Literaturkritik: „Die Belagerten“ oder Aufstehen gegen’s Geld

Die heutige Jugend wurde geboren in eine Zeit des Sozialabbaus, der Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen und der Individualisierung von gesellschaftlichen Problemen. Sie kennt nichts Anderes als die beispiellose Offensive, welche das Kapital nach dem Ende der DDR auf die Rechte und Interessen der arbeitenden Bevölkerung hierzulande entfesselte. Ist die Reaktion der jungen Generation auf diese Entwicklung häufig irgendwo zwischen Anpassung, Verdrängung und Resignation zu verorten, so setzt dem Mesut Bayraktar in seinem Erstlingswerk „Die Belagerten“ die Auseinandersetzung mit Formen und Möglichkeiten des Widerstands entgegen.

Die Rahmenhandlung des als Theaterstück konzipierten Dramas, das 2018 im Verlag Dialog-Edition erschien, ist schnell erzählt. An einem nicht näher bestimmten Ort im Südosten der Türkei kämpft eine kleine Gruppe junger Menschen gegen die Unterdrückung der Bevölkerung. Abgeschnitten von ihren Kampfgefährten sind sie gezwungen, sich in einem unterirdischen Raum zu verstecken, während Regierungstruppen zeitgleich einen rücksichtslosen Kampf gegen jeden potentiellen Gegner führen. Es ist eine Szenerie, welche angesichts des damals wie heute brutalen Vorgehens des Erdogan-Regimes gegen die kurdische Bevölkerung in der Türkei oder im Norden Syriens, unzweifelhaft politische Aktualität besitzt. Diese Vorgänge, welche die Herrschenden in Deutschland aufgrund des mittlerweile fast schon wieder in Vergessenheit geratenen „Flüchtlingsdeals“ mit Erdogan oder der Beteiligung deutscher Panzer lieber in einem Schattendasein sehen wollen, durch authentische Darstellung an die Oberfläche zu holen, ist eine beachtliche Leistung. Dennoch besteht die große Stärke des fünfaktigen Stückes darin, dass die Handlung nicht an Ort und Zeit gebunden ist.

Auch die konkrete Art der Belagerung ist nur von subsidiärer Bedeutung. Im Kapitalismus als einem System, das auf der privaten Aneignung gesellschaftlich produzierten Reichtums basiert, befindet sich die arbeitende Bevölkerung in einem permanenten Belagerungszustand. Strukturell unterlegen aufgrund des fehlenden Eigentum an Produktionsmitteln sind selbst die bereits erkämpften Rechte stets den Angriffen der Kapitalseite ausgesetzt. Sehnen sich die Belagerten in Bayraktars Drama nach einem Stück Brot, so hungern jene in den westlichen Industrieländern vor allem nach sozialer Sicherheit, menschenwürdigen Arbeitsbedingungen oder auch nur etwas Menschlichkeit. Widerstand erscheint angesichts dessen für die lohnabhängige Bevölkerung als Notwendigkeit, allein um ihren bestehenden Lebensstandard zu verteidigen – ganz zu schweigen davon, neue Rechte zu erlangen.

Mit Gewalt gegen Gewalt?

Doch unter welchen Umständen führt eine objektive Notwendigkeit auch zur subjektiven Einsicht in diese? Und welche subjektiven Mittel sind gerechtfertigt, wenn sie der Durchsetzung des „objektiv Notwendigen“ dienen?

Unschwer ist erkennbar, dass es dem Autor um die Auseinandersetzung mit Fragen geht, die absolut wesentlich für das Verständnis von Revolutionen, ja im Prinzip geschichtlicher Entwicklung als solcher sind. Bayraktars Protagonisten könnten in ihrer Situation als belagerte, isolierte Kämpfer für den Fortschritt auch eine Miniaturform der Pariser Kommune oder der jungen Sowjetunion darstellen. Die scheinbare Widersprüchlichkeit, welche darin besteht, dass Gewalt angewendet werden muss um Gewalt zu beenden oder wie es einer der Hauptfiguren beschreibt, „mit dem Bösen paktiert“ werden müsse, um das Gute zu verwirklichen, ist eine der gesellschaftlichen Entwicklung immanente Problematik.

In den Mittelpunkt der Herausarbeitung dialektischer Zusammenhänge stellt der Autor die Rolle des Alters der Handelnden. Das Spezifische der Jugend spiegelt sich in unterschiedlicher Art und Weise im Bewusstsein der fünf Widerstandskämpfer wider und findet in der Mutter, welche die Gruppe in regelmäßigen Abständen einem wiederkehrenden Gedanken gleich in ihrem Versteck besucht, ihren Gegenpart. Trifft hier der Idealismus der Jugend als eine noch nicht überwundene Irrationalität, auf die Rationalität des Alters? Oder sehen die jungen Aufständischen eine Notwendigkeit ein, welche die Mutter nach Jahren des Leidens mit einem Schleier opportunistischer Illusionen zu verhüllen sucht? Die Schwerpunktsetzung auf die besonderen Konflikte der Jugend, welche auch im einfachen, plastischen Stil der Dialoge ihren Widerhall finden, gelingt dem Autor ohne dabei die Grundprobleme des Kapitalismus außer Acht zu lassen. Beispielhaft sei hierfür das in einer Zwischensequenz vorgetragene „Lied vom Untergang der Welt“, in dem es in einer Strophe heißt: „Den Reichen und Herrschern gehört die Welt, solang die Völker nicht aufstehen gegen’s Geld“.

Keine Aussicht auf Erfolg?

Es könnte kritisiert werden, dass der Widerstand kaum je Aussicht auf Erfolg hatte, was bereits durch die einleitenden Worte, die Belagerung befände sich in ihrem Endstadium, verdeutlicht wird. Wer daraus aber Nihilismus ableitet, verkennt, dass die Ansätze der Aufhebung bestehender Widersprüche durchaus deutlich werden. Der Erfolg oder Misserfolg eines konkreten Aufstands spielt für den Wert der Lehren, welche die Belagerten aus ihm ziehen, letztlich keine Rolle. Doch allein dass sich mit Bayraktar ein junger Schriftsteller den objektiv drängendsten Problemen seiner Generation widmet und das auch noch anhand eines hochaktuellen Geschehens sowie gekonnter szenischer Darstellung, sollte auch den kritischen Leser optimistisch stimmen.

von Daniel Polzin, 03. Februar 2022

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