Literaturkritik: „Wunsch der Verwüstlichen“ oder Das falsche Leben

Die Begegnung zweier Brüder auf den Straßen der Entfremdung. Zu Mesut Bayraktars Roman „Wunsch der Verwüstlichen“

Karl Kara ist Richter, verheiratet und Vater zweier Kinder. Er stammt aus einer Arbeiterfamilie. Sein Leben ist geordnet, wie zuweilen die Paragraphen eines Gesetzbuches geordnet sind. Mit dem Tod seiner Mutter gerät diese Ordnung ins Wanken. Nach der Bestattung tritt ein Notar an Karl heran und überreicht ihm ein Testament. Es ist der buchstäblich letzte Wille seiner Mutter, in dem sie ihn auffordert, eine Reise mit seinem Bruder Can zu unternehmen, der vor dreizehn Jahren spurlos und ohne Abschied verschwunden ist. Dieser Übergriff einer Toten ins Leben stößt bei Karl auf ernste Widerstände. Er zögert, nimmt aber schließlich an und die beiden Brüder reisen gemeinsam nach Italien. Damit endet der Prolog und die eigentliche Handlung des Romans „Wunsch der Verwüstlichen“ von Mesut Bayraktar beginnt.

Was auf den ersten Blick wie ein Roadtrip-Roman erscheint, entpuppt sich in seinem weiteren Verlauf als eine Aufführung menschlicher Begegnung in einem Zeitalter der Entfremdung. Bayraktar thematisiert mehr als nur die Beziehung zweier Brüder, die zwar unterschiedlicher kaum sein könnten, die sich aber bei genauerem Hinsehen auch in ihrem Unterschied gleich sind. Beide Brüder gingen von der Straße ab, die jedem Arbeiterkind noch vor der Geburt vorgepflastert wird. Während Karl den widrigen Weg der Akademien auf sich nahm, verließ Can sich auf seinen Körper, Instinkt und auf seine Hände. Sein Bruch mit dem alten Leben, dem Leben eines Fabrikarbeiters in Dreischicht ist durchaus radikal. Seine genauen Beweggründe bleiben vorerst im Dunkeln. Bayraktar weiß sie aber im richtigen Moment aufzugreifen. Die Episode vor der Kathedrale Santa Maria del Fiore in Florenz, der weißen Dame, in der die beiden Brüder nach längerem Ausweichen endlich ein Gespräch miteinander führen, gehört zu den stärksten Passagen des Romans und sie ist zudem bezeichnend für das Thema des selbigen.

Die Sprache der Gewalt

In mehreren Abschnitten macht Bayraktar deutlich, dass die Sprache der Gewalt das Schweigen ist. Darunter ist jedoch nicht nur ein Nicht-Sprechen zu verstehen. Schweigen ist hinter Verdrängung eingekerkerte Sprache. Es ist verwehrter Ausdruck, verwehrte Zwischenmenschlichkeit. Eben jenes Schweigen beherrscht die Beziehung der beiden Brüder. In ihm drückt sich ihre Entfremdung und die Autorität der sozialen Gewalt aus, welche sie an irgendeinem Punkt jäh auseinandergetrieben hat. Dabei verraten uns diverse Rückblenden in die Kindertage der Brüder, dass sie einmal unzertrennlich waren, wenn auch schon damals, wie Karl wiederholt feststellt, eine stumme Gewalt sich in die Beziehungen der gesamten Familie drängte. „Belanglosigkeiten waren zuhause eine Zündschnur, welche zu einer unsichtbaren Gewalt führte, die wie ein Puppenspieler unsere Gesten, Bewegungen und unsere Sprache beherrschte. […] Gesiegt hat immer diese Gewalt.“

Die Rückblenden sind aber keineswegs bloß kurze Geschichten in der Geschichte. „Die Zeiten ändern sich, aber die Vergangenheit ist nie vergangen“, schreibt Karl. In dieser Lesart verlieren die Rückblenden ihren vermeintlichen Charakter einer abgeschlossenen Erinnerung, eines Gewesenen. Es ist kein Zufall, dass Karl im Verlauf der Reise mehr und mehr auf seine soziale Herkunft stößt. Sie ist ein Teil seiner selbst, den er in Can verkörpert sieht und den er auf seinem Werdegang hat unterdrücken müssen, um sich einen Richterstuhl in der bürgerlichen Gesellschaft zu ergattern. Karl muss erst durch den Läuterberg seiner Vergangenheit gehen, um einen Schritt aus der Verdrängung heraus zu tun. Er kann nicht Richter und Bruder sein, nicht Urteil und Verständnis, solange Gesetz und Recht im Widerspruch zueinanderstehen.

