Der Verlag das kulturelle Gedächtnis hat sein Cover klug gewählt. Ein Mann sitzt auf dem Bordstein, ein Bein angewinkelt, eins ausgestreckt. Die Sonne streift sein aschblondes Haar und Teile seines Unterkörpers, ansonsten hat sich ein Schatten über ihn geworfen. Sein Kopf ist gesenkt, seine Wangen eingefallen. Die Hände liegen schlapp in seinem Schoß. Auf seinem Gesicht zeichnet sich ein Schmerz ab. Es ist aber nirgends eine Wunde zu erkennen. Hinter ihm laufen Passanten. Man sieht nur ihre Beine. Sie ignorieren den Mann. Er wartet auf Nichts.
Der Mann auf dem Bordstein ist der US-amerikanische Schriftsteller Tom Kromer, Autor des Romans „Warten auf Nichts“. Kromer stammt aus einer Arbeiterfamilie. Er war Sozialist. Das Cover erzählt das Thema seines Romans in einem Bild. Es geht um Armut, um Obdachlosigkeit, um Hunger und Selbstzweifel und um Ausgrenzung. Es geht um soziale Gewalt, um die sinnlose Existenz auf der Straße. „Ich bin zwar nur ein Penner und ich weiß, dass es einem Penner tot besser geht, aber ich will trotzdem nicht zwischen den Rädern landen.“
„Warten auf Nichts“ erschien im April 2023 erstmals in deutscher Übersetzung. Er ist autobiografisch und handelt von Kromers Zeit Anfang der 30er-Jahre als Obdachloser; in den Worten des Autors – seiner Zeit als „Penner“ (engl. „bum“). 1929 nahm eine der verheerendsten Weltwirtschaftskrisen ihren Anfang in den USA. Am Höhepunkt der Krise 1933 waren circa 30 Millionen Amerikaner arbeitslos – knapp ein Viertel der Bevölkerung. Zum Vergleich: Heute sind es laut offizieller Angaben 3,6 Prozent, sechs Millionen Amerikaner. Ein Zehntel davon lebt auf der Straße. „Du fragst nach Arbeit und wirst dafür ausgelacht. Es gibt keine Arbeit.“
Die Totalität der Armut
Das Vorwort zum Roman hat Kromer selbst verfasst. Neben einigen biografischen Eckpunkten schreibt er: „Ich hatte nicht die Absicht, Warten auf Nichts jemals zu veröffentlichen, daher ist es aus dem Bauch geschrieben, wie Penner eben sprechen, wenn es auch nicht die gepflegtesten Ausdrucksformen der Welt sind“. Kromer bezieht sich hier auf die Sprache des Romans, weniger auf den Inhalt und nicht auf seinen episodischen Aufbau, der an die Struktur von Remarques „Im Westen nichts Neues“ erinnert. Seine Erzählung beginnt in der Obdachlosigkeit und sie endet in der Obdachlosigkeit, ebenso wie bei Remarque der Roman im Krieg beginnt und im Krieg endet. Es gibt weder ein davor noch ein danach. Für den Einzelnen ist der Krieg total, ebenso wie die Armut und das Leben auf der Straße total ist. Der Gang der Geschichte ist angehalten. Als wäre das Fortlaufen der Zeit ausgelöscht. „Ich denke an die Jahre zurück, die ich gelebt habe. Aber die Jahre sind nun bedeutungslos. Nur an Züge, die mich mitgenommen haben, kann ich denken, an Bullen, die mich verdroschen haben, und an Missionsfraß, den ich runtergelöffelt habe. […] Was immer davor war, ist verloren.“
Heilsamer Schmerz
„Warten auf Nichts“ ist ein Buch, das wehtut. Auch wenn man darin einige rührende Augenblicke der Freundschaft und der menschlichen Nähe finden wird, kommt keins der zwölf Episoden ohne Schmerz aus. Das ist gewollt. Schmerz ist die andere Seite der Gewalt. Kromer will das Leben eines Obdachlosen erfahrbar machen. Wir sind von der ersten Seite an so nah an der Hauptfigur, dass sie uns bald ins Fleisch übergeht. Und obwohl, wie Kromer schreibt, man „eine Pennerrevolution […] mit einem Sack Backwaren aufhalten“ kann, ist seine Darstellung des hausgemachten Elends kapitalistischer Produktionsverhältnisse eine Kampfansage gegen die Klassengesellschaft.
