Was von der Welt übrig bleibt

In den Hinterzimmern der Geschichte: Von Nazis, Bürgern und der Übersetzung der Wirklichkeit

Berlin, 1933: Zwei dutzend hochrangige Unternehmer, deren Zeichen noch heute an der Stirn vieler Städte stehen, kommen zu einem Geheimtreffen am Spreeufer zusammen. Darunter Bosch, Krupp, Opel, Siemens, Bayer und Allianz. Im Winterpalais erwartet sie Hermann Göring, bald stößt Hitler zu ihnen. Er umschmeichelt seine Gäste, schüttelt artig ihre Hände und versichert den Herrschaften, dass, wenn sie seinen Wahlkampf unterstützen, er den Kommunismus bekämpfen und alle Gewerkschaften abschaffen wird. Ferner verspricht er einem jeden der Anwesenden ein uneingeschränkter Führer zu werden in seiner Fabrik und er verspricht weiter, dass es nach seinem Sieg keine Wahlen mehr geben wird: In tausend Jahren nicht. Die Szene reißt ab. Als nächstes verschifft Eric Vuillard, Autor des Romans „Die Tagesordnung“ uns nach England. Dort hat es ihm besonders der englische Abgeordnete Halifax angetan. Ein Bürger und Aristokrat alter Schule und Anhänger konservativer Beschwichtigungspolitik. Eine Politik, die den Nazis Tür und Angel zur Vorherrschaft in Europa öffnete. Die Szenen wechseln weiter: Es folgen Ausflüge nach Österreich, zum rückratslosen Bundeskanzler Schuschnigg. Ihm begleiten wir nach Deutschland auf Hitlers Berghof, wo er eingeschüchtert vom großen Neurotiker, den Nazis Österreich auf dem Silbertablett aushändigt. Zurück in England wohnen wir einem Lunch bei Chamberlain bei und erheischen einen Blick auf bürgerliche Unfähigkeit. Zu Gast bei dem alten, konservativen Premier: der Nazi-Außenminster Joachim von Ribbentrop, der sich die Appeasement Politik der Briten ein weiteres mal zu Nutze macht und Zeit für die Deutschen nach der Annektion Österreichs schindet. Nach ein paar weiteren kurzen Stationen, vorbei an einem amerikanischen Requisitenlager und vorbei an dem Panzerstau der deutschen Armee auf dem Weg nach Österreich, geht es schließlich wieder zurück nach Deutschland, ins Jahr 1944, wo wir uns vom inzwischen alt gewordenem Gustav Krupp verabschieden, den die Gespenster der Kriegsopfer beim Abendessen mit der Familie heimsuchen.

Vuillard, der Zirkusdirektor

Vuillards kurzer Roman wirkt auf den ersten Blick willkürlich erzählt. Trotz seiner historischen Situierung erschließt sich der Zusammenhang der einzelnen Kapitel nicht gleich und es scheint beinahe so, als würden wir den ein oder anderen Schwank aus der Geschichte Europas bloß lesen, weil Vuillard ihn besonders unterhaltsam findet. Zuweilen amüsiert, polemisch und ironisch, zuweilen theatralisch, lakonisch, selten ernst und gelegentlich poetisch, erzählt und kommentiert er einzelne Episoden aus den Jahren 1933 bis 1944. Neben seinen Kommentaren und Spekulationen hier und da über die Vorlieben und inneren Vorgänge der Protagonisten, schmückt Vuillard seinen Roman, vom Essen bis zur Garderobe, mit diversen kleinen Details aus. Halb aus Liebe zur historischen Plastizität, halb um zu unterhalten. Diese Art der Darstellung und die Technik der Montage hat Vuillard beim Film gelernt. (Übrigens das dritte Fach, neben Literatur und Geschichte, in dem sich unser Autor betätigt.) Worum es Vuillard aber eigentlich geht, ist weniger dem inhaltlichen Aufbau abzulesen, als viel mehr den einzelnen Kapiteln. Jede, der in sich weitgehend abgeschlossenen Sequenzen befasst sich, formal und inhaltlich, mit dem selben Thema. Und zwar mit der Frage, wie das Vergangene in der Gegenwart erscheint. Es geht um die Unstimmigkeit von Geschichte und Geschichtsschreibung, von Tatsächlichem und Wiedergegebenem.

