„Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ – Fjodor M. Dostojewski

„Es kam mir einmal folgender Gedanke: wollte man einen Menschen mittels einer Strafe vollständig erdrücken, ihn völlig vernichten, ihm eine so grauenvolle Strafe auferlegen, dass selbst der ruchloseste Mörder vor ihr erbebte und sich im Voraus abschrecken ließe, so würde es genügen, seiner Zwangsarbeit den Charakter einer vollkommenen Nutzlosigkeit und Sinnlosigkeit zu geben.“ (Erster Teil, II. Abschnitt) Liest man diesen Satz mit der bedächtigen Tiefe, mit der er geschrieben wurde, dann wird deutlich, dass es sich bei der Zwangsarbeit in der zaristischen Katorga des 19. Jahrhunderts um planmäßig absurde, physische Kraftentäußerung handelte, die so weit getrieben wurde, dass sie die psychische Verfasstheit des Sträflings annullieren und seinen seelisch-mentalen Zustand bis ins letzte, regende Fünkchen entleeren sollte, damit der „Bodensatz der Gesellschaft“ endgültig verkrüppelt und stumpfsinnig gemacht wird – die Perpetuierung des Daseinsunwerts, um die Persönlichkeit zu vernichten.

Ich habe bewusst mit diesem Zitat begonnen, um kurz auf folgende Frage – wenn man mir erlaubt – aufmerksam zu machen: was ist der Charakter der heute bestehenden Lohnarbeit, die Kapitalprofit schafft, um von ihr einen verhältnismäßig lächerlich geringen Anteil in Gestalt von Lohn zu erhaschen, sodass der große Rest von den heutigen Zaren der Welt, den Kapitalisten, abgeführt und verzehrt wird? Was ist – wenn nicht vollkommen nutzlos und sinnlos – die Zweckmäßigkeit der zeitgenössischen Lohnarbeit, die schließlich im frenetisch angeheizten Konsumfetisch, d.h. Konsumnihilismus auf der Seite der bewusstlosen Arbeiterscharen und auf der anderen Seite in skrupellosester Ausbeutung und im pessimistischsten Zynismus der Schmausenden mündet? Wollen die Leser dieser Rezension die wesensmäßigen Umrisse, die Teleologie und die mental-psychischen Auswirkungen der heutigen Lohnarbeit aufrichtig studieren, so rate ich ihnen mit dem Verweis auf das Stichwort >entfremdete Arbeit< zur Lektüre der Ökonomisch-Philosophischen-Manuskripte. Kommen wir zum Ausgangspunkt unserer wohlwollenden Abschweifung zurück.

Fjodor-Dostojewski-mit-Federzeichnungen-von-Paul-Holz+Aufzeichnungen-aus-einem-TotenhausDostojewski, das russische Genie nach Puschkin und Gogol, veröffentlichte die literarisch verfassten Aufzeichnungen aus dem Totenhaus 1860 in Folge seiner Verurteilung zur vierjährigen Verbannung (Katorga) nach Sibirien, verbunden mit Zwangsarbeit (1850-54) und anschließend sechsjähriger Militärpflicht als Soldat. Der Verurteilung ging ein Begnadigungsakt des Zar Nikolaus I. voraus, der Dostojewski und seine Gefährten von der ursprünglich standrechtlichen Erschießung aufgrund staatsfeindlicher Aktivitäten entband. (Übrigens, dies ein Ereignis – Todesstrafe und Begnadigung – welches Stefan Zweig in seinem Gedicht Heroischer Augenblick zur Sternstunde der Menschheit erhoben hat.) Daher versteht man ohne biographisch-historischen Einschnitt – wie fast in jedem literarischen Schaffen, das immer Kind und Gefangener seiner Zeit ist – nicht die Erfahrungen im und erst recht nicht das Buch vom Totenhaus. Seinerzeit war Dostojewski utopischer Sozialist und Mitglied einer unbedeutend kleinen Gruppe, die vor dem geschichtlichen Rahmen der Februarrevolution in Frankreich und der Märzrevolution in Deutschland und weiteren europäischen Völkern um 1848 die revolutionäre Umwälzung des russischen Zarenreiches zum Ziel hatte. Es gibt nachvollziehbare Forschungen, die zum Ergebnis kommen, dass sowohl der Klagevorwurf als auch die Todesstrafe, gefällt durch ein Militärgericht(!), auf Geheiß des Zaren inszeniert waren. Denn einige Minuten kurz vor der Exekution der Todesstrafe wurde die Begnadigung durch den Zaren ausgesprochen – es heißt, der Zar wollte mit solchen Schauprozessen die insbesondere jüngere Bevölkerung Russlands vor revolutionären Umtrieben abschrecken und mit dem russischen Nihilismus, der im jungen Russland Wurzeln schlug, endgültig abrechnen. Hinrichtung Dostoevsky

