Der Wüstenwanderer

Es war heiß als K. die Wüste zu überqueren versuchte. Der Boden warf die feurige Hitze, die ungebremst durch den hellen, blauen Himmel auf die losen Sandkörner prallte, mit ebenso großer Wucht zurück. K. konnte sich vor der blendenden, allgegenwärtigen Sonne auch nicht unter seinem Turban schützen. Die Sandmassen, die sich in alle Himmelsrichtungen hin, ohne das Ende am Horizont abschätzen zu können, erstreckten, glichen Flüssigmetall, das seine Form gefunden zu haben schien und nunmehr zu hartem, blankem, quecksilberartigem Eisen zu erstarren drohte. K. hatte keine Schuhe an. Der lange Marsch durch den Sand hatte sie durchlöchert und mehr zur Last verwandelt als sie vordem Schutz boten. Seine Füße brannten. Jeder Schritt war für ihn ein Schritt über die Höllenglut des Hades – vergleichbar mit den spirituellen Feuerläufern, die glühende Kohle überqueren. K. war jedoch kein erfahrener Feuerläufer. Von sakraler Spiritualität hielt er ohnehin nichts. Er konnte sich beschweren, doch er wusste, dass Verzweiflung ihn lähmen würde. Selbst wenn er zum Klagen ansetzen würde, so dachte er, brächte es ihm nichts, da niemand zugegen war, der seine Klagen anhören könnte. Er war allein und unterließ jeden sonst teuer zu bezahlenden Unmut, der sich dann und wann in ihm aufdrängte. So bewahrte er seine Fassung, im Bewusstsein, jeder Schritt brächte ihn seinem Ziel näher.
Tröstlich war zumindest, dass der unstete Sandboden, seine Füße, nach jedem vollzogenem Schritt, einsog, sodass er einen kurzen Augenblick lang, kürzer als ein Atemzug, die milde Frische, die sich unter der obersten Sandschicht speicherte, spürte. Der Schweiß trocknete ihm auf der Haut, ehe er seine Stirn herunter perlen konnte. Auch seine Spucke verdunstete ihm im Mund. Es war sehr dürr. Es war sehr trocken. Die Luft erhitzte mit dem Atmen seinen Rachen und staute sich in seiner Lunge. Blickte K. auf, so sah er, wie sich vor seinem Auge die Luft in Schwingungen setzte und sich in die schlangenartigen Bewegungen einer brünetten, orientalischen Bauchtänzerin wandelte, deren weibliches Kinn und anziehender Mund sich bis zur Nase mit einem hauchdünnen, durchsichtigen roten Seidentuch bedeckte, wodurch ihre schwungvollen Lippen sich in seiner Einbildung leichter zu einem Bild formen konnten.
Solche Verheißungen gefielen K. im tiefsten Grund seiner Seele. Natürlich! Doch vor diesen Bildern versuchte K. sich zu verwahren, denn er wusste, dass sie ebenso verführerisch wie tödlich waren. Schließlich befand er sich in der Wüste. Ihm blieb lediglich die Gutmütigkeit der Sonne und die Mildtätigkeit der Sandmassen, wobei die Absichten dieser ominösen, unermesslichen Kräfte über jeden Willen des K. erhaben waren. Ihm gegenüber waren die Sonne, der Sand und die rastende Luft gleichgültig. Er war ihnen nicht nur egal und ohne Belang, er war ihren Launen ausgesetzt. Er war für sie nichts anderes als ein kärgliches, sich selbst bewegendes Objekt, das, gemessen an der Unendlichkeit der Wüstenlandschaft, sich irrlaufen musste. Doch genau deshalb hatte er zur Vorbeugung einen Kompass dabei, auf den sein Blick permanent gerichtet war. Der Kompass nämlich war ihm, wenn man so sagen darf, sein einziger Gefährte und zuweilen auch ein Freund. Es handelte sich nicht um einen gewöhnlichen Kompass, der K. aufzeigte, welche Richtung die seine war und hinter welchem Horizont sich sein Ziel verbarg, nein, der Kompass hatte eine für K. überaus wichtige Bedeutung, die im Laufe der Zeit entstand.
Zum einen konnte K. mit Hilfe des Kompass den Kräften, denen er ausgeliefert war, insoweit Widerstand leisten, als dass er mit und durch ihn seinen Weg bahnte, der schließlich sein Weg war – ein Weg, für den er sich entschieden hatte; ein Weg, der seinem Willen und nicht der Willkür der Sonne oder des Sandes zuzurechnen war. Es war sein Weg. Dies ließ K. den Glauben begründen: wenn er auch gefangen war, so war er dennoch Herr seine Entschlüsse. Man könne ihm alles nehmen, doch sein Wille bliebe ihm allein. Dieser Tropfen Freiheit, denn so empfand es K., ließ sein Herz sich weiter regen und diese Regung bewahrte ihn vor der Aufgabe, vor einer unwiderruflichen Resignation.
Zum anderen hatte der Kompass die Eigentümlichkeit, den Ort zu kennen, den K. zu erreichen suchte. Nicht nur das! Der Kompass kannte auch das Ziel des K. Ja, man konnte sagen, der Kompass war K. überlegen, obwohl der Kompass im Gegensatz zu K. nicht überlegen kann. Doch diese Eigentümlichkeit schauderte K. nicht. Im Gegenteil, der Kompass lag stets fest umklammert in seinen Händen. Es schien, er sei ein unveräußerlicher Schatz, ein ganz besonderer Diamant. Der Kompass war ihm wohlgesonnen. Außerdem konnte er nicht lügen, was K. sehr beruhigte, denn der lange Gang – er wusste nicht, wie lange er schon auf der Reise war – machte ihn müde und zuweilen zerfahren. Umso glücklicher, dass er sich wenigstens auf die Redlichkeit des Kompass verlassen konnte. Denn alle Widrigkeit sonst in seiner Umgebung besaß die List, sich die Ermattung und Zermürbung des K. zu Nutzen zu machen, um ihn mit irreführenden Phantasmen, aus seinem Pfad zu locken und irre zu führen. Was die Redlichkeit im Allgemeinen anging, so zog er sogar den Kompass einen Menschen vor. In dieser Hinsicht war K. argwöhnisch.
So war K., der Wanderer in der Wüste, seinen Weg gegangen. K. war nicht jemand, der bei jedem kleinen Hindernis die Kontrolle über sich und seine Gedanken verlor. Er war ein standfester Mensch. Er kannte sich, verglichen mit anderen, gut. Deswegen hatte er einen unangreifbaren Fundus, aus dem er sein Selbstbewusstsein schöpfte. Auch eine Wüste hätte seinen unnachgiebigen Kern nicht berühren, geschweige denn umgestalten können.

