Das ist die Geschichte von Hasan

Ein Kollege sagte zu mir: „Ich habe mich zum ersten Mal wie ein Mensch gefühlt. Ich wusste nicht, dass es sich so gut anfühlt für seine Rechte zu Kämpfen.“

Ich telefoniere mit Hasan Dogan. Er sitzt zuhause in Berlin und hört sich sehr fit an, für jemanden der 1973 bei den wilden Streiks bei Ford Köln dabei war. Als ich ihn nach seinem Baujahr frage und er mir mit 1942 antwortet, bin ich über seine dynamische und frohe Stimme noch überraschter. Hasan war Mitglied der Streikleitung und einer der Arbeiterführer der Streiks. Er hat an vorderster Front gekämpft und sagt heute noch, mit knapp 79 Jahren, zu mir: „Ich kann in Ruhe sterben. Wir haben uns und die Arbeiter nicht verraten!“. Er freut sich über den Anruf und in wenigen Sekunden ist er wieder der junge Mann von damals geworden.

Hasan ist in Sivas Gürün geboren. Er wurde mit jungen Jahren Arbeiter und arbeitete bei Devlet Demiryoll Fabrikasi (wie die Deutsche Bahn hier) in der Herstellung von Zügen. Er hat am Band und in der Montage gearbeitet. In Sivas wurden Wagons, Reparaturen, Guss usw. gemacht. „Die Arbeit war hart. Aber wir haben für den Staat gearbeitet. Das war ein angesehener Job unter Arbeitern.“, sagt Hasan.

Hasan erinnert sich wie folgt an seine letzten Monate in der Türkei: „Ich war relativ zufrieden mit meiner Arbeit in Sivas. Ich war auch damals in der Arbeiterpartei organisiert. Ich wollte nicht, dass ich noch die Arbeiter ungerecht behandelt werden. Deshalb habe ich mich organisiert. 1973 kam das Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und Deutschland seinem Ende zu. Während dieser Zeit habe ich einen Freund aus meinem Dorf getroffen. Er war schon seit einigen Jahren in Deutschland. Er hat mir von dort erzählt. Er sagte, dass man dort für seine Rechte demonstrieren, streiken, auf die Straßen gehen kann. Man könne dort für seine Rechte kämpfen. Das hatte mich sehr verwundert. Wir wurden hier immer niedergeprügelt. Oder wir kamen in den Knast und wurden dort weiter verprügelt.“ und lacht dabei.

„So ganz konnte ich meinem Freund auch nicht glauben. Aber es faszinierte mich, als ich das Ganze gehört hatte und beschloss, mich auf dem Weg zu machen.“, so Hasan. Trotz seines guten Jobs beim Staat konnte sein Freund sein Interesse wecken. Frei organisiert zu arbeiten und das Neue kennenzulernen, hatten ihn gepackt und in die Ferne gezogen.

„Ich war in einer der letzten Kolonnen, die nach Deutschland gingen. Über Istanbul, Jugoslawien ging die Fahrt mit dem Zug nach Köln. Zu meiner ersten Station in Deutschland.“, Er erzählt weiter wie ihm die Bahnfahrt nach Deutschland gefallen hat und wie viele schöne Orte er gesehen hat.

1973 kam Hasan nach Deutschland. Auch wenn er es bei seiner Ankunft nicht wusste, war dieses Jahr eines der ereignisreichsten Jahre in der deutschen Streikgeschichte der Nachkriegszeit. Seit Januar hatten Streiks in der Metall- und Eisenindustrie begonnen, auch bei den Werften wurde gestreikt. Die schlechten Tarifabschlüsse in einigen Branchen hatten das Fass zum Überlaufen gebracht und ein Streik nach dem anderen folgte. Zwei besondere Streiks hatten sich in der Region um Köln rumgesprochen. Die Streiks der Frauen in der Fabrik Hella in Lippstadt und bei Pierburg in Neuss. Dort haben Frauen verschiedener Herkunft gekämpft: „Gleichen Lohn für gleiche Arbeit“. Damit die Lohnklasse 2, die nur für Frauen vorgesehen war, abgeschafft wird. Die Frauen waren siegreich.

In diesem Jahr zählten Streikforscher über 300 Streiks mit einer Beteiligung von mehr als 300.000 Arbeitern.