Wie dem auch sei, das Interessante und ebenso wenig Neue im Hinblick auf Dostojewskis literarisches Genie ist, dass seine Strafe im sibirischen „Ostrog“ (russ. Bezeichnung für sibirische Gefängnisse) als eine biographische und symbolische Wendung bzw. transzendentale Überschreitung seiner selbst gilt; eine Überschreitung, durch die er seine ursprüngliche Idealisierung des Volkes und seine haltlose Ideologie als utopischer Sozialist als Selbstbetrug entlarvte. Er begriff, dass er als Intellektueller lediglich in der Poesie des Sozialismus, in seiner religiösen Nuance, wie es in den Dämonen heißt, schwärmte. Jedenfalls fand innerhalb dieser Zeit, um in Nietzsches Kategorie zu sprechen, eine Umwertung seiner Werte statt, die zur partiellen Rückwendung hin zur christlich-orthodoxen Lehre der oströmischen Kirche und zu einem gewissen slawophilen, russischen Patriotismus führte; daher die immer wiederkehrende, wuchtige und gleichsam trüb-melancholische „russische Seele“, die seine epochalen Werke stets unterwandert. Nebenbei wurde auch erst in seiner Verbannung seine Epilepsie medizinisch diagnostiziert. Erst nach den Aufzeichnungen aus dem Totenhause, also ab 1860, hat Dostojewski jene Werke mit weltliterarischem Rang verfasst, die seinem Schaffen bis heute Aktualität und Relevanz geben und die wir heute noch bewundern wie verehren; namentlich Schuld und Sühne, Der Idiot, Die Dämonen, Der Jüngling und Die Brüder Karamasow. Für den Leser, der diese ausgezeichneten Werke bis zu ihrem Grund verstehen will, um aus ihnen sowohl intellektuelle als auch praktische Referenzen ziehen zu können, bedeutet das, die Aufzeichnungen aus dem Totenhaus unumwunden und unerschrocken lesen zu müssen. In einem Brief an seinen Bruder Michail M. Dostojewski schrieb der literarische Meister 1854 nicht ohne Grund: „Wie viele Typen, Charakter aus unserem Volk habe ich aus der Katorga mitgenommen! … Wie viele Geschichten von Vagabunden und Räubern und überhaupt vom dunklen, bitteren Alltag. Das reicht für ganze Bücher.“ Man denke nun an die literarische Tiefenstruktur von bspw. Schuld und Sühne und an die verwegene Psychologie eines Myschkin, Roggochin, Ippolit, Raskolnikov, Stawrogin oder Wladimir wie Ivan Karamasow!

