Literaturkritik: „Meine Schwester, die Serienmörderin“ oder Männermord als feministischer Widerstandsakt?

Der Debütroman der britisch-nigerianischen Schriftstellerin Oyinkan Braithwaite nimmt sich auf unkonventionelle Art eines ernsten Themas an. Es gelingt ihr, die Möglichkeit der Verselbständigung von Widerstand gegen Unterdrückungsverhältnisse kreativ darzustellen, die fehlende Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Zusammenhängen aber führt dazu, dass viel Potential unausgeschöpft bleibt. 

Es ist kurz vor fünf Uhr morgens. Aus der Küche dringen dumpfe Geräusche durch die geschlossene Tür Richtung Flur. Da es ansonsten vollkommen still ist, hört man jede kleine Bewegung in dem großen Haus. Ohne es durch eine zweite Tür zu schaffen, geistern die Geräusche in der Geräumigkeit des Gebäudes herum, um irgendwann abzuebben. Das Öffnen und Schließen von Schränken, ein Messer, das auf einem Holzbrett klackt, Pantoffeln, die über harten Boden rascheln. Die junge Frau, die noch sichtlich verschlafen, aber dennoch auf einen leisen Gang achtend die Treppe herunterkommt, nimmt all diese Geräusche zufrieden wahr. Ein Morgen wie jeder andere. Am Fuße der Treppe angekommen, reicht ihr das Hausmädchen ihr Glas mit Orange-Limette-Ananas-Ingwer-Saft. Sie trinkt es in einem Zuge aus. Bei den letzten Schlücken, in denen die Konzentration an Limetten- und Ingwerstücken am höchsten ist, verzieht sich leicht ihr Gesicht. Sie gibt das leere Glas, an dessen Innenseite noch Fruchtfleischreste hängen, zurück. Der Tag kann beginnen. Während sie zu ihrem Auto geht, das sie zur Arbeit ins Krankenhaus bringen wird, denkt Korede darüber nach, ob sie ihm heute vielleicht gefallen wird. Dann betritt wieder Femi unangekündigt ihr Gedankenreich. Der junge Mann lässt sie seit Tagen nicht mehr los. Nicht mehr, seit ihre Schwester ihn ermordet hat.

Worum geht’s?

In die Grundkonstellation des 2020 im Blumenbar Verlag erschienenen Romans wird der Lesende innerhalb weniger Seiten eingeführt. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Krankenschwester Korede, eine junge Frau, die mit ihrem Äußeren hadert und unglücklich verliebt in einen ebenfalls im Krankenhaus arbeitenden Arzt ist. Zu ihrer jüngeren Schwester Ayoola, deren Selbstbewusstsein und Attraktivität sie beneidet, hat Korede ein enges, aber konfliktreiches Verhältnis, das sie immer wieder vor Entscheidungsschwierigkeiten stellt. Dass Ayoola dazu neigt, ihre Partner umzubringen, verstärkt all diese Faktoren, indem es die beiden Schwestern enger aneinanderbindet, Grundlage von Konflikten ist – und Korede vor Entscheidungen stellt, um die sie wirklich niemand beneiden würde.

Wer angesichts des Titels einen Kriminalroman erwartet, wird nicht auf seine Kosten kommen. Findige Ermittler wurden von der Autorin nicht vorgesehen, die Polizei spielt eine unbedeutende Nebenrolle. Dass sich Jonathan Fischer in der SZ diesbezüglich zur Erklärung verpflichtet sieht, der Plot sei dennoch nicht unrealistisch, weil aus Lagos „nicht nur regelmäßig die Mails kommen, in denen von einem Bankdirektor die Rede ist, der einem zehn Millionen Dollar vererben möchte, sondern auch jede Menge Horrornachrichten: zuletzt etwa die von den aus einem Mafia-Gefängnis befreiten Babys und ihren Müttern, die dort zur Zucht von Adoptivkindern gezwungen wurden“, ist allerdings mehr als fragwürdig. Das Leben in der Hauptstadt Nigerias, der größten Stadt Afrikas, durch die Nennung solcher plakativen Beispiele zu charakterisieren und damit zu erklären, warum dort Verbrechen realistisch sind, die dem hiesigen Leser unrealistisch erscheinen mögen, zeugt von unhinterfragter imperialer Überheblichkeit. Selbst wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse in Nigeria unsicherer und in gewissem Sinne rückständiger sind, ist dies Folge jahrhundertelanger und bis heute andauernder kolonialer und neokolonialer Unterdrückung. Das nicht zu benennen und die Stadt stattdessen schlicht als Hort von Schauergeschichten darzustellen, sollte sich für einen westlichen Rezensenten verbieten.

