Die Brücke – Teil I

„Endlich! Nur noch ein Stück und ich habe es geschafft, es endlich geschafft!“
Abgerissen und erschöpft lächelte Njaa innerlich. Auf seiner Reise hin bis zu diesem Punkt, hatte er viele Hürden nehmen müssen. Oft war er dem Aufgeben nah, doch nun befand er sich auf dem Endspurt und eine längst verlorene Kraft kroch seinen Gliedern empor. Dies muss die Brücke sein, von der ihm berichtet wurde. Ein mächtiges Bauwerk. Sie war viel, viel breiter als alle Straßen, die er zuvor passierte und ihre Länge vermochte er nicht einzuschätzen, denn bis zum Horizont war kein Ende in Sicht. Nur grau-schwarzer Beton und Menschen, viele Menschen, mehr als Njaa je in seinem ganzen Leben gesehen hatte. Sie waren aus demselben Grund hier wie er, darin lag kein Zweifel. Er konnte es ihren Gesichtern ablesen. Gesichter, die von Strapazen und Leiden erzählten, die ihre brennende Hoffnung und erdrückende Verzweiflung offenbarten, aber vor allem sah er, dass ein jeder von ihnen fürchterliche Angst hatte, was nicht wunderte, denn ein Mensch ohne Heimat, ohne Schutz, ohne Gewissheit, lebt in ständiger Gefahr, jenes wusste Njaa.
Er verlor keine Zeit und betrat mit seinen nackten Füßen, den von der Sonne erhitzen Beton. Auch wenn die Brücke eine unwahrscheinliche Breite maß, war nur ein kleiner Abschnitt für die Wanderer reserviert. Die Fußgängerzone, wenn man sie so nennen will, gewährte gerade mal Dreien nebeneinander Platz zum Laufen. Der Rest war befahren von riesigen Fahrzeugen, größer als die LKWs, die Njaa nahe den Fabriken gesehen hatte, welche zuhauf im Umland des Brückenanfangs vorzufinden waren. „Entschuldigung!“, wandte sich Njaa an einen neben ihm Laufenden, „Wissen sie vielleicht was das für Fahrzeuge sind? Ich hab so große LKWs zuvor noch nie gesehen.“ Das Gesicht des Mannes war eingefallen und eine lange Narbe zog sich über seine rechte Wange. Er schaute Njaa ausdruckslos entgegen, so als ob der Junge gar nicht da wäre. „Das sind die Transporter“, antwortete er matt, „die bringen alles Mögliche auf die andere Seite. Weiß der Teufel, was da so alles drinsteckt. Aber wen interessierts? Ich werde sowieso nie was davon zu Gesicht kriegen!“
„Wieso nicht? Sie sind doch auch auf dem Weg zur anderen Seite. Da fahren die doch hin, oder nicht?“, erkundigte sich Njaa. „Ja, da fahren die hin, wohin auch sonst!“, der leblose Blick des Mannes schien den Jungen nun das erste Mal wahrzunehmen. Ein Anflug von Zorn machte sich in seinen Zügen breit. „Jetzt sei still. Ich brauche meine Kraft zum Laufen und nicht zum Reden“, zischte er. Njaa, etwas erschrocken und verwundert über den plötzlichen Ausbruch, beschleunigte seinen Schritt. Während er Distanz zwischen ihm und dem Unbekannten aufbaute, spürte er noch lange seinen Blick im Rücken hängen. Den Rest des Tages vermied er es mit anderen ins Gespräch zu kommen.

