Christoph Simon – Franz

„Die Vorstellung, in ein paar Tagen aufzuwachen und erwachsen sein zu müssen, machte mich ganz krank.“

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Der Geschichte von dem jungen Mann, der mit dem Übergang ins „Erwachsenenleben“ so seine Probleme hat, haftet zweifellos etwas Klischeehaftes und mit Blick auf die sich dieser Thematik widmende Literatur auch Abgedroschenes an. Sicher ist es ein Rahmen, der an sich keine schlechten Voraussetzungen für das Offenlegen gesellschaftlicher Widersprüche schafft. Es liegt einiges an Potential in der Konfrontation eines jungen Menschen mit der Frage, ob man sich der überkommenen Ordnung anpasst oder nicht. Das Vorgefundene im Wesen akzeptiert und sich mit Formänderungen begnügt oder von der Ablehnung der Form zur Ablehnung des Wesens gelangt. Doch die Wahrscheinlichkeit, der interessierten Leserschaft ein mehr oder minder fades Sammelsurium aus Phrasen, in abgewandelter Form schon hundertmal gehörter Anekdoten und einer obligatorischen Brise oberflächlicher Gesellschaftskritik vorzusetzen, ist vermutlich ungleich größer. Christoph Simons 2001 veröffentlichter und 2018 neu aufgelegter Debütroman „Franz“ enthält zwar den ein oder anderen guten Ansatz, bleibt am Ende aber genauso harmlos wie erkenntnisarm.

„Man braucht nicht viel zum Glücklichsein: ein Versteck, gutes Gras, ein Selbstgespräch und das Versprechen, dass alles bleibt, wie es ist.“ 

Die Geschichte ist ausstaffiert mit einer recht bunten Mischung an Figuren, die sich um den Protagonisten Franz Obrist in seinen letzten beiden Jahren an einem Schweizer Gymnasium tummeln. Da ist zunächst der mit ihm in einer ungewöhnlichen Freundschaft verbundene Hauswart Eryilmaz, der den kiffenden Oberschüler mit gutgemeinten Ratschlägen versorgt, selbst aber mit Einsamkeit und Alkoholismus zu kämpfen hat. Den konservativen, durchschnittlich-rassistischen Eidgenossen repräsentierend, bezeichnet der Rektor von Franz‘ Schule den türkischstämmigen Angestellten an einer Stelle als „nutzloses Gespenst von einem Abwart“, dessen Umgang einem Schweizer Jungen aus gutbürgerlichem Hause selbstredend nur schade. Die aufgezeigten Konfliktlinien werden vom Autor in der Folge jedoch kaum fortgeführt und Eryilmaz mehr als verschrobener netter Alkoholiker mit Hang zu weisen Lebenstipps denn als aufgrund seines Migrationshintergrundes doppelt-unterdrückter Lohnarbeiter porträtiert. Auch hat die Konfrontation mit Armut und Krankheit keinen nennenswerten Einfluss auf die Charakterentwicklung von Franz. Die hinter dem Leiden des Hauswartes stehende Klassengewalt wird von ihm nicht als solche erkannt und die Frage nach dem Umgang mit der Situation, in eine Klasse hineingeboren zu sein, die einen Freund rassistisch beleidigt und in elendige Lebensverhältnisse zwingt, folglich nicht thematisiert.

Ein weiterer objektiv vielversprechender Nebencharakter ist Franz‘ alte Freundin Venezuela Lüthi. „Warum Venezuela?“, wäre zunächst eine genauso naheliegende wie berechtigte Frage. Weil der Name in einer Geschichte, die in nicht geringem Maße einem eher lose miteinander verbundenen Mosaik skurriler Miniepisoden ähnelt, gut ins Bild passt, die vermutlich simple Antwort. Besagte Venezuela ist jedenfalls eine technisch begabte Tierrechtsaktivistin, die im Laufe der Handlung ihre Ausbildung in einer Abbruchfirma abschließt und gern mal auf Demos geht. Man könnte also sagen: der Prototyp einer emanzipierten Frau. Tatsächlich ist Simon zugute zu halten, sich gängigen Rollenbildern bei der Kreation des Charakters konsequent verweigert zu haben. Doch die Figur so in die Wirklichkeit einzubetten, dass der Leser zur kritischen Reflexion dieser angeregt wird, gelingt dem Autor leider nicht. Das Konfliktpotential, welches die Situation einer jungen, selbstbewussten Arbeiterin in einem männlich dominierten Beruf in einer männlich dominierten Gesellschaft in sich hätte, wird nicht einmal angedeutet. Es als Normalität darzustellen, kann sicher auf einem fortschrittlichen Anspruch beruhen, setzt sich jedoch dem Vorwurf aus, bestehende Widersprüche zu verschweigen. Ähnlich wie beim Hauswart Eryilmaz fällt zudem das Episodenhafte, Fragmentarische an ihrer Darstellung auf, die mehr dem Generieren mehr oder minder humoristischer Momente zu dienen bestimmt scheint, denn dem Verdeutlichen gesellschaftlicher Verhältnisse.

