Literaturkritik: „Normale Menschen“ oder Normale Hindernisse für Intimität

Spätestens die erste Reise vom Frankfurter Flughafen in ein beliebiges Land Asiens, hat für den Reisenden eine wichtige Erkenntnis bereit: Normalität ist relativ. Sie ist beweglich und hängt vom Umfeld ab, dem Normalität erzogen wurde; von Erziehern, die wiederum erzogen wurden. Allerdings reicht auch der genaue Blick in einer einzigen Kleinstadt aus, um das herauszufinden. Der bewegliche Rahmen von Normalität nimmt im mehrfach preisgekrönten und auf Deutsch im Dezember  2021 erschienenen Roman „Normale Menschen“ von Sally Rooney die besondere Rolle ein, ein sichtbarer Kompass für die Handlungen ihrer Figuren zu sein. Es ist eine Liebesgeschichte des Arbeitersohnes Connel und der wohlhabenden Tochter Marianne, die über mehrere Jahre vom Ende ihrer Schulzeit bis zum Ende ihres Studiums führt. Eine wichtige Zeit für die Entwicklung junger Menschen, die lernen müssen, mit ihrer Irritation umzugehen, wenn Normalität ein Hindernis für Intimität wird.

Connel und Marianne besuchen die selbe Schulklasse einer irischen Kleinstadt. Er ist bekannt als sportlicher und intelligenter Junge, beliebt und freundlich, wohingegen sie unbeliebt ist, als Streberin und arrogant gilt. In ihrem sozialen Umfeld Schule wechseln beide kein Wort miteinander. Es braucht den Ortswechsel zu Mariannes Elternhaus, das sie meist allein bewohnt. Connel holt dort seine alleinerziehende Mutter Lorrain regelmäßig nach getaner Arbeit mit dem Auto ab, denn seine Mutter putzt im Elternhaus Mariannes. In der Zeit, die Connel bis zu ihrem Feierabend warten muss, vertiefen sich seine Gespräche mit Marianne mit jedem weiteren Aufeinandertreffen unter vier Augen in der Küche, oder im Wohnzimmer. 

„Du solltest das Kommunistische Manifest lesen“ empfiehlt Connel bald Marianne, was sie aus einer Position bürgerlicher Bildungsüberlegenheit zur Kenntnis nimmt. Beide handeln entsprechend ihrer klassenmäßigen Erziehung. Sie ertappen sich dabei, lachen über ihr gegenseitiges Schauspiel kindlicher Nachahmung und fühlen sich von der reflektierten Umsicht des jeweiligen Gegenübers angezogen und verstanden. Zu zweit verlieren sie ihre soziale Scham und beginnen eine freundschaftliche Beziehung, die auch sexuell wird. Da Connel weiß, dass ihr  Umfeld in der Schule eine intime Beziehung der beiden als anormal ächten würde, setzt er die Bedingung der Geheimhaltung, worauf Marianne einwilligt. Er leugnet sie in der Öffentlichkeit, bis es einmal zu viel ist und ihre erste Trennung folgt. Noch erstickt Normalität ihre Intimität.

„Mein Sohn sagte mir, dass Du seine Anrufe ignorierst. Richtig so, er hat dich nicht verdient.“ Connels Mutter Lorrain erfährt vom Verhalten ihres Sohnes und steht Marianne bei. Diese Frauensolidarität über Klassengrenzen hinweg aus der ökonomisch unterlegenen Klasse heraus überwältigt Marianne. Rooney zeigt im Feminismus der Arbeiterklasse eine Facette ihrer ethischen Überlegenheit gegenüber den Bürgerlichen. Im Kontrast dazu wird in Mariannes Elternhaus ein aggressives Verhalten von Männern gegenüber Mariennes Eigenwilligkeit, als gerechtfertigt akzeptiert. Diese Position vertritt selbst Mariannes Mutter gegenüber ihrer Tochter und verteidigt den patriarchalen Terror gegen sie. Ihr bürgerliches Elternhaus untergräbt Mariannes Selbstwertgefühl als Frau.

