Kerzenlicht

…Ich komme zu dir! Ich weiß, du willst, dass ich warte. Und ja, ich weiß, du bist ein viel beschäftigter Mann, aber ich habe genug von diesem Ort. Genug von diesem tristen Rattenloch. Harry, ich komme zu dir, zu dir ins tanzende Kerzenlicht und dann werden wir endlich gemeinsam unsere Flügel ausbreiten und fliegen. Dann kann ich endlich die sein, die ich sein sollte…

 Er: Da bist du ja! Ich hab mir schon Sorgen gemacht!
Sie: Du machst dir immer Sorgen. Hier nimm mir die ab.
Er: Warst du schon wieder in der Stadt? Verdammt, du weißt doch (seufzt), ach was soll‘s. Heute wollen wir nicht streiten. Immerhin ist es ein besonderer Tag. Gib sie mir.
Sie: Was machst du eigentlich zu Hause? Solltest du nicht bei der Arbeit sein? Hmm? Ach, sei‘s drum! Ich muss mich erst mal setzen. Das war ein wirklich hässlicher Tag heute.
Er: Also ist etwas vorgefallen? Ich hab gleich gemerkt, dass was nicht stimmt.
Sie: Da war so ein Junge im Zug, der mich bitter böse beleidigt hat. Schlimm war das! Schlimm, sag ich dir. Dabei wollte ich mich nur auf einen freien Platz in seiner Nähe setzen.
Er: Beleidigt? Was hat er gesagt?
Sie: Ach, ganz schlimme Sachen, ich mag solch ein Vokabular gar nicht in den Mund nehmen. (Pause, dann leiser) Wohlstandstrulla, hat er mich genannt!
Er (laut): Wohlstandstrulla? Aber…
Sie: Sag es nicht! Ich will es nicht hören! Der Tag war schon anstrengend genug.
Er: Was ist dann passiert?
Sie: Was wohl? Ich habe dem Widerling selbstverständlich meine volle Empörung zuteil kommen lassen. Da hat er aber geschaut. So redet man nicht mit einer Frau von Klasse! Das sah auch der Rest des Zuges so. Gott sei Dank! Die haben dann den Rüpel fein zurechtgewiesen und aus dem Zug gejagt und ich, (entzückt) ja und ich habe mich dann bei den galanten Herren bedankt und anschließend auf seinen Platz gesetzt.
Er: Raus gejagt? Das klingt nicht gut. Sie haben dem Jungen doch nichts getan?
Sie: Ach, das schert dich? Ob sie dem Jungen auch nichts getan haben? Mir hätte wer weiß was passieren können und du sorgst dich um den Jungen! Und so jung war er auch wieder nicht, bestimmt schon Mitte 20! Wäre ich alleine gewesen, dann, dann…
Er: Du hast recht. Entschuldige. Ich dachte nur…
Sie: …Gar nichts denkst du. Wie immer eben! Deine Frau wird von Fremden bedroht und du? Du stehst da und nimmst den Täter in Schutz! Was habe ich nur für einen Mann geheiratet?
Er: Ich sag doch, dass es mir leidtut. Sei nicht so. Heute ist doch ein besonderer Tag. Ich habe für uns gekocht. Lasagne nach dem Rezept deiner Mutter! (grinst) Was? Hab sie extra angerufen!
Sie: Du hast gekocht?
Er: Ja, komm! (nimmt ihre Hand) Auch einen Wein habe ich gekauft.
Sie: Wein? Du? Du trinkst doch nur diesen billigen Fusel.
Er: Heute nicht!
Sie: Was ist denn heute?
Er: Du weißt es nicht? Jetzt treib keine Spiele mit mir.
Sie (reißt sich von seiner Hand los): Ach, jetzt sag schon! Aus allem musst du immer so ein Spektakel machen.
Er: Nun, es ist unser Hochzeitstag!
Sie: Und deswegen gehst du nicht zur Arbeit?
Er: Ja, aber…
Sie: Sei‘s drum. Etwas Lasagne könnte ich schon essen. Ist der Tisch schon gedeckt? (lacht) Kerzen?
Er (errötet): Nun, ich dachte…
Sie: Gar nichts denkst du. Wie immer eben! Ich bin keine 14 Jahre alt mehr. Kauf mir lieber endlich ein Auto, damit ich nicht mehr in diesem ekligen Zug in die Stadt fahren muss. Oder zumindest Erste-Klasse-Tickets. Dann passieren so Sachen wie heute auch nicht mehr. Kerzen!
Er: Aber früher…
Sie: Früher? Wollen wir wirklich von früher anfangen?
Er: Nein, ist schon gut.
Sie: Dachte ich‘s mir doch.

