„Ein Tag im Leben des Ivan Denissowitsch“ oder Die Gulag-Kreuzung – Alexander Solschenizyn

„Ohne Aufdecken der Vergangenheit gibt es also kein Entdecken der Gegenwart.“ So kommentierte der ungarische Philosoph und Literaturkritiker Georg Lukács 1964 das im Jahre 1962 erschienene Werk Alexander Solschenizyns „Ein Tag im Leben des Ivan Denissowitsch“ (russisch: Один день Ивана Денисовича). Solschenizyn lebte zurückgezogen und in völliger Unbekanntheit bis zu seiner Erstveröffentlichung in der Steppe Kasachstans, nachdem er zuvor nach Paragraph 58 Strafgesetzbuch der Sowjetunion für Vaterlandsverrat verurteilt wurde und im kasachischen Lagerkomplex Ekibastus, in einem Arbeitslager innerhalb des Gulag-Netzes, in Gefangenschaft Zwangsarbeit verrichten musste. Sein Vaterlandsverrat bezog sich auf kritische Bemerkungen über Stalin, die er in einem Brief an einen Freund äußerte. Sein Erstlingswerk behandelt den Tag des Straflagerinsassen Ivan Denissowitsch Schuchow und entstand somit aus Solschenizyns persönlicher Erfahrung als Insasse eines sowjetischen Arbeitslagers rund um die 1950er Jahre.

Mit dem Aufdecken der Vergangenheit bezog sich Lukács auf die Periode in der Sowjetunion nach Stalins Tod, also dem Aufarbeiten der Machenschaften unter der Regierung Stalins. Der neue Regierungsführer Nikita Chruschtschow begründete mit seiner Geheimrede „Über den Personenkult und seine Folgen“ auf dem 20. Parteitag Ende 1956 eine neue Periode (die sogenannte Tauwetterperiode) in der Sowjetunion und zementierte zudem seinen persönlichen Machtanspruch. Doch hier soll es nicht um eine Vertiefung in die bzw. Aufarbeitung der Sowjetgeschichte gehen, die bereits vielfach an anderer, qualifizierterer Stelle Nachzulesen ist. Diese Rezension stellt sich vielmehr die Frage, inwiefern die Darstellung der Eindrücken des Sowjetarbeitslager-Insassen Ivan Denissowitsch, ein heute weiterhin bedeutendes Tor zur Geschichte einer großen Bevölkerungsgruppe in Deutschland öffnen kann, das bisher Wenigen bekannt zu sein scheint.

Die Tauwetter-Periode führte unter anderem zur Entlassung vieler inhaftierter Bevölkerungsteile und ihrer teilweisen Rehabilitierung und ermöglichte damit Solschenizyn erst seine literarische Aufarbeitung und Veröffentlichung eines Strafgefangenenalltags in der Sowjetunion. Die Existenz des Gulag-Netzes und der zahlreichen, willkürlich Inhaftierten war zum Zeitpunkt Solschenizyns Novellendruck der Öffentlichkeit bereits bekannt. Er stand, so Lukács, mit seinem Werk dadurch an der Schwelle des Nichtmehr, also dem Abschluss einer Periode und des Nochnicht, dem ersten Abtasten einer neuen Wirklichkeit. Dabei stellt das „Nichtmehr“ das wirkliche Ende der Stalin-Periode dar und das Nochnicht das erstmalige literarische Aufarbeiten, also die umfangreiche Bewusstmachung der teils brutalen und machtkonzentrierenden Herrschaftsmethoden unter Stalin dar. Ein daraus resultierender Diskurs war zwingend notwendig, denn, so Lukács, „in vielen Menschen hat die Stalinsche Periode den Glauben an den Sozialismus erschüttert. Die so entstandenen Zweifel und Enttäuschungen können – subjektiv betrachtet – durchaus ehrlich und aufrichtig sein und dennoch, wenn sie nach Ausdruck ringen, sehr leicht bloß dazu führen, westlichen Richtungen (Anm.: also dem Kapitalismus) Gefolgschaft zu leisten.“ Solschenizyns Novelle stellt somit ein wichtiges Werk dar, um genauer auf die Stalin-Periode zu schauen, damit aus Teilen seiner Herrschaftsweise nicht gleich eine Abkehr von der Gesellschaftsform des Sozialismus geschlussfolgert wird, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit den Säulen und Umsetzungen des Sowjet-Sozialismus in seinen verschiedenen Phasen erfolgt. Denn Kritik muss nicht gleich vollständige Abkehr bedeuten.

