„Briefe aus Istanbul“ oder hoffnungslos hoffnungsvoll von Mesut Bayraktar

Ein Roman in Briefen schafft allein durch seine Form ein Spannungsverhältnis zwischen Hast und Ruhe, Sprüngen und Stillstand, Außen und Innen. Er verbindet z.B. die Zeiten, Orte oder Situationen, die von Brief zu Brief springen, mit der Dauer und Kontinuität eines einzelnen, in zurückgezogener Ruhe geschriebenen Briefes. In diesem Spannungsverhältnis erzählt uns der Roman „Briefe aus Istanbul“ von Mesut Bayraktar, der im Jahr 2018 erschienen ist, die Flüchtlingsgeschichte des Syrers Ahmed und seines Sohnes Ismael in Richtung Europa.

Jeder Brief, den Ahmed schreibt, ist an seinen alten Professor in Frankreich adressiert, bei dem er einst selbst Schüler in Paris war und von dem er viel über Europa lernte. Ahmed legt in seinen Briefen zunächst die drückende Situation dar, die ihn zur Flucht aus Syrien zwingt. Er ist Opfer des harten Kriegs, der genauso unerbittlich ist wie das Motiv der Verursacher, die nach Profiten jagen. Gleichzeitig verrät ein jeder Brief, der klug mit Sanftmut und Rücksicht verfasst ist, verborgenes über Ahmeds Innenleben. Seine Hoffnung, Zweifel, Abwägungen und immer wieder Hoffnung, die er in seine und Ismaels Flucht legt. Seine Hoffnung ist gleichbedeutend mit der Hoffnungslosigkeit, die ihn im zerbombten Syrien umgibt. Besonders nachdenklich machen Gegensätzlichkeiten in den Schilderungen Ahmeds, wie die vermeintlich einfache Forderung nach Elementarem für seinen Sohn: dem Recht auf Jugend. Es wird Ismael angesichts des geltenden Rechts, dem Recht des Stärkeren, welches sie im Krieg in Syrien umgibt, verwehrt.

„Aber Ismael – ihm darf ich als Vater doch nicht sein Recht auf Kindheit, Jugend und Perspektive, auf Unbeschwertheit versagen; ihm darf ich Gegenwart wie Zukunft nicht verwehren, weil bloß der Schutt der Vergangenheit beides überlagert. Er ist mein ausschließlicher Beweggrund, und Paris eben der auserwählte Ort seiner Zukunft, da Paris meine Erinnerung an das schwerelose Schweifen der Freiheit ist, welches zuweilen niederdrückend wirkte, aber stets einen freien Atem gewährt.“

Von Brief zu Brief ist man gespannt, wo sich Ahmed das nächste mal befindet, ob er sein Vorhaben erreicht hat oder was ihn hinderte. Die verschiedenen Etappen der Flucht, wie z.B. Istanbul, die längste und schwierigste Etappe, die durch das Ausharren müssen in Ungewissheit Ahmed zusetzt, geben ein deutlicheres Bild davon, was es bedeutet, über Land- und Seewege nach Europa zu fliehen. Die Sicht Ahmeds verleiht den gesichtslosen Tatsachen einer Flucht Seele, Leib und Blut.

„Du hast Hoffnung, du träumst – sagte er still, und schaute wieder auf; auf die Sterne. Wir schwiegen. Ich fühlte mich herausgefordert (…), doch ich wollte mich nicht darauf einlassen. Dann ergänzte er nach ein, zwei Minuten mit seiner rauen, klarsprechenden Stimme, dass wir nirgendwo mehr Frieden finden würden. Wir würden für immer Verbannte sein, Rastlose.“

Stimmt das? Sehr oft verweisen die Briefe Ahmeds auf die Zivilisation Europas, auf ihre reiche Kultur, ihre großen Denker des Humanismus in der Philosophie, ihre tiefgründigen Maler oder ihre beeindruckende Baukunst. Ahmed erinnert sich der Menschen Europas, die aus dieser Kultur lernen können und Ahmed darum Hoffnung geben. Was Ahmed im Zuge seiner Flucht erst spät einsehen muss, ist die alle Kultur überwindende Kraft der kapitalistischen Verwertungslogik. Sie ordnet alle Dinge und alle Menschen unter das Primat des Profits.

Die Geschichte ist nicht nur die der Hoffnung in Europa auf Grund der Hoffnungslosigkeit in Syrien, sondern auch eine Geschichte der Enttäuschung in Europa auf Grund seiner Wertelosigkeit, um im Kapitalismus wertvolle Profite zu produzieren. Das letzte Kapitel des Romans deutet einen Fluchtpunkt aus dieser Welt an, indem er auf diejenigen verweist, die dennoch kämpfend den Menschen über Allem stellen. Ob Menschen wie Ahmed und Ismael für immer Rastlose sein müssen, entscheidet die Rastlosigkeit im Kampf für das Recht aller Unterdrückten. Ein wirklich lesenswertes Buch!

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Von Andrej Bill, 27. Jun ’20

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