen Anfang nahm, in dem Bauern gewaltsam von ihrem Land vertrieben wurden, nur um sie vor die Wahl zu stellen, sich und ihre Kinder für einen Hungerlohn 16 Stunden am Tag ausbeuten zu lassen oder als Landstreicher gehängt zu werden, wird die heutige Gesellschaft nie verstehen.

Der Protagonist dieses Films hat nichts anderes gemacht, als sich die ersten Kapitalisten zum Vorbild zu nehmen und konsequent auf die „Eltern“ unserer Gesellschaft zu hören. Dem Zuschauer wird schonungslos vor Augen geführt, dass wir im jetzigen System entweder versuchen können, so wie Bloom zu werden oder ein Leben lang darauf angewiesen sein werden, dass Menschen wie er unsere Arbeitskraft kaufen.

Es ist genau diese bittere Erkenntnis, die in uns am Ende ein unangenehmes Gefühl hinterlässt, ein Gefühl der Leere, der Desillusionierung, der Hoffnungslosigkeit. Denn wenn die teilweise alptraumhaft anmutenden zwei Stunden etwas verdeutlichen, dann das es in der jetzigen Gesellschaft keine Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben der Menschen gibt.

Wer sich damit beruhigen will, dass Bloom nur ein Verrückter ist, der bekämpft werden muss, verschließt die Augen vor der wahren Botschaft dieses Films:

Es ist nicht Bloom, den es zu bekämpfen gilt – es sind unsere „Eltern“, jene Werte, die untrennbar mit der kapitalistischen Produktionsweise verbunden sind und nur mit dieser zusammen überwunden werden können.

Anm. des Verfassers: Nur sporadisch beantwortet wird die Frage, was die Menschen eigentlich an den blutigen Filmaufnahmen von Bloom, die gar nicht schockierend genug sein können, so fasziniert. Zur Rolle der Gewalt in der heutigen Gesellschaft sei hierfür auf meine kommende Filmkritik, die sich mit David Finchers Klassiker „Fight Club“ beschäftigen wird, verwiesen.

 

Von Daniel Polzin

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