Form und Inhalt von Widerstand

Abseits dessen sieht Fischer in dem Roman die Geschichte zweier Frauen, die sich „in einer patriarchalen und sexistischen Gesellschaft zur Wehr setzen“. Auch andere heben hervor, dass „Frauenfiguren, die sich widersetzen“ (Readpack) gezeigt würden, die „ihre Wege, sich zu befreien“ fänden (fluter). Richtig ist, dass Korede und Ayoola in einer patriarchalen Gesellschaft leben. Der dominante Vater, der Oberarzt, die Polizisten, der reiche Ehebrecher – praktisch alle im Roman vorkommenden Machtpositionen sind von Männern besetzt. Dass Ayoola ihre Liebhaber umbringt, reicht hier vielen als Beweis der Gegenwehr, näher hinterfragt oder gar gesellschaftlich eingeordnet wird dieser „Widerstand“ aber nicht.

Widerstand heißt zunächst einmal nur, einen wie auch immer gearteten Angriff, worunter auch ein dauerhafter Unterdrückungszustand fallen kann, nicht hinzunehmen, sondern diesem vielmehr mit eigenen Mitteln etwas entgegenzusetzen. Dass diese Mittel dem Charakter des Angriffs angemessen sind oder sich gegen „den Richtigen“, sprich den für den Angriff Verantwortlichen, richten, gehört nicht zur Definition von „Widerstand“. Für die Einordnung und Bewertung eines konkreten Widerstandsaktes ist die Betrachtung dieser Faktoren nichtsdestoweniger unumgänglich. Auf den vorliegenden Roman angewendet, muss also geschaut werden, gegen wen sich die Schwestern mit welchen Mitteln zur Wehr setzen.

Zunächst befanden sie sich in einer sehr konkreten, direkten Unterdrückungssituation. Die Erfahrungen mit ihrem gewalttätigen Vater haben ihnen gezeigt, dass es keinen Ausweg aus dieser Unterdrückung gibt – nicht, solange der Unterdrücker noch lebt. Dass die Form des Widerstands in dieser besonderen Situation eine sehr unmittelbare und gewalttätige Gestalt annahm, ist nachvollziehbar und durchaus verhältnismäßig. Die beiden Mädchen hatten nahezu keinerlei Handlungsspielraum, sie konnten – zumindest nicht ohne größeres Risiko – weder widersprechen noch abwarten, weder fliehen noch Hilfe holen. Nach der Befreiung aus diesem besonderen Unterdrückungsverhältnis rückte die allgemeine Unterdrückung der patriarchalisch geprägten Gesellschaft in den Vordergrund. Diese Unterdrückung ist nicht an einer bestimmten Person festzumachen, sie ist mittelbarer, komplexer, umfassender. Sexistisches Gedankengut ist in den Köpfen praktisch aller Menschen vorhanden, wird permanent in ihrem Verhalten reproduziert und doch haben, objektiv betrachtet, nur Wenige ein Interesse an der spaltenden Wirkung der Unterdrückung von Frauen.

Haben sich also Form und Inhalt der Unterdrückung verändert, trifft dies auf den Widerstand der beiden Frauen hiergegen nicht zu, weder wurde er allgemeiner noch durchdachter oder bewusster. Die Form blieb ungeachtet des wesentlich anderen inhaltlichen Zusammenhangs exakt die Gleiche und so trifft es nun nicht mehr den prügelnden Tyrannen, sondern den dichtenden Traumtänzer.

