Alexandru und das Pferd

Alexandru stand schon seit acht Stunden in der sengenden Hitze eines Sommertages. Der Schweiß lief ihm den Rücken herunter, das Pochen in seinem Schädel breitete sich explosionsartig aus. Sein pechschwarzes und dichtes Haar saugte die Sonnenstrahlen geradezu auf, die sich anfühlten, als würden sie ihm das Gehirn verbrennen. Arme und Beine waren ihm schwer, seine Augen zusammengekniffen. Er war der arme Teufel, der mit einer Harke die 2000 Meter lange Strecke umrunden musste, um die von den galoppierenden Pferden in das sattgrüne Gras hineingetretenen Löcher wieder zu bedecken. Wenn ein Rennen vorbei war, sah er auf dem Weg zu seinem qualvollen Auftrag, wie die Pferde mit einem kühlen Wasserschlauch abgespritzt wurden. „Pferd müsste man sein“, dachte er sich jedes Mal.

Es folgte das große Finale des Tages. 650.000 Euro Preisgeld. So viel konnte sich der 16-jährige Alexandru noch nicht einmal vorstellen. Er bekam pro Runde, die er machte, ganze fünf Euro. Dabei verbrachte er den gesamten Tag auf der Rennbahn, lungerte zwischen den Rennen bei den Ställen herum. Einen kleinen Zigeuner zwischen all den gutbürgerlichen Menschen unbegleitet umherschleichen zu sehen, würde die Gemüter mancher Damen verschrecken, hatte sein Chef ihm gesagt – ein glatzköpfiger Mann, dessen kurzärmeliges und schweißgetränktes Karohemd von seinem Bierbauch so weit gespannt wurde, dass die sich kräuselnden Haare zwischen den Knöpfen heraussprossen. Er selbst war über seine Wettsucht in den Beruf hineingerutscht und hatte Alexandru von einem illegalen Rennen in Rumänien mitgenommen, unter dem Versprechen, dass er von hier aus besser für seine Familie sorgen könne, indem er seinen Eltern Geld schicke.

Nun war Alexandru also unterwegs, um seine Arbeit endlich das letzte Mal für den heutigen Tag zu verrichten. Während er im Vorbeigehen wie üblich die Pferde beneidete, die sich einer Abkühlung erfreuen konnten, hörte er, wie einer mit seinem Gaul prahlte. Mit zusammengekniffenen Augen blickte er gegen die Sonne und sah den dicklichen Mann in seinem Leinenanzug, wie er sich mit seinem weißen Hut Luft zufächelte. „Das ist ein Gerät, was?! Ein Mordsgaul, sag ich euch. Indian Blessing! Ein gutes Pferd, koloniale Züchtung. Wird mir heute einiges von dem, was es gekostet hat, wieder reinbringen. Und dann der Gewinn!“

Alexandrus Blick konnte den grellen Lichtstrahlen, die wie scharfe Messer über seine Augen schnitten, nicht standhalten und senkte sich schnell zu Boden. Ihm durstete es nach einer Abkühlung. Er sehnte sich nach kühlem Wasser, das ihm in Strömen die Kehle hinabrinnt. Das weiche Gras unter seinen Füßen schien schon vor seinen schwummrigen Augen zu entgleiten. Hier und da stolperte er, aber konnte sich auf den Beinen halten und brachte seine Runde zu Ende. Wieder an der Zeltstadt angekommen, an der sich die Frauen mit ihren riesigen Hüten und extravaganten Kleidern aufgeregt unterhielten und nach Bier stinkende Männer, die die von ihrer Bratwurst fettigen Hände leckten, sank er erschöpft an die Holzwand der Pferdebox.

Dann lauschte er wie immer der Stimme des Kommentators, die jedes Mal langsam und ruhig begann und dann immer hektischer und wirrer wurde. „Golden Girl gemeinsam mit Decent Motion auf einer Linie. Dahinter folgt der englische Gast Indian Blessing. Wer kommt da von hinten heran? Prima Violetta mit Adel Verpflichtet. Prima Violetta jetzt an der Außenseite. Der Favorit Indian Blessing ist im Vorteil. Doch da gibt es einen Rempler… Prima Violetta nimmt jetzt Fahrt auf. Die Pferde steuern in Richtung des Einlaufs. Prima Violetta vorne. Unglaublich! Ganz klarer Sieg für die Außenseiterin Prima Violetta! Wer hätte das gedacht?! Beim großen Finale! Prima Violetta als erste, danach drei Pferde auf Linie. Das wird der Richter entscheiden müssen.“

