Keine Blumen mehr

Blumen liegen vor ihrer Haustür. Rosen, Tulpen, Lilien. Manche frisch in einer Vase platziert, manche lassen ihre Köpfe über die Stufen hängen. Vertrocknete Stängel an ihren bunten Blüten. Ein unwohles Gefühl ballt sich in mir, weil es so lieblich und friedvoll aussieht. Ein Bild lehnt an der graffitibesprühten Wand. Windlichter mit ausgebrannten Kerzen. Ein letztes Mal ging sie diese Treppen vor ein paar Tagen hinauf. Hinter ihr die Tritte des Mannes, der sie tötete. Ein Revolver. In ihrem Zuhause. Dort steht dieser Mann und drückt ab. Ein Schuss aus Hass, Eifersucht und Verachtung. Ein Schuss, der sie töten soll. Eine Weitere. Eine Frau so alt wie ich, in der Straße, durch die ich etliche Male lief. Eine Frau, die ich hätte Freundin oder Schwester nennen können. Doch unsere Leben haben sich nicht gekreuzt, bis zu diesem Tag, an dem ich eine Nelke auf diese Treppenstufen lege. Keine mehr. Keine Blumen an einem Tatort. Keine Bilderrahmen zur Erinnerung an eine ermordete Frau soll es geben. Keine mehr soll getötet werden von Männern mit Pistolen, mit Fäusten und Messern. Keine mehr soll ermordet werden im Auftrag des Patriarchats. Keine mehr.

#niunamenos

 

Von Alina Essberger, 13. Apr‘ 22
Foto von Alina Essberger

 

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