Vom Schicksal der Götter

Aus den Leben der Besiegten: Von Göttern, Neurosen und dem Zustand menschlicher Beziehungen

Kate Tempest ist 34 Jahre alt. Sie macht Rap-Musik, schreibt Theaterstücke, Gedichte und Romane. Sie genießt weltweiten Erfolg. Besonders groß ist der Jubel in England, wo die Dichtern geboren wurde. Sie ist in London aufgewachsen als Teil der unterdrückten Klasse. Mit sechzehn brach sie die Schule ab und meldete sich an der BRIT School an, einer Bildungsstätte für darstellende Künste und Technologie. Dreh – und Angelpunkt ihrer Texte ist das Dickicht der Großstadt. Hierher bezieht sie den Stoff ihrer Literatur und ihre Figuren.

Die epische Dichtung „Brandneue Klassiker“ spielt im Südosten Londons. Im Mittelpunkt der Handlung stehen eine Reihe von Besiegten. Es sind Lohnabhängige, Arbeiter und Arbeiterkinder. Ein Schweigen umhüllt ihre Beziehungen, die von Lüge, Betrug, Lethargie und Gewalt beherrscht werden. Tempest nennt sie Götter und ist bestrebt ihrer Entfremdung und Vereinzelung mit der Schöpfung neuer Mythen, die sie mit den Sagen aus dem alten Griechenland verknüpft, beizukommen. Das Gedicht ist in Sequenzen aufgeteilt, in denen die Erzählerin mal über die eine Figur, mal über die andere erzählt, mal aus freien Stücken spricht. Diese Abschnitte sind Brüche der eigentlichen Handlung und ihr sowohl vor – als auch zwischengeschaltet. Im Grunde sind es Versanhäufungen von Tätigkeitssätzen, die den von Tempest viel verwendeten Begriff der Götter ausweiten, die Figuren als exemplarisch ausweisen und ihr Bestreben nach Sinn durch Mythos unterstreichen.
Letzteres wird besonders deutlich in einem der zwei Zitate, die dem schmalen Band voran geschoben sind. Dabei handelt es sich um einen Auszug aus „Erinnerungen, Träume, Gedanken“ von C.G. Jung. Darin schreibt er, dass die Neurose, die gleich zu verstehen ist mit einer Entzweiung mit sich selbst, ihren Ursprung in dem Verlust der Verbindung mit der Ahnenwelt hat. Mensch und Ahnenwelt seien früher durch den Mythos verbunden gewesen.
Es steckt Wahrheit in dieser Beobachtung, auf der Tempests Gedicht aufbaut. Eine Einheit des Einzelnen mit seinem Gattungswesen fehlt. Der Verlust des Mythos ist allerdings keineswegs ein Unfall. Er ist eine Folge der Entfremdung durch die Warenform. Der Ursprung der Neurose ist dort zu suchen, wo die Waren produziert werden und wo sie ihren Treibstoff hernehmen: auf der Arbeit.

Der Lohnabhängige tritt dem Gegenstand seiner Arbeit fremd gegenüber. Einen Großteil seiner Zeit verausgabt er sich für einen Anderen, mit Arbeitsmitteln, die nicht seine sind, an einem Ort, wo er nichts zu sagen hat, in ständiger, stupider Wiederholung und in einem permanenten Zustand der Konkurrenz, der ihn fürchten macht, er könne jederzeit ersetzt werden. Die Welt tritt ihm unhistorisch, starr, feindlich und unveränderbar entgegen, ebenso unhistorisch, starr, feindlich und unveränderbar begreift er fälschlicherweise sein eigenes Wesen. Was das Produkt seiner Arbeit ist, ist er nicht. Dieser Höllenzyklus von Verwertung, Angst und Gehorsamkeit verlangt eine ungeheure Verdrängungsarbeit von ihm ab. Aber was einmal im Menschen aufbegehrt, verschwindet nicht und sucht sich bei jedweder Gelegenheit Ausdruck zu verschaffen, wenn auch verrückt durch die ihm auferlegten Zwänge der Wirklichkeit.
Dieser Aspekt wird in den „Brandneuen Klassikern“ leider unterbelichtetet, was dazu führt, dass Tempests Götter am Ende ihrer Erzählung auf sich allein gestellt bleiben. Nimmt man z.B. den Urvater der epischen Dichtung zum Vergleich, die „Ilias“ von Homer, die das Ende des trojanischen Krieges schildert, so wird dort gut sichtbar, dass das Geschick der Menschen von Kräften bestimmt wird, die sich ihrem unmittelbaren Einfluss entziehen. In der „Ilias“ treten diese Kräfte als Götter auf. Sie sind eine Personifikation der gesellschaftlichen Kräfte, die ihren Akteuren als Naturgewalten erscheinen. Indem Tempest nun die Götter aus dem Himmel holt und in der unterdrückten Klasse verortet, macht sie dieselbe hauptverantwortlich für ihr eigenes Schicksal.

Und ganz falsch liegt sie damit nicht. Der Gedanke ist richtig und durchaus fortschrittlich, denn tatsächlich liegt das Schicksal der Welt in arbeitenden Händen. Sie sind die Springquelle allen Reichtums. Aber ebenso tatsächlich sind die Widerstände durch die herrschende Klasse. Ohne Einsicht in den Klassenkonflikt ist eine Erklärung für die Entfremdung der Menschen nur schwer zu machen. Im schlimmsten Fall endet man in mystischen Erklärungsansätzen wie zuweilen ein C.G. Jung.

Nichtsdestotrotz verdient Tempest Anerkennung für ihr kurzen Epos. Zwar liegt ihr Augenmerk überwiegend auf den Erscheinungen der Entfremdung, aber durch die Konflikte ihrer handelnden Figuren werden sie zumindest sichtbar. Sie macht Auszüge aus den Leben der Unterdrückten realistisch erfahrbar. Darüber hinaus konfrontiert sie mit ihrer gefühlsbetonten Poesie, die mechanische Wirklichkeit mit einem organischen Lebenswillen, der Räume eröffnet und wundern macht über die Beschaffenheit der menschlichen Beziehungen. Und wo der Mensch zu wundern beginnt, da tritt er aus seiner Passivität heraus. Er beginnt aktiv zu werden, sich neu zu verständigen mit dem Selbstverständlichen und es als bedingt und veränderbar zu entlarven.

Zum Abschluss noch ein Wort zu der deutschen Fassung: Ich würde davon abraten, sich lange mit der Übersetzung von Johanna Wange aufzuhalten. Auf deutsch lesen sich die „Brandneuen Klassiker“ wie ein überschwänglicher Poetry Slam Text, der kaum mehr als ein Echo von Kate Tempests poetischer Virtuose darstellt. Zum Glück aller Beteiligten ist die Suhrkamp-Fassung aber zweisprachig herausgegeben.

Von Kamil Tybel, 05. März.’20

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