Loi Travail: non, merci! –   Arbeitsrecht: nein, Danke!

-Erfahrung eines Besuchers beim Pariser #Manif14juin-

14. Juin. Paris. 2016. Place d’italie. Mit hoffnungsvollen, neugierigen und weit aufgespreizten Augen und Ohren. Für ein Tag nach Paris. Für einen Tag. Ein Tag der Realität. Ein Tag des Widerspruchs. Es wurden Arbeiter gerufen. Doch.. es kamen Menschen an. Menschen, die für Brot und Wasser und Würde die Fäuste geballt und für Menschlichkeit plädiert haben. Heute werde ich inspiriert, eines Besseren belehrt, dachte ich mir. Was ich jedoch erlebte, hat mich zu tiefst getroffen. Mir Tränen bis zum Augapfel gepresst. Und meine Poren zu einer total kalten und gereizten Wüste zusammengespannt – Gänsehaut.
Weißt du, ich habe immer das Gefühl, als würde ich wissen, wie es der Welt,… wie es mir geht und wie genau ich die Realität vor Augen habe. Ich weiß, was Armut bedeutet, Bildung, Krieg und Liebe. Schließlich habe ich das gelernt. Schwarz auf Weiss. Papier und Stift. Sprechen und zuhören. Ja, ich weiß, was die Realität ist und ja, hinter den Fakten schaue ich auch, … klar.
Es ist eine Illusion, ganz deutlich bin ich durch meine Sinne angerufen worden, die Realität ist mir an den Kragen gerückt. Mein Herz raste, raste wie eine mit einem Streichholz zur Flamme entzündeten Ölspur. Es pumpte – und mir strömte das Blut in jede Zelle meines Körpers. Zu keinem einzigen Augenblick habe ich mich – trotz der Sprachbarriere – alleine gefühlt. Ich schien willkommen und mir wurde sogar gedankt. Wofür dachte ich? Für die Solidarität, sagte mir mein Kollege. Merci, Merci beaucoup! Mein Herz ging auf und schoss in alle Richtung. Ich spürte, hier bin ich zuhaus‘, hier bin ich zugehörig. Einem total fremden Menschen gegenüber. Ja, die Fahrt hat sich gelohnt. Meine Compagnons sind hier…

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Wofür das Ganze, fragst du wohl? Das habe ich mich – schlussendlich – auch gefragt. Wieso das Ganze? Entspannen, im Café treffen und ohne Sorgen leben, ist doch besser. Zwei Nächte habe ich im Bus verbracht. Einmal Hin und einmal zurück, bitte. Nun weiß ich es. Ich wusste, dass ich nicht in der Realität lebe. Ich wusste nicht, was es heißt für Brot und Wasser die Fäuste zu ballen und dabei für Menschlichkeit zu plädieren. Eine Mischung aus Mitgefühl, Trauer, Glück und Liebe übermannte sich meiner. Den Kopf warf ich in meine Hände und das Herz zuckte mir in der Brust. Verdammt! VERDAMMT! Wieso müssen Menschen für Gerechtigkeit, für Brot, Wasser und Obdach überhaupt laut werden, die Fäuste ballen und dafür kämpfen, Haft in Kauf nehmen und „gegen das Gesetz“ handeln? Ist es denn ein Verbrechen? Früher, da wurde mir oft gesagt, dass wir in einer verlogenen Welt leben würden. Ich weiß, denke ich, was für eine Richtigkeit dieser Satz in sich trägt. Das kann nicht sein, dass Menschen für die Gerechtigkeit aller  kämpfen müssen…