„Als ich in Köln ankam, habe ich direkt in einem 50-köpfigen Betrieb angefangen zu arbeiten. Danach habe ich von Ford gehört. Ein großer Betrieb mit vielen Türkeistämmigen. Ich war drei Monate vor dem Streik dort. Damals waren 32.000 Arbeiter bei Ford, davon 12.000 aus der Türkei. In einigen Hallen waren bis zu 90% Türkeistämmige.“ Ich war überwältigt von diesen Zahlen und wiederholte sie während unseres Gesprächs. Hasan bestätigte die Zahlen nochmal und fügte hinzu: „Was glaubst du denn. Ein Drittel des Betriebes waren wir!“

„Wir haben meist, die Drecksarbeit verrichtet. Es gab nur eine Handvoll Meister und Vorgesetzte, die Türkeistämmige waren. Ich habe relativ schnell die kämpferischen Arbeiter kennengelernt. Baha Targün, die Galionsfigur des Streiks, lernte ich direkt bei meiner Ankunft kennen. Wir freundeten uns an. Baha kannte viele im Betrieb und war ein angesehener Arbeiter und sehr gut vernetzt. Mit den kämpferischen Arbeitern diskutierten wir oft über unsere Situation im Betrieb und Wohnheimen.“ Mit bedrückter Stimme fügt Hasan noch hinzu, dass sein Freund und Kampfgefährte Baha, im Juli 2020 bei einem Kletterunglück gestorben ist. Ich spreche ihm mein Beileid aus und erinnere mich, wie seine alten Kollegen von Ford eine Gedenkveranstaltung organisieren wollten und den Vereinsraum bei uns angefragt hatten. In dem Moment geht mir das berühmte Bild von Baha durch den Kopf, wo Baha am Zaun der Fabrik mit dem Megafon eine Rede hält.

Hasan erinnert sich an das Jahr 1973 zurück: „Wir hatten sehr schlechte Arbeitsbedingungen. Wenn du am Band bist, musst du erst mal auf einen Ablöser warten, damit du aufs Klo kannst. Nicht Mal aufs Klo konntest du!“ sagte er mit lauter Stimme. „Unsere Wohnheime waren eine Katastrophe. Wir haben teils mit sechs Männern ein kleines Zimmer geteilt und hatten für zwei Zimmer eine Dusche, für drei Zimmer eine Küche. Im Wechsel arbeiteten wir im Akkord. Wir alle hatten Heimweh und waren von der Arbeit erschöpft. Zudem haben fast alle von uns die Entgeltgruppe 4 gehabt. Während fast alle deutschen Kollegen die Entgeltgruppe 6 oder 7 hatten. Wir wurden verarscht.“, erklärt Hasan, während ich einfach verblüfft am anderen Ende des Hörers bin und den Kopf schüttele. Dabei schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass 60 Jahre vergangen sind und vieles sich dabei immer noch nicht geändert hat. Das hat uns allein Tönnies während der Pandemie gezeigt. Dass die Arbeiter dort ähnliche Bedingungen in der Fleischerei haben wie die Ford-Arbeiter vor 60 Jahren.

„Nach den Sommerferien kam dann der letzte Tropfen.“ erzählt Hasan weiter. „Mehrere hundert türkeistämmige Kollegen wurden fristlos nach dem Urlaub gekündigt. Sie kamen zu spät aus dem Urlaub zurück. Sie hatten größtenteils auch Krankmeldungen oder erklärliche Autopannen usw. Das Problem hatten wir Arbeiter schon zuvor gehabt. Damals dauerte eine einfache Fahrt in die Heimat nicht unter drei Tagen hin und dann wieder zurück. Deswegen wollten alle sechs Wochen am Stück Urlaub haben. Die Sehnsucht zur Heimat und der Familie war sehr groß. Viele haben, wie ich auch, Frau und Kinder zurückgelassen, um hier einige Jahre zu arbeiten. Ich hatte drei Kinder in der Heimat. Dann wurden hunderte Kollegen fristlos gekündigt, dass hieß für uns, mit weniger Leuten weiter den Akkord zu stemmen. Das ging aber nicht, wir waren schon am Limit angelangt. Dann platze uns der Kragen“.

