Die Galionsfigur der grundlos Verzweifelten

Ronja von Rönne ist laut eines Spiegel-Rezensenten das „It-Girl des Berliner journalistisch-literarischen Komplexes“. Aber es war ein verzweigter Weg vom wohlbehüteten 7.000-Seelen Dorf im tiefsten Süden Deutschlands über einige abgebrochene Studienversuche bis hoch in die Hauptstadt. Doch sie schaffte den Durchbruch. Mittlerweile hat die 1992 geborene Autorin das Springer-Blatt „Welt“ hinter sich gelassen und ist zur Kolumnistin der in ihren Kreisen vermutlich als viel besser zu ihr passend erachteten „Zeit“ aufgestiegen. Ihr zweites Standbein ist das Fernsehen geworden, in dem sie mal in einer ProSieben Late-Night Talkshow auftaucht, dann wieder mit Ingo Zamperoni eine Wahlsendung der ARD moderiert und zuletzt der arte-Produktion „Street Philosophy“ ihr Gesicht gibt. Zumindest ist sie so erfolgreich, dass sie jetzt eine eigene Agentin hat – ganz so, wie die Protagonistin ihres 2016 im Aufbau-Verlag erschienenen Debüts „Wir kommen“, das auch sonst die Züge der Psychologie der Autorin trägt.

Nora plagt sich mit denselben Problemen herum, die von Rönne öffentlich bespricht. Auf ihren Social Media Kanälen postet sie neben Werbung für teure Sportwagenhersteller Therapie-Tweets über Panikattacken und schreibt auf dem Blog Sudelheft darüber, wie sich ihre Depression anfühlt. Eine der vielen zweifelnden Stimmen in ihrem Kopf sagt dann Dinge wie: „Ronja hat alles, was sich irgendwer anderes wünscht. Diese Wohlstandsverwahrlosung kotzt mich an. Das ist ekelhaft. Wenn du nicht glücklich bist mit dem, was glaubst du denn, dass dich irgendwas anderes auf der Welt noch glücklich macht? Was willst du denn verdammt nochmal noch vom Leben?!!“ Dieser Satz hätte auch eine kurze Replik auf den selbst von ihr verfassten Roman sein können, in dem modische Protagonisten von Selbstzweifel und Unglück zerfressen sind, deren Ursache nebulös bleibt.

Mir ist die Ernsthaftigkeit depressiver Erkrankungen durchaus bewusst und von daher versuche ich als Rezensent dieses offensichtlich autopsychologischen Werkes mit Sensibilität vorzugehen. Doch hat man eine derart mit gesellschaftlichem Status behaftete Psyche literarisch vor sich ausgebreitet, sollte man sich nicht scheuen, das zutage geförderte Material zu analysieren. Von Rönnes Buch ist dann mehr als ein populärer Unterhaltungsroman. Es ist eine realistische Milieustudie der jungen zeitgenössischen Mittelschicht. Das Feuilleton spielt mit dem Begriff „Generationsbuch“, weil es die Ratlosigkeit, die Verzweiflung und Überforderung von Heranwachsenden in die dazu passenden zynisch-sarkastischen Worte fasst. Es ist also für Menschen wie dich und mich geschrieben. Menschen, die Zweifel haben, sich im Leben nicht zurecht finden, panisch werden. Menschen, die von der harten Realität so kaputt gemacht werden, dass sie sich in allerlei Ablenkung flüchten. Menschen, die von ihren Eltern ein Strandhaus mit Swimmingpool zu Weihnachten geschenkt bekommen und dort kokaingetriebene Partys feiern oder aus irrer Langeweile ihre Handys und Laptops zerstören. Menschen wie dich und mich eben. Man sieht: Es ist kein Generationenbuch. Es gibt nicht „die“ Millenials. Jede neue Generation im Kapitalismus ist wie alle zuvor durch Klassenzugehörigkeit separiert. Es ist also ein Buch der Luxusprobleme einer gesellschaftlichen Schicht, die sich in Oberflächlichkeiten und andere Ablenkungsmanöver flüchtet, sich so isoliert und deswegen verloren fühlt; also eben Opfer dieser Wohlstandsverwahrlosung wird, die von Rönne in Momenten der depressiven Kontemplation eigentlich ankotzt.

