Ahmed und das Geheimnis der anderen

Ahmed hatte gerade das erste Schuljahr in Deutschland hinter sich. Er aß jetzt drei Mahlzeiten am Tag und trank so viel Wasser, wie er wollte. Sauerkraut liebte er. Und selbst die ungewohnte Sprache lernte er schnell. Wenn er zum Beispiel seiner Großmutter beim Abwasch oder der Wäsche half, probte er seine Kenntnisse und kommentierte das Geschehen auf Deutsch. „Wasser tropft“, „Wasserhahn“, „Trockentuch“, „Geschirr“, „Wäscheklammer“ sprudelte es ihm aus dem Mund, bevor er vollständig und sicher seine Sätze bildete. So hatte der kleine Junge mit den großen Knopfaugen und dem vollen, dunklen Haar nicht nur die Gelegenheit zu üben, sondern konnte gleichzeitig seiner „Oma“, wie er sie jetzt nannte, etwas beibringen.

Ahmed besuchte eine Schule in Köln Mülheim, die ihn zum Baumeister seines Selbst machen sollte. Allerdings war er mit dieser Aufgabe beinahe auf sich alleingestellt. Oder eher: Er hatte niemanden, mit dem er die prägendsten Momente seines Lebens teilen konnte. Keines der anderen Kinder kümmerte sich um ihn. Für seine Klassenkameraden war er zu alt, denn er konnte den Umständen entsprechend erst mit neun eingeschult werden, und auch die Gleichaltrigen zeigten keinerlei Interesse an ihm. Die Erzieherinnen und Erzieher hingegen hegten große Sympathien für den zurückhaltenden Jungen, aber sie wussten nicht weiter. Schließlich konnten sie die anderen Kinder nicht dazu zwingen, mit Ahmed zu spielen, ihn zu sich nach Hause einzuladen oder ihr Pausenbrot mit ihm zu teilen. Das versuchten sie anfangs natürlich mit pädagogisch geschickt arrangierten Manövern, allerdings erfolglos. So entschied sich das Kind, dort zu bleiben, wo es sich am sichersten wähnte – bei den Erziehern. Und die leisteten großartige Arbeit, wenn es darum ging, seine Neugierde zu wecken, das Sprachverständnis zu fördern und ihn mit angemessenen Umgangsformen vertraut zu machen.

Allerdings merkten die anderen Kinder schnell auf, als sie sahen, wie er mit ihrer Ablehnung umging. Auf dem Schulhof gab es eine Gruppe von fünf Viertklässlern, die in den Pausen beobachteten, wie er den Lehrern „am Rockzipfel hing, wie ein Baby“, wie sie es immer nannten. Er dackelte ihnen hinterher, stellte ständig Fragen und verlangte viel Aufmerksamkeit. Und wenn sie gerade keine Zeit hatten, setzte er sich an den Rand des Schulhofs und schaute den anderen Kindern dabei zu, wie sie buddelten, bauten, fangen spielten oder kletterten. Einmal wollte Ahmed mitklettern. Er wurde von einem der Jungs, die ihn seit seinem ersten Tag als Opfer sahen, heruntergestoßen. Alle dachten, er sei gefallen.

Ständige Hänseleien, Sticheleien und andere Schikanen musste er seitdem täglich über sich ergehen lassen. Er dachte, dass alles nur noch schlimmer werden würde, wenn er sich wehrte. „Nächstes Jahr wird alles anders“, dachte er. Aber nun standen seine ersten Sommerferien kurz bevor. Zu Beginn der letzten Woche machten sie alle zusammen einen Schulausflug in den Rheinpark. Als sie mit der Straßenbahn über die Brücke ratterten und seine Augen von den tanzenden Lichtspiegelungen des Rheins geblendet wurden, blickte er auf und sah er in der Ferne die hervorragenden Spitzen des Doms. Ahmed konnte sich noch gut daran erinnern, als er dieses monumentale Bauwerk mit seinen spitzen Winkeln und scharfen Kanten das erste Mal gesehen hatte. Noch nie hatte er so etwas gesehen. Dann setzte sich Linus neben ihn. „Hey Ahmed, tut mir übrigens leid, dass ich dich letztens vom Klettergerüst gestoßen habe, aber komm, Schwamm drüber. Wir wollen dir später was zeigen, hast du Lust?“, sagte er mit einem Grinsen und zeigte rüber zu den anderen Jungs, die einige Meter entfernt zusammensaßen und ebenfalls grinsend zurückwinkten. Ahmed konnte es vor Freude nicht glauben, willigte ein und Linus zog zurück zu seinen Freunden, die sofort die Köpfe zusammensteckten. Er war wie euphorisiert. Sogar die Älteren wollten jetzt seine Freunde sein, obwohl sie am Ende der Woche nicht mehr hier zur Schule gehen würden. Was sie ihm wohl zeigen wollten? Ein Geheimnis? Unruhig rutschte er auf seinem Sitz umher und konnte es kaum abwarten auszusteigen.