Wie üblich war das Geschrei beim Einlauf riesig. Doch es verlief sich schnell in bösartige Flüche. Kaum ein Freudenschrei drang durch das verärgerte Geblöke. Doch dann hörte Alexandru den schrillen Aufschrei eines jungen Mädchens, der unvergleichlich in seinen Gehörgang drang. Er riss sich von dem ihm angewiesenen Platz los und rannte zur Bahn. Auf dem Weg dorthin war alles beim Alten. Das eiskalte Bier wurde gezapft, die brutzelnden Würstchen gedreht, die wertlosen Wettscheine zerrissen. Da sah er das kleine Mädchen in ihrem weißen Kleid schreien. Ihr Vater zerrte sie Weg in Richtung Eisstand, drückte dem noch immer entsetzlich schreienden Kind zwei Kugeln im Hörnchen in die Hand und drehte sich um, während sie ständig weiter schrie. Alexandru rannte weiter, um direkt an die Absperrung zu kommen.

Kurz bevor er an der Bahn ankam, sah er, wie sein Chef mit einem Haufen Wettscheine in der Hand dort stand und wütend auf dem Boden stampfte. Dann kam ein einzelnes Pferd ohne Jockey angeritten. Es war der Favorit Indian Blessing, auf den anscheinend auch er gesetzt hatte. Doch etwas war nicht in Ordnung mit Indian Blessing. Es rannte zwar noch verhältnismäßig schnell, aber eines der Hinterläufe schlug unkontrolliert aus. Als es näherkam, sah Alexandru nur, wie eine Blutfontäne in Richtung seines Chefs schoss, der im Umdrehen seine rot verschmierten Scheine auf den Boden schmiss. Alexandru ging in Deckung, um nicht dem doppelten Zorn seines Peinigers ausgesetzt zu sein. Das Pferd drehte sich noch einige Male im Kreis und verfärbte das dunkle Grün zu einem bitteren Braun. Sehnen und Muskeln schauten heraus. Mittlerweile waren alle Zuschauer vor Ekel an einen anderen Ort gegangen. Alexandru beobachtet aus sicherer Entfernung, wie es eingefangen und weggeführt wurde. Das Blut spritzte immer noch in Fontänen aus dem Bein. Er folgte der Gruppe von Männern. Zwischen einigen Gebüschen kam der Besitzer des Pferdes und schaute sein Eigentum an, wie es dort schnaubend im satten Gras lag. „Wertlose Fehlinvestition, du! Hätte ich es mir mal nicht von diesem dämlichen Engländer aufschwatzen lassen. Jungs, kann auf den Müll!“ Alexandrus Chef kam innerhalb weniger Sekunden mit der Pistole zurück und jagte einen Bolzen in den Kopf des Pferdes.

Alexandru war übel geworden. Er erbrach sich im Stillen, um nicht entdeckt zu werden. Als er anfing, sich den unter dem blauen Plastik hervorscheinenden Hufen zu nähern, hörte er die Stimme seines Chefs schallen, der immer noch Striemen von Blut auf dem Hemd hatte: „Alexandru! Wo ist dieses Zigeunerschwein?“ Er bog um die Ecke – immer noch Striemen von Blut auf dem Hemd – und erblickte ihn in der Nähe des Pferdes. „Da bist du also. Hast Mitleid mit dem armen Tier. Du Schwein bist schuld daran, dass unsere Quoten zerschossen wurden. Wir sind am Arsch. AM ARSCH, HÖRST DU?! Wir werden nichts zurückzahlen können. Wir werden abhauen müssen. Und du, du bist an allem schuld. Ich hab’ doch genau gesehen, wie schludrig du deine letzte Runde gedreht hast. Nicht alle Löcher gestopft, unsern Sieger zum Straucheln gebracht. Unkonzentriert und schlampig. Typisch Zigeuner.“ Er kam auf ihn zu. Bedrohlich bäumte sich der fette Körper über Alexandru auf. Sein Chef packte ihn am Kragen und drückte sein Gesicht in das von Blut getränkte Gras. „Gefeuert! Weißt du, was das heißt?!“ Alexandru regte sich nicht. Sein Chef zog die Bolzenpistole, legte sie an Alexandrus Schläfe und schrie erneut. „Weißt du, was das heißt?!“ Er nickte kurz und heftig. „Deine Zigeunereltern werden sich bestimmt freuen, dich wiederzusehen“, zischte er. „Wenn du überhaupt zuhause ankommst.“ Und während die feierliche Musik zur Siegerehrung erklang, trat der glatzköpfige Mann einen Schritt zurück und holte aus.

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Text: Lukas Schepers; Illustration: Priska Engelhardt // 05. Oktober 2018

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