Eines Morgens erhob sich die Sonne empor und beugte sich als Autorität über die leere Sandlandschaft. Sie tat dies, mit der Andacht einer höheren Transzendenz, majestätisch, wie die alten Könige einer längst vergangenen Zeit, die sich mit dem Titel zu schmücken pflegten, ein Sonnengott oder –König zu sein. Sie beschien erst tiefrötlich, dann in orangener Farbe und schließlich mit dem unfassbaren, klaren, alles durchdringenden Licht das Gesicht K.‘s, sodass er sofort aufwachte, sich aufsetzte und weiter zu gehen trachtete. Natürlich, der erste Gedanke war seinem Kompass gewidmet. Hatte er sein Kompass, so hatte er seine Stärke. Insofern griff er in die Hosentasche, in der er über Nacht seinen Kompass zu legen pflegte. Der Kompass war jedoch nicht da.
Ein Schaudern lief ihm den Rücken herunter. Er zog seine Hand aus der Tasche, schloss die Augenlider, rieb sich die Augen und griff abermals in jene Tasche, so als wäre er erst jetzt erwacht. Und wieder, der Kompass war nicht da.
Sein Herz pochte auf Anhieb wie wild und seine Brust geriet in Wallungen. Das war der sanfte Anflug beunruhigender Angst, die er allmählich zu spüren begann. Er wiederholte das Prozedere wieder und wieder und immer stellte er fest, dass der Kompass sich nicht in seiner Tasche befand. Erst nach unzähligen, zum Scheitern verurteilten Versuchen, kam ihm der Gedanke auf, dass er den Kompass verloren haben könnte – auch wenn er diesen Gedanken beim ersten Mal nicht wahr haben wollte. Nein, er vernahm ihn nicht einmal, wie wenn man einen aus dem Schlaf Entrissenen etwas zu sagen versucht, dieser zwar antwortet, in seiner Trunkenheit aber nichts von alle dem vernimmt.
Der Kompass war verloren. K. hatte daran keinen Zweifel. Es fiel ihm schwer diese neue, unvermittelt hereingebrochene Realität anzunehmen und als Wirklichkeit zu akzeptieren. Doch genau ebendies musste er. Sonst, so sprach er zu sich ohne Töne verlauten zu lassen, drohe ihm die Verzweiflung. K. wusste – dieser Gedanke winkte ihm im Hinterkopf ständig zu, sobald er sich umdrehte –, dass Verzweiflung sein aller größter Feind wäre, dass Verzweiflung auch den stärksten, stämmigsten, rüstigsten Baum irgendwann austrocknen und zu Fall bringen werde, dass Verzweiflung das größte aller Übel des stillen Universums sei – ein schwarzes Loch.
Es bestand die Gefahr der Zerstreuung, doch K., unerschütterlich wie sein Wille nun mal war, sammelte sich und verlor nicht die Fassung. K. war nicht einer dieser wankelmütigen Menschen, die weder Ja noch Nein kennen, sondern nur Vielleicht und Eigentlich. Zwar hatte er Hunger und maßlosen Durst, vergewisserte er sich, doch er war so weit gekommen, dass es indes Verrat bedeuten würde, wenn er jetzt aufgeben würde. Das konnte er nicht verantworten; er konnte dies nicht vor sich selbst verantworten. Ohnehin ist niemand zugegen, der seine Missetaten beglaubigen könnte, außer er selbst. Der lange Gang durch die Wüste und der beständige Blick auf den Kompass hatten ihn nämlich gelehrt, dass er Richter über seine Taten war. Und, wie er wusste, da er seinerzeit in der Gesellschaft Richter war, ist es der Richter der Recht und Unrecht ausspricht. Diese Hoheitsbefugnis über das Schicksal bedeutet Macht über das Leben. Der Unterschied für K. bestand mithin in dem elementaren Umstand, dass K. nicht über andere, sondern über sich zu richten hatte. Zwar saß K. auf dem Richtertisch, doch sah er sich selbst auf der Anklagebank. Gefühle, Empathie, Leidenschaften waren fehl am Platz. Die Gerechtigkeit waltet nämlich mit der Kühnheit des Gesetzes. So stand für K. fest, was zu tun war. Er musste den Kompass wieder finden, denn unglücklicherweise mangelte es K. dahingehend an praktischem Wissen, das nächtliche Sternenschauspiel als Karte nutzen zu können, wonach er sich hätte orientieren können, um den Weg weiter zu gehen, der ihn zu seinem Ziel führen würde. K. verstand sich zwar darin, richtig zu entscheiden, Orientierung jedoch konnte man eher zu seinen Schwächen zählen.
