B. versteht die Welt nicht mehr – Vom Träumen

B., geboren und aufgewachsen mit allerlei Fragen,

die man ihm beantwortete mit allgemeinen Phrasen.
So sieht er die Dinge heute wie die meisten Anderen auch.
Und vergnügt sich in dem allgemeinen Schall und dem Rauch.
Doch gelegentlich, da bahnt sich ein Windstoß den Weg,
und B.s Welt steht plötzlich krumm und schräg.
In diesen Momenten versteht B. die Welt nicht mehr
und die Wirklichkeit erscheint ihm verblasst und leer.

 

Jeder Schritt veränderte B. und jeder Schritt veränderte die Welt.
Nachdem ersten, da wurden B.s  Beine schwächer, unsicher, so als würde er nach einer langwierigen Wanderschaft durch die Berge über frisch gefrorenes Eis laufen. Der Zweite machte die Luft schwerer, sein Atmen dumpfer und seinen Herzschlag lahm. Beim dritten Kraftakt seines Körpers, da empfand B. plötzlich, die Welt als Illusion, als billigen Kartenspieltrick eines Hütchenspielers und der vierte Schritt, nun, den ging B. nicht mehr, denn seine Beine gaben nach und er fiel, ohne zu fallen.
Mit geschlossenen Augen gab er sich einem Strom hin, der ihn wie fließendes Wasser umgab und geleitete. Wie eine unendliche Anzahl von Händen, die ihn trugen, ihn vorsichtig nach vorne schoben, so behutsam und eng aneinander, dass B. in ständiger Unsicherheit darüber war, ob er von Wasser, von Luft oder doch von Menschen umgeben war. Das Ziel und der Grund seiner Reise waren ihm egal, denn diese einzigartige Sensation, erfüllte B. mehr, als alles zuvor Erlebte. Seinen eigenen Sinnen misstrauend, hielt er sich selber in Schach gegen die innere Neugier seine Augen zu öffnen und diesem wohltuenden Einklang ein Bild zu geben. Fast kindlich rang er mit sich, rang er mit der Befürchtung, alles würde zerreißen und dann verschwinden, würde er es wagen noch mehr von dieser zweifelsohne, verbotenen Frucht zu essen. Jedoch in einem Augenblick konzentrierter Auflösung wurde der Drang zu sehen zu gewaltig und B. öffnete seine eingeschüchterten Augen; und sah, dass er flog.
Er war hoch oben in der Luft, alles unter ihm war winzig und doch von unermesslicher Bedeutung. Angestrengt betrachtete er die Erdoberfläche der Menschen, seine Erdoberfläche, die ihn eines Tages auf die Welt gespuckt hatte. Die gefährlich nahen Sonnenstrahlen bohrten sich ohne Spuren zu hinterlassen durch sein Herz und Verstand. Und als alles möglich, als alles grenzenlos und frei war, da blickte der junge und naive B. direkt in das kalte Licht der Sonne und stürzte ab. Es lässt sich kaum beschreiben, wie sich das anfühlt, wenn man von einem Augenblick absoluter Freude in den tiefen Abgrund der Angst und Verzweiflung stürzt. B. verglich diese Erfahrung später mit der Vorstellung, von seinem engsten Freund mit dem Messer erstochen zu werden, nur war er sich damals nicht sicher, ob er an diesem Tag, oder nicht doch die Welt gestorben sei.
Etwas stimmte in diesem Bus nicht. Er war heruntergekommen und voll mit konfusen Graffitis besprüht, alle im dunklen Rotton. Das Licht flackerte, mal in kurzen Intervallen ähnlich einem Stroboskop und mal mit langen Phasen der Dunkelheit, abgelöst von einem variierenden Lichtertanz. Es waren nur kurze Blicke, die B. auf die Mitfahrenden werfen konnte, denn kaum hatte er eine Person fixiert, war sie in der nächsten Lichtperiode auch schon wieder verschwunden, oder ausgetauscht. Dieses Spiel trieb sich soweit, dass auch der Bus mit jedem Blinzeln der Elektrizität seine Form änderte. Plötzlich war er nicht mehr quadratisch, sondern dreieckig, dann rund, dann ein Pentagramm und dann schließlich länger als ein Zug.
Das Vehikel stoppte und alles Licht verstummte plötzlich. Die Türen öffneten sich und B. hörte wie jemand einstieg. Ein Scheinwerfer ging an, genau über dem Kopf des Neulings. B. kannte das Gesicht, dieses geschlagene und müde Gesicht. Nein, er wollte ihn nicht sehen, nicht ihn! Panisch versuchte er wegzurennen, so schnell seine Beine ihn nur tragen konnten, aber die Distanz zwischen den Beiden wurde geringer und nicht größer. „Nein! Geh weg! Ich kann doch nichts dafür. Ich…“, stammelte B. undeutlich unter hechelnden Atemzügen. Aber es half nichts, also hört er auf zu rennen und stellte auch sogleich zu seinem Schrecken fest, dass er seinem Gegenüber jetzt ganz nah war. Der Scheinwerfer hing genau über ihnen und warf einen perfekten Lichtkegel, den man mit einem Bleistift hätte nachzeichnen können, ab. Es ließ sich nicht mehr sagen, ob B. und der, ins Rampenlicht gestellte Mann sich überhaupt noch in einem Bus befanden. Jegliches Gefühl für Raum wurde völlig von der Dunkelheit verschluckt. Es war, als wäre B. ins All geschleudert wurden, in die tiefe Einsamkeit der absoluten Leere und das ausgerechnet mit ihm. „Ich…“
„DU!“, schrie der Mann plötzlich und umklammerte B.s Schultern mit seinen steinernen Händen, „DU HUND! DU EGOIST! GLEICH KOMMEN SIE MICH HOLEN UND DAS IST ALLES DEINE SCHULD!! IST DIR DENN WIRKLICH ALLES EGAL? BIST DU DENN DER EINZIGE UM DEN DU DICH SCHERRST. SIND DIR DIE MENSCHEN ETWA NUR PUPPEN, STATISTEN, DIE DIR DAS LEBEN ERHEITERN SOLLEN? MEHR NICHT?“
„Nein, so bin ich nicht! Ich will das alles doch nicht, glaub mir, es sind die Anderen…“
„LÜG MICH NICHT AN! ES IST DEINE SCHULD B., JA DEINE SCHULD!“, unerwartet sprang das Licht grell an. Der Bus war voll mit Menschen, die sich beinahe stapelten und wie ein Chor folgende Zeilen immer wieder und lauter werdenden riefen:

„DIE SCHULD IST IHR!
DIE SCHULD SIND WIR!
DIE SCHULD IST SEIN!
B., DIE SCHULD IST EINZIG DEIN!!“

„Nein hört auf!!! Lasst mich! Warum ich? Ich bin doch wie anderen auch. Warum ausgerechnet ich? Ich war doch nicht alleine im Bus, da waren andere…“
Dann erwachte B.. Er war in seinem Zimmer, lag in seinem Bett und starrte verstört an die Decke. „Nur ein Traum“, dachte er in der Hoffnung sich selber wieder beruhigen zu können. „Alles nur ein Traum…“. Wochen später entsann er sich noch kaum an die hier geschilderte Nacht, aber immer wenn er in einem Bus oder einem Zug saß und ein Schwarzfahrer vor seinen Augen erwischt wurde, da konnte er nicht anderes als diese Menschen ohne Gültigkeit aus dem tiefsten inneren heraus zu hassen.

Von Kamil Tybel

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