Als schließlich die erste Nacht anbrach, kam der Menschenstrom nach und nach zum Stehen. Klug waren jene, die sich schon früh einen Platz zum Schlafen auf dem dreckigen Betonboden gesucht hatten, denn jene die damit noch warteten, fanden sich selbst in kürzester Zeit auf einer Straße aus Menschen wieder, die keinem mehr auch nur ein Fleckchen Asphalt überließ. Njaa, unerfahren und naiv wie er nun mal noch war, nahm sich den nahenden Stillstand zu seinen Gunsten zu nutzen und so lange zu laufen, wie es seine Kräfte ihm erlaubten. Aber als er sah, dass immer mehr und mehr auf dem Boden Platz nahmen, um zu kampieren, und der Weg immer beschwerlicher statt leichter wurde, da er ja über die ganzen Liegenden hinweg steigen musste, die sich deswegen immer murrend beklagten, da verstand er, dass sein ehrgeiziges Vorhaben im Gegenteil münden würde. Und so kam es, dass Njaa sich selbst stehend am Geländer wiederfand. Vorsichtig versuchte er sich niederzulegen, aber sogleich prasselten allerlei Flüche auf ihn herab. Da keiner gewillt war ihm Raum zur Rast zu schaffen, versuchte er sich möglichst bequem am Geländer zu positionieren. Ohne Erfolg.
„Hey! Du da!“, erklang eine energische Stimme aus der Dunkelheit, „Ja, du! Komm her, hier ist noch Platz.“ Verwundert schaute sich Njaa um, bis er die Herkunft des Rufes ausfindig machen konnte. Die Einladung stammte von einem jungen Mann, wahrscheinlich ähnlichen Alters wie Njaa. Er fuchtelte wild mit den Händen, um seinem Angebot verstärkt Ausdruck zu verleihen. Njaa zögerte nicht lange und stieg vorsichtig über einige Schlafende hinweg. Während er sich näherte, sah er seinen Gönner lächelnd mit einem verärgerten Mädchen, ebenfalls seinen Alters, wie er vermutete, diskutieren. „Pepe! Was machst du da, hier ist kaum genug Platz für…“
„Ja, ja. Ist ja gut meine schöne Blume“, unterbrach er sie, „Wir müssen nur etwas enger zusammenrücken. Das macht dir doch sicher nichts aus. Und sieh mal die schönen Sterne über uns, wir sollten das….Ah, da bist du ja. Komm her, hier her. Setz dich!“ Njaa bemerkte den Ärger, der grimmig dreinschauenden Schönheit. Es war ihm unangenehm, denn wir er richtig befürchtete, war er der Auslöser ihres Unmuts. „Keine Sorge“, stoß Pepe hervor, der Njaas Unsicherheit bemerkte, „die schaut öfters so. Los setz dich endlich und lass uns einander vorstellen. Mein Name ist Pepe Garcia Gustavo und das ist die schöne Karima Isabella Torro. Wie ist dein Name mein Freund?“ Freudig streckte er ihm seine Hand entgegen. „Mein Name ist Njaa, einfach Njaa“, sagte der junge Reisende schüchtern und ergriff die ausgestreckte Hand. Pepes Griff war fest und zeugte von aufrichtiger Herzlichkeit. „Ich danke euch so sehr für eure Einladung und hoffentlich mache ich euch keine allzu großen Umstände. Sollte ich stören, so kann ich auch wieder zurück an mein Geländer“, verlegen wandte Njaa seine Augen auf Karima, während er seine Worte sprach. „Schon gut, jetzt bist du ja sowieso schon hier. Setz dich endlich.“
„Ruhe dahinten!“, schrie ein Umliegender plötzlich. „Ja! Wenn ihr nicht bald still seid, dann komm ich zu euch rüber!“, stieg ein zweiter mit ein. „Na kommt doch“, erwiderte Pepe ebenfalls schreiend, „ vor euch habe ich keine Angst.“
„Was hast du gesagt du Bengel?“
„Pepe! Sei ruhig. Du machst uns nur Ärger!“
„Ja, ja. Ist ja gut meine schöne Blume. Beruhige dich wieder, ich leg mich ja schon schlafen. Wir reden morgen mein Freund“, schloss er an Njaa gerichtet und legte sich dann auf den staubigen Beton nieder.