Poesie des Widerstands

Es lohnt sich in diesem Kontext einen Blick auf die Form des Romans zu werfen. Als Karl den Stift ansetzt, ist schon alles passiert. Er erinnert sich, stellt sich selbst als Ungleiches gegenüber. In diesem Spannungsverhältnis schreibt er. Die Zukunft, die wir als Leser noch nicht kennen, mengt sich also bereits auf struktureller Ebene in die Gegenwart der Erzählung. Dies schlägt sich vor allem in der Sprache nieder, die einerseits nüchtern und authentisch, andererseits mit Poesie angereichert ist. Poesie, das ist für Bayraktar „die Ausweglosigkeit des Bestehenden in das Bestehen von Auswegen überführen“, wie er in seinen „Realismus-Thesen“ schreibt. Wo Bayraktar also dem Schweigen mit Sprache begegnet, da begegnet er dem Alltag, dem Normativen der sozialen Gewalt, das in seiner alltäglichen Form ein Verschweigen und ein Lügen ist, mit Poesie. „Ich schreibe, weil ich beschlossen habe, nicht zu schweigen und nichts zu verschweigen.“ In diesem Sinne ist die Poesie in dem Roman kein Kunstgriff, sondern ein Akt der Selbstwerdung und Selbstbemächtigung.

Ein ähnliches Motiv verfolgte Bayraktar bereits in seinem Debütroman „Briefe aus Istanbul“. Dort schreibt die Hauptfigur Ahmed, ein Flüchtling aus Syrien, seinem ehemaligen Professor in Paris Briefe, während er auf eine Chance wartet, mit seinem Sohn nach Europa überzusetzen. Auch hier erweist sich die Auseinandersetzung mit der Form als ergiebig. Ahmeds Briefe sind – wenn auch in ihrem poetischen Ausdruck durchaus ein Welt aneignendes Tun – letzten Endes ein Bittgesuch an die Herrschenden. Karl hingegen schreibt für sich und für seine Klasse, obgleich ihm letzteres als Teil des Ensembles der Erzählung noch nicht in der Gänze bewusst sein mag. Man darf aber festhalten, das von dem Versuch von Versöhnung, den Ahmed in „Briefe von Istanbul“ noch macht, in „Wunsch der der Verwüstlichen“ nichts mehr übrig ist. Dies tritt noch deutlicher zu Tage in Bayraktar neuestem Roman. Spätestens mit „Aydin – Erinnerungen an ein verweigertes Leben“ ist aus der ausgestreckten Hand eine geballte Faust geworden, die den Zweifel zu Gunsten einer falschen Hoffnung hinter sich gelassen hat.

Kunst und Barbarei

In Florenz begegnet Karl einer jungen Schauspielerin aus Odessa. Sie ist aufgrund des Bürgerkriegs aus dem Land geflohen. Bayraktar schiebt in seine Kapitel immer wieder kurze Berichterstattungen über den Ukraine-Konflikt ein. Zuweilen wundert man sich über diese Einschübe, die sich wie eine in Nebel gehüllte Kulisse hinter der Erzählung aufbäumen und dann wieder in sich zusammenfallen. Karl fühlt sich anfangs von Nastasjas lebhafter Präsenz eingeschüchtert. Ähnlich wie Can rüttelt sie an einem totgeglaubten Teil von ihm, während sie aber auch gleichzeitig eine Vermittlerrolle zwischen den Brüdern einnimmt. Sie spricht, wo den Brüdern die Stimme versagt, womit sie einen entscheidenden Beitrag zu einem möglichen Schritt zur Überwindung ihrer Entfremdung liefert.

Aber auch abseits dieser für die Handlung zentralen Funktion nimmt Nastasja über sich selbst hinaus Stellung. Sie repräsentiert den Auftrag der Kunst im Angesicht kriegerischer Gesellschaftsverhältnisse. Was kann der Schein und die Ästhetik schon dem Barbarentum des gesellschaftlichen Seins entgegensetzen? Bayraktars Antwort lautet: Sie kann ihm das eigene Gesicht vorhalten. In der Konfrontation der gesellschaftlichen Verhältnisse mit sich selbst liegt ihre Negation, die Forderung nach Veränderung und Umwälzung, die Forderung nach einer menschengerechteren Welt, deren Vorschein sich erst nach dem Wissen um die eigene Lage, die hinter Unwissen, Scham und Verdrängung zurückgehalten wird, erheischen lässt. In gewisser Weise ist der Roman also ein Versuch, das falsche Leben mit dem falschen Leben auszustechen.

Der Mut, die Wahrheit zu schreiben

Aber mit Sprache allein ist es nicht getan, das weiß auch Bayraktar, wie er mit dem Ende des Romans eindrucksvoll unter Beweis stellt. Der Schluss ist ergreifend, ohne dabei seinen Sinn für das Wirkliche aufzugeben und in einen falschen Idealismus abzurutschen. Er ist ein Vorschein, weiter nichts. Alles andere wäre gelogen. Hierin liegt die besondere Leistung des Romans, der sowohl Entfremdung als auch die Möglichkeit ihres Gegenteiles erfahrbar macht und zu keinem Zeitpunkt den Leser oder seine Figuren schont. „Wer [nämlich] nach Wahrheit sucht, darf nicht nach Glück fragen.“

Von Kamil Tybel, 28. Okt.’21


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