Rooney deutet wiederholt den sozioökonomischen Einfluss auf Normalität an. Im Laufe des Romans ziehen Connel und Marianne gleichzeitig zum Studium aus ihrer Kleinstadt heraus nach Dublin, wo sie mehrmals wieder zusammen kommen, bis neue materielle Gründe wie Geldnot oder Jobwechsel ins Ausland ihre Trennung bedeuten. Beide haben zwischenzeitig neue Partner, die stärker ihren jeweiligen Erziehungen von Normalität entsprechen. So trifft der sich im Uni leben sozial zurückziehende Connel ein unkompliziertes Mädchen, die in seinen Kreisen als guter Fang gilt. Ihm gefällt ihre Unauffälligkeit so lange, bis sie ihren eigenen Anpassungsdruck an Normalität als Anspruch auch ihm gegenüber anlegt. Die Normalform passt Connel immer weniger und er empfindet die an ihn gerichtete Anspruchshaltung zur allgemeinen Anpassung mittlerweile bewusster als unerträgliche Übergriffigkeit, die zum Ende ihrer Intimität führt. 

Marianne hingegen kommt gesellschaftlich in der Universität besser zurecht und trifft reiche Unternehmersöhne oder Künstler, die nicht minder heftige Gewaltfantasien gegen sie ausleben. Gegeben ihrer Herkunft lebt auch sie in normalen Beziehungen, bis sie während eines neuen Höhepunkts an erniedrigender Brutalität vor der eigenen Würdelosigkeit in diesen Kreisen erschrickt und ausbricht. Sie bricht mit ihrer Klasse und ist ernüchtert von der angeblichen Überlegenheit bürgerlicher Hochkultur. „Er hat es geschafft, eine feine künstlerische Sensibilität zu nähren, ohne je ein echtes Gerechtigkeitsempfinden zu entwickeln. Die Tatsache, dass dies überhaupt möglich ist, beunruhigte Marianne und lässt Kunst mit einem Mal sinnlos erscheinen.“ Bürgerliche Kunst ließe sich ergänzen.

Die gut nachvollziehbare Entwicklung Mariannes, die durch die Solidarität und Wertschätzung aus der Arbeiterklasse ihren Selbstwert zurückgewinnt, den ihr ihre bürgerliche Klasse nahm, ist eine wesentliche Stärke des Romans. Marianne wird zur Freiheitskämpferin, die auf Demos gegen den Besatzungskrieg in Gaza und für das Recht von Palästina auf die Straße geht. Sie will jede Gewalt von Starken gegen Schwache aufhalten im vollen Bewusstsein darüber, dass sie selbst nur eine limitierte, schwache Kraft in dieser Bewegung darstellt. Rooney thematisiert in solchen Passagen die Notwendigkeit von Einheit und Organisation der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker, ohne in revolutionären Kitsch zu verfallen.

Die Entwicklung von Connel und Marianne zeigt, wie beide durch ihre andauernde intime Beziehung bestärkt an Selbstbestimmung dazugewinnen und normative Grenzen überwinden, die sie zuvor einengten. Sie finden zuletzt auch als Liebespaar wieder zueinander, bis sie erneut sozioökonomische Gründe trennen. Ein unbefriedigendes Ende einer Liebesgeschichte, die mit ihren beiden Protagonisten glänzt, während die übrigen Figuren meist durch offensichtliche Einseitigkeit enttäuschen. 

Anders als Hermann Hesse, der Betonung auf Übersinnlichkeit in seinen Entwicklungsromanen legt, oder Berthold Brecht, der stets sozioökonomische Strukturen in ihrem Wirken realistisch im Handeln seiner Figuren offenlegt und somit Vielseitigkeit aller Figuren erzeugt, arbeitet sich Rooney an ihrer Thematik diskursiv ab. In ihrem Diskurs repräsentieren Figuren meist einseitige und starre Stereotypen aus Thesen und Antithesen, durch die sich Connel und Marianne bewegen. Rooneys Kernaussage „Menschen können Menschen ändern“, womit sie meint, dass Normalität nicht nur als Kompass bei Intimität wirkt, sondern dass Intimität zweier Menschen eine neue Wahrnehmung von sozialer Normalität verursachen kann, ist nur auf ihre beiden Protagonisten begrenzt. Dass wir fast nichts über das Werden der Figuren der bürgerlichen Klasse oder Connels Klassengefährten erfahren, wirkt durch den einseitigen Fokus an einigen Stellen zu individualistisch. Diesbezüglich schreibt Sally Rooney normal, als Kind unserer Zeit.

Von Andrej Bill, 20. Feb ’22

Zuvor erschienen im YeniHayat / NeuesLeben:
https://yenihayat.de/2022/02/18/buchkritik-normale-menschen-von-sally-rooney/

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