Recht auf Arbeit, Recht auf Kultur!

Der 1. Mai steht vor den Türen, kauernd, auf den asphaltierten Straßen, in den bepflasterten Gassen und auf den mit Dreck gelederten Rathausplätzen, wo sich die Menschen täglich begegnen, um einander wieder stumm und vereinsamt aus dem Weg zu gehen – eben so, wie es sich gehört, als Unterwürfige der Herrschaft. Der 1. Mai steht vor den Türen.

Während allseits die Illusionen der Ohnmacht das Rad der Zeit anzuhalten versuchen, erklären wir, die Nous.-Redaktion, unsere Teilnahme am 1. Mai, um Menschen zu begegnen und miteinander denselben Weg zu gehen – den Weg der Überwindung der Einsamkeit und Isolation. Wir, als denkende Schriftsteller, wissen um unsere Verantwortung. Mit jedem Wort versuchen wir die Gitterstäbe der Einsamkeit zu biegen und zu brechen, um den Menschen einen Kontakt mit ihrer Realität zu öffnen. Nur eins rechtfertigt in diesem Sinne das Schreiben: die Wahrheit, nichts als über die Wahrheit zu schreiben.
Doch heute labt sich ein großer Teil der Kunst am süßen Milchzapf der Bequemlichkeit, besauft sich am Bierfass der Ordnung und überfrisst sich bis zum Gebrechen im Rausch eingebildeter Zauberreiche und übergibt dann dem rauen, täglich arbeitenden und schaffenden Teil der Gesellschaft einen papiernen Krug der – Verachtung. Entweder mit ihrer hysterischen Launenhaftigkeit oder mit ihrer eingebildeten Unabhängigkeit, die nicht ein Brotkrümel wert ist, aber selbst kiloweise Brot verdrückt und den Hunger der Millionen akzeptiert. Entweder mit seiner Neigung zur Mystifikation, die ein augenblendenden Schleier über die Wahrheiten Schaffender und Entrechteter legt, oder seiner vorzugsweisen Muse: Abstraktion, mit der alles nur eine Frage billiger und lähmender Effekthascherei wird, um im kitzelnden Applaus der Unbetroffenen vermarktungsfähige Narkoseliteratur zu schreiben. Ästhetische Abstraktionen, entkoppelt vom Konkreten und Profanen, bestimmen heute die Bücher, das Theater, die Museen und die Opernhäuser, die letzteren: schon immer das konservative Bollwerk des Kulturkulinarismus. Eine gähnende Leere zwischen dieser Kunst und der Realität schaffender Menschen klafft sich auf. Denn diese Menschen spüren, dass diese Kunst, vom Konkreten ihres Lebens wegabstrahierend, nicht ihre Kunst ist, sondern eine Kunst von und für Kulturkulinariker, Pseudointellektuelle, Streber, Esoteriker, Samariter, Groß- wie Kleinbürger und Selbstvergessene. Eine Kunst zum Warenverkauf, die mystifiziert, indem sie den Menschen ihre Realität umnebelt, den Menschen ihrer konkreten Wahrheiten Stück für Stück beraubt, die schaffenden Menschen still hält. Kein Wunder, größtenteils entsprechende Personengruppen in den jeweiligen Anstalten der Kunst anzutreffen, statt wesentlich schaffende und schuftende Menschen.
Aber es gibt auch einen anderen Teil der Kunst, einen, der das Leben und die Realität der breiten Arbeiterklasse verstehen will, einen, der in den konkreten Lebensalltag arbeitender Menschen und in den Stoffwechsel mit der Natur eingehen will, einen, der den verwirrenden Nebel mit der prometheischen Fackel lichten will, da die Menschen dieses Feuer brauchen wie das Sonnenlicht, das im Spiegel umkehrt, um uns zu zeigen, wie wir aussehen und was wir tun. Denn zweifellos ist die schaffende Arbeiterklasse, die mit dem Hungerstrick an den monotonen und endlosen Arbeitsalltag gefesselt ist, der unterdrückte Teil der heutigen Gesellschaft, wo er doch täglich die materiellen Existenzgrundlagen des Lebens reproduziert und dazu seiner Schaffenskraft ausgebeutet wird, damit der andere, geringere, weisungsbefugte, unterdrückende Teil derselben Gesellschaft sich im reichen Leben amüsieren kann.

Wir wissen: Ohne die Arbeiterklasse ist die Kunst nichts, mit ihr ist sie alles. Die Unterdrückung der Arbeiterklasse ist gleichsam die Unterdrückung der Kunst. Der Kampf der Arbeiterklasse ist in letzter Konsequenz auch der Kampf um eine höhere Kultur. Der 1. Mai proklamiert das Recht auf Arbeit für alle, die Kunst proklamiert das Recht auf Kultur für alle. Darum sagen wir, anknüpfend in alter Tradition des Freiheitskampfes um neue soziale, kulturverschmolzene Lebensformen im 3. Jahrtausend frei von Unterdrückung: Kopfarbeiter und Handarbeiter, vereinigt euch!

Der 1. Mai steht vor den Türen, lauernd, auf den asphaltierten Straßen, in den bepflasterten Gassen und auf den vom Dreck gereinigten Rathausplätzen, wo sich die Menschen begegnen werden, um einander in die Arme zu greifen und zusammen Arbeit und Kultur für alle zu fordern – eben so, wie es sich gehört, als Widerspenstige der Herrschaft. Der 1. Mai steht vor den Türen.

Gez. Nous.-Redaktion

Von Mesut Bayraktar im Namen der Nous.-Redaktion, 30.April’17
/ Illustration von Lukas Schepers

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