Der Hausierer

Seit Stunden wanderte er schon über den lehmbraunen Boden, der von der strahlenden Sonne der letzten Tage ausgetrocknet war. Schon lange war er niemandem mehr begegnet. Sein Bauchladen war fast leer. Nur noch einige Rollen Garn müsste er verkaufen, um endlich von seiner Wanderschaft heimzukehren. Dann könnte er endlich wieder seine Frau und seine Kinder in die Arme schließen. Die Annehmlichkeiten der heimischen Scholle genießen, seine Füße im naheligenden Bach kühlen, mit seinen Nachbarn den Tag bei einem kühlen Bier ausklingen lassen. In Gedanken an die süße Luft, die daheim alles umwehte, bog er ab und erstaunte, als erdie merkwürdigste Szenerie zu seinen Füßen entdeckte. Von einem Plateau überblickte er diesen seltsamen Ort. So etwas hatte er noch nie gesehen.
Graue Wolken schoben sich zwischen ihn und den blauen Himmel.
 Mitten in der ockerfarbenen Landschaft stand ein hell strahlendes Zirkuszelt, auf dessen Spitze ein Fähnchen wehte. Es flatterte so wild im Wind, dass er Mühe hatte, die Aufschrift zu lesen. Mit zusammengekniffenen Augen entzifferte er dann: „Sparsamkeit ist die Lieblingsregel aller halblebendigen Menschen.“
Um den Eingang herum standen einige bunte Bauwägen aus Holz. Alle möglichen Personen tummelten sich um sie herum, bildeten Schlangen oder unterhielten sich aufgeregt. Von ihnen ging eine Art Aufregung aus, die der Hausierer nachvollziehen konnte, war er doch selbst überrascht worden von diesem äußerst ungewohnten Geschehen, das sich vor seinen Augen auftat. Je näher er ans Zelt kam, desto größer schien die Begeisterung zu werden, denn er konnte beobachten, wie diejenigen, die es an den Bauwägen vorbeigeschafft hatten, fast schon ekstatisch durch die Gitterspaliere in den Eingang des Zeltes rannten. Manch einer rief vor Freude, andere warfen ihren Hut sorglos hinter sich. Doch aus der Distanz wirkte all das in seiner Neuheit noch etwas befremdlich. Der Reiz, dies zu ergründen, wuchs von Minute zu Minute, in denen der Hausierer regungslos auf dem Plateau verharrte und das fortwährende Treiben beobachtete. Nach einiger Zeit schüttelte er das unbehagliche Gefühl ab, drehte sich ein letztes Mal um, blickte über seine Schulter auf den eben noch zurückgelegten Weg, ergriff seinen Wanderstock mit seinen starken Fingern und begann den Abstieg zu den Anderen.
Nun war er selbst Teil des Gewimmels und verschmolz mit der Menschenmasse, die versuchte, sich gegen das Chaos ankämpfend zu ordnen. Die Schlange vor den Bauwägen wurde immer länger und wand sich schon in mehreren Kurven über den Platz vorm Zelteingang. Von überallher schienen immer mehr Leute zu ihnen zu strömen. Der Hausierer versuchte eine der an ihm vorbeieilenden Personen zu erhaschen, um einige Frage an sie zu richten, doch sie zogen an ihm vorbei wie Schatten. Niemand schien es abwarten zu können, endlich auch Teil der Menschenmenge zu werden. Vor ihm stand eine nervös von einem Bein aufs andere springender Landarbeiter, der offensichtlich vor Kurzem erst den Pflug niedergelegt hatte, da das Blut, das ihm aus den zerklüfteten Händen kam, noch kaum getrocknet war.
„Entschuldigen Sie die unbedarfte Frage, aber was geschieht hier? Es wirkt so merkwürdig, wie sich hier anscheinend jeder darum reißt, Eintritt in dieses wundersame Zelt zu erlangen.“
„Sie müssen ja von ganz weit herkommen, Sie Unwissender. Hier hat ein Herr ein Werk begründet, das im ganzen Lande seines Gleichen suchen wird. Er wirbt nun Leute an, die Hand in Hand mit ihm daran gehen, es zu verrichten.“
„Bisher scheint mir hier in der Tat etwas Großes vor sich zu gehen, so wie hier die Luft schwirrt.“
„Hier brechen sich gerade ganz neue Bahnen. Nun ja. So, wie wir bisher gelebt haben, geht ja jeder Taler fürs nackte Überleben drauf. Viel bleibt nicht mehr über. Bei unserem Nachbarn war das ähnlich. Eines Tages kam ein Bote  aber beim Nachbar scheint hier der Funken gesprungen zu sein. Eines Tages kam ein Bote und holte seine Frau ab. Sie rief uns noch freudig entgegen, dass es um ein besseres Leben gehe. Wir haben sie nie wieder gesehen, also wird’s wohl besser sein.“
Bevor der Hausierer antworten konnte, unterbrach ihn eine Hirtin, die gerade hinter ihnen in die Reihe getreten ist.
„Es heißt, alle die herkommen, werden genommen. Wenn man flink bei der Hand ist, soll man den Job schon geschafft kriegen. Es gibt keine sonstigen Bedingungen, keine Altersbegrenzung. Nur stehen und ein paar Handgriffe.“ Das Gespräch verlor sich in einem allgemeinen Gewirr aus teils widersprüchlichen, teils schlicht unglaublichen Aussagen, sodass der Hausierer seine Gedanken nicht mehr fassen konnte und so kaum bemerkte, wie sich die Schlange im Sekundentakt nach vorne schob. A
ls er von einem eindringlichen Ruf – „Nächster!“ – aus seiner Gedankenlosigkeit gerissen wurde, sieht er nur den Rücken des Landarbeiters zwischen der aufgespannten Plane des Zeltes verschwinden. Da schallte es wieder aus dem Bauwagen:
„Alter?“
Der Hausierer antwortete: „42.“
„Beruf?“
„Hausierer.“
„Familie?“
„Zwei Töchter, zwei Söhne und eine Frau, die den schönsten Garn herzustellen weiß.“
„Sollen Sie ebenfalls angeworben werden?“ Der Hausierer zögerte.
„Ja, oder nein?“, kam es mit Nachdruck.
„Gibt es die Möglichkeit, später zu entscheiden?“
„Nein.“
„Nun… Was sind die Vorteile?“
„Garantiertes Einkommen, Wäscheservice, gemeinschaftliche Verpflegung, keine körperlichen Anstrengungen, ärztliche Routineuntersuchungen, Bildung für die Kinder, Zugang zu neuster Technologie.“
„Und die Nachteile?“
„Die Zeit rennt!“
„Und die Vorteile sind garantiert?“
„Solange sich nichts ändert. Gerade stehen die Chancen gut.“
„Gut. Dann würde ich sie gerne ebenfalls anwerben lassen.“
„Wir kümmern uns darum. Weitergehen.“