Das zerfallende Milieu

Im Roman sind die Fluchtversuche vor der Konfrontation mit dem anscheinend unergründlichen Unglück mannigfaltig. Zum einen wäre da die bröckelig-boheme Viererbeziehung, in der sie sich Nora befindet. Diese steckt bereits selbst das Milieu ziemlich gut ab. Sie selbst ist eine von ihrer Agentin genervte Schauspielerin aus einem so behüteten und bürgerlichen Elternhaus, dass es ein Ereignis war, wenn der Marder das Auto des Nachbarn lahmlegte. Zunächst war sie mit Karl zusammen, einem pseudosoziologischer Autor, der immer mal wieder davon fantasiert, eine Sekte zu gründen und dessen Eltern tatsächlich erfolgreiche Soziologen sind. Karl brachte irgendwann aus heiterem Himmel die etwas naive Leonie hinzu. Ihre Eltern sind beides gefeierte Chirurgen, sie spindeldürre Ernährungsberaterin mit Essstörung. Nora verliebte sich irgendwann in Jonas, einen latent genervten Grafiker und so waren sie zu viert. Genauer genommen zu fünft, denn Leonie brachte ihre Tochter mit in die Beziehung, die ständig vernachlässigt wird, weil die vier von sich selbst, ihrer Langeweile oder dem Alkoholismus abgelenkt sind. Dabei strotzen sie vor sentimentaler Eitelkeit. Alles muss schön sein. Alles muss Performance sein. Alles muss Stil haben. Alles wird ironisiert. Ansonsten umgeben sie sich mit lauter trendigen Gleichgesinnten: Werberegisseuren, Comedians, Kindern von Ex-Tennisprofis, Ghostwritern, Radioredakteurinnen, Kuratoren, Brokern, Fotografinnen, Sängerinnen und Schauspielerinnen.

„Wir waren auf einer Party von Leuten, die gerne Partys geben, weil sonst selten jemand zu Besuch kommt. … Die Gäste waren zwischen dreißig und fünfzig Jahre alt. … Man hielt sich für fair, kritisch, moralisch überlegen und sterbenslangweilig, der Raum war gefüllt mit Karrieren wie Stockfotos, Frauen, die Selfies von sich in sozialen Netzwerken posten, auf denen sie mit beiden Händen eine Kaffeetasse umklammern, Hashtag #homeoffice, weil bei #arbeitslos weniger Menschen auf ‚gefällt mir‘ drücken. Schlecht fühlte sich deshalb keiner. Der Kaffee kam schließlich aus einem Laden mit eigener Röstphilosophie. Man wusste, ohne sich mit jemandem zu unterhalten, welche der drei infrage kommenden Parteien man wählte, was man frühstückte, man wusste Gemüsekisten-Abo, man wusste geraspelte Avocadokerne, man wusste, dass die nette Weinhändlerin an der Ecke eigentlich vom Grasverkauf an Mittelstufensprecher lebte, man wusste Altbau, man wusste Kinderzimmer mit Schleichtieren, man wusste Montessori und Waldorf, man wusste zutiefst unglückliche Beziehungen mit geschmackvollem Interieur, man kannte die Angst vor dem Fall, die Unzuverlässigkeit der gehobenen Mittelschicht, man wusste Klischees zu bedienen, man wusste nicht, was man alldem entgegensetzen konnte, man wusste nicht, wohin mit sich, man war viele, viel zu viele. … Wir sahen aus wie alle anderen hier, wir sprachen den gleichen Code, wir tranken unser Gemüse püriert und nannten das kalifornisch, wir waren genauso schlechte Menschen wie alle hier, aber wir waren schlechte Menschen, die beschlossen hatten, zusammenzugehören.“

Man könnte fast meinen, ihr Realismus sei Kritik an der Wirklichkeit, doch bleibt er ein affirmativer Realismus. All das ist zwar als Kritik an diesen Verhaltensweisen zu verstehen, aber sie löst sich auf in ironisch gebrochener Selbstgefälligkeit, verpufft im zynischen Humor oder erstarrt an anderen Stellen durch passive Rekapitulation von Gemütszuständen oder Erinnerungen. Über die durchaus selbstkritischen Betrachtungen der eigenen Klasse kann man trotzdem herzlich lachen. Sie ermöglichen – und darin ist das Werk im entfernten Sinne wie ein plumpes Sittengemälde Balzacs – einen Einblick in die Lächerlichkeiten, die sonst im abgekapselten Wohlstandsmilieu verborgen bleiben und die man nur ansatzweise bei mitgehörten Gesprächen im Foyer einer Theaterpremiere oder bei diversen Ausstellungseröffnungen erhaschen kann. Wie der Tenor der Beschreibung schon mit seiner Ironie impliziert und das Ende des Zitates es klar benennt, distanziert sich die Protagonistin von alledem. Es verdeutlicht die versuchte Flucht und intellektuelle Abspaltung von der eigenen Klasse durch ein übersteigertes Zusammengehörigkeitsgefühl, das im Laufe des Romans verzweifelte Züge annimmt. Aber abgekapselt ist das Vierergespann in zweierlei Hinsicht. Denn die untere Schicht wird nahezu verachtet. Dafür gibt es mehrere Beispiele.