Die Sonne schien hell an diesem Tag und seine Knöchel wurden vom satten Gras gekitzelt. Ahmed strahlte vor Selbstbewusstsein und es schien zu wirken. Die Kinder tobten sich auf dem riesigen Spielplatz aus, spielten Ball oder fuhren mit der kleinen Bimmelbahn kreuz und quer durch das Grün. Direkt kamen ihm die fünf Kumpels entgegen. Sie rannten zusammen über die Wiese und gingen ein wenig abseits in ein Gebüsch. Als sie stehengeblieben waren, schaute Ahmed sich um. Er konnte nichts Sonderliches erkennen. Kein Geheimnis. Aber schon bald traf ihn die erste Faust in den Magen. Tritte folgten. Er ging zu Boden. Alle lachten, außer Ahmed. Ahmed hatte Angst und pinkelte sich in die Hose. Er zog sich zusammen wie eine Venusfliegenfalle und verharrte in geschlossener Starre. Die Jungs zogen ihm die Hose aus, lachten laut und machten Fotos mit ihren Handys. Ahmed blieb regungslos liegen. Am Ende stach ihm einer der Jungs mit einem Stock in den Hintern, um zu schauen, ob er überhaupt noch lebt. Sie rannten weg und spielten weiter, während Ahmed zehn Minuten regungslos liegen blieb und dann wie ein geschlagener Hund aus dem Gebüsch kroch.

Die Lehrer hatten derweil alle Hände voll zu tun oder unterhielten sich schon intensiv über die anstehenden Reiseziele. Aber als sie Ahmed fanden, waren sie entsetzt und kontaktierten die Eltern. Ahmeds Großmutter war verzweifelt, als ihr Enkel nach Hause kam. Sie schloss ihren Jungen in die Arme und drückte ihn fest an sich, redete ihm gut zu und versuchte ihm ein Gefühl der Geborgenheit zu geben, während er bitterlich schluchzte.

Die Eltern waren ebenfalls entsetzt. Und zwar über die Frechheit, dass ihre Kinder dafür die letzte Woche vor den Ferien suspendiert wurden. Das war eine Ungeheuerlichkeit. Was für eine Unverschämtheit es doch sei, dass sie nun dazu genötigt werden, derart kurzfristig eine zuverlässige Babysitterin zu finden. Und dann auch noch nur für eine Woche, bevor es dann nach Griechenland, in die Vereinigten Staaten oder auf die Malediven geht. Sie alle waren obendrein davon überzeugt, dass ihr Kind so etwas nicht ohne Grund tun würde. Und die Fotos? „Ach, die fotografieren doch alles und jeden, was ist schon dabei?“

Die Schulleiterin ließ dieses verstörende Verhalten jedoch nicht los. Sie setzte sich am selben Abend noch an den heimischen Schreibtisch und entwarf einen Fragebogen, den alle Kinder ausfüllen mussten. Eine Frage lautete: „Wie hat es sich angefühlt?“ Auf Ahmeds Blatt war das Wort „Schlimm“ von Tränen zerlaufen. Zwei der Täter wussten darauf keine Antwort, die anderen drei schrieben: „Es hat Spaß gemacht.“

Und warum haben sie es getan? „Weil er fremd ist.“ Da waren sich alle Kinder einig. Auch Ahmed.

Der folgende Text basiert auf der Lebensrealität eines kleinen Jungen im Juli 2017. Namen wurden anonymisiert, die Antworten auf dem Fragebogen blieben unverändert.

 

Text von Lukas Schepers 11.Okt’17 / Illustration von Claudia Kuhn

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