Eine Krähe

Da war ein kleines Mädchen
In dunkelroter Daunenjacke
Mit Kapuze auf dem Kopf
Die das Gesicht kaum zeigte
Im Park
Mit ihrem Vater
Der ein paar Schritte voran
Mit einem Kinderwagen
Und einigen Einkaufstaschen
Die Richtung vorgab

Das Kind
Blieb stehen
Als es eine schwarze Krähe sah
Die unter einem Baum saß
Und aus dem Bild herausstach

Erschüttert zeigte das Mädchen
Mit dem Finger lebhaft
Auf den Schatten
Der dort im Gras krächzte
Würmer und Krümel pickte
Als seiens Splitter aus der Sonne

„Eine Krähe“, sagte der Vater
Der seine Tochter
Und ihren bleichen Finger
Spät bemerkte
„Eine Krähe“, rief er nochmals
Selbstverständlich

Das Mädchen schüttelte den Kopf
Und ihr Gesicht war Freude
War Staunen und Entsetzen
War Hunger
Und war Durst

Der kleine Mensch
Sie wollte sprechen
Wörter aus dem Boden nehmen
Schnell und viel und klar und deutlich
Aber es kam nur Gestammel
Silben, Blöße und Laute

„Eine Krähe“, schrie der Vater wieder
Inzwischen ungeduldig
Und ging hin zu seiner Tochter
Packte sie und krümmte
Ihren Finger zurück in ihre Hand

Und er sprach zum letzten Mal
Von oben herab den Namen
Der Welt verschwinden macht

Und dem Kind
Fiel der Ausdruck aus dem Gesicht
Und es folgte dem Vater, stumm

Von Kamil Tybel, 15.April’18 / Foto von Peter Schwab

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