Der innen gekrümmte Schmerz

Karl hat manchmal das Gefühl, in seinem Körper stecke eine Metallplatte. Viereckig und scharfkantig fühlt sie sich an, diese Platte, und dünn ist sie, wie ein Sägeblatt. Karl hat das Gefühl, diese Platte stecke in seinem Körper, steckt mitten in ihm und reicht vom Brustbein bis in den Bauch. Sie drückt dann auf die Lunge, die unteren Ecken stechen in den Bauch, sodass Karl sich im Innern ganz eng fühlt und krank. Aber das ist nicht das Schlimmste. Diese Platte und wie sie so steckt, ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, wenn Dinge passieren. Dinge, die sie in Schwingung versetzen, diese Metallplatte. Manche Dinge versetzen sie in Schwingung, als ob ein Hammer darauf einschlägt. Dann biegt sie sich in seinem Körper unter dem Schlag, biegt sich konkav, biegt sich konvex und das zitternd und in unrythmischen Wechseln. Die scharfen Kanten wetzen dann von Innen über die Flanken. Die spitzen harten Ecken bohren sich unter die Schlüsselbeine und die Bauchdecke. Konvex. Die spitzen harten Ecken bohren sich unter die Schulterblätter und neben die unteren Lendenwirbel in den Rücken. Konkav. Konvex, konkav, konvex und das zitternd und in unrythmischen Wechseln. Das ist Karls nach innen gekrümmter Schmerz. Er geht dann selbst ganz gekrümmt, wenn er auftritt, dieser Schmerz, wenn Dinge passieren, die auf die Metallplatte einschlagen, wenn sie sich biegt und sticht.
Diese Dinge sind sehr unterschiedlich. Es kann so vieles sein. Ein altbekanntes Lied, der Zug hinunter in den Süden, der an Karl vorbei saust, der Anruf, der nicht kommt und manchmal ist es einfach nur der Mond, dessen Strahlen durch seine starren Augen in ihn scheinen und mit ihrer kalten Wucht auf die Platte treffen, sie biegen und schwingen, dass es bohrt und sticht und Karl läuft gekrümmt vor Kummer unter dem scheinenden Nachthimmel durch die Kälte. Ihm folgend stapft ein Büffel durch die Straßen. Mit gesenktem Haupt und missbilligend schnaubend trabt er hinter Karl wie ein großer Schatten. Mit den Schatten der Straßen verschmilzt dieser Büffel, doch er folgt ihm durch die Straßen in den kalten gekrümmten Nächten.
Karl wacht auf, weil sein Herz nicht mehr schlägt. Panik. Er atmet tief ein und aus. Es schlägt doch. Karls Zimmer ist dunkel, sein Herz schlägt doch, aber dann kommt wieder dieses Gefühl, in ihm sackt etwas hinab ins Nichts. Wie der Druck auf dem Bauch beim Achterbahnfahren, nur eben im Brustkorb und Karl ist sich wieder nicht sicher, ob es vielleicht doch still steht. Still stehen bleibt. Das Herz schlägt nicht. Karl zählt. Bis zehn. Pochen! – ein heftiger Schlag wie ein Stromschlag. Es meldet sich wieder, wie bei einer Reanimation. Karl nimmt den Puls an der Halsschlagader. Es pocht, mal stark, mal schwach, unregelmäßig. Die langen Pausen fühlen sich erneut an, als sacke etwas in ihm hinab ins Nichts. Wie beim Achterbahnfahren. Er steht auf. Es steht. Panik. Er schlingert ins Bad, lässt Wasser in die Badewanne ein. Zwischen Waschmaschine und Waschbecken gequetscht, füllt ein Büffel den Raum, sieht Karl desinteressiert fragend an und kaut. Karl registriert das, beschließt aber sich um seinen Puls mehr zu sorgen, auch wenn ihn die tierischen Augen verfolgen bis in seinen Kopf hinein. Aber da ist wieder dieses Absacken. Karl konzentriert sich. Den eigenen Puls fühlen ist schwierig, seine Hände fühlen sich taub an. Trotzdem versucht er es erneut. Die Schläge sind sehr schwach, Karl ist unsicher. Das Wasser rauscht. Es rauscht in seinen Ohren. Karl macht Kniebeugen, Liegestütze. Der