Rezension Solschenizyn bild1

Solschenizyn beschreibt einen typischen Tag des Iwan D., dessen Einzelfall in einem sowjetischen Arbeitslager als bloße Möglichkeit in einer Gesellschaft charakteristisch für diese gesehen werden kann, da er eben Ausdruck des real Möglichen ist. Der Fokus bei der Beschreibung des Tages liegt in der Novelle auf Existentiellem: Hunger, Kälte, Unterdrückung und trotz alledem, Würde. Jeder solche Tag des Iwan D. stellt einen Überlebenskampf dar, der sich in jeder kleinen Alltagssituation aufdrängt und die ständigen Gefahren einer Existenz am Abgrund vermittelt. Dabei drehen sich die Gedanken um die eigene Körperwärme (das Thermometer misst -37° im Winter Sibiriens zur Zeit des Koreakrieges), die nächste Essensration oder die Gruppendynamik innerhalb der einzelnen Arbeitskollektive, der sogenannten Brigaden, um sich durch Gefälligkeiten gegenüber privilegierten Gefangenen (solche mit Paketsendungen aus ihren Familien oder mit höheren Posten) eine Gegenleistung zu verdienen. Zwar gilt als oberstes Gebot die Selbsthilfe, doch aus dem kollektiven Schicksal der Insassen heraus, kooperieren die Gefangenen primär miteinander und helfen einander. Das drückt sich in der gemeinsamen Arbeit aus; an diesem Tag das Errichten einer Mauer in einem Kraftwerk. Oder in der organisierten Annahme von Essenrationen, die in dem Gedränge von mehr als 500 Mann nur durch Zusammenarbeit innerhalb der Brigaden, vollständig gelingen kann.

„Aber Schuchow – obwohl er sich der Gefahr aussetzte, dass die Posten Hunde auf ihn hetzten – rannte noch einmal zurück, um einen letzten Blick auf die Mauer zu werfen. Nicht schlecht. Er ging nach rechts, machte einen langen Hals und schaute über die Mauer von links nach rechts. Sein Augenmaß war so viel wert wie eine Wasserwaage: Die Wand war schnurgerade. Seiner Hände Arbeit war noch was wert!“ Solche Passagen über die Vergegenständlichung menschlicher Arbeitskraft, also ihrer Dingwerdung und ihrem Dingdasein, zeigen Einblicke in das Innenleben der Insassen, die trotz ihrer unerträglicher Umstände und Unterdrückung, durch den Wert ihrer Arbeit ihr Selbstbewusstsein und ihre persönliche Würde ziehen, da ihnen sonst nur ein Dasein eines Nutztieres bliebe. Die würdevolle innere wie äußere Haltung der Insassen zeigt sich zudem in vereinzelten wagemutigen Auflehnungen einzelner Insassen. Auflehnungen wie beispielsweise Widerworte, die drakonische Strafen von 10 Tage Bau bedeuten können, was beinahe einem Todesurteil gleichkommt. Solschenizyn lässt sein allwissendes Lyrisches Ich dabei Partei für die Gefangenen ergreifen, was sich im Trotz gegen Befehle oder Mitfiebern mit Arbeitsleistungen zeigt. So kommentiert das Lyrische Ich das Kommando von Wachtposten „Vorwärts, marsch und  schnell jetzt“ mit „Schnell? Jetzt? Ihr könnt uns am Arsch lecken!“ und „Den Teufel werden wir tun, einen Zahn draufzugeben. Am Arsch könnt ihr uns lecken!“.

