„Kafka am Strand“ – Haruki Murakami

Traum und Wirklichkeit, Surrealismus und Realismus. In diesem Dualismus verlaufen parallel zwei Erzählstränge im Japan des frühen 21. Jahrhunderts, die sich mit der Zeit zunehmend verflechten, da alle Figuren eine Gemeinsamkeit zu haben scheinen: sie befinden sich in der ausweglosen Situation, sich ihrem persönlichem Schicksal stellen zu müssen – jeder in seinem individuellen Einzelfall. Warum das unbedingt zur Verflechtung der Wege führen muss, ist das Hauptthema dieses frühen Werkes Murakami‘s.

Ein Schuljunge, der von Zuhause wegrennt, ein Lastwagenfahrer, der nicht mehr zu Arbeit geht, oder eine plötzliche Witwe, die allem Alten den Rücken zukehrt. Die Mehrheit der Figuren versucht ihrem Schicksal zu entfliehen, um dann dennoch in Gedanken und Träumen weiterhin davon verfolgt zu werden. Wenige streben danach, sich ihrem Schicksal zu Stellen. Diese aber warten geduldig, bis es endlich Zeit für sie ist. Zeit zur progressiven Tat.

Den Konflikt eines jeden Einzelnen mit seinem Schicksal beschreibt Murakami nüchtern, fantastisch, dabei überwiegend ohne viel Erklärung. Doch lässt er zu jedem Zeitpunkt durchblicken, dass es im Gesamtbild seiner zahlreichen Metaphern mehr zu entdecken gibt. Seine zum Teil verwirrende Vielfalt an Metaphern in zunehmend surrealer werdenden Sphären ist gewollt, denn gerade die Vorstellungskraft spielt für Murakami eine bedeutende Rolle. „Unsere Verantwortung beginnt in der Vorstellung. Umgekehrt kann kein Verantwortungsgefühl entstehen, wo es keine Fantasie gibt.“ So heißt es in dem Buch „die Verantwortung beginnt im Traum“, und werde somit real.

Die zunächst isolierte Betrachtung der Einzelschicksale gewinnt an Dynamik, bis alle Figuren in ihr nunmehr scheinbar gemeinsames Schicksal drängen, welches nicht mehr, wie zu Beginn, vereinzelt, sondern in seiner wechselseitigen Wechselwirkung erscheint und deshalb verbindet. Der Autor schafft mittels Surrealismus den Sprung vom Individuum zum Kollektiv, ohne das Individuum zu vergessen. Er vollbringt einen Balanceakt und überlässt es dem Leser, diesen in die Realität zu übertragen.

Die Anlehnung des Titels an Franz Kafka ist bewusst gewählt, denn Murakami lässt mit einer Bemerkung seines Protagonisten Tamura seine eigene Absicht erahnen, indem er ihn über die Erzählung In der Strafkolonie bemerken lässt: „Statt zu versuchen, unsere Lebenssituation zu erklären, erklärt Kafka bloß die mechanische Funktionsweise dieser komplizierten Maschine.[…] Er schildert nicht die Situation, sondern die Einzelteile einer Maschine. Und erlangt gerade dadurch eine präzise Erklärung.“ Ebengleiches versucht Murakami im Hinblick auf die Komplexität des Lebens und des Schicksals. Ob es nun im Sinne einer griechischen Tragödie gilt, dass nicht der Mensch sein Schicksal, sondern das Schicksal den Menschen bestimmt oder ob es doch Rettung für den Menschen gibt – in der Ironie, in einer tieferen Dimension oder in der Auflehnung – bleibt offen. Sein Anliegen scheint dennoch deutlich: die Verantwortung vor dem eigenen und gerade deshalb kollektiven Schicksal zu zeigen.

Von Andreas Bill, 25.Mai ’16


Folgt uns auf Facebook: www.facebook.com/nous.literatur

Advertisements

2 Gedanken zu “„Kafka am Strand“ – Haruki Murakami

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s