Als die Sonne am nächsten Morgen langsam den Horizont am Scheitel des Meeres hervorgekrochen kam, blutorange, flackernd vor Hitze, waren Njaa und seine neuen Gefährten zuerst müde und kraftlos, als sich dann aber die Massen an Menschen wieder in Bewegung setzten, erquickt durch die energiespendenden Strahlen des hellen Feuerballs, griffen auch sie wieder in die allgemeine Bewegung ein. „Wie weit ist es noch bis zur anderen Seite?“ Seit dem Morgen hatten sich Njaa und Pepe allerlei Diskussionen und Gesprächen ergeben. Es wurde schon kurz nach dem Aufstehen vereinbart den Rest der Strecke gemeinsam zu gehen, was Karima stillschweigend in Kenntnis genommen hatte. Generell schien die junge Schönheit nicht viel zu reden. Während Pepe hingegen schon Schwierigkeiten hatte seinen Mund auch nur fünf Minuten geschlossen zu halten. Vielleicht war es Karimas Schweigsamkeit, die ihn dazu brachte, nach einem weiteren Gefährten für seine Reise zu suchen, sodass er jemanden bei sich wusste, der mehr als nur ein Nicken für seine lebhaften Gedanken und Erzählungen übrig hatte.
„Ach Njaa, du weißt ja rein gar nichts. Insgesamt dauert es vier Tage, um bis zur Mitte der Brücke zu gelangen. Von dort aus sind es dann nochmal vier oder drei Tage, um bis an das Festland der Anderen zu gelangen. Aber in der Mitte entscheidet sich wohl, ob man rüber darf oder nicht. Das wusstest du doch sicher, oder mein Freund? Schau nicht so, es ist sicher nicht jedem erlaubt die Brücke in aller Gänze zu überqueren“, klärte Pepe im vergnügtem Ton Njaa auf. „Nein, das wusste ich nicht“, gestand dieser ein, „aber, man nennt die auf der anderen Seite doch nicht umsonst die Guten! Die werden doch den ganzen Leuten hier ihre Hilfe wohl kaum verwehren können.“
„Die Guten? Ha, Njaa mein unwissender Freund. So nennen die sich nur selbst. Wer hat dir das erzählt?“
„Unsere Dorfälteste. Sie war eine weise Frau und wusste viel von der Außenwelt, die bei uns kaum jemand zu Gesicht bekommen hatte. Ich bin mir sicher, dass sie gut Bescheid wusste. Sie hat mir auch von der Brücke erzählt.“ Njaa wurde ganz aufgeregt bei der Erwähnung der alten Frau, was Pepe nicht entging. „Ist ja gut. Ich bin mir sicher, sie ist eine umwerfende alte Dame, aber Njaa, das mit deinen Guten ist nicht ganz so leicht.“
„Wieso? Sie haben doch die Brücke gebaut, damit unsere beiden Völker vereint werden können. Wieso sonst sollte man ein solches Bauwerk errichten?“, beharrte der junge Njaa. „Nicht die Anderen haben sie gebaut, sondern unser Volk! Sie haben hundert Jahre daran gearbeitet und Stein um Stein dieses kolossale Bauwerk errichtet. Zugegeben, der Plan stammte von den Anderen, aber ohne uns wäre hier nach wie vor nichts als Wasser. Außerdem sind es die Anderen, die..“
„Genug Pepe!“, unterbrach ihn Karima, „du weißt, dass man davon nicht reden darf. Ich will das jetzt nicht hören. Njaa, konzentriere dich lieber auf den Weg. Es wird nicht leichter, soviel ist sicher!“
Die Anfangs noch stärkende Sonne hatte ihren Höhepunkt am Himmelskörper erreicht und war nun weniger Freund, als viel mehr Feind der Menschen. Denn die Temperaturen stiegen bis ins Unermessliche, wodurch nun jeder Schritt die drei doppelte Kraft kostete. Schweiß ran ihren jugendlichen Gesichtern herab und ließ ihre gerötete Haut im Schein ihres Peinigers glänzen. Njaa dachte noch an Pepes Worte und fragte sich, warum Karima ihn nicht hatte ausreden lassen. Er wollte erst nachhaken, aber als er den Gesichtsausdruck von Pepe und ihr sah, entschied er sich doch dagegen. Früher oder später würde er schon dahinterkommen.
Die LKWs trugen ihren Teil zur Beschwerlichkeit der Reise bei. Sie fuhren sowohl am Tag als auch in der Nacht und ihre Abgase mischten sich mit der heißen Luft zu einer widerlichen Mixtur, die Njaa bei jedem Atemzug das Gefühl gaben, seine Lungen würden von ätzenden Teer zersetzt werden. Karima waren die Strapazen am meisten anzusehen. Sie keuchte schwer, trotz des provisorischen Atemschutzes, welches Pepe ihr aus einem Stück seines T-Shirts angefertigt hatte. Njaa machte sich Sorgen um, die jetzt erstaunlicherweise noch schöner wirkende, Karima. Der Glanz, die Röte und der schwache Ausdruck in ihrem Gesicht, bargen eine Ehrlichkeit, die Menschen wie sie kaum verstanden Preis zugeben und schließlich erst offenbaren, wenn sie sich all ihrer Kräfte beraubt fühlen und kurz vor der Resignation stehen. Noch mehr als Njaa, war Pepe um seine schöne Blume besorgt. Um sie nicht weiter aufzuregen, schwieg er sogar über lange Strecken des Tages. Er gab ihr viel Wasser, mehr als sie sich hätten eigentlich erlauben können, denn die Rationen waren klar eingteilt. „Lass nur Pepe. Es geht schon. Du brauchst es genau so dringend wie ich“ Der Klang ihrer Worte war schwach und stockend. „Nein meine schöne Blume. Mir geht es gut und ich will doch nicht, dass du mir eingehst. Hier nimm.“ Obwohl sein Lächeln Karima nicht zu täuschen vermochte, nahm sie sein Angebot an, was Njaa von ihrem schlechten Zustand vollends überzeugte.
Erst als es wieder anfing zu dämmern, kehrte ein gewisser Lebensgeist in die Gruppe zurück, wie auch generell in den dünner werdenden Strom an Menschen. Njaa und Pepe begannen wieder zu plaudern und auch Karima wirkte wieder etwas lebhafter. „Pepe, kann es sein, dass es weniger werden. Heute früh war der Weg noch viel voller!“
„Stimmt, wie es aussieht haben einige wohl schlapp gemacht. Ist kein Wunder bei diesen Umständen“, entgegnete Pepe Njaa, „Wahrscheinlich werden es morgen noch weniger sein.“
„Aber, was passiert denn jetzt mit denen? Ich meine, wir haben noch niemanden zurückgehen sehen und so mitten auf der Brücke ausgesetzt, wird es nicht leicht sein.“
„Alles andere als leicht“, als er Njaas besorgt kindliches Gesicht sah mit seinen großen braunen Augen und die Furcht, die in ihnen steckte, winkte Pepe ab, „mach dir keinen Kopf. Man wird ihnen sicher helfen“, log er lächelnd um seinen Reisegefährten zu beruhigen. „Wir sollten uns langsam einen Schlafplatz suchen. Es wird gleich dunkel“, bemerkte Karima, die ebenfalls bemüht war das Thema in eine andere Richtung zu lenken. Im Laufe des Tages hatte sie sich etwas an Njaa gewöhnt. Anfangs war sie noch besorgt, dass er eine Gefahr darstellen würde, aber nun, sah sie in ihm nur noch den naiven Jungen vom Dorf und seine aufrichtige Unwissenheit schien sie zu erheitern oder wenigstens ihren Schmerz, körperlicher und seelischer Art, ein wenig zu lindern.