…. Er hat mir gar keine Ruhe gegeben. Und getadelt hat er mich, weil ich mir ein paar neue Kleider gekauft habe. Soll ich etwa in Lumpen rumrennen? Du wüsstest deine Frau richtig zu kleiden, Harry, da bin ich mir ganz sicher! Und dabei war es unser Hochzeitstag! Das musst du dir mal vorstellen, Harry. An unserem Hochzeitstag, solch ein Drama zu veranstalten. Lasagne hat er gekocht, aber sie hat ganz scheußlich geschmeckt. Gar nicht so wie bei Mama! Du erinnerst dich doch sicher noch, oder? Wir haben sie auch einmal zusammen gegessen und du sagtest, dass du noch nie eine so gute Lasagne gegessen hättest. Ich werde sie für uns zubereiten. Sehr bald schon, denn ich habe mich entschieden….

Sie: Die schmeckt ja gar nicht mal so schlecht.
Er: Sie schmeckt dir?
Sie: Wo ist eigentlich die Zeitung? Was? Was ist?
Er: Warum willst du jetzt wieder die Zeitung? Wir sind hier mitten bei einem schönen Essen, oder nicht? Trink doch etwas Wein.
Sie: Nein, den mag ich nicht. Ich trinke lieber deutschen Wein. Ein Grauburgunder wäre gut.
Er: Nie kann ich es dir recht machen.
Sie: Ach, und wessen Schuld ist das? Wo ist denn jetzt die Zeitung?
Er: Das reicht jetzt! Nicht einmal einen Abend ohne diesen beschissenen Harry! (steht auf, holt die Zeitung und wirft sie ihr entgegen) Da! Dann geh doch zu ihm! Verlass mich doch! Was hält dich noch hier?
Sie: Ich weiß gar nicht, wieso du jetzt so aufgebracht bist. Der Wein bekommt dir wohl nicht! Ich habe doch nur nach der Zeitung gefragt. Und du fängst plötzlich von Harry an.
Er: Jetzt tu doch nicht so! Jeden Tag starrst du in diese Zeitung und hältst Ausschau nach Harry. Komm endlich drüber weg. Der Mann weiß doch nicht einmal mehr, wer du bist!
Sie: Was redest du da!? Natürlich weiß Harry, wer ich bin! Warum sonst hätte er mir auf meinen Brief geantwortet?
Er: Zeig mir diese Antwort.
Sie: Nein!
Er: Das hast du dir doch nur ausgedacht!
Sie: Wie kannst du es wagen? Du hast mich gar nicht verdient! Eine zarte Blume wie ich, in solch schmutzigen und rauen Arbeiterhänden! Du bist ein dummer Tölpel! (schluchzt)
Er: Ich? Ein Tölpel? Verdammt, vielleicht hast du recht. Aber das war‘s. Genug ist genug! Ich wollte wirklich alles zwischen uns zurechtbiegen. Dieser Abend, dieser Abend, das sollte der Anfang sein, aber du willst es einfach nicht. Ich dachte wir essen, trinken und hören uns ein paar alte Lieder an. Ich dachte, wir lachen und vergnügen uns wieder miteinander, wie früher eben!
Sie: Du willst also doch mit früher anfangen?
Er: Ich will…
Sie: …Gerne! (spöttisch) Früher, früher, ja wie war das noch gleich. Ach ja, früher, da warst du ein gut aussehender Mann mit Charme, nicht so wie jetzt! Früher, da hast du mir jeden Wunsch von den Lippen abgelesen und mir die Sterne vom Himmel versprochen, damit ich sie mir ins Haar stecken kann, erinnerst du dich? Früher, da hast du mir beteuert, dass deine bekloppte Firma uns reich machen würde, und dass das gar nichts schief gehen könne. Du sagtest, wir würden in einer belebten Stadt wohnen, in einer Maisonette mit Aussicht auf einen Fluss oder einen Park. Du sagtest wortwörtlich, mein Lieber: „Baby, dir wird es nie auch nur an irgendwas fehlen!“ Baby! Weißt du noch? Und noch davor, da habe ich Harry für dich verlassen. Für dich! Ich habe mich von deinem guten Aussehen und deinen Lügen blenden lassen. Wie dumm ich doch war! Ich dachte damals, dass Harry nicht ansehnlich genug für eine Frau wie mich wäre, aber jetzt, jetzt zeigt sich, wie bitter falsch ich lag. Wahre Schönheit kommt eben doch von innen!
Er: Wie kannst du das sagen? Denkst du, ich wollte, dass die Firma pleite geht? Denkst du, ich wusste, dass es zu dieser gottverdammten Krise kommt und mir die Aufträge ausbleiben? Denkst du, ja denkst du, es macht mir Spaß für den halben Lohn bei einer Zeitarbeitsfirma von Betrieb zu Betrieb geschoben zu werden? Du ignorante Kuh! Nur dich selbst siehst du! Und da wunderst du dich, dass die Leute schon im Zug anfangen dich zu beleidigen. Aber es reicht jetzt. (schreit) Es reicht, sag ich! Verschwinde von hier! Ich ertrage es nicht mehr!
Sie: Ich gehe nirgendwo hin. Immerhin wohne ich hier! Warte! Was machst du da?
Er: Weißt du was, noch besser! Dann gehe ich eben! Behalte diesen ganzen Krempel. Kannst du alles haben! Aber ich bezahle hier keinen Penny mehr!
Sie: Aber, aber so geht das nicht. Ich habe doch gar kein Geld!
Er: Tja, dann geh arbeiten, so wie jeder normale Mensch auch oder geh zu Harry. Mal sehen, ob der dich aushält. Leb wohl! (Geht ab)
Sie: Warte, das kannst du nicht! (schreit hinterher) Komm sofort wieder her!

