Der unbekannte Bergsteiger

Ich ziehe noch schnell die Halter meines Rucksacks so straff es geht und nehme einen tiefen Schluck aus der mit Gebirgsbachwasser gefüllten Trinkflasche, dann stecke ich meinen Fuß in die erste Felseinbuchtung. Ein paar Krümel grauen Gesteins bröckeln herunter, doch ich spüre, dass die Spalte tief genug ist. Mein Blick schweift ein letztes Mal gen Himmel und wird von scharfen Sonnenstrahlen empfangen, die meine überraschten Augen zur umgehenden Verringerung ihres Blickfeldes zwingen. Die vergangenen Stunden rechnete ich jederzeit mit Regen, hatte mich im Prinzip schon damit abgefunden auf dem letzten Abschnitt einer weiteren Herausforderung ausgesetzt zu sein und nun dringt aus wortwörtlich heiterem Himmel wieder geballte UV-Strahlung in die raue Gebirgsatmosphäre. Als ich eines Adlers gewahr werde, der direkt über mir seine Runden dreht und meine Augen wie gebannt seiner Flugbahn folgen, wischt ein breites Grinsen vorübergehend die Anstrengung aus meinem sonnengegerbten Gesicht. Ja, ich bin bereit. Nur der Gedanke an eine vergessen geglaubte Situation aus der Vergangenheit trübt meine Stimmung. Als hielten sich die Bilder dieses Ereignisses krampfhaft an der Gegenwart fest, ist es mir nicht möglich, sie dauerhaft abzuschütteln. Sie bleiben mein Begleiter.

Ich sitze neben dem Bild eines von Bäumen flankierten und mit Herbstblättern übersäten Weges, welches mir schon von unzähligen Laptophintergründen bekannt ist. Außer mir befindet sich nur ein vor sich hin blubbernder Wasserspender in dem auffallend sauberen Raum. Ich spüre ein Gefühl der Anspannung, wogegen jedoch eine Art gleichgültige Zuversicht tapfer anzukämpfen versucht. Diesmal wird es klappen, murmele ich in meinen erst am Morgen gestutzten Bart. Im nächsten Moment öffnet sich die Tür und eine junge Frau weist mir mit einer Handbewegung den Weg ins Büro. Auf dem Gang dorthin kommt mir ein glattrasierter Mitzwanziger entgegen, mustert mich eingehend und geht dann lächelnd hinaus.

Meine Hand greift nach dem nächsten Stück fest aussehenden Gesteins. Die scharfen Kanten drücken sich genauso wie Millionen kleiner Partikel in meine Haut und Schmerz durchzieht meinen Körper. Es ist jedoch ein Schmerz, der mich nicht schwächt, sondern im Gegenteil mir sogar noch Kraft zu geben scheint. Denn wie als Zeichen der Solidarität mit dem leidenden Körperteil spannen sich alle anderen Muskeln ebenfalls an und geben mir ein vages Gefühl von dem, wozu der Mensch in bestimmten Situationen fähig ist. Fast hastig greife ich mit der noch freien Hand nach dem nächsten Stein.

 Ein großgewachsener Mann mit dünnen, schwarzen Haaren und randloser Brille vor den intelligent wirkenden Augen reicht mir die Hand. Ich verspüre einen festen Druck, als ich nach ihr greife. Freundlich weist er auf einen der beiden weinrot gepolsterten Stühle vor seinem Schreibtisch und blättert demonstrativ einige Unterlagen durch, vermutlich die von mir geschickten. Auf seinen Papieren liegt eine Ausgabe der Wirtschaftswoche«. An der Wand hängt der Abschluss einer mir unbekannten, vom Klang her wahrscheinlich australischen Universität. Während der Mann weiterhin blättert, steigt meine Nervosität langsam an.

Ich fühle die Hitze der Sonnenstrahlen auf meinem bereits leicht verbrannten Nacken. Schweißtropfen bahnen sich an meinem gesamten Körper ihren Weg Richtung Erde, bzw. eher Richtung Abgrund. Mittlerweile liegen bestimmt an die sieben Meter zwischen meinen Füßen und dem nächsten Felsvorsprung. Beängstigend. Müsste es sein. Übermütig. Müsste ich mich fühlen. Doch nichts dergleichen ist der Fall. Ich fühle mich sicher, vertraue meinen Kräften, vertraue meinen Händen.