Widerstand und Fortschritt

Es ist zweifellos realistisch, dass sich Gegenwehr gegen Unterdrückungsverhältnisse auch bzw. häufig irrational verhält, in dem Sinne, dass sie unbewusst verläuft und die Falschen adressiert. Aber ist allein das Aufzeigen der Möglichkeit, etablierte Unterdrückungsmechanismen, wie die Dominanz des Mannes in der Beziehung, nicht zu akzeptieren, fortschrittlich, unabhängig davon, wie falsch die konkrete Form des Nicht-Akzeptierens ist? Ist es, im Falle von Braithwaites Erstlingswerk, feministisch, wie Felix Denk auf „fluter“ meint?

Die gesellschaftlichen Ursachen der Unterdrückung der Frau, zuvorderst die ökonomische Abhängigkeit und die im Interesse der ökonomisch herrschenden Klasse liegende Spaltungsfunktion, werden von der Autorin praktisch nicht erwähnt. Ayoola und Korede leben mit ihrer Mutter in relativ gesicherten Verhältnissen, haben – finanziert von den illegalen Geschäften des verstorbenen Vaters – ein großes Haus, zwei Autos, ein Dienstmädchen. Zwar lässt Ayoola ihr Geschäft von einem reichen Liebhaber finanzieren, aber eine dauerhafte ökonomische Abhängigkeit stellt dies nicht dar. Das Denken der beiden familiären Bezugspersonen, Mutter und Tante, ist zwar in reaktionären Rollenbildern verhaftet, aber seit dem Tod des Vaters setzt niemand mehr rückständige Strukturen mit größerem Druck oder Gewalt durch, was den beiden Frauen auch in dieser Hinsicht eine relative Unabhängigkeit verschafft. In gesellschaftliche Strukturen wie der Kirche sind sie ebenfalls nicht eingebunden. Mit der Lebensrealität von Frauen, die ökonomisch von ihrem Partner abhängig, die durch religiöse und andere gesellschaftliche Strukturen gebunden sind und deren Familie ein Abweichen von hergebrachten Rollenbildern nicht akzeptiert, sprich mit der Lebensrealität der großen Mehrheit unterdrückter Frauen, hat das Leben insbesondere Ayoolas also nicht viel gemein. Ihre relative Unabhängigkeit verleiht ihr die Möglichkeit, ihr attraktives Äußeres, auf das sie inmitten einer sexistischen Gesellschaft permanent reduziert wird, für ihre Zwecke einzusetzen. Eberhard Falcke hat im Deutschlandfunk richtigerweise das Messer, mit dem Ayoola tötet, als „interessantes und vielsagendes Dingsymbol“ bezeichnet, ist es doch der Lieblingsgegenstand des Vaters gewesen. Nun geht die Tochter genauso kaltblütig und herzlos mit Männern um, wie ihr Vater mit Frauen, freilich aus der Position einer gesellschaftlich Unterdrückten heraus, nicht der eines Unterdrückers. Regt diese Spiegelung des Gewaltverhältnisses zweifellos zum Nachdenken an, geht die Tatsache, dass Ayoolas Handeln die gesellschaftlichen Unterdrückungsverhältnisse völlig unberührt lässt und Menschen trifft, die sicher diese Verhältnisse in der ein oder anderen Weise reproduziert haben, aber letzten Endes nur das letzte Glied einer langen Kette waren, nur allzu leicht unter.

„Bei Männern konnte man nie wissen, sie wollten immer genau das, was sie wollten, und sie wollten es sofort.“ (S. 13/14)

Die Möglichkeit einer Solidarisierung von Frauen und Männern gegen die ökonomisch von Frauenunterdrückung und Sexismus Profitierenden und objektiv einzig daran Interessierten wird nicht einmal angedeutet. So ärgert sich Korede in Bezug auf eine männliche Reinigungskraft im Krankenhaus darüber, dass Geruch kein Kündigungsgrund sei. Statt die Handlungen der beiden Schwestern in einen größeren Zusammenhang einzubetten, zeichnet die Autorin eher das Bild „Zwei Frauen gegen den Rest der Welt“, wodurch zahlreiche gesellschaftliche Zusammenhänge im Dunkeln bleiben.