So zog er desorientiert umher, entschlossen den Kompass zu finden und sich von Phantasmen nicht irreführen zu lassen. Er fokussierte all seine ihm noch erhaltene Lebensenergie auf das Visuelle, um jedes Blinzen, jeden Wink sichten zu können, den der Kompass spiegeln könnte. Seine Augen mutierten zu den Greifaugen eines Falken, der in den Lüften mit ausgebreiteten Flügeln umhergleitet, ohne zu einem Schlag anzusetzen, der seine Beute suchend jederzeit bereit zum Zugriff ist.
K. wandelte wie ein Geist quer durch die Wüste. Er spürte seine Beine nicht mehr. Auch waren seine Arme nicht mehr spürbar. Er wurde schwächer und schwächer. Jede noch so kleine Bewegung verlangte ihm eine große Überwindung ab. Er wusste nicht mehr, in welche Richtung er ging. Überall Sandmassen. Kein Anzeichen von seinem Kompass. Nichts! Er vergaß sich. Der Funke Leben, der ihm noch blieb, bündelte sich in seiner Sehstärke. Jedes Bild glich dem vorangegangenem. Jedweder Blick spannte sich zusammen zu einem öden Panorama der Wüste, die keine Laute kannte, keine Winde kannte, die kein Leben kannte. Diese zusammengespannte Ödnis zerfloss in K. und begann seinen ehemals noch eisernen Willen zu entspannen und zu bröseligem Sand zu zermalmen.
Nunmehr wurde K. klar, dass er sich an einem verlassenen Ort im Nirgendwo befand. Hier war kein Gott, hier war kein Zauber und an die Liebe zu einer Bauchtänzerin war gar nicht erst zu denken. Die Wüste verlor ihre Romantik. Alles war K. gegenüber gleichgültig. Das empfand K. jetzt umso intensiver. Er spürte diese maßlose Gleichgültigkeit, die ihn so sehr verachtete. Sein Befinden interessierte nicht. Er konnte sprechen, konnte rufen, er konnte jammern und winseln, er konnte schreien, er konnte weinen oder beten, er konnte … Doch was nützt es, wenn ihn niemand hört? Denken kann man für sich, doch zum Sprechen braucht man einen anderen. Alles war fad. Er war einsam. Diese Bitternis hatte er in diesem Ausmaß zuvor noch nie erfahren, auch wenn er sie erahnt hatte. Hier war nur er, und der Tod lauerte bereits auf ihn.
Doch da, als er seine letzten Atemzüge unternahm, sah er zehn, vielleicht fünfzehn Schritte weit, etwas Kleines, einen Gegenstand ab und an leuchten. Er wusste, es ginge dem Ende zu und dass er womöglich aufgrund diesen Umstandes, zu phantasieren begonnen haben könnte. Trotzdem gab seine Neugier einen letzten Funken von sich und bewog ihn, diesen leuchtenden Gegenstand zu ergreifen.
Todmüden Schrittes, nicht mehr wissend, ob er noch lebt oder bereits gestorben ist, glitt er förmlich über den Sand hin zum fraglichen Gegenstand. Angekommen, griff er mit seinen zersetzten Händen in den Sand und hob den Gegenstand vor seine Augen. Er konnte nicht klar erkennen, um was es sich dabei handelte, da sein Augenlicht bereits so sehr abgenommen hatte, dass er nur noch tunnelartig, punktuell sah. Doch dann, er konnte es erst nicht glauben, erkannte er die Umrisse und das dünne runde Glas. Ja, es bestand kein Zweifel, er hatte sein Kompass gefunden. Er hatte ihn wieder gefunden. Er sah sich seinen Schatz an, seine Lippen versuchten sich unwillkürlich zu einem leichten Lächeln zu bewegen und er sagte zu sich, fast in Trance, mit heiserer,  knittriger Stimme, dem eines alten Greises vergleichbar: „Mein… “.  Dieser Augenblick, der aufstoßenden inneren Freude, hatte K. derart überfordert und ihm den letzten Spross seiner Lebenskraft geraubt, dass er zusammenbrach.