Sinnbildlich für das Verhältnis der Gefangenen und dem Wachpersonen steht die Anrede zwischen und innerhalb der Personengruppen. Während sich die Insassen einander mit dem Vornamen oder Nachnamen anreden, bezeichnet das Wachpersonal die Gefangenen ausschließlich anhand ihrer Gefangenennummern. Ivan D., Gefangenennummer S 854, soll dadurch für die Autorität im Lager in der unpersönlichen Anonymität bleiben, die notwendiger Teil des Lagerbetriebs zu sein scheint. Denn nicht nur den Insassen ist bewusst, dass Strafen, wie gar 15 Tage Bau, einem Todesurteil gleichkommen, sondern auch ihren Richtern und Strafvollstreckern. Das Buch wirkt nicht nur erschreckend wegen der Umstände und vielen Opfer, sondern auch wegen der massenhaften kleinen Täter und Henkershelfer.

Die Aufarbeitung des Gulag-Netzes spielt bis heute im kollektiven Bewusstsein der ehemaligen Sowjetbürger eine bedeutende Rolle. Swetlana Alexijewitsch, unter Anderem aufgefallen durch irritierende Bemerkungen über eine „Resowjetisierung Russlands unter Putin“, lässt in ihrem Roman „Secondhand-Zeit – Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ lieber eine Vielzahl von Zeitzeugen zu Wort kommen, was ihrer Arbeit nicht schadet. Der Roman besteht aus einer klug positionierten Aneinanderreihung von Interviews, die in ihrer Gesamtheit einen historisch fundierten Einblick in die psychologische Verfassung ehemaliger Sowjetbürger darstellt. Eine Gesprächspartnerin berichtet: „Ich weiß noch wie in der Zeitschrift Nowaja Shisn Solschenizyns ‚Ein Tag im Leben des Ivan Denissowitsch‘ abgedruckt war und alle es lasen. Alle waren erschüttert. Redeten über nichts anderes! Ich verstand das gar nicht – warum dieses große Interesse und dieses Erstaunen? Ich kannte das alles, für mich war das ganz normal – Gefangene, Lager, Klokübel… Die Lagerzone.“ Weitere Gesprächspartner berichten über ihre Erfahrungen rund um das Gulag-Netz, sei es durch persönliche Gefangenschaft, durch das Verschwinden eines Familienangehörigen oder durch das Durchstöbern von geöffneten Geheimdienstarchiven. So berichtet eine Interview-Partnerin: „Was ist das – Karaganda? Kahle, nackte Steppe, hunderte Kilometer, im Sommer vollkommen verbrannt. Unter Stalin entstanden in dieser Steppe dutzende Straflager: Steplag, Karlag, ALShIR, Pestschanlag… Hunderttausende Gefangene wurden dorthin geschafft… Sowjetische Sklaven. Nach Stalins Tod wurden die Baracken abgerissen, der Stacheldraht abmontiert – und fertig war die Stadt. Die Stadt Karaganda.“ Dies ist aus heutiger Sicht wenig überraschend, da große Teile der Industrieproduktion in der Sowjetunion insbesondere bei Edelmetallen, Holz- und Kohleabbau in Arbeitslagern durchgeführt wurden. Zudem dienten Arbeitslager auch als Erschließungsmöglichkeit noch nicht bevölkerter und zivilisierter Gebiete. In den 1940er Jahren bewohnten Karaganda (damals ca. 180.000 Einwohner) zu mehr als 70% sogenannte Russlanddeutsche, heute hat die Stadt eine Größenordnung von einer halben Million und ist zweitgrößte Industriestadt Kasachstans, während kaum noch Russlanddeutsche dort leben.