Ich höre gespannt Hasan zu. Ich fühle mich regelrecht unter den Arbeitern, so energisch erzählt er. „Am 24. August 1973 in der Spätschicht war es dann so weit. Wir waren in der „Hölle“ von Ford, in der Y-Halle. Wir sollten die Arbeit der entlassenen Kollegen mitmachen, als einem Kollegen plötzlich der Geduldsfaden riss und er anfing zu brüllen. Sofort stimmten wir alle mit ein. Baha hatte eine sehr laute und kräftige Stimme. Er schrie ganz laut, dass wir durch die Hallen demonstrieren sollten. Wir liefen von Abteilung zu Abteilung, alle, Arm in Arm, fast jeder schloss sich uns an – meist die türkeistämmigen, aber auch deutsche Kollegen. Wir liefen raus zur nächsten Halle und dann über die Brücke zum West-Gelände. Als wir am Ende angekommen waren, standen tausende Arbeiter hinter uns. Das war ein Gefühl, das kann ich dir nicht beschreiben. Wir liefen zu den Toren und haben alle blockiert. Keiner kam rein oder raus. Vor der Personalabteilung machten wir eine große Versammlung mit den Kollegen und besprachen unsere Forderungen: eine Mark mehr, sechs Wochen am Stück Urlaub, die Wiedereinstellung der entlassenen Kollegen und die Angleichung der Entgeltgruppe. Alle Stimmten zu. Die IG Metall und der Betriebsrat versuchten den Streik zu vereinnahmen und führten ohne uns Verhandlungen. Das war uns aber egal. Wir hatten die Macht über den Betrieb. Eine unserer Parolen war „Satilmis sendika“ (verkaufte Gewerkschaft). Die Spätschicht ging dann geschlossen nach Hause, die Nachtschicht wurde von Ford abgesagt. Am Montag ging der Streik mit der Frühschicht weiter. Als wir sahen, der Betriebsrat steht auf der anderen Seite, haben wir ein eigenes Streikkomitee gegründet und die Verhandlungen aufgenommen.“ Während Hasan erzählt, bekomme ich Gänsehaut und stelle mir vor, was für eine krasse Atmosphäre das sein gewesen muss. Durch jahrelange Unterdrückung und gute Organisierung, haben sie in wenigen Stunden tausende Arbeiter mobilisiert.

Hasan erzählt brennend weiter, wie sie die Verhandlungen aufgenommen und die Betriebsleitung versucht hat, sie zu bestechen: „Die Fabrikleitung hat versucht uns zu bestechen. Millionen von Mark und Autos wurden uns angeboten, wenn wir mit dem Streik aufhören. Wir haben als Komitee die gesamte Leitung des Streiks unter unserer Kontrolle gehabt. Das wusste auch die Betriebsleitung. Wir haben abgelehnt und aufgezählt, was unsere Forderungen sind. Hätten wir uns kaufen lassen, hätten wir gleich sterben können. Was hätte das Leben als Verräter noch für ein Sinn gemacht.“ sagt Hasan voller Stolz und ich am andere Ende in voller Eifer: „Vallaha helal olsun Hasan abi!“ (dt.: Respekt Hasan).

„Bei den Verhandlungen“ erzählt Hasan weiter, „haben wir genauso viele Betriebsräte von der Führungsspitze unter die Arbeiter gebracht. Wir hatten nämlich die Befürchtung, dass sie uns entführen könnten, vor allem Baha. Weil wir wussten, wenn wir fallen, fällt alles. Deswegen nahmen wir Geiseln, während der Verhandlungen.“ Ich frage Hasan, ob ich ihn grade richtig verstanden habe. Und Hasan sagt wieder: „Sen ne sandin“ (dt.: Was denkst du denn). Ich denke mir einfach nur KRASS.

Hasan erzählt mit voller Spannung weiter: „Am folgenden Montag haben wir den Laden wieder dicht gemacht. Wir fingen an im Betrieb zu schlafen. Kollegen, die dringend raus mussten, haben einen Schein von uns bekommen. Den mussten sie beim Eintritt in den Betrieb wieder abgeben. Da konnte nicht einfach jeder machen, was er wollte. Wir haben uns sehr gut organisiert und jeder hat Rechenschaft abgegeben. Unser Streik breitete sich ganz schnell in der Öffentlichkeit aus. Jeder hörte davon. Mit LKWs kam Essen und Trinken zu uns. Die Solidarität wuchs und gab uns noch mehr Mut. Mit so einer Solidarität haben wir nicht gerechnet. Am Montag schliefen ca. 400 Kollegen im Betrieb, am Dienstag wurden es über 800 und am Mittwoch weit über 2000. Da merkte die Betriebsleitung das die Sache sehr ernst wurde und mit uns nur ein Ende in Sicht war, wenn unsere Forderungen durchgesetzt werden. Willy Brandt rief auf, den Streik zu beenden. Wir haben ihn aber ignoriert. Was wäre das für ein Signal an die Kollegen gewesen, wenn wir auf den Staat gehört hätten“ erklärt Hasan weiter, als würde er von irgendeinem Typen sprechen und nicht vom damaligen Bundeskanzler.