Die Welt in Häppchen

Um sich einen Begriff von der Wirklichkeit zu machen, dem Boden der Geschichte, braucht es eine Übersetzung. Diese Übersetzung vollzieht sich in Bildern. Sie frieren den Fluss des Seins ein und vereinzeln das Ganze. Die reale Welt als solches, mannigfach, vielfältig und groß, entzieht sich dem menschlichen Bewusstsein, welches sich stets ein Bewusstsein von etwas macht. Je größer und komplexer dieses etwas ist, desto mehr Wirkliches schrumpft in einem Bild zusammen. Wir behelfen uns also, indem wir die Welt mundgerecht machen, sie zergliedern und das Zergliederte – zumindest im besten Fall – zurück ins Verhältnis zueinander setzen und so wieder im Ganzen aufheben. Aus Wirklichkeit wird ein Bild der Wirklichkeit; Aus Wahrheit eine Erzählung der Wahrheit. Dieser gewaltige Sprung vollzieht sich ebenfalls in der Kunst. Sie ist fähig ein Weltbild zu vermitteln.
Ein Übersetzer benötigt Kenntnis von wenigstens zwei Sprachen, ansonsten kann er nicht übersetzen. Für den Künstler bedeutet das einerseits die Sprache seiner Kunst zu beherrschen, das Handwerk, sei es Schriftstellerei, Malerei, Film, Musik, Fotografie oder Plastik und andererseits braucht er Wissen um die Sprache des Wirklichen, die sich stumm für das Ohr und zuweilen unsichtbar für das Auge vollzieht.

Die Kunst kann vieles, sie kann belügen*

Vuillard weiß um diese Übersetzung, um die es kein herumkommen gibt. „Nichts ist unschuldig in der Kunst des Erzählens“, schreibt er. Dabei bezieht er sich auf eine Fotografie von dem österreichischen Bundeskanzler Schuschnigg. Sie wurde nachbearbeitet, ein Teil der Seiten abgeschnitten. Nicht viel, aber es genügte, um Schuschnigg eine Ausstrahlung und Würde zu verleihen, die man auf dem Original vergebens gesucht hätte.
Enthebt man aber die Aussage der Handlung, bedeutet der Satz: Ein Bild ist nie exakt das, was es abbildet. Darin liegt die Schuld des Erzählens. Vuillard nimmt diesen Umstand aber gelassen auf: Wenn ein Erzähler sich schuldig machen muss, um zu erzählen, so macht er sich eben schuldig. Indem er den Leser für den Unterschied von Bild und Wirklichkeit sensibilisiert und sich selbst dieser Methode öffentlich bedient, entzieht er dem Gesagtem seine Eigenständigkeit und setzt es zurück ins Verhältnis zur Wirklichkeit. Oder anders ausgedrückt: Er setzt die Lüge mit Hilfe von Lügen ins Verhältnis zur Wahrheit und ebnet letzteren so einen Weg.
Vuillard will das wie der großen menschlichen Komödie sichten. Er will einen Blick hinter die Kulissen der Geschichtsschreibung werfen, die nicht gleich Geschichte ist. Jene muss erst geborgen werden aus den Widersprüchen ihrer Überlieferungen.

Die Welt gehorcht dem Bluff“

Diese Widersprüche sind zahlreich. Und Grund dafür ist keineswegs allein in einer Unfähigkeit zu suchen, die Welt gerecht ihren Verhältnissen zu übersetzen. Anhand der Nazis macht Vuillard deutlich, dass der Spung von Wirklichkeit zu Bild, der in seiner Rezeption umgekehrt verläuft, also von Bild zu Wirklichkeit, ausgenutzt werden kann ein falsches Verständnis von Welt zu vermitteln. Anstatt Bilder zu formulieren und in realistischen Zusammenhang zu setzen, die den Verhältnissen der Wirklichkeit entsprechen, ihrer politischen Ökonomie und ihrer sozialen; werden Bilder verwendet, die eben jene Verhältnisse vertuschen, ausschmücken und verdrehen. Die Rede ist von einem Propagandaapparat, der sich einem Krebs ähnlich durch Medien und Kultur zieht, und einen Bildschirm zwischen Bevölkerung und Wirklichkeit schiebt, der sie im Glauben lässt, das Bild entspreche dem Abgebildeten. In diesem Sinne sind die Nazis Vuillard ein Mittel zum Zweck.
Goebbels Propagandaarbeit war flächendeckend und wie wir rückblickend zugeben müssen äußerst effektiv. Er vermittelte die Welt nicht, er verzerrte sie durch seine Inszenierungen. Die Nazis nutzten diese Inszenierungen als politisches Instrument, national und international. Und nach Vuillard fielen sie alle darauf rein: Die Unternehmer, das Volk, die Kirche, Österreich, Frankreich, England – alle ohne Ausnahme. So kommt er zu dem Schluss: „Die Welt gehorcht dem Bluff.“ Womit er impliziert, dass, wäre der Bluff durchschaut worden, die Nazis gestoppt worden wären und der zweite Weltkrieg, wie wir ihn kennen, nie stattgefunden hätte. Mit dieser Botschaft richtet er seinen historisch zeitgenössischen Roman an die Gegenwart: „Man stürzt nicht zweimal in denselben Abgrund. Aber man stürzt immer auf dieselbe Weise, in einer Mischung aus Lächerlichkeit und Entsetzen.“

