Gehetzt

Nahe dem mittleren Lechkanal, dessen seichtes Rauschen Nachts in den wenig begangenen Straßen der Altstadt Augsburgs das eigene Echo durch die herrlichen Häuserallen verbreitet; In einem der mit Efeu überwachsenen Altbauten, die sich über die Jahre wie schuppige Krakententakel über das alte Gemäuer geschlungen haben; Nicht weit weg vom Rathausplatz, an dem gerade Menschentrauben nebeneinander liegen, bedacht nicht zu einem Gewässer zusammenzufließen, und die milde Sommernacht mit Bier und Wein begrüßen, sitzt Vanessa auf dem Balkon im zweiten Stockwerk und fährt sich geschickt durchs lange und oft gekämmte Haar. Neben ihr sitzt Max. Er ist hochgewachsen und trägt eine breite Armbanduhr. Auch er lächelt. Die dünnen mit goldverzierten Zeiger seiner Uhr stehen auf 00:31 Uhr.
Hastig verlässt Vanessa das Haus. Sie biegt nach links ab. Noch immer etwas benommen greift sie nach ihrem Handy. Nur noch fünf Minuten. Ihr Haar ist zerzaust und ihre Wangen sind etwas gerötet. Ihr ist schummrig, aber nicht vom Alkohol, denn Vanessa trinkt keinen Alkohol. Auch raucht sie nicht. Ihr Beine sind ganz weich und so stolpert sie über einen der Pflastersteine, kann sich aber vor einem Sturz bewahren. Jetzt nach rechts, den kleinen Berg hoch. Von dort ist es nicht mehr weit. Sie schaut aufs Handy. Noch vier Minuten. Vanessa beginnt zu rennen. Über ihr ein voller Mond. Das Licht, dass er wirft, lässt die Gassen weich werden. Es ging alles sehr schnell. Sie hatte gar keine Zeit zu reagieren. Eigentlich wollte sie noch warten. Aber Max hatte sie so angeschaut. Da konnte sie nicht widerstehen. Im Ratgeber hieß es warten. Noch 3 Minuten. Der Mond ist schuld. Beim Laufen wippt ihre Handtasche mit und das Rascheln ihrer Schlüssel, die mit der Pfefferspray-Dose bei jedem Auftritt zusammenprallen, begleiten sie wie ein schiefes Metronom. An der Ampel setzt das Klacken aus. Es ist rot und Vanessa bleibt stehen. Nervös zappelt sie auf der Stelle und schaut auf die Uhr auf ihrem Display. Noch 2 Minuten. Nein, noch 1 Minute. Die Straße ist menschenleer. Auch kein Auto weit und breit und trotzdem schaltet die Ampel nicht grün. Sie fixiert das rote Licht und die Zeit dehnt sich wie ein Gummiband aus, das gleich wieder zurückschnappen sollte.
Die Ampel schaltet grün und gerade als Vanessa die halbe Straße überquert hat, hört sie aus der Ferne einen hohen Schrei. „Ahh“, schreit es. „B“, schießt es ihr unkontrolliert durch den Kopf, wie ein verglühender Stern. Dann im nächsten Moment heben ihre Beine vom Boden ab und Vanessa wirbelt wie eine rollende Radkappe in die Luft. Beine über Kopf, Kopf über Beine bis sie ihren Höhepunkt erreicht und die Gravitation sie wieder mit ihren gierigen Fingern umschlingt und sie zurück auf den Asphalt zieht. Der Aufprall schickt ein Echo durch die romantischen Vollmondgassen der Altstadt, es ist ein dumpfer Ton, der sich ausbreitet wie eine Dampfwalze, begleitet von einem Knackgeräusch, das wie ein Pfeil neben der Walze fliegt. Es war ein Auto. Der Fahrer, ein Polizist – nach Dienstschluss. Anscheinend stand auch seine Ampel auf Grün. Also fuhr er schlicht weiter.
Jetzt ist es 03:31 Uhr.

– Prosa und Foto von Kamil Tybel, 4.Juni’17


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