„Anna Karenina“ oder Der beständige Wandel – Lew Nikolajewitsch Tolstoi

Wieso hier ein Buch behandeln, das im Rahmen wissenschaftlicher Forschung bis aufs tiefste Detail examiniert wurde? Nun ja, es ist einfach etwas Besonderes und es soll getan werden, ohne das abschreckende Personenregister aufzuarbeiten.

511qKj6lBhL._SX309_BO1,204,203,200_Es ist ein Werk in denen die Gefühle der Figuren an den Nerven des Lesers zerren wie an Kontrabasssaiten. Gerade diese Gefühle sind es, die noch in Zeiten der Digitalität und Konvergenz absolute Gültigkeit und enorme Wichtigkeit für uns haben sollten. Man wird eingenommen von dem Realismus mit Hybris, der echt erscheinende Menschen zu zauberhaft verständlichen Wesen in all ihrer Unverständlichkeit erhebt. Der sie beschreibt, in seiner ganzen Feinheit. Es erscheint, als könne Tolstoi zutreffende Details über uns schreiben, ohne dass wir sie selbst hätten erträumen können. Insofern kann Anna Kareninas Frage, ob man anderen Menschen überhaupt begreifbar machen kann, was man fühlt, zumindest in den Schriften Tolstois definitiv bejaht werden. Er kennt sich aus und folgerichtig lernt man durch die Lektüre, ein tiefes Verständnis für Emotionen und Beweggründe zu entwickeln.

Beeindruckend vielfältig ist seine Palette, erdrückend schön das Gesamtbild. In dem Dreistrang des Mittelwegs, der Höhe und der Tiefe präsentiert der Schriftsteller die gehobene russische Gesellschaft des 19ten Jahrhunderts anhand der Oblonskijs, der Wronskijs und der Karenins in einer fatal endenden Serpentinenfahrt, gespickt von allerlei Über- und Angriffen des heiligen Ehebundes. Das Innenleben der etlichen Haupt- und Nebencharaktere treibt stets die Imagination des sie Interpretierenden an. Es ist schwer festzulegen wer gut, wer böse, wer neutral ist. Alles bleibt offen. Auf irgendeiner der tausend gut durchdachten Seiten würde man doch wieder ein Argument für seinen Mandanten finden. Und mittendrin die engelhafte Varnika, eine tiefgeborene Nebenfigur, die symbolisch das Böse in das Gute wandelt, die Unglückliche glücklich macht und somit einen der effektivsten Beiträge leistet.

Sobald man sich in das Spinnennetz der Charaktere mit Hingabe und Abenteuerlust hineinbegeben hat, kann man sich als Konsequenz nicht mehr so schnell freikämpfen, geschweige denn man will. Dann gleicht es einem Wiedersehen mit alten Freunden, wenn Figuren nach Stunden in der Versenkung wieder auftreten und kaum noch zu erkennen sind.

Es tun sich Abgründe der Liebe und des Hasses auf, gedrängt von unstillbaren Trieben. Das unmögliche Verlangen der Protagonisten äußert sich in irrationalen Bedürfnissen, die der Künstler uns so nahe bringen kann, dass sie selbstverständlich wirken. Frühe Voraussagungen ziehen sich in die Länge wie Kaugummi und werden zur Pein. Kann sie sich wirklich so verlieben? Das kann nicht sein! Es muss sein! Wieso? Willkürlich drängen sich die Gefühle den Figuren auf, so wie sie sich auch dem Leser aufdrängen würden. Dieses Zufällige ist Camus‘ Absurde par excellence. In aller Anschaulichkeit liest man, wie die Betroffenen nichts dagegen tun können. Sie verzehren sich und bringen Akzeptanz auf oder nicht, leben oder sterben.

Das stetig begleitende Mitgefühl verursacht unglaublichen Groll, verursacht unerahnte Sympathien. Beide Enden des Stimmungsspektrums verflechten sich ineinander wie Zöpfe, jedes einzelne Haar umschlingt hundert weitere Regungen des Inneren. Das Mitleid mit den Ehebrechern und den Naiven, der anfängliche Groll auf die zu Rettern werdenden Starrköpfe. Das Amüsement durch den Landsherrn, der sich gegen den feixenden AdelTolstoi3 behauptet und trotz der Schmach zusammen mit seinen Bauern das Gras mäht und derjenige sein wird, der zum Schluss Ungeahntes vollbringt. Die einfühlsame Atmosphäre der Bälle, die Gegensätzlichkeiten der Moskauer und Petersburger Gesellschaft, all das wird einem so wichtig und herzlich. Die kontrastierenden Perspektiven, die Verständlichkeit die man durch detaillierteste Beschreibungen aufbringt, die Seelen in die man blickt, all das macht diesen Roman so kostbar.

Rezension und Zeichnungen von Lukas Schepers, 18. Mai’16


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