Kaum war die Sonne fort, legten sich die drei zur Ruhe. Pepe und Karima, Arm in Arm, ganz eng umschlungen schliefen gleich ein. Njaa hingegen dachte noch ein wenig über seine ersten zwei Tage auf der Brücke nach. Er hatte nicht erwartet, dass der letzte Abschnitt seiner Reise so beschwerlich sein würde, Wunden und Brände zogen sich über seinen jugendlichen Körper, seine Füße waren ebenfalls verbrannt und wiesen besorgniserregende Blasen auf. Aber trotz all dieser Qualen, war er doch im innersten froh, froh um seine beiden neuen Gefährten. Seit jenem Tag, an dem sein ganzes Dorf in Brand gesetzt wurde, hatte Njaa niemanden mehr. Und auch wenn körperlicher Schmerz einen Mensch bis aufs Tiefste zu martern vermag, so ist er doch erträglicher als die bodenlose Kluft, die der Verlust von Geliebten, von Freunden und Familie in einem aufreißt. Und nicht die Zeit ist fähig solche Wunden zu heilen, sondern allein der Mensch als solcher.

Am nächsten Morgen wurde Njaa von einem hellen Schrei geweckt. Er sprang auf. Karima stand mit tränenden Augen neben ihm. „Was ist denn nur?“, stieß er ängstlich hervor, “Karima, was ist passiert und wo…wo ist Pepe?…“

Von Kamil Tybel


Anm.: Zweiteilig

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