Aufzeich Totenhaus  dostojewskiEin wesentlicher Charakterzug des Totenhauses ist seine Brutalität und Unbarmherzigkeit, welche Dostojewski zuweilen mit einer Anwandlung von Mitleid und Härte zu schildern weiß, die dem Leser die Spucke auf der Zunge trocknen lässt. Beispielsweise in der Schilderung über die Strafe von so und so vielen Rutenhieben, wo ein menschenhassender Exekutor, der uns wie ein peitschender Baal im alttestamentarischen Sinne erscheint, masochistische Lust und innere Genugtuung verspürt, wenn er für das Vortragen des Vaterunser einem Sträfling als Gegenzug seinen „barmherzigen“ Willen erweisen will. Zu seiner Überraschung bekommt der Exekutor das Vaterunser vom verknöcherten Sträfling zu hören, der keinen Willen mehr hat, nur seinen nackten, entsetzlich schwächlichen Körper als Becken für Schmerz und Qual. Als Zeichen seines „barmherzigen“ Willens und im „Namen Gottes“ schlägt der Peiniger vor, statt die Rutenhiebe über seinen Rücken ergehen zu lassen, durch eine freie Linie seiner Soldaten zu laufen, die Stöcke über ihn regnen lassen werden. Allerdings: hat der Sträfling die Soldaten und Stöcke durchlaufen, so erlässt der Peiniger ihm so und so viel unmenschliche Rutenhiebe, zu denen der Sträfling verurteilt wurde. Denn, sagt er, „ich werde dich, wie es sich gehört bestrafen, denn das hast du verdient.“ Nun, der willenlose Sträfling geht drauf ein, „vielleicht werde ich dabei tatsächlich besser abschneiden“, versucht nun seinen Lauf, „kommt aber kaum bis zum fünfzehnten Mann“, stürzt in Folge der auf ihn donnernden Stockschläge und wird schließlich noch auf dem Boden wie ein Mehlsack gedroschen. Und der Exekutor, der Peiniger? „Sherebjatnikoff aber, der den Verlauf der Sache schon im Voraus gewusst hat, schüttelte sich vor Lachen.“ Solche Passagen lassen einen schaudern.

fjodor-dostokewski-grossinquisitor106-_v-img__16__9__l_-1dc0e8f74459dd04c91a0d45af4972b9069f1135Die vier Jahre Sibirien – Dostojewskis Katorga – die sich in seinen Aufzeichnungen berührend und grausam mit jedem Wort entfalten, müssen – in Analogie zu Dantes unsterblicher Göttlicher Komödie – Dostojewskis Inferno gewesen sein, damit er in sein Purgatorium einschreiten konnte – jedoch ohne einen Vergil als weisen und allwissenden Wegweiser und Gefährten zu haben. Die literarisch verarbeiteten Eindrücke aus dem Totenhaus, die den Ostrog erst zum >Totenhaus< machen, sind, wenn man in der Analogie zu Dantes Göttlicher Komödie anhält, die Entmystifizierung und Säkularisierung der religiösen Hölle des Lucifer zur Hölle auf Erden der Menschen – und eben darin liegt gleichsam das Schwermütige wie Tragische, das Abgründige und Verworfene, das Schmerzende und Betrübende dieses epochalen, sicherlich noch heute unterschätzten Werkes.

Formal betrachtet, ist das Buch ein literarisch-protokollarischer Roman, d.h. ein unbestimmtes Genre, ein autobiographischer Querschnitt in Romanform, der literarisch verklärend nicht von Dostojewski spricht, um von Dostojewski zu sprechen. Feststeht: gemessen am literarischen Schaffen, kam Dostojewski als ein Anderer aus seiner Strafe und Sühne zurück, als er sie ursprünglich antrat – womöglich so radikal andersartig, dass man ganz ohne Enthusiasmus meinen könnte: ohne die Katorga, hätte er all diese großen, sinnreichen Werke, für die wir unseren innigsten Dank aussprechen, niemals verfassen können. Oder man geht nun noch weiter und urteilt rigoros mit einem in Paris gelehrten russischen Philosophen und Literaturkritiker, Leo I. Schestow, dessen Denkweise als existentialistisch apostrophiert, aber schließlich bis heute als irrationalistisch verbrämt wird: „Dostojewskis Katorga (d.h. seine sibirische Verbannung) dauerte nicht vier Jahre. Sondern sein Leben lang.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.14163997_1458245357535293_1323120305_o

 Von Mesut Bayraktar, 01. Sep’16
Titel- und Abschlussbild von Nadja Bamberger

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