Gleich die erste Frage muss ich bereits mit einer Lüge beantworten. Es gibt keinen besonderen Grund, warum ich mich gerade für diese Firma bewarb. Allenfalls, dass nach einem Haufen Absagen nicht mehr allzu viele übrigblieben, doch bezweifele ich mit dieser Ehrlichkeit einen Vorteil zu erlangen. Und nein, ich kann auch noch keine langjährige Berufserfahrung vorweisen. Hätte dieser schmierig lächelnde Mann das nicht aus meinen Unterlagen erfahren können?

Schritt für Schritt, Griff auf Griff, komme ich meinem Ziel näher. Um dem Wind, der beständig gegen meine rechte Körperseite peitscht, etwas entgegenzusetzen, verlagere ich das Gewicht so oft es geht dort hin. Meine Schultern brennen unter dem Zug der Rucksackriemen. Gierig sauge ich die kalte Luft ein, wissend, dass Sauerstoff das einzige ist, was ich für das Erreichen meines Ziels brauche. Ich atme. Ich lebe.

Der schwarzhaarige Herr schaut nun konzentriert auf den Bildschirm seines Computers, wodurch eine kleine Pause entsteht, die mein Körper offensichtlich mit dem Produzieren von Schweiß im oberen Armbereich zu überbrücken sucht. Ich sitze still da, die Hände im Schoß gefaltet.

Ganz langsam kommt der Gipfel wieder zurück ins Blickfeld. Als er vollständig zu sehen ist, verharre ich einen kurzen Moment an einer weniger steilen Stelle des Hanges. Meine Augen ignorieren in diesen wenigen Sekunden die Sonnenstrahlen einfach und weiten sich in dem Versuch, ein möglichst umfangreiches Bild des nahenden Triumphes zu erfassen. Nur noch wenige Schritte, schießt es durch meinen Kopf.

Ohne von seinen Papieren aufzugucken, fragt er mich in einem Ton, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, reine Formalität, ob auch ein unbezahltes Praktikum für mich in Frage käme. Eine Gegenleistung bin ich also nicht wert?

Ich setze meinen rechten Fuß vor, stoße mich ab und greife dann mit der linken Hand nach oben. Adrenalin durchfährt meine Adern. Alle Gliedmaßen schmerzen und sind doch vollkommen ruhig. Meine Finger finden erneut perfekt geformte Einbuchtungen im Fels; der Griff ist sicher.

Warum kann eigentlich ausgerechnet dieser Mann über meine Zukunft entscheiden?

Diesmal setze ich zuerst den linken Fuß vor, um dann mit der rechten Hand nach einem großen Stein schräg über mir zu greifen. Meine Nase schlägt leicht gegen den Felsen und hinterlässt den mir nur allzu bekannten rauen Moosgeruch. Anschließend ziehe ich mein rechtes Bein nach oben und platziere, dem Material der Wanderschuhe vertrauend, die Zehenspitzen in eine kleine Einbuchtung. Meine Augen prüfen die unzähligen Unebenheiten des Gesteins auf der Suche nach einer Griffmöglichkeit für meine linke Hand.

Warum sitzt neben dem hässlichen Herbstbild schon der Nächste, der exakt das Gleiche will wie ich, wissend, dass er es nur erreicht, wenn ich dies nicht tue?

Ich streckte gerade den linken Arm nach oben als plötzlich der Stein auf dieser Körperseite unter dem Gewicht meines Fußes nachgibt. Ich schürfe mir das Knie an einer spitzen Kante auf und schlage mit dem Gesicht gegen den kalten Fels. Ein lautes Knacken im rechten Bein lässt meine Glieder erschauern. Wie in Zeitlupe entfernt sich mein Körper vom sicheren Gestein.

Ich springe abrupt auf und laufe, den verwirrten Blick des Personalmanagers im Rücken spürend, Richtung Tür.

Ich merke, wie das Gewicht des Rucksacks mich nach unten zieht. All meine in Sekunden aus Angst und Panik geborene Hoffnung liegt auf meinen Händen, irgendwas müssen sie greifen. Einen Stein, eine Wurzel, ein Stück feste Materie, irgendetwas…

Ich muss weg. Weit weg.

…doch da ist nichts.
Meine Hände greifen ins Leere.
Ich sehe sie direkt vor mir
– wild umherwedelnd.
Und dann,
die Wolken,
und der Gipfel,
und auch der Adler,
der lautlos seine Bahnen zieht.
Alles ist vollkommen still.
Dann Dunkelheit.
Nichts.


Prosa von Daniel Polzin
Foto von Kamil Tybel,
24. November’16

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