…Ich habe es endlich getan. Für dich, für uns habe ich ihn verlassen. Hab ihn aus der Wohnung gejagt, wie einen dummen Hund! Soll er sich zum Teufel scheren. Jetzt hält mich hier nichts mehr…

Sie: Er ist weg. Weg. Weg? Aber was mache ich jetzt nur? … Harry! (läuft zur Kommode und holt einen abgenutzten Brief hervor. Setzt sich vor eine Kerze an den Küchentisch) Sehr geehrte Frau…leider fehlt es an Zeit…freue ich mich…Erinnerungen an die Schuljahre…in weiter Ferne…dennoch höre ich gerne wieder von Ihnen…diktiert von Harry… (Sie lässt die Arme samt Brief schwer auf den Tisch fallen)

 (Stille)

 Dann kreischt sie aus tiefster Kehle.

 (Stille)

 Sie nimmt den Brief und hält ihn in die Kerze.

Der Brief fängt Feuer.

Sie (ins Feuer blickend):      

Der Mensch mag das Opfer seiner Wahrheiten sein,
sofern die Wahrheiten des Menschen Lügen seien.
Sieht der Mensch also die Welt durchs Kerzenlicht,
so wundert‘s nicht, sieht er auch sich selber nicht.
Drum drücke er die hohle Flamme lieber aus,
sodass er lernt zu sehen, wo er wirklich haust.

(Sie drückt die Kerze aus und geht ab. Der Brief brennt weiter, bis er schließlich von alleine erlischt)


Szene von Kamil Tybel,
Illustration von Priska Engelhardt,
12. November’16

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