Das Floß der Medusa

Zufall sagst du, dein Gesicht
Nüchtern und ernst dabei, auch
.         ein wenig verlegen
Du sagst das so, als wäre das schon alles, als seist du
In See gestochen auf einem Floß ohne Segel. Das Meer
Hat dich getragen, sagst du, der Gang der Wellen
.         .         hat dich verschont
Aus Laune bloß. Viele sind ertrunken.

Es ist wie du sagst: Alles
Hat seinen Ursprung im Hunger. Nichts
Hat man sich ausgesucht. Es ist schlicht passiert. Trotz
.         all dem
Sehe ich deine Hände im Wasser schaufeln und paddeln deine Arme
Ruhig und wild Und Schweiß auf deiner Stirn. Weit
Hast du dich von der Küste entfernt
.         .         an Orte
Wo nur wenige von uns waren und weniger
Zurückgekommen sind

Du hast den Geruch von Öl, Tabak und Suppe, den Geruch
.         von Königskerzen
Nicht vergessen. Du bist zurückgekommen und morgen
Machst du dich los bald wieder heimzukehren. Viele Kämpfe
Liegen hinter dir und viele warten auf dich
Die Gewalt der See hat dich zweifeln gemacht, aber verzweifelt
.         .         bist du nie. Freiheit
Fandest du in deiner Scham

Wo du stehst
Da warst du nicht vorgesehen
Und doch: Da stehst du

Es ist wie du sagst: Alles
Hat seinen Ursprung im Hunger. Nichts
Haben wir uns ausgesucht, außer
Uns der See und den Stürmen zu stellen


Von Kamil Tybel, 22. Mai’20

JEAN_LOUIS_THÉODORE_GÉRICAULT_-_La_Balsa_de_la_Medusa_(Museo_del_Louvre,_1818-19)


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