„Pride“ – Filmkritik

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„Burn in Hell“

…erschrocken blickt der junge Joe auf diese drei Worte. Es ist seine erste „Pride Parade“ und gerade schien anfängliche Unsicherheit durch wachsenden Spaß verdrängt zu werden. Hochgehalten wird das Plakat von einer älteren Frau, die den knappen Worten mit ihrem verachtenden Gesichtsausdruck auf beängstigende Weise Nachdruck verleiht.

Diese und andere Situationen führen dem Zuschauer gleich zu Beginn vor Augen, welch massiven Anfeindungen und Diskriminierungen sich Homosexuelle im konservativen England der 1980er Jahre ausgesetzt sahen.

Der 2014 veröffentlichte Film fällt in jene spannungsgeladene Zeit, die maßgeblich beeinflusst wurde von der 1979 zur Premierministerin Großbritanniens gewählten Margaret Thatcher. Ihre Politik war vor allem durch den Abbau von über Jahrzehnten erkämpften Arbeiterrechten, der Privatisierung öffentlichen Eigentums und der Zerschlagung von Gewerkschaften gekennzeichnet. Das Ziel verfolgend, dem strauchelnden Kapital neue Verwertungsmöglichkeiten zu eröffnen und durch intensivere Ausbeutung die bestehenden zu erweitern, führte diese Strategie unvermeidlich zu gesellschaftlichen Konflikten und massenhafter Verarmung. Den Gesetzmäßigkeiten der freien Marktwirtschaft gehorchend, wird diese Politik in der westlichen Welt dennoch bis zum heutigen Tage fortgeführt. Thatchers Amtszeit kann somit als Startpunkt der heute als „Neoliberalismus“ bekannten Ideologie gesehen werden. Nicht zuletzt darin begründet sich die Aktualität dieser auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichte, in deren Mittelpunkt die Vereinigung „Schwule und Lesben für die Bergarbeiter“ und ihr Kampf für eine gerechtere Gesellschaft stehen.

Geprägt von großem Misstrauen, viel zu häufig aber auch offener Verachtung, ihnen gegenüber, vermisst und sucht die größtenteils junge, aber für jeden offene Gruppe vor allem Solidarität. Recht schnell finden sie heraus, dass sie sich dafür an diejenigen wenden müssen, die ebenfalls unterdrückt werden. Denn das kapitalistische Wirtschaftssystem, ein System, dessen Grundpfeiler Konkurrenz und Ausbeutung darstellen, kann und wird nie eine solidarische Gesellschaft sein. Es wird die Masse der Bevölkerung, die lohnabhängigen Arbeiter/innen, stets in einzelne Gruppen spalten und Vorurteile festigen, Neid schüren und Hass tolerieren: Arbeiter gegen Arbeiterinnen, Angestellte eines Betriebes gegen Angestellte eines anderen, Leiharbeiter/innen gegen Festangestellte, inländische gegen ausländische oder eben heterosexuelle gegen homosexuelle Arbeiter/innen – die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Ob rassistische Übergriffe oder Diffamierungen aufgrund der sexuellen Ausrichtung, alles wird von den Herrschenden toleriert, solange der Schleier aufrecht erhalten wird, welcher den Lohnabhängigen den Blick auf ihre wahren Gesinnungsgenossen verdeckt.

Dieser Schleier wird von den Protagonisten des Films auf überraschend einfache Weise zerrissen. In Reaktion auf den andauernden Streik walisischer Bergarbeiter, die im Zuge von Thatchers Privatisierungswellen Arbeit und Existenz zu verlieren drohen, fragt sich die Gruppe: „Wer hasst die Minenarbeiter? Thatcher, die Polizei und die bürgerliche Presse! Und wer hasst uns? Thatcher, die Polizei und die bürgerliche Presse!“