Literarischer Klassismus

Nora selbst ist in diversen Fernsehformaten dafür verantwortlich, den geballten Spott einer privatwirtschaftlichen Redaktion vor der Kamera zu verkörpern, den sie für „Menschen mit verdreckten Wohnungen, vernachlässigten Kindern und kuriosen Fetischen“ übrig haben. Jüngst wurde sie dafür engagiert, mit drei in Konkurrenz zueinanderstehenden „dicken Hausfrauen“ shoppen zu gehen, die später genauso wie vorher aussehen „nur mit anderen Klamotten und besser belichtet“. Diejenige, die „am besten aussieht“ ist „Super-Shopper“, während der nur zur Emotionalisierung eingeladene Mann mit einem verschüchterten Lächeln am Rand steht. Warum sie das tun, scheint Nora ganz egal zu sein.

Jonas und sie gehen außerdem gerne in alte Eckkneipen, „weil dort außer uns nur kaputte Gestalten und Alkoholiker herumhängen und weil wir durch sie daran erinnert werden, wie jung und privilegiert wir sind“. Sie suchen also nicht nur – eine Konstante des Buches – Zuflucht, Unterhaltung oder Ablenkung im Alkohol, sondern auch im Elend der Unterschicht.

Als Nora von einem Fahrkartenkontrolleur, der so aussieht, „als mache er sich nicht einmal die Mühe, seinen Curry King aufzuwärmen“, beim Schwarzfahren erwischt wird, denkt sie: „Dieser Versager kann mich nicht brechen, und sonst auch keiner“, bevor sie den Hunderter vor ihm auf den Boden schmeißt und sagt: „Stimmt so.“ Dann schreibt sie, dass sie eigentlich nicht aufschreiben wollte, dass sie in Wirklichkeit wieder zurückgelaufen ist, um das Wechselgeld zu holen, weil das Wechselgeld dafür sorge, dass sie nicht in der „Abhängigkeit von Männern, die Metawitze lustig finden“ leben muss.

Niedergang der Popularliteratur

Nur einer Person aus der Unterschicht scheint Nora wohlgesonnen zu sein. Ihrer Schulfreundin Maja. Ihr Vater ist nicht mehr da, die Mutter Alkoholikerin. Mit ihr macht Nora den ganzen pubertären Dorfkinder-Kram, klaut, trinkt und belästigt die spießigen Erwachsenen. Die naiven Erlebnisse, die rückblickend in die Erzählung eingewebt werden, sind jedoch derart klischeehaft, dass ihnen die Authentizität der sonstigen Schilderungen abhanden geht und vermuten lässt, dass sie nur eine schablonenhafte Figur ist, um den psychologischen Roman zu literarisieren. Immerhin sind die Erinnerungen an Maja der dramaturgische rote Faden des Romans, der mit den Worten „Maja ist nicht tot“, beginnt und sich dann daran lang hangelt, dass Nora alles Mögliche macht, außer den Tod ihrer Freundin ernst zu nehmen. Da Nora ein großer Fan von Metaphern ist, würde sie in dieser Lesart vielleicht eine endgültige Abkehr interpretieren.

Diese Abfälligkeiten können natürlich auch als zynische Randnotizen, die einen bitteren Humor bedienen sollen, abgetan werden, aber ihr psychologischer Kern ist respektlose, unsensible und in Literatur gegossene Klassengewalt. Für Menschen aus armen Verhältnissen oder Arbeiterfamilien muss dieses Buch ein Schlag ins Gesicht sein, der von oben herab das Auge bläut. Sie können sich zwar mit den Gefühlen der Unsicherheit identifizieren, werden aber gleichzeitig dadurch verhöhnt, dass ihre Ängste materiell konkret und die der Protagonistin ideell verworren oder unbegründet sind. Sie können sich höchstens denken: „Ach siehste, Geld macht eben auch nicht glücklich.“ Ein großartiges Trostpflaster für die Geschlagenen, herabgereicht von der Galionsfigur der grundlos Verzweifelten, für die der Roman ein Spiegel ist.

Antonio Gramsci schrieb in seinen Gefängnisheften zur Popularliteratur: „Die [traditionellen] Intellektuellen kommen nicht aus dem Volk, auch wenn zufällig einer von ihnen aus dem Volk entstammt, sie fühlen sich nicht mit ihm verbunden (abgesehen von der Rhetorik), … sondern sind dem Volk gegenüber etwas Losgelöstes, in der Luft Hängendes, das heißt eine Kaste und kein mit organischen Funktionen ausgestattetes Glied des Volkes selbst.“ Über 100 Jahre später scheint dies auch auf die Autoren und Autorinnen von Popularliteratur selbst zuzutreffen, denen Gramsci großes Potenzial zusprach. Vielleicht ist dies ein Grund, warum das Volk nicht mehr liest.

Text von Lukas Schepers


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