Es gibt in Dostojewskis „Idiot“ eine Passage, in der ein junger Mann namens Ippolit vor einer kleinen Gesellschaft eine Abschiedsrede hält, bevor er sich eine Pistole an den Kopf hält und abdrückt. Die Pistole geht nicht los. Ippolit bricht erniedrigt in Tränen aus. Es ist eine erstaunliche Szene, die zu Recht in den Kanon der Literaturgeschichte eingegangen ist. Ihr Effekt ist Empathie. Man braucht sie, damit der Leser erfährt, was es bedeutet, dieser Unterdrückte und Erniedrigte zu sein. Dadurch kann man sich mit ihm ins Verhältnis setzen. In „Warten auf Nichts“ gibt es ein Kapitel, bei dem es ähnlich zugeht.
Kromer erträgt die Straße nicht mehr und nimmt sich vor, eine Bank zu überfallen. Als er am Schalter steht, wird er nervös. Auch der Bankangestellte merkt bald, dass etwas faul ist. Als Kromer schließlich seinen Revolver aus der Manteltasche ziehen will, bleibt er hängen. Er flüchtet Hals über Kopf aus dem Gebäude und verkriecht sich in einer Gosse. Stundenlang sitzt er dort, regungslos und macht sich panisch Gedanken, man würde ihn bald finden. Irgendwann verlässt er sein Versteck. Seine Beine sind verkrampft. Er kann sie kaum bewegen. Den Revolver wirft er weg. Dann geht er wieder auf die Straße und bettelt. „Was wissen die schon, was Recht und was Unrecht ist? […] Die haben nicht jahrelang auf elenden Missionspritschen gepennt. Die haben keinen Unrat aus Mülltonnen hinter Restaurants gefressen. Die haben gute Jobs. Die wissen gar nicht, was Recht und was Unrecht ist.“
Literatur darf alles
In den letzten Jahren ist die Forderung nach politisch korrekter Sprache in der Literatur lauter geworden. In den bürgerlichen Feuilletons tummeln sich so manche zartfühlende Moralisten, die der Literatur gern das schmutzige Mundwerk auswaschen würden. Häufig geht es dabei um einzelne Wörter, selten um einen ganzen Text. Wer sich auf diesen isolierten Standpunkt stellt, nimmt der Literatur die Schärfe. Er verhüllt außerdem die Verhältnisse, gegen die er vermeintlich vorgehen will. Literatur darf alles sagen. Sie muss es sogar, wenn sie an der Freiheit der Leserschaft interessiert ist. Und Freiheit ist eine Sache der Unterdrückten. Sie entsteht, wo ihr Gegenteil ist. In seiner naturwüchsigen Erscheinungsform gibt der Alltag der Unfreiheit, dem Elend und der sozialen Gewalt einen Anstrich des Selbstverständlichen. Diesen Anstrich zu überwinden, ist die Aufgabe eines klassenbewussten Schriftstellers. Die schonungslose, amoralische Darstellung einer schonungslosen und amoralischen sozialen Realität ist dazu ein notwendiges Mittel – und wenn man es wie Tom Kromer macht, ein sehr wirkungsstarkes.
Von Kamil Tybel, 30. November 2023
Tom Kromer „Warten auf Nichts“
Verlag das kulturelle Gedächtnis, Berlin
176 Seiten, 24,00 €
Übersetzung von Stefan Schöberlein