Sie haben sich von den Anfeindungen ihnen gegenüber, auch aus den Reihen der vom System geblendeten Arbeiter/innen, nicht einschüchtern lassen, sondern erkannt, dass es nur eine einzige Sache gibt, die die Reichen und Mächtigen in diesem System in Angst und Schrecken zu versetzen mag. Nämlich dass all jene, die einzeln unterdrückt werden, sich gemeinsam erheben, dass all jene, die täglich ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, sich nicht mehr von Lügen und künstlich geschaffenen Feindbildern blenden lassen, sondern mit denjenigen identifizieren, die wirklich ihre Interessen vertreten und dass schließlich all jene, die durch Lohnunterschiede und Vorurteile in Konkurrenz gehalten werden sollen, erkennen, wer die wahren Gegner sind. Solidarität – das ist es, wovor die Kapitalisten heute genauso Angst haben wie 1984 und wovon dieses humorvoll und bewegend erzählte Stück Zeitgeschichte handelt.

Der Film schafft es nicht nur dem langen und bis heute andauernden Kampf Homosexueller für ihre Gleichberechtigung ein Denkmal zu setzen, nein, er dient gleichzeitig auch als Lehrstück und Motivation für jeden, der sich in der jetzigen Gesellschaft ausgeschlossen oder unterdrückt fühlt. Maßgebend dafür ist vor allem die ehrliche und erfreulich klischeefreie Charakterzeichnung der Hauptfiguren des Films. Der neugierige Junge, welcher am Anfang der Handlung noch leicht ängstlich von einer Seitenstraße auf den „Gay Pride March“ schleicht und im Folgenden den Konflikt zwischen dem Ausleben seiner Identität und den Ansprüchen seines Elternhauses bewältigen muss. Die engagierte Frau eines Minenarbeiters, die ihrem Mann nicht nur ein ums andere Mal erklären muss, wie das mit der Solidarität noch mal ging, sondern deren selbstbewusster und aufgeschlossener Charakter, es dem Zuschauer nahezu unmöglich macht, sie nicht ins Herz zu schließen.

Das von dem eher unbekannten Matthew Warchus inszenierte Werk bietet ein erstaunliches und über alle Altersklassen verstreutes Ensemble an Figuren, die an Vielfalt nichts vermissen lassen. Ihre Gemeinsamkeit besteht darin, dass die Wirkung neu gewonnener Solidarität, dass Finden von Kampfgefährten, sie dazu bringt, über eigene Schatten zu springen und ein Vorurteil nach dem anderen dahin zu schicken, wo auch die Ausbeutung der arbeitenden Bevölkerung hingehört – auf den Schutthaufen der Geschichte.

Die Handlung mag an einigen Stellen recht vorhersehbar sein und kritische Beobachter könnten dem Humor einen Mangel an Biss oder Scharfzüngigkeit vorwerfen. Beides würde ich nicht abstreiten, sehe es aber nicht als Schwachstelle, sondern umgekehrt als Stärke des Films an. Künstlich geschaffene Spannung und noch größeres Abweichen von der wahren Geschichte, hätten den Film am Ende nur um seinen verdienten Rang als authentisches Zeitzeugnis gebracht. Was die Witze angeht, so hätte alles andere als der größtenteils warmherzig- charmante Humor lediglich davon abgelenkt, was „Pride“ wirklich ist, nämlich weit mehr als bloß eine gute Komödie.

Abschließend nehme ich mir die Freiheit diese Rezension mit einem Zitat zu beenden, das nicht nur über fast 170 Jahre kein bisschen Aktualität eingebüßt hat, sondern vor allem Aussage und Lehre dieses hervorragenden Films nicht besser zusammen fassen könnte:

Workers of the world, unite!

Anm. des Verfassers: Genau wie die Minenarbeiter 1984 haben heute die Arbeiter/innen im Sozial- und Erziehungsdienst unsere Solidarität verdient, also unterstützen wir ihren Kampf für eine mehr als gerechtfertigte Aufwertung ihres Berufes!

Von Daniel Polzin

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