Einige Monate später – die Tage sind nicht auf ein Bestimmtes feststellbar – fanden zwei Kamelreiter tief in der Wüste einen bereits verwesten Leichnam, der ein zerfetztes, lumpiges Gewand trug. Der Turban lag gelöst neben dem Kopf des Toten auf dem Boden.
Sie inspizierten ihn kurz und dachten sich, dass es sich um einen weiteren jämmerlichen Irrläufer handelte, der ausging, die Wüste zu durchqueren, aber verkannt hatte, wie groß die Kräfte der Wüste waren. Sie schauten nach irgendwelchen Gebrauchsgegenständen, denn Wertgegenstände fanden sie ohnehin selten und wenn der Tote Wertgegenstände bei sich gehabt haben soll, hätten schon andere Banditen und Schakale den Toten bereits zerfleddert.
Einer der Beiden fand auf der mit beiden Händen fest umklammerten Brust des Toten einen Gegenstand. Es war ein Kompass. Er nahm ihn an sich und zeigte ihn dem Anderen. Sie unterhielten sich kurz, ob der Kompass noch zumindest einen geringen Tauschwert hätte, der sich lohnen würde, denn zum Gebrauch schien der Kompass schlicht unmöglich. Das Glas war nämlich quer über die Kompassrose zersprungen. Schließlich fehlte dem Kompass auch die Nadel.

Aus der 6. Ausgabe / Von Mesut Bayraktar, 5.Juli’16 / Illustration von Hanna Kuster

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3 Gedanken zu “Der Wüstenwanderer

    • Danke für den Feedback Notorious, und selbstverständlich auch für die Aufmerksamkeit! Wir sehen, dass du auf deinem Blog literarische Erzeugnisse hinterlässt. Wenn du Interesse und etwas Passendes für Nous (zur Kontuierung kannst du gerne unsere „Mach mit!“ und unsere Startseite, https://nous-online.net/ , besuchen) hast, dann kannst du uns gerne eine Schrift zusenden! Adé

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