Einmal im Knotenpunkt Gulag gelandet, lebten viele Menschen in seiner direkten Umgebung, bis zahlreiche ehemalige Insassen und ihre Nachfahren auch nach Deutschland migrierten. Die mehr als drei Millionen Russlanddeutsche, die derzeit in Deutschland leben und mehrheitlich aus dem heutigen Kasachstan immigrierten, verzeichnen meistens einen oder mehrere ehemalige Insassen aus Arbeitslagern in ihren unmittelbaren Familienreihen. Ihre Geschichte ist dabei eine der sich ständig wiederholenden Entwurzelung. Ausgewandert zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus Deutschland, siedelten Russlanddeutsche zunächst oberhalb des Schwarzen Meeres und nebst den Städten Saratow und Samara im Wolgagebiet an, da sie dort unter Sonderverwaltung Privilegien erhielten (Landzuteilung, Steuerbefreiung, Religionsfreiheit etc.). Es folgte die Aufhebung der Privilegien Ende des 19. Jahrhunderts, Liquidationsgesetz während des 1. Weltkriegs 1915 und der Erlass zur Aussiedlung Russlanddeutscher aus der Wolgarepublik während des 2. Weltkriegs 1941, aufgrund teils berechtigte Befürchtungen vor Kollaboration mit in die Sowjetunion vorrückenden deutschen Militärtruppen. Mit dem Ausbau von Arbeitslagern während des Kriegszustands stand die Sowjetunion in prominenter Gesellschaft mit Ländern wie Japan, den Vereinigten Staaten oder Großbritannien. Diese Maßnahmen führten zur wiederholten territorialen Entwurzelung vieler Bevölkerungsgruppen und schlussendlich zu ihrer Gefangenschaft in Arbeitslagern Sibiriens, Kasachstans, Usbekistans usw. Meine Großeltern lebten 15 Jahre in solchen Lagerzonen, mein Vater wurde in einem Arbeitslager geboren, ich selbst bin einer von zahlreichen Russlanddeutschen, die in Karaganda oder Ekibastus geboren wurden. Eine Kette von Generationen aus immer wieder Entwurzelten, mündete spätestens seit den 1990er Jahren in einer massenweisen Immigration, die subjektiv von vielen als „Rückkehr“ nach Deutschland empfunden wurde. Eine „Rückkehr“ von Menschen, auf die niemand wartete, sondern die vielmehr durch Sprachbarrieren, fehlende Netzwerke und besonders in den 1990er Jahren durch vorurteilsbehaftete Ausgrenzung und unsichere Arbeitsverhältnisse isoliert blieben. Wie diese Aufarbeitung von alter Geschichte hilft, wenn es um das Heute und die persönliche Identität geht, zeigte uns kürzlich mit einem Wink Marianna Salzmann in ihrem Debütroman „Außer Sich“. Einer unserer Autoren rezensierte bereits an anderer Stelle und macht sich dabei Gedanken zur Prädisponierung der eigenen Identität und ihre Verhandelbarkeit.

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Veröffentlichung des Erlasses zur Deportierung der Russlanddeutschen

„Ohne Aufdecken der Vergangenheit gibt es also kein Entdecken der Gegenwart.“ Die Novelle Solschenizyns bleibt empfehlenswert, um nüchtern beschriebene Eindrücke eines ehemaligen Arbeitslagerinsassen in ihrer schonungslosen Offenheit nachzuempfinden. Bei der Suche nach der eigenen Identität dient Geschichte als Eingangstor. Für Generationen von Russlanddeutschen, die zu Millionen diese „Gulag-Kreuzung“ passierten, kann Solschenizyns Novelle als Ein Eingangstor zu Fragen zur Entstehung der Sowjetunion, zum Selbststudium führender Figuren wie Lenin, Trotzki oder Stalin samt einigen ihrer Schriften, sowie den Gründen hinter massenweiser Deportierungen und der Ausreise aus der Sowjetunion der Mehrzahl der Russlanddeutschen führen. Erkenntnis über persönliche Prädisponierung, die bei der Bewusstmachung feiner, kultureller Unterschiede beginnt, ist selbstverständlich auch eine Erkenntnis, die bis zu persönlichen sozioökonomischen Verhältnissen reicht. Nur so kann der stumpfsinnigen Verführung von berauschenden Nationalismen entgangen werden und eine auf materiellen Fakten basierende Selbsterkenntnis im Verhältnis zur umliegenden Gesellschaft erfolgen. Denn neben dem Blick zurück, erfolgt die größte Selbsterkenntnis noch immer durch Blicke nach unten und oben.

Von Andrej Bill, 14.Feb ’18

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