Büffel steht und schaut. Der Puls beschleunigt sich, ist nun deutlicher, klarer zu fühlen. Ist er regelmäßig? Karl ist unsicher. Er kennt das, er weiß, dass er sich täuscht. Wie damals, als er ins Krankenhaus fuhr. Trotzdem hat er Panik. Doch nochmal ins Krankenhaus? Da war er ja schon. Wieder sackt es in ihm hinab. Er hält sich am Türgriff fest. Die Wanne ist voll. Karl zieht sich aus, legt sich in die Wanne, Kopf unter Wasser, Beine angewinkelt. Er will Gewissheit. Sicherheit. Durch den Wasserdruck auf den Ohren kann er seinen Puls endlich klar und deutlich hören. Ganz klar und laut. Und regelmäßig. Noch etwas schnell von den Kniebeugen – aber im Takt wie ein Technobeat. Karl bleibt in der Wanne liegen und beruhigt sich. Das Pulsieren in den Ohren beruhigt ihn, gibt ihm Sicherheit. Wie damals, als er mit den selben Symptomen ins Krankenhaus fuhr und am Ende der Messungen seinen Herzschlag als zackige Linie auf einem Blatt Papier sah. Ganz regelmäßige Linien.
Karl weint zum ersten Mal seit langem wieder. Ausgerechnet bei einem Film muss er weinen. Hollywood, Sterbeszene auf dem Schlachtfeld. Die Geliebte hat Tränen in den Augen, so wie Karl. Die Filmmusik dramatisch laut. Gedämpfte Geräusche hallen vom Schlachtfeld. Der sterbende Held kann seine letzten Worte loswerden. Er flüstert. Karl weint ein bisschen. Es sind sehr viele letzte Worte, immer wieder unterbrochen von krampfhaften Schmerzen. Doch er stirbt noch nicht. Er sagt noch mehr, die Musik wird noch lauter. Karl hört auf zu weinen. Seit wann ist er so sentimental? Und scheiße, der Typ verreckt einfach nicht. Er kann gar nicht aufhören zu reden, während seine Liebste ihn mit geröteten Augen anschmachtet. Karls Weinen mutiert zu einem albernen Kichern. Warum stirbt der denn jetzt nicht? Das ist auch schon die dritte Sterbeszene dieser Art in dem Film. Und warum werden die Geliebten nicht abgeschossen, wenn sie eine Ewigkeit auf dem Schlachtfeld hocken, unbewegt, eine fleischgewordene Zielscheibe, während sie den letzten Worten, Sätzen, Romanen ihrer sterbenden Helden lauschen? Karl stellt sich vor wie in einem Kriegsgebiet die Salven knattern, Granaten explodieren und plötzlich ruft ein Kommandeur: „Halt! Gebt Acht! Eine dramatische Todesszene auf neun Uhr!“ Und alle beginnen nur noch in Zeitlupe zu kämpfen, ihr Gefecht verlagert sich um das liegende Paar herum, keiner stört die beiden, bis der Getroffene endlich in den Armen seiner Geliebten oder seines Kameraden verstirbt. Dann ruft der Kommandeur: „Normale Gefechtssituation“ und der Krieg wird wieder mit vollem Eifer und Brutalität geführt. Aber nur wenige Minuten, denn schon wieder ist jemand tödlich verwundet, wieder muss jemand seine letzten Worte sagen, wieder wird das Gefecht um die Sterbeszene verlangsamt und so zieht sich der Kampf ins Unendliche. Karl muss über seine eigenen Gedanken lachen. Den Film hat er gar nicht mehr verfolgt. Anschluss verpasst. Er schaltet den Recorder aus, der Fernseher springt auf TV. Nachrichten laufen. Kriegsbilder aus Somalia. Da stoppt niemand das Gefecht. Und niemand sagt seine letzten Worte. Die Menschen sterben einfach und die Angehörigen auch, wenn sie nicht fliehen und den Sterbenden zurücklassen. Nachrichten laufen, über einen Krieg in Somalia und Karl hat zu lachen und zu weinen aufgehört. Karl fühlt nichts. Er schaltet um. Doku über die Zucht von Bisons in Kanada. Karl fühlt nichts. Der Büffel auf dem Bildschirm grast.

Text von Till Ernecke, 13. Dez’18
Illustr
ation von Jenny Lehmann

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