Am Spieltisch der Macht

„Die Tagesordnung“ wäre als Stück oder Film ohne Erzähler besser dran gewesen. Vuillards Stil, der vielerorts hochgelobt wird, ist oft lästig, sein Spott und Witz über die Nazis unangebracht, seine vielen Kommentare tückisch und zuweilen ist seine Art zu Erzählen furchtbar aufdringlich. Er tut gut daran auf die Diskrepanz zwischen Bild und Wirklichkeit hinzuweisen und dem Leser zu einem erweiterten Geschichts- und Wirklichkeitssinn verhelfen zu wollen, aber seine Schlussfolgerung, die Welt gehöre dem Bluff, ist für das Weltgeschehen keine Erklärung.
Einem Mann ohne Karten glaubt man keinen Bluff. Die Nazis saßen bereits am Spieltisch der Macht, als sie mit den Unternehmern verhandelten. Sie hatten bereits genug Gleichgesinnte mobilisiert, um Kapital aus ihnen zu schlagen. Die Welt ist so eingerichtet, dass ein jeder versucht seine Waren teurerer zu verkaufen, als sie wert sind. Die Politik bildet dabei kein Ausnahme. Ein Parteiprogramm ist nichts weiter als eine Ware. Das Angebot der Nazis deckte sich erstaunlich gut mit der Nachfrage der Unternehmer. Das ist allerdings keineswegs ein Zufall und sollte viel mehr ein Hinweis auf die enge Verwandtschaft beider hindeuten. Vuillard versäumt es aber diesen Zusammenhang ins Licht zu rücken und deutet ihn nur stellenweise an. Er setzt die Nazis in der Welt voraus, anstatt die Welt den Nazis vorauszusetzen. Dabei bemerkt er diesen Zusammenhang sogar. Nicht umsonst beginnt der Roman mit den 24 Unternehmern und nicht umsonst endet er wieder mit Gustav Krupp, dessen Nachlass und Firmenpolitik er scharfer Kritik unterzieht. Schade nur, dass er uns kurz zuvor noch die oben erwähnte Szene mit Krupp und seiner Familie zeigt, in der dem Unternehmer die Kriegsopfer des zweiten Weltkrieges, an denen er sich dumm und dämlich verdient hat, als Gespenster beim Essen einen Schrecken einjagen und dem armen alten Mann den Appetit verderben. Vuillard beginnt mit den Unternehmern als Klasse, lässt sie gemeinsam und wesensgleich auftreten und er endet mit einem Einzigen, mit einem schlechten Menschen, der die Quittung für seine Taten erhält. Peter Hacks schrieb einmal: „Schrecklicher als Unwahrheiten sind zu kleine Wahrheiten.“ Das Schreckliche an einer zu kleinen Wahrheit ist, dass Unwahrheit und Wahrheit in ihr verschränkt sind. Das macht es schwer, das Eine vom Anderen zu unterscheiden. Ebenso wie die Unwahrheit bietet sie keinen Ausweg. Vuillards zu kleine Wahrheit lautet: Der Geschäftsmann ist das Problem, nicht die Geschäfte.
Dabei bemüht sich der Roman um gerade einen solchen Ausweg und schafft es schlussendlich nicht ihn auch ausfindig zu machen. Wäre Vuillard von Anfang bis Ende konsequent geblieben, so hätte er nicht geschrieben: „Die Welt gehorcht dem Bluff“, stattdessen hätte er geschrieben: Die Welt gehorcht der Gewalt. Der Bluff und die Inszenierungen, von denen Vuillard spricht, sind nur einige der vielen Masken der Gewalt. Man täte gut daran auf das Gesicht dahinter zu schauen, aber das macht es noch lange nicht verschwunden.


Von Kamil Tybel, 31. Okt.’19
(*Zitat aus dem Essay „Utopie und Realismus“ von Mesut Bayraktar)

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