Und der Hauptcharakter? Franz Obrist entspricht als kiffender, notorisch schlechter Schüler aus wohlsituierten Hause ebenfalls kaum dem Idealbild, welches die bürgerliche Gesellschaft Menschen aus seinen Klassenverhältnissen zugedacht hat. Mehr nüchtern als neugierig wandelt Franz durch seine kleine Welt, irgendwie unzufrieden mit vielem, aber stets Zynismus wirklicher Reflektion des Erlebten vorziehend. Franz sorgt sich um seine Mitmenschen und versucht im Rahmen seiner Möglichkeiten ihnen zu helfen. Dennoch bleibt er Individualist, überzeugt davon, dass ihm „keine Gesellschaft, kein System in die Quere“ komme, er vielmehr all seine Probleme selbst besorge.

„Niemals werde ich in einen eisernen Mantel steigen, den irgend jemand für mich parat hält.“

Sich in vermeintlicher Freiheit und Unabhängigkeit wägend, verkennt der junge Gymnasiast völlig die tatsächlichen Zusammenhänge. Denn andernfalls hätte er feststellen müssen, dass es ihm vielmehr nicht gelang, sich aus dem eisernen (Klassen-)Mantel zu befreien, in dem er von Anfang an drinsteckte. Dass er sich zum Ende hin an diesen Mantel zu gewöhnen beginnt, beinhaltet letztlich, gewollt oder nicht, eine unverkennbar systemstabilisierende Aussage. Hinzu kommt als qualitätsminderndes Moment, dass es der Autor schafft, diesen entscheidenden Teil der Geschichte wie ein Schokoladenei an Ostern hinter einem Gebüsch aus Oberflächlichkeiten zu verstecken. Ohne geschulte Augen und einem nicht geringem Maß an Hartnäckigkeit, werden die meisten sich mit den großen und bunten Geschenken zufrieden geben und das, worum es an Ostern eigentlich geht, nie zu Gesicht bekommen.

Neben einem Jungen aus schwerreichem Hause, der beschließt Schriftsteller zu werden und einer Lehrerin mit Verdauungsproblemen, bleibt an relevanten Figuren schließlich nur noch ein Dachs, der MC heißt und sich ab dem ersten Viertel als treuer Begleiter des Hauptcharakters auszeichnet. Mehr noch als im Falle von Venezuela wird hier der Versuch deutlich, Skurrilitäten als Fundament oder zumindest Hilfsmittel Komik erzeugender Situationen zu nutzen. Das ist per se weder aussichtslos noch verwerflich, muss aber dann scheitern, wenn es als eigenständiges Qualitätsmerkmal intendiert ist. Oder einfach gesagt: Eine Geschichte wird nicht schlechter durch das Einbauen eines ungewöhnlichen Haustieres, aber auch nicht wesentlich besser. Und mit Blick auf die Gestaltung von Cover und Klappentext der Neuausgabe des Romans drängt sich die Frage auf: Wie gut ist ein Buch, dass das Auftreten eines Hausdachses dergestalt in den Vordergrund rücken muss?

„Ich war zufrieden mit dem Nicht-Nichts, dem Dasein, das war mir schon genug Stoff zum Nachgrübeln.“ 

Das Grundproblem der Geschichte ist die fehlende Vertiefung von Widersprüchen oder genauer: das Verschweigen von Verhältnissen, die für das Verständnis gezeigter Widersprüche notwendig wären. Praktisch alle handelnden Personen haben Eigenschaften oder Charakteristika, welche bei einem konservativen, d.h. ans Bestehende angepassten Leser zwar einen Konflikt mit dem peinlich behüteten (Allerwelts-) Weltbild hervorrufen. Doch aufgrund fehlender Zuspitzung, fehlender Einbettung dieses Konfliktes, wird das Bewusstsein hierüber – fundamentlos in der Luft schwebend – alsbald wieder verfliegen. Ist aber vielleicht genau das der Anspruch des Autors? Harmlose, kurzweilige Literatur für die Zugfahrt zum Meeting oder als Einschlafritual um sich von den Gedanken des vergangenen Tages zu lösen? Zweifellos hat eine die jetzige Gesellschaft apologierende Literaturindustrie ein großes Interesse an solchen Romanen, welche so viel von der Widerspüchlichkeit der Wirklichkeit abbilden, dass sie dem Lesenden keine heile Welt vorgaukeln müssen (was nicht heißt, dass hieran kein Bedarf bestehen würde), aber so wenig, dass die grundsätzliche Richtigkeit jener Wirklichkeit deswegen nicht infrage gestellt wird. Dass der Autor dies wusste und ausgenutzt hat, ist angesichts der durchaus immer mitschwingenden Ehrlichkeit des Buches eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass es Simon letztlich darum ging, die ein oder andere liberal-fortschrittliche Position zu vertreten, vor allem aber: zu unterhalten. Unabhängig davon, inwieweit ihm das gelungen ist, muss er sich die Frage gefallen lassen, ob dies angesichts der heutigen, von ihm teilweise auch beschriebenen Zustände wirklich Anspruch von Literatur sein sollte.

Ich verlache jede Absicht, etwas erreichen zu wollen in der Welt.“

Aha.


Daniel Polzin, 30. März’19


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