Und jetzt wird Hasan nervös. Ich höre an seiner Stimme, dass es jetzt ins Eingemachte geht. „Am Donnerstag liefen wir wieder durch die Hallen, um alle zu mobilisieren. Als wir uns der Halle G näherten, kam uns eine Gegendemonstration entgegen, sie provozierten und griffen uns an. Wir wussten nicht was los ist und was das Ganze soll. Die Betriebsleitung hatte die Polizei und andere Leute, die wir nicht zuordnen konnten, herbeigeholt. Als wir aus der G-Halle kamen, wurde plötzlich das Tor hinter uns geschlossen. Plötzlich waren wir mit dem Komitee und einer Hand voll weiterer Arbeiter von der Masse getrennt. Ein großer Fehler von uns, den wir nicht kommen sahen. Wir wurden förmlich überrumpelt. Die Polizei und die Schläger prügelten auf uns ein und warfen die Streikleitung in den bereitstehenden Wagen. Baha haben sie beinahe zu Tode geprügelt. Die restlichen Kollegen kamen nur einzeln an kleinen Türen durch und es gab eine Schlägerei zwischen Arbeitern und Polizei. Diesen Anblick hättest du sehen müssen. Später erzählte ein Kollege, wie unsere Jungs die gut boxen konnten paar Bullen ordentlich k.o. gehauen haben.“ erzählt er lachend und ich lache mit ihm.

Hasan wird wieder ernst und erzählt weiter: „Das Komitee und ein Dutzend der Anführer wurden verhaftet. Als wir weg waren, wusste keiner mehr so richtig, was er tun soll und wie es weitergeht. Damit hatten auch wir nicht gerechnet. Der Streik wurde blutig niedergeschlagen. Wir waren doch nicht so gut organisiert und der Gegner sah unsere Schwäche.“, so Hasan weiter und berichtet von einem Schlüsselmoment: „Nach dem Streik sagte ein Kollege zu uns: ‚Wir haben aufgehört Gastarbeiter zu sein, wir sind Arbeiter geworden‘, das war so richtig.“

„Wir, die Verhafteten, wurden alle fristlos gekündigt. Schätzungsweise kamen nach dieser Zerschlagung 250-600 Arbeiter* nicht mehr zur Arbeit. Viele aus Angst und Drohungen der Betriebsleitung. Obwohl wir zuvor mit Anzeigen und direkter Abschiebung bedroht wurden, haben wir trotz dessen gestreikt. Das ist auch bei einigen zugetroffen. Trotzdem haben wir gestreikt. Ich blieb arbeitslos und ohne ein Dach über dem Kopf auf der Straße. Aber die Solidarität, die ich dort erfahren habe, war unheimlich groß. Alle paar Tage blieb ich bei einem deutschen Kollegen zuhause. Ja, deutsche Kollegen haben mich aufgenommen.“, betont und wiederholt Hasan nochmal und erzählt, dass die Solidarität zwischen Türkeistämmigen und Deutschen da war und wie wichtig sie war.

„Ich blieb noch einige Jahre in Köln. Aber eine anständige Arbeit zu finden war sehr schwer für mich. Keiner wollte mich haben, weil ich Ford Arbeiter war.“

Ich unterbreche hier Hasan und frage ihn, was nach dem Streik für Errungenschaften geblieben sind.

„Viel!“, fährt er fort, „Wir haben es geschafft ein Bewusstsein zu schaffen unter den Kollegen, wo sie erkannt haben, dass wir gemeinsam etwas ändern können. Unser Streik löste zudem großen Respekt und vor allem Angst bei der Betriebsleitung gegen über den Türkeistämmigen aus. Nach über 10 Jahren hörten wir wie viele Spuren unser Streik bei denen da oben hinterlassen hat. Sie gingen sofort runter zu den Arbeitern, sobald ihnen was zu Ohren kam, um es ins Reine zu bringen. Wir haben gezeigt, dass wir Arbeiter eine Macht waren und das ohne uns im Werk nichts geht. Nachdem ich selbst in Köln nicht wirklich Fuß fassen konnte, ging ich zu meiner zweiten Station in Deutschland. Nach Berlin. Ich lebe bis heute noch hier. Ich habe meine Frau und drei Kinder zu mir geholt. Es war eines der wichtigsten Ereignisse meines Lebens. Dadurch kann ich in Ruhe sterben und sagen, dass ich das Richtige getan und den zukünftigen Arbeitern etwas hinterlassen habe.“


Von Yusuf As, 30.Okt’21
(Foto) Copyright Gernot Huber

Hinweis: Der Text erschien erstmals als Interview in der Tageszeitung »junge Welt« vom 24.08.2021.
In vorliegender Fassung ist er in dem Magazin »Junge Stimme« (Ausg. 89 Okt/Nov 2021) der DIDF-Jugend abgedruckt.
Wir bedanken  uns bei der Redaktion für ihr freundliches Einverständnis.

*Zahlen von Ford und der Arbeiter variieren

Baha Targün mit Megaphon vor der streikenden Belegschaft

 

 

One thought

Kommentar verfassen