Meeresgründe

Ein Bruch in der Wahrnehmung. Ein kleiner Riss. Eine Fraktur. Täglich verstärkt, weit aufgerissen zu einem Fenster. Sie machen uns zu Schiffen, die Anker los, ziellos, durch die weite See treiben. Stürme werden aufziehen, wie sie immer aufgezogen sind, werden halbherzig, hoffnungslos gemeistert werden. Solange, bis das Fass doch überläuft und wir schließlich sinken müssen, solange bis auch der letzte Mann der Mannschaft sich in die tiefblaue Dunkelheit des Wassers stürzt, nur, um auf dem Grund des Meeres endlich jenen Ort zu finden, den er sich die ganze Zeit über erhofft und erwünscht hatte, ihn auf den flüchtig greifbaren Weiten des Ozeans zu finden und wofür er auch vergebens auf den Inseln des Paradieses, der ewigen, unerschöpflichen Glückseligkeit Halt gemacht hat. Nichtsdestoweniger wartet dort auf dem sandigen Meeresboden tatsächlich etwas auf das geplagte Schiff, dessen gepeinigter Steuermann kläglich und unter Schmerzen seine Pflicht so fahrlässig vernachlässigt hatte, der nicht einordnen konnte, wo denn sein Fehler lag und sich in wilden Theorien verlor, schon aufzugeben geneigt war, als ihm das vermeintlich simple Studium des Handwerks auch nach Jahrzehnten noch nicht geglückt war. Und obwohl Wassermassen ihn erdrücken, ist es trotz allem der größte Schritt seines Lebens gewesen. Die gewaltigste Aufgabe ist es, sich dem aufgewühlten Meeressand zu stellen, der noch stärker durchs Gesicht peitscht als die Winde der Oberfläche. Und so wühlt er sich zum ersten Mal willentlich fühlend und auf seinen Verstand zurückgeworfen, von einem durchaus wohltuenden Klang erfasst, durch die stürmischen Wellen. Hier, den Widerstand auf den Fingerspitzen, würde er wieder zu atmen lernen.

Aus der 8. Ausgabe
Von Maria Harms, 26. Juni’18
Foto von Kamil Tybel

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