Ort des Umbruchs

1.

Kühle,
angenehme Ruhe.

Ein Fenster
mit Blick auf Vergängliches,
in den Räumen
hinter der glänzenden Fassade
von Bestimmung und Funktion
– den Unscheinbaren.

Vögel wissen, was ich meine.
Sie sehen,
was niemand sehen möchte.
Den Dreck der Vergessenheit,
der dort
einsam und allein
vor sich hin rottet.

(Ein Luftzug.)

Weiter unten liegt
die Unendlichkeit
auf dem Spielzeugteppich
des sich ständig
wiederholenden
Theaters herum.

Wie ein Stempel
– eine Warnung,
die versucht uns zurückzuwerfen
auf uns selbst,
und in diesem Schauspiel
doch meist untergeht.

Von hier aus
ist sie nicht zu übersehen.
Genau hier,
inmitten seiner Feinde,
ruht es
wie eine Oase
auf dem blinden Fleck
ihrer Überheblichkeit:
Das kleine Universum
mit den vier,
manchmal fünf Monden.

Es ist ein Schutzraum,
eine Höhle,
eine Enklave der Klarheit,
in der alles ist, wie es ist,
und weiter werden darf.

2.

Wir sind verlassene Kinder
auf dieser Insel,
doch wir können das Meer
sehen,
blicken wir über die Reling.
Wir sehen sie,
klar,
diese still schwingende Masse,
und ihre Kraft,
alles niederzureißen!

Aus ihr ragen mehr Inseln.
Berge
unerfüllter Versprechen,
zermürbender Kompromisse,
und gelegentlich blitzt die Mimik
des Widerstandes auf.
Jedoch umzingelt von Instrumenten
der Indoktrination
eines alles betäubenden Gottes.

Ihr kennt diesen Gott.
Seine Gebote sind unbarmherzig,
seine Strafen finster.
Mag er das Recht an seiner Seite haben,
Gerechtigkeit kennt er nicht.

Er versteckt sich
im blauen Dunst nächtlicher Tiefe.
Wie Brotkrumen
streut er tanzende Lichter
und verführerische Wärme,
auf dass wir besänftigt sind.

3.

Eulen hausen in diesem Dach,
du Feigling!
Sie sehen dich.
Hinter der Maske
erkennen sie dein Ausmaß,
die Lüge,
und ihre grausame Fratze.

Wer will schon deine Versprechen?
Formale Variationen sind das.
Luftschlösser,
leere Projektionen
die uns die Augen verblenden.

Dieser Süßstoff für
menschliche Bedürfnisse!
Was ist mit Nahrung?
Platz
für Inhalte
Freiheit
und Erfüllung.

All das verwehrst du,
nackte Perversion,
jedem,
– auch dir selbst.
Du willst, dass wir hetzen,
unseresgleichen abschneiden,
uns für deine Ideale betrügen.

Doch wir
halten diesen Wahnsinn an.
Auf unserer Insel
wirkt deine Macht nicht.
Die Zeit steht hier still,
bricht um,
und schafft Raum
für Gemeinschaft.

Denn wir sind Teil
der geleugneten Masse.
Und unsere Rhythmen
schwingen immer lauter.
Jeder Flügelschlag
trägt sie weiter hinaus.
Bald schon
hört man’s in allen Straßen
– den Rotstift,
der dir durch das Drehbuch
der Geschichte
kratzt.

Gedicht und Illustration von Jenny Lehmann, 2. August’18

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