Schon fühlte es sich an, als bekäme er einen Stoß versetzt, der ihn in das Dunkle des Zeltes hineintrieb. Er jubelte nicht, wie die anderen. Eher machte sich ein Unbehagen in ihm breit, dass sich verstärkte, sobald er durch den Eingang in die Dunkelheit geschritten war und sämtliche Geräusche des Vorplatzes verstummten. Der Hausierer versuchte sich umzudrehen und zurückzulaufen, doch es fühlte sich an, als würde er ohne einen Schritt zu tun durch die Dunkelheit gleiten, und wenn er lief, dann lief er auf der Stelle. Aus der Dunkelheit kamen von links und rechts Arme auf ihn zu. Ihre metallene Kälte lies ihn zusammenzucken, als sie ihm erst Wanderstab und Bauchladen, dann seine Kleider abnahmen. Bitterer Sprühregen bedeckte ihn, der in seinen Augen und in der Nase brannte. Dann tauchte ein flimmerndes Licht in einiger Entfernung auf. Die Kombination aus hell und dunkel ließ das markante, glatt rasierte Gesicht eines jungen Mannes entstehen, das hervortretende Wangenknochen und akkurat zur Seite gekämmtes Haar auszeichnete. Der Hausierer kam abrupt zum Stehen. Mit weit aufgerissenem Maul stand er da in seiner Nacktheit und starrte ungläubig in die riesigen klaren Augen dieser geisterhaften Person.
„Ich freue mich, dass Sie hier sind“, umnebelte ihn eine ferne Stimme. „Zur Begrüßung einige Worte, die Ihnen sicherlich dabei helfen werden, in ihrem neuen Leben Fuß zu fassen, das von ungeahnter Regelmäßigkeit und der damit einhergehenden Sicherheit geprägt ist, die Ihnen in diesem Ausmaß bisher unbekannt gewesen ist. Es hängt von Ihnen selbst ab, ob Sie die neue Chance als Bremse oder Motor benutzen wollen. Sie müssen verstehen, dass alles Gute gefährlich ist, wenn falsch damit umgegangen wird. Wenn Sie jedoch ihr Bestmögliches zum Geschäft beitragen, sind Sie der bestmögliche Mitarbeiter des Unternehmens und werden entsprechend dafür belohnt. Denn es ist nicht der Unternehmer, der die Löhne zahlt. Nein, er übergibt nur das Geld. Das Produkt ist es, welches schlussendlich die Löhne zahlt. Und wer stellt es her? Das sind Sie! Denken Sie aber daran, dass alles immer noch besser gemacht werden kann, als es gerade gemacht wird. Aber der größte Feind der Qualität ist die Eile. Seien Sie also stets gewissenhaft. Lediglich die Mindeststückzahl muss eingehalten werden. Unser bester Freund ist der, welcher das Beste in uns zum Vorschein bringt. Ein Langweiler ist einer, der seinen Mund aufmacht und seine Heldentaten hineinsteckt.“
Der flimmernde Bildschirm fuhr wieder nach oben und verschwand in der Dunkelheit. Mittlerweile hatte den nackten Mann ein Zittern gepackt. Schon schoßen ihm wieder stählerne Arme entgegen, die ihn packten, anhoben und in einen grauen Arbeitsanzug steckten, der viel feiner war, als alles, was er bisher getragen hatte. Sogar eine Mütze bekam er aufgedrückt, so eine, wie er sie als Kind immer haben wollte. Langsam wurde das Ende des Zeltes sichtbar. Er war tatsächlich kurz davor zu sehen, was sich hinter dem Zirkuszelte abspielte, das die Scharen anzog wie ein übermächtiger Magnet.

 

Text und Bild: Lukas Schepers, 25. April 2019

Zechehugo

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