Der hungrige Fischer

POLIZIST: Halt!
FISCHER: Wieso?
P: Weil ichs sage.
F: Gut. Und jetzt?
P: Wo kommst du her?
F: Von der Küste.
P: Ha, wieder in der Sonne rumgelegen was, Faulenzer.
F: Nein.
P: Was hastn an der Küste gemacht?
F: Geangelt.
P: Soso, arbeitslos und mit der Angel entspannen, wo unsereiner in der Hitze für Sicherheit sorgt.
F: Ich bin nicht arbeitslos, ich bin überzählig gemacht. Man hat keine Arbeit für mich.
P: Sagen sie alle.
F: Kann ich gehen?
P: Was hast du an der Küste getrieben?
F: Geangelt, sagte ich doch.
P: Was?
F: Fische.
P: An der Küste?
F: Ja.
P: Du warst also an der Küste, um zu angeln?
F: Ja. Ich habe Hunger.
P: Sagen sie alle.
F: Ich verkaufe Fische.
P: Zeig mal, was du gefangen hast. (Er zieht einen Fisch aus dem Eimer des Fischers) Was haben wir denn hier. Ist das ein Fisch?
F: Sieht danach aus.
P: Antworte wie ein Bürger auf die Fragen der Staatsgewalt!
F: Ja.
P: Ist das ein Fisch?
F: Ja.
P: Du weißt, dass das nicht geht.
F: Was, einen Fisch angeln?
P: Genau.
F: Aber es geht doch. Ich hab einen Fisch geangelt.
P: Du dummer Esel!
F: Also ich gehe jetzt. Ich hab zu tun.
P: Moment mal!
F: Bitte?
P: Mhm, lass mich mal überlegen … zurzeit besteht gerade für diese Fischart ein Fangverbot. Wusstest du das?
F: Für diese Fischart?
P: Jawohl.
F: Ein Fangverbot?
P: Exakt.
F: Nur für diese Fischart?
P: Korrekt!
F: Aber…
P: Hör mal Alter, weißt du, unsere Bezüge als Polizisten werden auch immer lauer.
F: Ist das so?
P: Jaja, sie sind ziemlich lau. Ich kann mir nicht mal einen Tee am Tag leisten, so weit ist es schon mit den Bezügen gekommen.
F: Ich kann mir auch kein Tee leisten. Deswegen angele ich.
P: Jaja, sagen sie alle. Hör mal, der Fisch hier, der bringt dir doch ordentlich was ein, oder?
F: Ist schon ein guter Fang. Kann sein.
P: Ist bestimmt so.
F: Kann sein.
P: Also hör mal, ich kann mir mit meinen lauen Bezügen keinen Tee am Tag leisten, du hast einen wertvollen Fisch geangelt und gerade für diesen Fisch ist heute Fangverbot.
F: Ja, und jetzt?
P: Na, ich kann so tun, als hätte ich den Fisch nicht gesehen, verstehst?
F: Aber sie haben ihn doch gesehen.
P: Genau, doch ich kann so tun, dass ich ihn nicht gesehen hab.
F: Schwierig.
P: Ich kriegs hin.
F: Dann machen Sie es. Ich danke Ihnen. Ich muss schnell zum Markt, die Sonne geht schon unter. Ich muss einen Käufer finden.
P: Heda, nicht so schnell. Du hast wohl das heutige Fangverbot vergessen!
F: Was ist damit, Sie tun doch so, als ob sie den Fisch nicht gesehen haben?
P: Tja, du dummer Esel, aber das Wegsehen verschafft mir noch kein Tee pro Tag, verstehst?
F: Ich versteh.
P: Und, willst du, dass ich heute nen Tee trinke?
F: Hören Sie, Herr Polizist, ich muss wirklich zum Markt. Ich sagte Ihnen schon, dass ich selbst nicht die Mittel habe täglich ein Tee zu trinken. Es tut mir leid.
P: Deine letzte Entscheidung?
F: Ich habe keine Wahl.
P: Deine letzte Entscheidung?
F: Es liegt nicht an mir.
P: Deine allerletzte Entscheidung?
F: Wenn ich doch nur…
P: Nun, wenn du dich so entscheidest… Heute ist ein Fangverbot auf genau solche Fische verfügt worden, von ganz oben! Zeig mal her dein Eimer!
F: Aber…
P: Her damit! (Er nimmt den Fisch in die Hand) So Dummkopf, konfisziert! Der Fisch ist konfisziert!
F: Das können sie nicht tun. Ich habe Hunger.
P: Sagen sie alle, und ich hab kein Tee. Jetzt verzieh dich. (Er wirft den Fisch in die still stehende Hydraulikpresse eines Müllwagens)
F: Was machen sie da?
P: Ich mache mit beschlagnahmten Waren, was ich will. Der Fisch ist illegal und ich bin der Staat auf den Straßen.
F: Ja aber, der Fisch, der Fisch ist doch kein Müll. Wenn sie ihn sowieso vernichten, dann lassen sie mir ihn doch lieber, damit ich ihn verkaufen kann.
P: Du redest Unsinn!
F: Ich bitte sie, bitte!
P: Sagen Sie alle.
F: Bitte!
P: Danke. Jetzt verzieh dich, hau ab. (Zum Müllmann an dem Müllwagen) Heda, schmeiß das Ding an, los … gut so.
F: Das reicht mir. Ich hab Hunger. (Er steigt in die laufende Müllpresse, um den Fisch zu retten)
P: (Zum Müllmann) Stopp! Nicht ausschalten, lass laufen.
F: Aahhhrrrr…
P: Dieser war ein Starrkopf. Jetzt ist er zerquetscht, sein Pech. Dabei wollte ich nur mein täglich Teegeld, geben sie uns sonst alle, diese Dummköpfe.

Ende Oktober 2016 – Kurz nach dem Tod eines Fischhändlers sammelten sich im äußersten Nordwesten Afrikas massenweise Menschen auf den Markt- und Rathausplätzen ihrer Kommunen – um zu protestieren. Der Protest hält seit über einem halben Jahr an, bis heute, im Nordwesten Afrikas, infolge des Tods eines Fischhändlers.

– Von Mesut Bayraktar, 15.Juni’17 / Illustration von Azziza El-Yabadri

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