Dass Rezensenten mit dem Prädikat „feministisch“ allzu großzügig umgehen, zeigt auch die Einschätzung von Birgit Koß im Deutschlandfunkkultur, nach der Braithwaite „aus feministischer Perspektive […] auf das Phänomen der weiblichen Schönheit“ schauen würde. Wie diese Perspektive genau aussieht, verrät sie allerdings nicht. Wird in dem Roman deutlich, dass es in einer patriarchalen Gesellschaft vor allem die Männer sind, welche bestimmen, was schön ist und was nicht? Dass in einer kapitalistischen Gesellschaft, vor allem die Verwertbarkeit darüber entscheidet, was schön ist und was nicht? Tatsächlich finden auch alle Frauen Ayoola schöner als Korede. Wird zwar zutreffend die systematische Reduzierung von Frauen auf ihr Aussehen durch Männer gezeigt, scheinen die Maßstäbe für Schönheit dennoch naturgegeben. Woher das Schönheitsideal kommt und wie es aufrechterhalten wird, spielt kaum eine Rolle.

Für sich behält auch Katharina Granzin von der taz, was mit der von ihr attestierten „knallharten Abrechnung mit einer toxischen afrikanischen Variante von Männlichkeit“ gemeint sein soll. Unabhängig davon, dass der Autorin die rassistische Konnotation dieser Formulierung hätte auffallen müssen (sie spricht nicht von der afrikanischen Variante toxischer Männlichkeit, sondern der „toxischen afrikanischen Variante“, als wäre das „Toxische“ eine spezielle Eigenschaft der „afrikanischen Variante“; zudem wirft sie einfach alle Afrikaner, unabhängig ihrer Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Volksgruppen oder unterschiedlicher Sozialisierungen, in einen Topf), bleibt ihr Geheimnis, worin diese „Abrechnung“ besteht. Weder werden die ökonomisch-politischen Verhältnisse, welche die gesellschaftliche Dominanz der Männer hervorbringt, aufgezeigt, noch ein Weg, diese zu überwinden. Gezeigt wird individueller, der Form nach unangemessener und der Wirkung nach unproduktiver Widerstand. Diesem angesichts alltäglich zu beobachtender und möglicherweise selbst erlebter patriarchaler Unterdrückung trotzdem mit einer gewissen Sympathie zu begegnen, ist nachvollziehbar, ihn aber als „Abrechnung“ mit einer wie auch immer definierten „Toxik“ von Männlichkeit zu verklären, bleibt dennoch falsch.

Unterm Strich ist es ein Roman, der das widersprüchliche Verhältnis von Form und Inhalt des Widerstands gegen Unterdrückungsverhältnisse für sich betrachtet realistisch darstellt, wenn auch eine Anknüpfung an übergeordnete Zusammenhänge misslingt. In dieser Hinsicht ist er trotzdem fortschrittlich. Feministisch, im Sinne einer Orientierung auf die gesellschaftliche Befreiung der Frau, ist der Roman aber nicht.

Was bleibt?

Mit den extrem kurzen Kapiteln, die den Lesenden förmlich durch das Buch hetzen und dennoch die Möglichkeit bieten, jederzeit zu unterbrechen, bedient Braithwaite gekonnt Lesebedürfnisse in unserer hektischen, auf kurze Aufmerksamkeitsspannen und permanente Leistung fokussierten Gesellschaft. Lässt die Handlung nicht zuletzt deshalb zwar an Tiefe vermissen, ergänzt dieser Staccato-Stil durchaus passend die Konfrontationsfreudigkeit der Autorin. Zudem weiß sie die humorerzeugende Wirkung des Kontrastes zwischen der Brutalität der Ereignisse und der nüchternen Erzählweise der Protagonistin streckenweise sehr gut einzusetzen. Insgesamt hat Braithwaite einen in der Themenwahl mutigen und im Stil kreativen, im Inhalt aber mit deutlichen Schwächen behafteten Debütroman vorgelegt. Sollte sie sich von dem Heer allzu oberflächlicher Rezensenten nicht dazu verleiten lassen, diese Schwächen zu übersehen, dürfte aber einer zukünftigen Ausschöpfung ihres großen Potentials nichts im Wege stehen.

Text und Foto von Daniel Polzin, 30. Juni 2021

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