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Auf einer Erde leben wir, wovon ich denke, dass sie die Vollkommenheit des Ganzen in sich trägt und dabei durch allem, womit es lebt, beeinträchtigt wird. Etwas so Wundervolles, das voller Geheimnisse besteht, die das Erkunden nur so provoziert. Von ihr zu trinken, zu essen, mit ihr und – mit meinen Mitmenschen – zu leben. Von Nord bis Süd, von West nach Ost ist die Erde vollzogen von einem lebensreichen Mantel voll Leben. Die Erde, auf der wir zufällig zum Leben erwacht sind, ist durch und durch, von rechts nach links von oben bis unten, wundervoll und eine ganze Pracht Schönheit. Die Gesellschaft, in der wir leben, ist ein durch und durch verkrüppeltes, widersprüchliches und irrationales Bewusstes im Unbewussten; ein Konstrukt, das die nötigen Schrauben und den nötigen Stahl in Gier und Egoismus, das nötige Öl in Ausbeutung und Idealismus, das nötige Brot und Wasser in Trost und Moral verkehrt. Ich ekle mich an dieser Welt und schäme mich zugleich. Die Welt, die voll von Zwang und Unterdrückung. Von Ausbeutung und Hierarchie beherrscht wird. Mir geht es gut, weil es anderen schlecht geht, denke ich. Und irgendwie stimmt das ja schon. Na und, wie soll ich das ändern. Wie könnte ich überhaupt? – Ich merkte, ich werde auch beherrscht.
Es tut mir weh, wenn ich daran denke. Knapp 1,5 Millionen Menschen sind aus allen Ecken Frankreichs nach Paris, zum Zentrum, gekommen, um ein Zeichen zu setzen. Für Gerechtigkeit. Ich habe auch tolle Erinnerungen dazu. Es gab Musik, Tanz und Essen. Ehrliche Menschen und Arbeiter. Von jung bis alt. Ein totales Glücksgefühl ist in mir aufgekommen und ich habe mich wohl gefühlt. Wohl in einem totalen durcheinander, das voll vom selben Geist geführt wird. Das Streben nach Gerechtigkeit. Nach Freiheit. Millionen von – untereinander – unbekannten Menschen haben sich für das Eine wiedergefunden. Nicht nur einmal habe ich unheimliche Gänsehaut gespürt und Tränen verdrückt. Arbeiter treffen sich und frühstücken gemeinsam – mit frischen Rotwein – auf französischer Art. Auf der anderen Seite die Gesetzeshüter, die Police. Die Compagnons wurden ausgerüstet. Für den Kampf. Mit Aufklebern, Flaggen, Westen und Flugblättern. So viele – für das Eine. ..

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Nachdem die #manif14juin beendet worden war, bin ich – zwangsläufig – durch die Straßen Paris’ gegangen. Mit schmerzenden, gleichsam schweren Beinen. Ein Baguette, eine Tomate und ein Stück Gruyère, bitte. Durch die Straßen. Touristen und Einheimische sind total aufgeregt. Gleich beginnt es. Noch ein Schluck vom guten Bier und ein Happs. Gleich beginnt das letzte Spiel der Europameisterschaft des heutigen Tags! Meine Hand klatscht mir ins Gesicht. So viel Widerspruch zum gleichen Zeitpunkt und am gleichen Ort. Auf der einen Seite wird versucht, miteinander zu teilen. Auf der anderen Seite wird verwehrt und verschwendet. So viel, was nicht mit rechten Dingen zugeht. Was hat es nun gebracht, denke ich mir. Erfahrung und Besinnung. Das Leben habe ich heute getroffen und es war eine einzigartige Bekanntschaft. Ich dachte über das Eine nach, was die Menschen vereinigte. Was war das, das eine Ganze? … Ich hörte Pfiffe, überall – ich sah rote Fahnen, überall – man marschierte, Schritt auf Schritt, Schulter an Schulter, überall – ich wurde gefragt, ob ich kurz das Banner halten könne, ich lehnte nicht ab – Die Hafenarbeiter trommelten vor uns, und jäh begannen alle zu singen, überall – und ich sang einfach mit:

On Lâche Rien … On Lâche Rien … On Lâche Rien — On Lâche Rien!

Ich wendete mich beim Getöse kurz zur Seite und fragte, was „On Lâche Rien“ denn auf Deutsch heiße. Ein junger, blonder Mann, etwas bärtig auf den Wangen, streckte sich zwischen den Schultern der Empörten mir entgegen und übersetzte: Es heißt, wir werden nie aufgeben Genosse! Hast du gehört, wir werden nie aufgeben!
Jetzt ahnte ich, was das eine Ganze, das Vereinigende war – der gemeinsame Marsch für unsere Demokratie, gemeinsam für Solidarität, gemeinsam mit Protest, gemeinsam entgegen dem Sozialismus der Lohnabhängigen … gemeinsam frei sein.
Das war meine Erfahrung

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Schrift und Fotos von Kaptan Bayraktar, 28.Juni ’16


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